Der erwünschte Tod

Tropf im Krankenhaus

Die Diskussion um Sterbehilfe ist komplex und voller offener Fragen. Fulbert Steffensky reflektiert das Für und Wider im Kontext von Menschenwürde und Machbarkeit.

Vor einigen Monaten besuchte ich einen alten 87-jährigen sterbenden Bauern, ein Mann mit einem wundervoll klaren Gesicht. Er war nicht krank, nicht von Schmerzen geplagt, er war bei klarem Verstand, er war ein frommer katholischer Mann, aber er wollte sterben, und so hatte er schon wochenlang nichts gegessen und kaum etwas getrunken. Seine Tochter hat seinen Entschluss gebilligt und den Vater liebevoll betreut. Einige Tage nach dem Besuch ist er gestorben. Er hat seinen Tod nach einem langen und reichen Leben gebilligt. Er hat Gott geholfen, ihn sterben zu lassen. Ich habe mein Brot gegessen, hat er gesagt, und jetzt ist es genug.

seinen Tod in die Hände Gottes gelegt

Zwei Dinge bewegen mich, sein Vertrauen und seine Würde. Er hat seinen Tod in die Hände Gottes gelegt und an seiner Entscheidung nicht gezweifelt. Zugleich ist er mit seiner Entscheidung souverän und würdevoll im Prozess seines Sterbens gewesen. Er hat sich nicht einfach dahinraffen lassen. Seine Tochter hat ihm in ihrer zärtlichen Anwesenheit und mit der Billigung seines Willens Sterbehilfe geleistet.

Aber verstösst der alte Bauer damit nicht gegen den hehren Satz, dass Gott der Herr über Leben und Tod ist? Ich möchte nicht ohne diese Formel leben, aber zugleich entkommen wir der Tatsache nicht, dass wir nicht nur in unsere Schicksale geworfen sind. Wir sind Subjekte unserer Handlungen und nicht nur Erdulder unserer Schicksale. Das ist unsere Last und unsere Freiheit.Gott handelt auch in unseren Entscheidungen, und er verfügt nicht nur über uns.

Das Hauptproblem…, dass wir uns selbst und andere nicht sterben lassen können.

Sich das Leben zu nehmen, kann die eine Art sein, gegen den Willen Gottes zu handeln; die andere: das Leben nicht lassen zu wollen und sich mit der Endlichkeit der Existenz nicht abfinden zu können. Das Hauptproblem scheint mir – zumindest heute noch – zu sein, dass wir uns selbst und andere nicht sterben lassen können. Mit der Reanimationsmedizin sind die Möglichkeiten gewachsen, den Leib des Menschen in seinen Funktionen zu erhalten, obwohl er als Person längst erloschen ist und nur noch durch Maschinen am endgültigen Zerfall gehindert wird. Wenn die Hochleistungsmedizin einmal in Gang gebracht ist, kann man einem Menschen auch damit die Würde nehmen, dass man ihn nicht sterben lässt. „Erst die moderne Medizin mit ihren Methoden der künstlichen Ernährung hat aus einer qualvollen Art zu sterben eine qualvolle Art zu leben gemacht.“ (Udo Krolzik)

Der Tod ist nicht unser Todfeind, er gehört zu uns.

Wir leben in einer Gesellschaft, die Niederlagen nur schwer erträgt. Wo der Tod als Niederlage empfunden wird, da muss er besiegt oder möglichst weit weggeschoben werden. Aber der Tod ist nicht unser Todfeind, er gehört zu uns. Franz von Assisi hat ihn Bruder Tod genannt. Zur Fähigkeit und zur Kraft zu leben gehört die Zustimmung zur Sterblichkeit des Menschen, die Anerkenntnis der Sterblichkeit aller Wesen. „Lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, auf dass wir klug werden.“ heisst es in Psalm 90. Zur Weisheit gehört der Mut, der Endlichkeit unseres Lebens ins Auge zu sehen. Die Praxis dieser Weisheit ist, dem Tod nicht unter allen Umständen und mit allen Mitteln den Weg zu versperren.

