Der Klimawandel, die Kultur des Extraktivismus und das Problem der Lösung des Problems

Immer neue Hitzerekorde zeigen: Die Erderwärmung schreitet ungebremst voran. Historische Hintergründe und sozialethische Analysen von Jochen Ostheimer.

Dass die verschiedenen Versuche zur Bewältigung des Klimawandels so langsam vorankommen, liegt vermutlich auch daran, dass das Problem, das zur Lösung ansteht, selbst eine Lösung eines Problems war und immer noch ist. Menschheitsgeschichtlich betrachtet war die Natur ein fascinosum et tremendum, vor allem aber ein tremendum. Sie schickte Hunger, Kälte, Feuer, Überschwemmungen, Dürre, wilde Tiere, Krankheiten und vieles mehr. Der Mensch war nicht nur aufgrund seiner biologischen Ausstattung ein Mängelwesen, seine ganze Existenz war eine Ansammlung an Mängeln aller Art.

Der neuzeitliche „Sprung nach vorn“ in der Naturbeherrschung

Die europäische Neuzeit begann, diese Defizite systematisch anzugehen. Im 18. Jahrhundert gelang ein gewaltiger Sprung nach vorne, als Kohle und mit einiger Verzögerung Erdöl und Erdgas im großen Stil als Energieträger erschlossen wurden. Den post-paradiesischen Fluch, im Schweiße seines Angesichts sein Brot zu essen, hat der moderne Mensch weitestgehend überwunden – der Kohle sei Dank.

In der Neuzeit entstand ein neues kulturelles Format, dessen Facetten vielfältig sind, sich gleichwohl wechselseitig stützen. Einer der Pfeiler dieser Kultur ist die Fortschrittsorientierung. Dabei kann man den Ausdruck „Fortschritt“ durchaus auch wörtlich verstehen. Der neuzeitliche Mensch schreitet in alle Richtungen voran, nicht nur aus reiner Neugierde, sondern, so betonte schon Francis Bacon, zweckbestimmt und nutzenorientiert.

Eine Bewegung der Neuzeit führte gen Westen. Der wirtschaftliche und politische Aufschwung mancher europäischer Staaten verdankte sich maßgeblich den neuen Kolonien und ihren Rohstoffen. Zugleich konnte der dort zumindest aus europäischer Sicht vorhandene Freiraum genutzt werden, um gesellschaftlicher Gruppen mit heterogenen Weltanschauungen, wie sie im Zuge der Reformation immer wieder entstanden, sowie „überschüssiger“ Bevölkerungsanteile weitgehend konflikt- und gewaltfrei ledig zu werden (eine Lösungsstrategie, die aktuell bei weitem nicht mehr so reibungslos funktioniert).

Kultur des Extraktivismus

Eine andere Richtung der Ausbreitung hatte das Erdreich zum Ziel. Zwar bauten Menschen schon seit Jahrtausenden Bodenschätze ab. Doch seit etwa 300 Jahren explodierte gleichsam die Entwicklung der technischen Hilfsmittel, und der Extraktionseifer wurde zusätzlich durch neuartige und sehr effektive Finanzierungs- bzw. Gewinnmöglichkeiten angetrieben. Es entwickelte sich die Kultur des Extraktivismus. Was in der Erde lag, war zum Wohl der Menschen da. Es nicht herauszuholen, wäre wahlweise ein Zeichen von Dummheit oder Faulheit.

Diese Kultur war unübersehbar erfolgreich. Das allgemeine Wohlergehen stieg beträchtlich. Adam Smith konnte feststellen, dass es nun einem Bettler besser gehe als vor Jahrhunderten einem Edelmann. Das mag damals noch ein wenig Wunschdenken oder Propaganda gewesen sein, in Zeiten einer allgemeinen Sozialhilfe stimmt es auf alle Fälle.

