Der inszenierte Kampf gegen konstruierte Ideologien

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Wie umgehen mit einem kirchlichen Krisensymptom und dem diskursiven Defizit in der Gender-Frage, fragt Wolfgang Beck.

Zu jeder Zeit gibt es auch im kirchlichen Raum Kampfbegriffe. Mit ihnen lässt sich ein bedrohliches Gegenüber konstruieren, an dem die eigene Identität umso leichter gefestigt werden kann.

Kampfbegriffe

Dieses Vorgehen weist zwar wenig charakterliche und intellektuelle Größe aus, ist aber strategisch ausgesprochen plausibel. In der jüngeren Geschichte der katholischen Kirche fand es immer wieder Anwendung: in der Ablehnung von Religionsfreiheit, Menschenrechten und Demokratie im 19. Jahrhundert; in der scharfen Konfrontation mit den Denkansätzen des Kommunismus, in der sich die unliebsame Befreiungstheologie pauschal und kollateral mit verabschieden ließ; in dem Begriff des Relativismus, gegen den in der Ära Benedikt immer und überall zu Felde gezogen werden konnte, ungeachtet der dabei ins Komisch-Groteske changierenden Formen des Kulturpessimismus.

1. Strategische Mechanismen der eigenen Aufwertung durchschauen.

Gerade darin ließ sich jedoch ein Mechanismus erkennen, mit dem kirchliche Segmente bedient werden können, die in den Errungenschaften der Aufklärung und den Entwicklungen moderner Gesellschaften vor allem eine Bedrohung für Kirche und Christentum erkennen. So weisen sich die Akteure in der konstruierten Konfrontation als Retter wahlweise von Freiheit, Wahrheit oder des Christlichen aus und übernehmen Argumentationsmuster des Kulturkampfes.

In Analogie zu dramatischen Inszenierungen geht es auch in diesen theologisch-kirchlichen Mechanismen um den Kampf der Guten gegen das bedrohlich Böse – egal, ob es jemals bestand oder nur als notwendiges Gegenüber der eigenen Identitätskonstruktion entwickelt wird. Das Verführerische an diesen Mechanismen liegt in ihren Konturen schärfenden Effekten, mit denen innerkirchliche und innertheologische Kontroversen verdeckt werden können.

Offenbar kommt auch das Pontifikat Papst Franziskus‘ nicht ohne diesen Mechanismus zur Integration moderne-renitenter Kirchensegmente aus. Hier kommt nun dem Gender-Begriff und dem Ringen um die Gendertheorie die undankbare Rolle der zu bekämpfenden, dunklen Macht des Bösen zu. Dies ließe sich als klerikale Sonderlichkeit abtun, wenn die Bischöfe im 20. Jahrhundert nicht mit allerhöchster Lehrautorität in der Konzilskonstitution Gaudium et spes festgeschrieben hätten, dass die Kirche selbst immer wieder vom Fortschritt der Wissenschaften zu lernen und auf die „verschiedenen Sprachen unserer Zeit“ zu hören hätte (GS 44).

Das kann allerdings kaum gelingen, wenn die Konfrontation gegenüber einer wissenschaftlichen Theorie maßlos übersteigert ist und einer kritischen Befragung zunehmend im Weg steht. Angesichts dieser verfahrenen Situation, in der vor allem die Kirche mit ihrer theologischen Weiterentwicklung Schaden zu nehmen droht, markieren zwei bemerkenswerte Buchveröffentlichungen des Jahres 2017 unterschiedliche Wege aus der Sackgasse.

2. Ein weiteres Beispiel eines gescheiterten Diskurses

Der eine Ansatz einer Integrationsstrategie wird von dem Bamberger Theologen Thomas Laubach 1 als Herausgeber mit einem Band im Herder-Verlag unternommen. Dabei werden unterschiedliche und geradezu feindselig einander gegenüberstehende Beiträge zur Gendertheorie in einem Buch versammelt. Das Anliegen scheint honorig. In einem Feld, in dem aufgrund massiver Konfrontationen praktisch kein Dialog und Austausch mehr möglich ist, soll implizit an die intellektuelle Redlichkeit appelliert und ein Gespräch versucht werden.

Wenig Interesse an Sachdiskussion

Dem entsprechen auch eine Reihe von theologischen Beiträgen ausgewiesener Fachleute für die Beschäftigung mit der Gendertheorie von Regina Ammicht Quinn, Marie-Theres Wacker oder auch Karl Kardinal Lehmann. Doch zeigen gerade die selbsternannten KämpferInnen gegen eine vermeintliche „Genderideologie“, dass sie an einer Sachdiskussion wenig Interesse haben. Einige haben es nicht geschafft, Artikel beizusteuern und nur dem Abdruck früherer Redemanuskripte großzügig zugestimmt (Gabriele Kuby). Andere erwecken den Eindruck, selbst die für Gender-Theorien grundlegende Unterscheidung von „gender“ und „sex“ nicht zu realisieren und in überwunden geglaubte Geschlechterbestimmungen von Subordinationsverhältnissen (Manfred Spreng) zurück zu fallen.

