Ragnarök im Garten 1

Erzählung von Daniela Feichtinger in neun Folgen. Immer dienstags und donnerstags im August auf feinschwarz.

Erster Tag

Wie jeden Morgen trat Professor Heiden zusammen mit seinem Hund Zadok, einem stürmischen schwarzen Foxterrier, vor die Tür seines entlegenen Hauses. Das Tier raste sogleich mit lautem Gebell hinaus in die verschneite Winterlandschaft; gemächlichen Schrittes ging sein Herrchen hinterdrein. Der alte, ergraute Professor sah erhaben aus mit seinem aufrechten Gang, dem langen schwarzen Mantel und den Lederhandschuhen.

Der Zeitung nach, welche er beim Frühstück gelesen hatte, war es Freitag – ein seltsamer Gedanke hier, in der Einöde, wo stets feierlich stiller Sonntag zu sein schien. Nie begegnete ihm eine Menschenseele.

Unweit des Waldes – zehn Schritte vielleicht, bevor er ihn erreichte – hielt der vorausgelaufene Zadok abrupt an. In hellem Aufruhr bellte er, sprang hektisch umher im Pulverschnee. „Was denn, was denn!“, beschwichtigte ihn der Professor, versuchte, sich schnelleren Schrittes durch das beinah knietiefe Weiß vorzukämpfen. Wahrscheinlich lag da irgendein jämmerlich in der Kälte verendetes Tier. – Zadok sollte es nicht fressen.

Je näher der Professor aber kam, umso klarere Form nahm das Etwas an, welches dalag und von seinem Hund beschnüffelt wurde. Erschrocken hastete er weiter, stolperte fast. Da lag ein Mensch, inmitten des Schnees, als sei er vom Himmel gefallen. „Weg da, Zadok!“, herrschte er den Hund an. „Weg da!“ Doch dieser roch das Blut. Der Körper lag in einen Mantel gekleidet da, unter dem abgewandten Gesicht eine scharlachrote Lache. Rasch kniete sich der Professor zu ihm nieder, nahm vorsichtig den Kopf in beide Hände, drehte ihn zu sich. „Hören Sie mich?“, fragte er mit seiner eindringlichen Stimme. „Sie müssen aufwachen. Sehen Sie mich an.“ Er betrachtete die Züge, die Lippen des jungen Mannes. Sie waren nur leicht bläulich. Der Blutstrom aus seinen Nüstern schien schon eine Weile versiegt, nun zuckten sie zaghaft, als er allmählich zu sich kam.

„Können Sie mich hören?“, fragte der Professor, da ihn zwei große Augen staunend ansahen. „Ich werde zu meinem Haus zurückgehen und die Rettung rufen, hören Sie? Es wird etwas dauern, aber-“

Zwei leichenstarre Hände packten ihn. „Nicht“, brachte der Mann hervor. „Nicht. Bitte.“

Der Professor schüttelte entschieden den Kopf. Wie zur Abwehr hielt auch er nun den Mann fest an den Unterarmen. Ein langer Augenblick verstrich.

Da stürzte sich der Hund hechelnd auf den Verwundeten; der Professor ließ ihn zurück in den Schnee sinken.

„Zadok!“, rief er. „Bei Fuß!“

Er wollte sich auf den Rückweg machen, hatte sich schon abgewandt. Der Hund konnte sich kaum losreißen.

„Warten Sie!“, hörte er hinter sich ein Ächzen. Der Mann kroch ihm nach, hob flehend eine blutige Hand. „Bitte.“

„Ich rufe die Rettung. Ich bin gleich wieder zurück.“

„Nein. Nein, bitte.“, hauchte der Fremde. Ein Arm sank ihm weg, er lag flach im Schnee.

