Aller Tage Abend

Eine Kurzgeschichte von Daniela Feichtinger.

Die ganze Stadt schien in einem pechschwarzen Müllsack zu stecken. Nur selten durchbrachen ihn blasse Sonnenstrahlen. Zum Schreiben erboster Emails fehlte den Menschen der Strom, und auch die Telefone lagen mittlerweile still. So berief man zur hellsten Stunde mitten in der Stadt eine Versammlung ein: Einer sagte es dem andern. Der Bürgermeister hatte Rede und Antwort zu stehen.

Unruhe brodelte am Grund der Zusammenkunft. Unten am Kopfsteinpflaster wogten die Menschenmengen von einer Hauswand zur anderen. Immer wieder gerieten einige außer sich, fuchtelten wild und schrien, es müsse dem Spuk ein Ende gemacht werden. Andere forderten rasend das Erscheinen des Bürgermeisters. Nur mit Mühe einigte sich die Menschenmasse darauf, mit einer Stimme zu sprechen. „Bür-ger-mei-ster! Bür-ger-mei-ster!“, skandierte sie minutenlang, ehe sich das Oberhaupt der Stadt am Balkon des Rathauses zeigte.

Er war leger gekleidet für einen Politiker, was ohnehin nur die ersten drei Reihen sehen konnten. Da Mikrofone ohne Strom nicht funktionierten, hatte man ihm einen Trichter in die Hand gedrückt, mit dem er sich nun endlich an das Volk wandte.

„Verehrte Bürgerinnen und Bürger dieser schönen Stadt!“

Auf dem gesamten Platz kehrte völlige Stille ein.

„Seit gestern Mittag ist die Stromversorgung nun unterbrochen. Es ist bislang nicht gelungen, die Ursache dafür ausfindig zu machen. Auch Kontakt zu den Städten im Umland konnte noch nicht hergestellt werden. Ich weiß um die Nöte, die sich für euch daraus ergeben. Auch ich bin betroffen. Kühlschränke, Fernseher, Computer – nichts funktioniert mehr. Allmählich dürften auch bei den Letzten die Akkus zur Neige gehen. Was aber derzeit am meisten für Angst und Unbehagen sorgt, ist die Finsternis. In unserer Stadt brennt kein einziges Licht mehr.“

Ein Ruck ging durch die Massen – wieder fingen sie zu wogen an. Einige erhoben die Stimme: „Wie konnte das geschehen?!“, fragten sie.

„Ein derartiger Vorfall war nicht absehbar.“, erklärte der Bürgermeister sichtlich bedrängt. „Schon vor Jahren dürfte das Brennmaterial ausgegangen sein, was jedoch aufgrund der lückenlosen Elektrifizierung nicht bemerkt wurde.“

„Wir wurden bestohlen!“, rief ein Mann mit heiserer Stimme. „Meine Frau und ich – wir hatten Kerzen im Keller und eine Kiste Zündhölzer. Davon ist nichts mehr da! Nichts! Wir sind bestohlen worden!“

Viele schlossen sich ihm an: Sie alle seien bestohlen worden. Jeder erinnerte sich, dort und da noch Öllampen und Feuerzeuge gebunkert zu haben, die nun nicht mehr auffindbar waren.

„Beruhigen Sie sich! Beruhigen Sie sich! Mir sind bereits mehrere Fälle von mutmaßlichem Diebstahl zu Ohren gekommen. Die Polizei wird alles sorgfältig prüfen, sobald das Stromproblem –“

Warum“, fiel ihm eine aufgebrachte Frau ins Wort, „ist es am helllichten Tag überhaupt finster?“

Mit der Empörung stieg die Lautstärke, sodass der Bürgermeister in seinen großen Trichter schreien musste: „Beruhigt euch! Beruhigt euch!“ Er warf seinem Leibwächter einen beschwichtigenden Blick zu. „Die Abgaswerte unserer Stadt waren leider seit Jahren nicht die besten. Es ist anzunehmen, dass bereits vor einigen Wochen das kritische Maß überschritten wurde und sich die Mischung aus Staub und Abgasen bei ausbleibendem Regen–“

Eine Tomate traf ihn mitten im Gesicht. Sie war überreif und platzte, als sie auf seiner Stirn aufschlug. Roter Matsch lief ihm in die Augen.

