Marco Xu ist Herr-der-Ringe-Fan. Und er ist Theologe. Für Feinschwarz.net liest er Tolkiens Meisterwerk liturgiewissenschaftlich.
J.R.R. Tolkien erschuf im 20. Jahrhundert als Philologe und Schriftsteller mit Der Herr der Ringe eine Welt, die weit über die bekannte Trilogie hinausgeht. Die Begeisterung dafür beschränkt sich nicht nur auf Fantasy-Fans, sondern findet auch in verschiedenen wissenschaftlichen Disziplinen Anklang. Aus unterschiedlichen Fachrichtungen interessieren sich Wissenschaftler:innen für die Themen seines Werkes. Besonders spannend wird es, wenn dabei Wissenschaft und eine gewisse Affinität zum Nerd-Sein aufeinandertreffen – eine Verbindung, die es ermöglicht, die eigene Fachdisziplin mit Leidenschaft zu präsentieren und zugleich die Faszination für Tolkiens Welt zu teilen.
Im Internet finden sich zahlreiche Analysen, die sich mit den philosophischen Aspekten von Der Herr der Ringe auseinandersetzen. Eine zentrale Frage ist das Böse: Der Ringträger erhält die Macht, dass die Versuchung, diese gegen das Gute einzusetzen, beinahe übermächtig wird. Man kann sogar sagen, dass der Ring die theologische Streitfrage nach dem freien Willen aufgreift. Er ist ein Objekt, der seinen Träger in einen willenlosen Knecht verwandeln kann – ein Wesen, das kaum noch wiederzuerkennen ist.
Bekennender Katholik
Tolkiens Der Herr der Ringe bietet für die Theologie im Blick auf religiöse Themen einen besonders fruchtbaren Boden. Er selbst war bekennender Katholik. Neben keltischen, germanischen und griechischen Einflüssen ließ er auch christliche Motive in sein Werk einfließen. Ihm war es wichtig, moralische Prinzipien zu vermitteln. Diese ethischen Werte werden in Der Herr der Ringe auf narrative Weise greifbar. Betrachtet man den Ring als Symbol für Besitztum und Reichtum, lässt sich eine Verbindung zur Jesu Warnung vor dem Mammon (Mt 6,19-24) ziehen. Natürlich hat sich Tolkien nicht explizit auf diese Bibelstelle bezogen, doch erzählt seine Geschichte auf ihre Weise von den Gefahren des Reichtums und der Versuchung, sich selbst darüber zu verlieren.
Liest man Der Herr der Ringe, kann man sich zunächst fragen: Was entdecke ich als jemand, der liturgiewissenschaftlich denkt und arbeitet, in dieser Geschichte, das für weiterführende Überlegungen relevant sein könnte? Wie lassen sie sich einordnen? Zwei Beispiele sollen genügen. Spoilerwarnung! Ich beziehe mich auf die englische Ausgabe vom HarperCollins Verlag (2005) und füge eigene Übersetzungen bei.
Abendmahlssituation
Das Vorgehen soll die Abendmahlssituation und ihre Deutung im Hintergrund behalten. Die Worte Jesu „Das ist mein Leib“ und „Das ist mein Blut“ werden als Hinweis auf seinen bevorstehenden Tod gedeutet, während das Mahl zugleich auf das zukünftige himmlische Festmahl verweist. Dies wird besonders deutlich in Jesu Aussage, dass er nicht mehr von der Frucht des Weinstocks trinken werde, bis das Reich Gottes vollendet ist (vgl. Mk 14,17-25). Jesu Deutung seines eigenen Handelns macht deutlich, dass er sich seiner Aufopferung für das Heil vieler Menschen bewusst war. Gleichzeitig ruft er dazu auf, dieses Geschehen im Gedächtnis zu bewahren.
Wenn wir uns dem Helden Aragorn zuwenden, der im Verlauf der Ereignisse von Der Herr der Ringe zum König von Gondor und Arnor ausgerufen wird, erweist sich seine Figur als besonders faszinierend. Als Nachfahre Isildurs – jenes Herrschers, der einst Saurons Ring an sich nahm und ihn für seine Zwecke behielt, anstatt ihn zu vernichten – hätte Aragorn ebenfalls der Macht des Rings erliegen können. Doch im Gegensatz zu seinem Vorfahren widersteht er der Versuchung und beweist sich als moralisch einwandfreier Herrscher.
Aragorns Becher
In The Passing of the Grey Company (Bd. 3, S. 785) fasst Aragorn den Entschluss, Verbündete für den Krieg gegen Sauron zu gewinnen, indem er die Pfade der Toten betritt. Diese Entscheidung sorgt besonders bei Éowyn, die romantische Gefühle für ihn hegt, für Unmut. Schließlich führt ihn dieser Weg an einen Ort der Verdammten, dessen Betreten als gefährlich gilt. Doch Aragorn bleibt fest entschlossen. Kurz vor seiner Abreise stellt Éowyn ihn zur Rede. Sie hielt einen Becher in der Hand, nahm einen Schluck und wünschte Aragorn und seinen Begleitern eine gute Reise.