 die Würde seines eigenen Todes

Der Entscheidung des weisen Bauern werden wohl die meisten zustimmen. In vielen Kulturen haben Menschen ähnlich gehandelt. Es gibt Fälle, die viel schwieriger zu beurteilen sind. Ich sehe einen 40-jährigen Mann vor mir, gelähmt vom Halse abwärts. Er verliert immer mehr seine sozialen Kontakte und er weiss, dass seine Lähmung fortschreitet. Er weiss, dass er bald an einer Herz- Lungenmaschine hängen wird. Er empört sich und verlangt die Würde seines eigenen Todes. Er hat sich lange mit der Möglichkeit einer Selbsttötung beschäftigt, er hat es oft mit Menschen, die ihm nahe sind, besprochen, und sein Todeswunsch kommt nicht aus einer Augenblicksstimmung. Er ist Christ und weiss sich auch mit dem Plan seiner Selbsttötung in der Hand Gottes. Was würde ich ihm sagen? Raten kann ich ihm zu nichts, denn ich bin nicht in seiner Lage und kenne seine Schmerzen nicht. Kann der schöne Satz Gott ist der Herr über Leben und Tod zu einem ehernen Gesetz werden? Gibt es überhaupt solche ehernen Gesetze, die das Handeln regeln unter Absehung von der konkreten Situation und den realen Schmerzen eines Menschen?

Aus den Welten, in denen sich Gut und Böse von selbst versteht, sind wir herausgefallen.

Du sollst niemandem Leid zufügen, nicht einmal dir selber, heisst das Grundgesetz des Christentums. Aber fügt er sich mit seiner Tötung Leid zu, oder erlaubt er sich den Weg der Erlösung und der Befreiung von seinem unerträglichen Schicksal? Mir sind alle glatten Antworten zuwider, sowohl die eine, die das Recht auf die absolute Selbstbestimmung postuliert, wie auch die andere, die auf der Unverfügbarkeit des Lebens und des Todes behauptet. Ich gestehe, ich komme über die Fragen nicht hinaus.
In alten Zeiten, in denen die Menschen die Welt und sich selbst noch nicht in der Weise gestalten konnten, wie wir es heute können, hatte man gedacht, Moral und Ethos seien sozusagen naturwüchsig. Man hat geglaubt, dass „es keiner Wissenschaft und Philosophie bedürfe, um zu wissen, was man zu tun habe, um ehrlich und gut zu sein.“ (Kant) „Das Moralische versteht sich von selbst.“ heisst ein vielzitierter Satz des Philosophen Friedrich Theodor Vischer. Aus den Welten, in denen sich Gut und Böse von selbst versteht, sind wir herausgefallen. Wir sind zu moralischen Experimenten und zum Streit über die richtigen Wege gezwungen, und der Ausgang unserer Experimente ist ungewiss.

Was wird aus den Menschen, wenn sie … zu Schöpfern ihrer selbst werden?

Ich habe andere Fragen. Was wird aus den Menschen, wenn sie zu fast vollkommenen Schöpfern ihrer selbst werden und wenn von Geburt bis zum Tod alles in ihrer Hand liegt? Die pränatale Diagnostik kann die genetische Behinderung des Kindes im Mutterleib bestimmen. Bei Behinderungen kann der Fötus entfernt werden. Die synthetische Biologie ist dabei, den massgeschneiderten Menschen herzustellen. Woher aber haben wir das Mass? Haben unter diesem Mass nur die Gesunden, Intelligenten, Schönen und Verwendungsfähigen ein Lebensrecht? Wir sind nicht nur die nur Hersteller unserer selbst geworden, sondern auch die Züchter der Natur, deren Herren und Meister wir immer stärker werden. In welche „schöne neue Welt“ geraten wir, wenn von der Geburt bis zum Tod alles in unsere Hände gegeben ist? Was verwerfen wir an uns und anderen, was fördern wir, wenn alles unsren Machenschaften unterworfen ist? Ich möchte nicht in einer Welt leben, die nicht mehr Gottes Schöpfung, sondern unsere eigene ist.

ein modischer Gedanke, dass man gehen kann, wenn es einem nicht mehr passt…

Ich befürchte, dass der Gedanke und die Praxis der Selbsttötung geläufig werden und eine unnatürliche Natürlichkeit gewinnen. Ich habe am Anfang gesagt: Ich schweige, wenn jemand aus absoluter Verzweiflung sich das Leben nimmt. Ich schweige und ehre seinen Entschluss. Es könnte aber sein, dass es schlicht ein modischer Gedanke wird, dass man gehen kann, wenn es einem nicht mehr passt und wenn das Leben lästig wird. Es legt uns der Zwang, glücklich und selbsterfüllt zu sein, den Gedanken nahe, dass das Leben wertlos ist, wo das Glück schwindet. Was heisst es, wenn die Vermeidung des Schmerzes und der Last des Lebens erstes Prinzip wird? Eine mit mir befreundete Pfarrerin bekam kürzlich einen Anruf eines noch nicht sehr alten Mannes, der fragte, ob sie in 4 Wochen an dem und dem Tag Zeit hätte; er wolle sich das Leben nehmen und habe für diesen Termin seine Beerdigung geplant. Er schien nicht besonders verzweifelt und geplagt, er hatte einfach keine Lust mehr. Er fühlte sich als Herr seiner selbst. Aber ist das wirklich selbstbestimmtes Verhalten, sich unter das Diktat seines eigenen Lust- oder Unlustgefühls zu stellen? Auch die Autonomie kann zu einem Götzen werden.