Die Verfügbarkeit günstiger Energie löste und löst zwar nicht alle gesellschaftlichen Probleme, aber trug doch wesentlich dazu bei, dass sehr viele Herausforderungen bewältigt werden konnten. Die gesellschaftliche Stabilität in der westlichen Hemisphäre seit 1945 beruht wesentlich auf fossilem Wohlstand. Die Entwicklung fundamentaler gesellschaftlicher Werte wie Gleichberechtigung, Rechtsstaatlichkeit und Demokratie fand in dieser Konstellation einmalig günstige Bedingungen vor. Zwar besteht in dieser Hinsicht kein Automatismus. Doch erste Debatten über die „Energiearmut“ ärmerer Haushalte und die Sozialverträglichkeit von Klimaschutzpolitik etwa angesichts des beschlossenen Ausstiegs aus der Kohleverstromung lassen bereits erahnen, mit welchen Spannungen zu rechnen ist, wenn der gewohnte gesellschaftliche Wohlstand deutlich teurer wird.

Ein drittes Ziel der neuzeitlichen Fortschrittsbewegung war der Himmel. Fluggeräte erschlossen neue Verkehrswege. Artillerie, Marschflugkörper, Drohnen oder Spionagesatelliten nutzen diese Bahnen für militärische Zwecke. Die Raumfahrt weckte ganz neue Hoffnungen, bislang unerreichbare Territorien zu erschließen und auszubeuten, und nebenbei wurde durch die Heldentaten von Juri Gagarin und Neil Armstrong der sublunare Raum endgültig entzaubert. Neben diesen offensichtlichen Formen der Erschließung, Inbesitznahme und Nutzung, kurz der Territorialisierung des Luftraums finden sich auch indirekte Formen der Aneignung. Der Himmel wird, wie es in der Ökologie sehr sachlich heißt, als Senke genutzt. Die Atmosphäre dient dazu, gasförmigen Abfall aufzunehmen. Dies ist zwar kein neuer Sachverhalt, wie die alte Praxis zeigt, Gerbereien oder Schlachthöfe nur in ausgewiesenen Vierteln anzusiedeln. Doch wie bei den beiden anderen Expansionsrichtungen schlugen auch hier im Zuge der neuzeitlichen Entwicklung quantitative in qualitative Aspekte um.

Wenn quantitative in qualitative Entwicklungen umschlagen

Die erhebliche Emission von Kohlendioxid und anderen Treibhausgasen führt, ohne dass dies beabsichtigt gewesen wäre, zu einer Veränderung der chemischen Zusammensetzung der Erdatmosphäre, wodurch in vielschichtigen eigendynamischen Prozessen weitere Modifikationen im globalen Klimasystem bewirkt werden, wobei die Auswirkungen regional sehr unterschiedlich ausfallen und in manchen Gegenden oder für manche Zwecke durchaus auch vorteilhaft sein können. Viele dieser Veränderungen sind irreversibel oder haben eine Dauer von Jahrhunderten und Jahrtausenden. Im komplexen Zusammenspiel mit weiteren Faktoren erzeugen sie sozioökologische Nebenfolgen und Nebenfolgen von Nebenfolgen, die sie unvorhersehbar machen und erst recht jeglicher Steuerung entziehen. Das neuzeitliche Ziel, die Natur zu verstehen, um sie zu manipulieren und letztlich zu beherrschen, ist an dieser Stelle gründlich verfehlt worden.

Noch weitere Richtungen schlug die neuzeitliche Fortschrittsdynamik ein: in die Tiefe der Ozeane, in das (organische, psychische oder genetische) Innere des Menschen oder in das Virtuelle der Computernetzwerke. Anstatt auch diese Bewegungen auszuführen, wird abschließend der Blick darauf gerichtet, wie die Maxime des Voranschreitens diskursiv verhandelt wird.

Das Fortschrittsdenken, das sich inzwischen zu einem globalisierten Phänomen entwickelt hat, hat parallel zu all den ausgreifenden Bewegungen verschiedene Formen einer kritischen Reflexivität ausgebildet, mittels derer es sich selbst hinterfragt. Die kulturelle Tendenz der Expansion und Extraktion als eine verschränkte Dynamik der Problemlösung und Problemerzeugung ist zu einem Gegenstand der gesellschaftlichen Selbstthematisierung geworden.