„Dann reichte sie den Becher Aragorn, und er trank daraus und sprach: ‚Lebewohl, Herrin von Rohan! Ich trinke auf das Wohlergehen eures Hauses, auf euren Wohl und auf das eures Volkes. Sagt eurem Bruder: Jenseits der Schatten mögen wir uns wiedersehen!‘ […] Doch sie sagte: ‚Aragorn, willst du wirklich gehen?‘ ‚Ich will‘, antwortete er. ‚Dann willst du mir nicht gestatten, mit deinem Gefolge zu reiten, so wie ich es erbeten habe?‘ ‚Ich kann es nicht, Herrin‘, sagte er. ‚Denn das kann ich nicht erlauben ohne mit dem Einverständnis des Königs und eures Bruders; und sie werden erst morgen zurückkehren. Doch für mich zählt nun jede Stunde, ja jede Minute. Lebewohl!‘ Da fiel sie auf die Knie und flehte ihn an: ‚Ich bitte dich!‘ ‚Nein, Herrin‘, entgegnete er und nahm sie bei der Hand, um sie aufzurichten. Dann küsste er ihre Hand, sprang in den Sattel und ritt davon, ohne sich umzusehen. Doch nur jene, die ihn gut kannten und nahe bei ihm waren, sahen den Schmerz, den er mit sich trug.“
Ähnlich wie Jesus lässt Aragorn den Kelch nicht an sich vorüberziehen (vgl. Mt 26,39), sondern stellt sich der Gefahr, die möglicherweise seinen Tod bedeuten könnte. Das Trinken aus dem Becher verleiht dieser Abschiedsszene noch größere Dramatik, denn wir wissen erstens nicht, was sich in diesem Becher befindet, zweitens legt Aragorn sein Versprechen erst nach dem Schluck ab, dass er für das Wohlergehen Éowyns und ihres Hauses sorgen wird, und drittens sind es nur Éowyn und Aragorn, die aus dem Becher trinken. Dieser Moment betrifft also nur die beiden und steigert die emotionalen Spannungen. Auch Jesus verkündet nach dem Weiterreichen des Bechers das Heil für die Menschen (vgl. Mt 26,29). Jesus und Aragorn bleiben trotz des bevorstehenden gefährlichen Wegs souverän.
Aragorns Heilkünste
In The Houses of Healing (Bd. 3, S. 868f.) wird der Hobbit Merry nach der Schlacht auf den Pelennor-Feldern mit Hilfe von Aragorns Heilkünsten von seinen Verletzungen geheilt. Als sein Freund Pippin in großer Sorge war, erwiderte Aragorn ihm, dass er sich nicht fürchten solle, da er rechtzeitig da war, um Merry zu helfen:
„Dann legte Aragorn seine Hand auf Merrys Kopf, […] berührte seine Augenlider und rief ihn bei seinem Namen. […] Merry [erwachte] plötzlich und sagte: ‚Ich bin hungrig. Wie spät ist es?‘ ‚Das Abendessen ist längst vorbei‘, sagte Pippin. ‚Aber ich könnte dir vielleicht etwas bringen, wenn sie es mir erlauben.‘ ‚Sie werden es gewiss erlauben‘, sagte Gandalf. […]. ‚Gut!‘, sagte Merry. ‚Dann hätte ich gern zuerst mein Abendessen und danach eine Pfeife.‘ Doch dann verdüsterte sich sein Gesicht. ‚Nein, keine Pfeife. Ich glaube, ich werde nie wieder rauchen.‘ ‚Warum nicht?‘, fragte Pippin. ‚Nun‘, Merry antwortete langsam: ‚Er ist tot. Das hat mich wieder alles daran erinnert. […] Ich werde nie wieder rauchen können, ohne an ihn zu denken […].‘ ‚Dann rauche, und denke an ihn!‘, sagte Aragorn. ‚Denn er hatte ein gütiges Herz, war ein großer König und hielt seine Eide; und er erhob sich aus den Schatten zu einem letzten schönen Morgen. Auch wenn dein Dienst an ihm nur kurz war, sollte er eine fröhliche und ehrenvolle Erinnerung für dich bleiben bis ans Ende deiner Tage.‘ Merry lächelte. „Nun gut“, sagte er. „Wenn Streicher [Aragorn] mir besorgt, was ich brauche, dann will ich rauchen und an ihn denken.‘ […].“
Auch in dieser Szene erscheint Aragorn als der Souveräne. Durch seine Heilkunst und seine Fähigkeit, Merry mit dem Rufen seines Namens wieder ins Leben zurückzuholen, schwingen eindeutig österliche Töne mit. Doch besonders der Bezug zur Pfeife verdient unsere Aufmerksamkeit. Merry ist tief erschüttert über den Tod von König Théoden, mit dem er eigentlich, wenn die Zeit es erlaubt hätte, gemeinsam geraucht hätte. Doch nach dem Tod des Königs kann sich Merry diese Vorstellung nicht mehr machen. Aragorn hingegen ermutigt ihn, zu rauchen, um sich an den verstorbenen König zu erinnern. Dieser Akt des Gedächtnisvollzugs wird auch von Aragorn als Ausdruck des Respekts für die Verdienste des Königs und dessen moralische Einwandfreiheit verstanden.
Sakramentaler Vollzug
Das Rauchen der Pfeife als sakramentalen Vollzug zu betrachten, um des verstorbenen Königs zu gedenken, erinnert an Leonardo Boffs Kleine Sakramentenlehre, in der er vom „Sakrament des Zigarettenstummels“ spricht. Boff erklärt, dass diesem Zigarettenstummel die Bedeutung eines Sakraments zugeschrieben wird, weil er an einen Menschen erinnert, der weiterhin Teil meines Lebens bleiben soll. Genau das ist es, was Aragorn für Merry wünscht: dass der verstorbene König immer in seiner Erinnerung und seinem Leben präsent bleibt. Tolkien hatte das Feingefühl, seinen Leserinnen und Lesern zu zeigen, dass eine schöne Erinnerung an einen Menschen ganz einfach lebendig gehalten werden kann. Für katholische Christ:innen gibt es also kein größeres Geschenk als die Eucharistie, die mehr ist als nur eine bloße Erinnerung.
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