niemandem zur Last fallen wollen

Wenn die Selbsttötung Mode wird, würde man sie natürlich auch von denen erwarten, die anderen eine Last werden. Eine erstaunliche Zahl von alten Leuten spielen mit dem Gedanken der Selbsttötung, weil sie niemandem zur Last fallen wollen. Was wird aus einer Gesellschaft, die befreit sein will von der Last der Alten, der Kranken, der nicht mehr Verwendbaren und der Behinderten? In einem Schulbuch aus der Nazizeit finde ich folgende Rechenaufgabe: „Ein Geisteskranker kostet die Volksgemeinschaft täglich 11 Reichsmark. Berechne, wie viel 13 Geisteskranke die Gemeinschaft in 5 Jahren kosten. Berechne weiter, wie viele Siedlungshäuser man dafür bauen könnte, wenn ein Haus 22.000 RM kostet.“ Die Kranken, so setzt das Buch voraus, haben keinen geheimen Namen mehr, der dem Namen Gottes gleicht. Sie sind zu einem Kostenfaktor geworden. Ihre Gesundheit und ihre Verwertbarkeit machen sie aus. Der Mensch ist, was er ist. Seine Gesundheit ist sein Wesen, seine Leistungsfähigkeit, seine Stärke, sein Denkvermögen. Kann er sich durch diese Faktoren nicht rechtfertigen, kann er ausgemerzt werden. Wer sich nicht durch sich selbst rechtfertigen kann, ist ersetzbar.

Man braucht heute die störende Langsamkeit der Kirchen

Und doch ist es ungerecht, bei der heutigen Diskussion um das Recht auf Selbsttötung und Sterbehilfe das brutale Gedankengut der Nazis zu vermuten. Sie geht nicht von der Unterscheidung von lebenswertem und nicht lebenswertem Leben aus. Alle Stimmen fragen nach der Würde des Menschen, niemand nach seiner Verwertbarkeit. Zu dieser Würde gehört das Recht auf Selbstbestimmung und das Recht auf Glück, d.h. heisst das Recht darauf, nicht unmässig von Leiden gequält zu sein. Es ist also gerade die Hochachtung vor dem Subjekt und seiner Entscheidung, die die Diskussion um die Sterbehilfe heute bestimmt, und zwar bei fast allen, die sich dazu äussern. Dass damit die Probleme nicht gelöst sind, zeigt die Praxis der Sterbehilfe in den Niederlanden. Dort gibt es die liberalsten Gesetze. Die Debatte fing an über die Sterbehilfe für leidende Menschen, die in voller Klarheit ihren Tod wünschen. Aber sie hat sich ausgeweitet. Im Jahr 2003 wurde im sogenannten Groninger Protokoll festgelegt: Aktive Sterbehilfe, oder mit einem klareren Namen genannt: die Tötung eines Neugeborenen kann erfolgen, wenn sein Leiden schwer und unheilbar und wenn sein Überleben nur kurze Zeit möglich ist. Die Praxis weitet sich aus. Im Jahr 2010 gab es etwa 300 Fällen von Sterbehilfe ohne Verlangen, also bei Menschen, die gar nicht in der Lage waren, der Beendigung ihres Lebens zuzustimmen.
Wie weit werden wir gehen? Die Kirchen sind in ihren Positionen oft langsam und konservativ. Man braucht heute ihre störende Langsamkeit gegen die sich anbahnende Geläufigkeit der Selbsttötung und der Sterbehilfe, selbst wenn ihr Wort in dieser Frage nicht das letzte ist.

Fulbert Steffensky war bis 1998 Professor für Religionspädagogik am Fachbereich Erziehungswissenschaft der Universität Hamburg. Er lebt heute in Luzern.

Bild: NicoLeHe/pixelio.de

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