Am Beispiel des Klimawandels lässt sich mithilfe des in Logik und Beratungsarbeit geläufigen Tetralemma-Konzepts die Logik des Übergangs zwischen verschiedenen Positionen nachzeichnen und so zeigen, inwiefern Problemlösungen neue Problemlagen erzeugen, indem sie alte Problemkonstellationen in veränderter Form wieder aufbrechen lassen.

Die gängige Konstellation war und ist diejenige von Position und Gegenposition: Fortschrittsbegeisterung, Wirtschaftswachstum und technische Innovationen versus teils konservative, teils progressive Umweltbewegung. Dieses Patt ist wenig hilfreich. Denn das Eine wie auch das Andere formulieren berechtigte Anliegen. Die Industrialisierung – um aus der Mehrzahl möglicher Bezeichnungen der modernen Lage diesen Oberbegriff auszuwählen – ist ein wesentlicher Baustein in der Lösung eines gravierenden gesellschaftlichen Problems, nämlich des allgemeinen Gütermangels. Ebenso richtig ist, dass die Umweltverschmutzung und -zerstörung erhebliche materielle und immaterielle Schäden verursachen, die die genossenen Wohlfahrtsgüter oftmals übersteigen, sofern sie – wie etwa die Ausrottung von Arten – überhaupt verrechenbar sind.

Eine dritte Position

Daraus ergibt sich als dritte, dialektisch vermittelte Position die Anerkennung der Stärken beider Ansätze. Konzepte wie die ökosoziale Marktwirtschaft, Effizienzrevolutionen, Upcycling oder grünes, ressourcenleichtes oder qualitatives Wachstum gehen in diese Richtung. Erneuerbare Energie, Elektroautos, car-sharing oder smart grids für smart homes sind Versprechen, das Wohlstandsniveau zu halten und die Umweltbelastungen auf ein global verträgliches Maß zu reduzieren. In vielen Fällen handelt es sich um fruchtbare Ansätze. Allerdings muss, worauf das Prinzip der Nachhaltigkeit hinweist, multiperspektivisch gedacht werden. Neben den Treibhausgasemissionen sind die vielfältigen Umweltauswirkungen insgesamt zu beachten, bei Windrädern oder Sonnenpanelen etwa die umweltbelastende Gewinnung von seltenen Erden und anderen Metallen.

Zusätzlich zu diesen Detailproblemen, die freilich ein solches Ausmaß annehmen können, dass die Umweltbilanz negativ ausfällt, wird gegen diese dritte, beide Ausgangspositionen vermittelnde zuweilen eine vierte Position ins Feld geführt: keines von beiden. Würde die Gesellschaft, die von einer expansiven Kultur geprägt ist, über „grüne Energie“ im großen Stil verfügen, würde ihr Voranschreiten in all den genannten Richtungen keine Grenzen kennen. Diese vierte Position, die das anfängliche Dilemma zu einem Tetralemma weitet, macht deutlich, wie wichtig der Kontext ist, in diesem Fall die Kultur der Expansion und der Extraktion, um Vorgehensweisen in ihrer Bedeutung richtig einzuschätzen und zu erkennen, dass Lösungen in der Regel problemspezifisch, d.h. mit einem bestimmten Fokus formuliert sind und meist nicht darauf achten, wie sie sich auf andere Problemlagen auswirken.

Sozioökologische Probleme sind vertrackte Probleme, die sich nicht einfach lösen lassen. Offen darüber zu reden, dass Lösungsansätze Folgeprobleme in anderen Bereichen aufwerfen, wäre ein erster Schritt zu ihrer Bewältigung.

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 Jochen Ostheimer ist Assistenzprofessor für Ethik und Gesellschaftslehre an der Universität Graz

Photo: Agustín LautaroUnsplash

 

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