„Soll ich lieber gleich die Polizei rufen? Wer sind Sie, dass Sie die Rettung fürchten?“

„Es ist nicht so schlimm…“ Gequält sah er zu ihm auf. „Helfen Sie mir hoch, bitte.“

Der Mann mochte ein Messer unter seinem Mantel verbergen – es war nicht die rechte Zeit, ihm Fragen zu stellen. Den Hund scheltend, der ihm immerzu vor die Füße sprang, griff er dem Durchnässten unter die Arme und zog ihn hoch, während dieser versuchte, seine tauben Beine unter den schweren Körper zu stemmen. „Danke.“, flüsterte er und immer wieder, ein selig weltfremdes Lächeln im Gesicht: „Danke.“ So schleppten sie sich ein paar Schritte, der Fremde hängend über Rücken und Schulter des Professors, bis er seine Beine nur noch leblos im Schnee hinterher schleifen ließ.

„Bleiben Sie wach!“ Die Stimme des Alten verklang ungehört. Kurz hielt er inne – sein Kreuz schmerzte, der Hund bellte. „Lauf!“, befahl er ihm. „Na lauf schon, wird’s bald!“ Folgsam lief es los, geradewegs auf das Haus zu, welches hinter ein paar schneebeladenen Fichten zu sehen war.

Noch spürte er den Atem des jungen Mannes heiß und feucht an seinem Ohr; er war nur wieder ohnmächtig geworden, doch schien er deshalb, obgleich er schlank war, doppelt schwer zu wiegen. Vielleicht musste er ihn hier niederlegen und erst Elma holen, damit sie ihm half; der Professor atmete tief ein, ging ein Stück weit in die Hocke, nahm den leblosen Körper mit einem Ruck und marschierte weiter.

Wenige Meter vor dem Haus, als er schon an den Gartenzaun kam und Elma ihm, vom Hund alarmiert, entgegenlief, musste er sich umdrehen und den Mann als Ganzen hinter sich her schleifen. Hoffentlich brach er ihm nicht irgendetwas dabei – wer wusste überhaupt, ob er nicht längst innere Blutungen hatte. Es war nicht ersichtlich, was genau ihm überhaupt geschehen war.

***

„Ziehen Sie ihm etwas Trockenes an, Elma.“, forderte er von seiner Haushälterin, nachdem sie den schweren Männerkörper zusammen auf das Gästebett gehievt hatten. Kurz dachte er daran, es selbst zu tun oder ihr wenigstens zu helfen. Während sich nun die geschäftige Elma seufzend daran machte, zog sich der Professor grübelnd ins Wohnzimmer zurück. Unruhig wanderte er auf und ab, hörte besorgt das Poltern aus dem Gästezimmer. Was, wenn er aufwachte? Wer war er überhaupt? Am Ende gewährte er sicherlich einem Verbrecher Unterschlupf. Eine schreckliche Vorstellung. – Kurz sah er das Telefon an, wollte doch die Rettung rufen, damit er ihn wenigsten aus dem Haus hatte. Aber er tat es nicht.

Da stand die Haushälterin in der Tür. „Herr Professor?“

Er wandte sich zu ihr um. „In Ordnung. Danke. Ich werde weiter nach ihm sehen.“ Einen Moment war es still, er sah zu Boden. „Elma!“, sagte er da, bevor sie sich entfernte. „Haben Sie eine Idee, was er haben könnte? Waren irgendwelche Verletzungen zu erkennen? Schnitte, Schrammen?“

Die alte Frau schob nachdenklich die Unterlippe hoch. „Nein.“, meinte sie dann kopfschüttelnd. „Nein, nichts dergleichen. Es sieht aus, als hatte er Nasenbluten. Mehr nicht.“

„Seltsam…“ Der Professor dachte nach. Elma wartete. „Sie können ruhig gehen.“, sagte er. „Wie gesagt: Ich werde weitersehen.“

Sie nickte. „Vielleicht braucht er einen Arzt.“, sagte sie noch. „Wenigstens einen Arzt.“ Dann ging sie.

 

Fortsetzung folgt.

Daniela Feichtinger ist promovierte Alttestamentlerin und Autorin.

Photo: Craig McLachlan, unsplash

 

 

 

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