Minutenlang hagelte es daraufhin Unrat. Ich sah es genau von dem Fenstersims aus, auf dem ich hockte, und es amüsierte mich sehr. Das Ereignis brachte Bewegung in die Masse – auf das laute Gelächter folgten erste Schübe atemloser Panik. Ich spähte umher, ob wohl schon die Ersten niedergetreten wurden. Doch die Polizei, die sich unter das Volk gemischt hatte, war der Lage noch Herr.

„Was sollen wir tun?“, schrien Väter und Mütter. „Was sollen wir tun?“, wollte die schöne Stadt von ihrem Bürgermeister wissen.

„Bewahrt Ruhe!“, sprach er in seinen Trichter, die Tomatensauce am Hemdsärmel. „Ich bitte euch: Bewahrt Ruhe!“

„Wie soll das gehen? Wie sollen wir im Finstern von A nach B gelangen: In die Arbeit, zur Schule oder nach Hause?“

„Haltet euch an die Blinden!“, rief ich auf den Platz hinunter. „Die Blinden kennen den Weg!“ Dann verschwand ich.

Es war am vierten Tag der völligen Dunkelheit. Auch die Notstromaggregate versagten allmählich ihren Dienst. In den Krankenhäusern und Altenheimen starben die Menschen wie die Fliegen. Kinder irrten durch die Straßen und fanden ihre Eltern nicht. Greise stürzten zu Boden und blieben unbemerkt liegen. An allen Ecken und Enden trieben Diebe ihr Unwesen: Schaufenster waren zerstört, Regale leergeräumt, Kassen geplündert, und die Polizei konnte nichts tun, als sich die Wände entlang zu drücken auf der Suche nach den Verbrechern. Denn diese fanden sich – seit jeher mit der Schattenwelt vertraut – bestens im Dunkeln zurecht. Das Essen der Rechtschaffenen verdarb einstweilen in den Kühlschränken, die in großen Pfützen in jeder Wohnung standen.

Da stieg ich in Menschengestalt auf das Kriegerdenkmal mitten in der Stadt – den linken Arm um ein Soldatenbein geschlungen, in der Rechten eine Fackel. Ich brauchte nicht zu rufen: Die Leute hatten mich schon auf dem Weg zu meinem Podest bemerkt. Als ich mit einer flinken Geste die Fackel entzündete, ging ein hörbares Staunen durch die Menge.

„Wer bist du?“, fragte eine Frau, die aus tellergroßen Augen zu mir aufblickte.

„Wir kennen uns schon lange. Aber ihr erinnert euch nicht an mich.“

Die Menschen kamen näher. Das Licht meiner Fackel warf Schatten auf ihre schmutzigen Gesichter. In vielen angsterfüllten Augen schimmerte zarter Feuerschein. Sie waren zu hungrig und verstört, um über mich herzufallen.

„Nun ist aller Tage Abend!“, erklärte ich. „Hier!“ Das Soldatenbein fest umschlungen, streckte ich ihnen meine Rechte entgegen. „Nehmt Papier und trockene Äste. Nehmt alles, was ihr finden könnt. Entzündet euer Licht an meiner Fackel!“ Mit einem Satz sprang ich zu ihnen hinunter.

Da traten auch schon die ersten mit alten Tageszeitungen vor. „Woher hast du das Feuer?“, fragte mich ein alter Mann, ohne seinen staunenden Blick von der Fackel zu lösen. „Ja!“, hörte ich einige zueinander sagen, „Woher hat sie bloß die Fackel?“

„Menschen dieser Stadt!“, erhob ich noch einmal meine Stimme. „Bedenkt, dass offenes Feuer nichts für geschlossene Räume ist. Nehmt es mit, wärmt euch, stiftet Licht und bratet Essen, aber setzt nicht eure Häuser in Brand! Haltet euch an die Obdachlosen! Sie wissen mit Feuer umzugehen.“

Es dauerte keine drei Stunden, da waren dutzende Gartenhütten niedergebrannt. Innerhalb des ersten Tages stand ein ganzes Stadtviertel in Flammen. Die Einen karrten eimerweise Wasser heran. Andere fingen selbst Feuer und wälzten sich schreiend auf dem Asphalt, während ihre Familien sie mit Decken schlugen. Die Obdachlosen wuchteten ihre brennenden Mülltonnen beiseite, an denen sie sich und ihre Konserven wärmten. Ratlos stand ich bei ihnen, die erloschene Fackel in meinem Rucksack.