Angesichts des desolaten Zustands der VertreterInnen der Gender-Kritik entsteht der Eindruck eines gescheiterten Diskursversuches. Fachtheologisch signalisiert dies ein problematisches Gefälle zwischen den anspruchsvollen Ansätzen zur theologischen Rezeption der Gendertheorie auf der einen Seite und einer schwach fundierten, aber resoluten Ablehnung auf der anderen Seite: Offenkundig finden sich schwerlich kompetente DiskussionspartnerInnen, um die verschiedenen Ansätze der Gender-Studies bis hinein in die gesellschaftlichen Fragestellungen des doing gender konstruktiv-kritisch begleiten und eine ablehnende Haltung auch anspruchsvoll vertreten zu können.

3. Differenzierung als alternativer Weg in einer polarisierten kirchlichen Debatte

Einen alternativen Weg zu dem integrierenden Ansatz wählt die Theologin Margit Eckholt 2  mit einem Sammelband, der 2017 vom Grünewald-Verlag publiziert wurde. Er folgt dem Anliegen einer Differenzierungsstrategie, in der eine großen Bandbreite von TheologInnen versammelt wird. Sie klären die zentralen Begriffe hinter den Gender-Theorien und lassen das Interesse erkennen, diese für das wissenschaftlich-theologische Arbeiten fruchtbar zu machen. Sie bauen auf dem zentralen Anliegen der Geschlechtergerechtigkeit auf und verweisen auf die wertvollen Ansätze für pastorale Handlungsfelder. Und vor allem überführen sie die soziologischen und anthropologischen Impulse in internationale Kontexte afrikanischer, asiatischer und lateinamerikanischer Wahrnehmungen.

Als deren Höhepunkt kann der Beitrag der kroatischen Ordensschwester und Herbert-Haag-Preisträgerin Jadranka Rebeka Anić betrachtet werden. Mit der für die wissenschaftliche Redlichkeit gebotenen Gelassenheit entlarvt sie manipulative Praktiken in weiten Teilen des kirchlichen Umgangs mit der Gendertheorie und deren Desavouierung als „Ideologie“. Furchtlos leuchtet sie in die Winkel einer weitgehend klerikalistisch konzipierten und von hegemonialer Männlichkeit bestimmten kroatischen Nationalkirche.

Diskurs und Differenzierung

Neben dem Ansatz der Integration einander extrem gegenüberstehender Positionen wurde hier also ein alternativer Weg des Diskurses gesucht: Mit dem Buch von Margit Eckholt wird ein weit erfolgversprechenderer Ansatz der Differenzierung in der gegenwärtig so verfahrenen Situation als Alternative aufgezeigt. Der lesenswerte Ansatz hält nicht nur für FachtheologInnen und für Interessierte an kirchlichen Problemstellungen manche Überraschung bereit. Er lädt auch dazu ein, Theologie und Kirche nicht bloß als Hüterinnen überzeitlicher Wahrheiten und ängstliche Konservatorinnen zu erkennen, sondern sie gerade darin zu würdigen, sie als Lernende zu begreifen.

Eine kirchliche Identität als Lernende, die sich bemüht, Gender als „kritische Kategorie in das theologische Sprechen einzuführen“3, könnte die Neigung vermindern, sich mit Negativabgrenzungen zu profilieren. Dennoch ist wohl zu fürchten, dass genau dies auch künftig zu den gravierendsten Krisenphänomenen der katholischen Kirche in der Moderne zu zählen ist: dass sie zumindest in weiten Teilen ihrer lehramtlichen Autoritäten nur schwer zu einer lernenden Grundhaltung findet.

Wolfgang Beck ist Juniorprofessor für Pastoraltheologie und Homiletik an der Philosophisch-Theologischen Hochschule St. Georgen in Frankfurt a.M.

Photo:  cydonna / photocase.de

  1. Thomas Laubach (Hg.): Gender – Theorie oder Ideologie? Freiburg i.B. 2017, Herder-Verlag
  2. Margit Eckholt (Hg.): Gender studieren. Lernprozess für Theologie und Kirche, Ostfildern 2017, Grünewald-Verlag.
  3. Ammicht Quinn, Regina: Gefährliches Denken: Gender und Theologie, in: Concilium 48 (2012), 362-373, 363.
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