Die einzige Feuerstelle, die das Volk einigermaßen unter Kontrolle hatte, befand sich mitten auf dem Hauptplatz. Unmittelbar vor dem Kriegerdenkmal hatten sie einen Berg Sperrholz zusammengetragen, der von mehreren Polizisten bewacht wurde. Ich beobachtete das Treiben im Verborgenen. Nicht mehr lange, und die Verwirrung schlug in Irrsinn um.

„Da ist sie!“, plärrte plötzlich eine Frau und zeigte mit ihrem krummen Finger auf mich. „Kommt her! Kommt alle her!“, kreischte sie, „Da ist die Brandstifterin!“

Ihr Schrei riss auch die Hungrigen und Durstigen aus ihrer Schwermut. Innerhalb weniger Augenblicke hatten mich zwei Dutzend Gestalten eingekreist, die mich aus hohlen Augen anstarrten. „Hast du gedacht, du kommst ungeschoren davon?“, fragte die Alte mit knarrender Stimme. „Hast du geglaubt, du kannst hier Feuer legen und dich dann amüsieren?“

„Wahrscheinlich hat sie auch unsere Kerzenvorräte gestohlen!“, warf ein anderer ein. „Wahrscheinlich hat sie daher die Fackel!“ Seine Mutmaßungen fanden große Zustimmung.

„Was sagt ihr?“, fragte die Alte und wandte sich an den wütenden Mob, der sich hinter ihrem Rücken geballt hatte, „Zerren wir sie auf den Scheiterhaufen?“

Schon stürmten die Ersten auf mich ein und packten mich an allen Gliedern. Einer riss mir den Rucksack vom Leib und trug die erloschene Fackel voran, zum Zeichen meines Vergehens. „Seht!“, rief er, „Die Brandstifterin!“ Und die Menschen traten auseinander, um Platz zu machen für die Prozession zum Scheiterhaufen. Um mich waren dreckige Fratzen, auf die der Flammenschein dunkle Schatten warf. Alle Fassaden leuchteten orangerot unter dem verqualmten, schwarzen Himmel.

Jemand hatte den Bürgermeister vor das Rathaus geholt. Er sollte der Meute seinen Segen geben, bevor sie mich vom Balkon aus in die Flammen warfen. Ein Hüne hielt meine Füße mit festem Griff; zwei Frauen zerrten an meinen Armen. In der Mitte hing mein Körper. So sah ich zum Bürgermeister der Stadt auf, ohne ein Wort zu sagen. „Was haben Sie sich gedacht!?“, wollte er von mir wissen. „Antworten Sie!!!“, drang er in mich. „Was hat Ihnen diese Stadt getan, dass Sie sie vernichten wollen?“ Ich sagte nichts.

„Wir wollen sie vom Balkon des Rathauses werfen!“, erklärte eine der Frauen mit irrem Strahlen im Gesicht. „Sie ist eine Brandstifterin!“

„Und eine Diebin!“

„Eine Verräterin!“

„Ein Unmensch!“

Aus allen Ecken hallte es Verhöhnungen. Der Bürgermeister ließ die angestrengten Arme sinken und blies so zum Angriff. Ohne Zögern setzte sich die Meute in Bewegung und trug mich durch das rußige Stiegenhaus auf den Balkon. Der Hüne packte mich am Kragen und ließ mich jenseits des Geländers über den züngelnden Flammen baumeln.

„Das ist die Brandstifterin!“, rief die Alte, die den Trichter des Bürgermeisters an sich gerissen hatte. „Sie soll Opfer der Flammen werden, die unsere Stadt zerstören!“

Im Jubelgeschrei vergaßen die Bürger ihren Hunger und ihren Durst, und dass auch sie vom Feuer eingekesselt waren. Alle Augen waren auf mich gerichtet. Die Alte fing an, von Zehn herunterzuzählen, als stünden wir an der Schwelle zu einem neuen Jahr. Mit jeder Ziffer hielt mich der Hüne noch einmal in die Höhe. Auf Eins folgten schließlich tosender Applaus, Pfiffe und die endgültige Hysterie.

Ich sah und fühlte die sengende Hitze näherkommen. Mein Körper begann zu verdunsten – Tropfen für Tropfen stieg ich auf, hoch über die Stadt.

Von dort oben ging ich schließlich als Gewitter nieder, als tosender, brausender, alles flutender Regen.

Ach Menschheit, dachte ich bei mir. Du kannst mich nicht lassen.

Daniela Feichtinger ist promovierte Alttestamentlerin und Autorin.
Von ihr u.a. auf feinschwarz erschienen:

Von einer, die auszog.

Ragnarök im Garten 1

Photo: Rainer Bucher

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