Was wäre, wenn … Alternativen zur Kirche, wie wir sie kennen

Eine Erinnerung an den einflussreichen Prälaten Karl Forster zu dessen 40. Todestag. Von Erich Garhammer.

Szenarien und Entwürfe einer alternativen Welt zu imaginieren, das ist die Idee des Journalisten Christoph Koch. Er befragt für seine Kolumne in „brandeins“ Expertinnen und Experten und zieht zahllose wissenschaftliche Studien zu Rate, um verblüffende Antworten auf Fragen zu finden, die wir garantiert noch nie zu Ende gedacht haben. Und dabei fördert er Erstaunliches zutage: etwa, dass der weltweite Wohlstand massiv ansteigen würde, wenn alle Grenzen offen wären.

Dieses Denkspiel hat mich verleitet, danach zu fragen: Wie sähe die Kirche in Österreich aus, wenn Hans Hermann Groer nicht Nachfolger von Kardinal König geworden wäre? Wie sähe die Kirche von Köln aus, wenn nicht Papst Johannes Paul II. dem Domkapitel von Köln Kardinal Meisner als Erzbischof aufgezwungen hätte? Wie sähe die Weltkirche aus, wenn der Theologieprofessor Joseph Ratzinger nicht Erzbischof von München, dann Präfekt der Glaubenskongregation und anschließend Papst geworden wäre? Dass das leicht hätte passieren können, zeigen neue Quellen. Ein ganz anderer Kandidat wäre möglich gewesen.

Der Akademiedirektor und Pastoraltheologe Karl Forster (1928-1981) als möglicher Kandidat für München

Wenige Gestalten prägten den deutschen Katholizismus in der Nachkriegszeit so stark wie Karl Forster: Er starb im Jahre 1981, also vor vierzig Jahren. Der Sohn eines Amberger Ingenieurs war der erste Sekretär der Deutschen Bischofskonferenz und Gründungsdirektor der Katholischen Akademie in Bayern.

Dass er selbst Bischof wurde, soll seinerzeit Franz Josef Strauß durch eine persönliche Intervention bei Papst Paul VI. verhindert haben. So vermutet es zumindest Hans Maier in seiner Autobiografie „Böse Jahre, gute Jahre“. Für Maier, den späteren bayerischen Kultusminister und Präsidenten des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZdK), wurde Forster zu einem enorm wichtigen Gesprächspartner. Von diesem erfuhr er über Jahre fast alles Wichtige, was in der Kirche vorging, aber nicht in den Zeitungen stand. Er schildert Forster als jung und energisch, von barocker Erscheinung und Ausstrahlung, zielstrebig und mit Durchsetzungsvermögen ausgestattet.

Nach dem Urteil von Zeitgenossen zeigte der Oberpfälzer Forster, der in Landshut aufwuchs, schon früh eine bestechende Intelligenz und diplomatische Begabung, etwa als Vorsitzender des Allgemeinen Studentenausschusses an der Münchner Ludwig-Maximilians-Universität. Seine wissenschaftliche Karriere schien nach einer Promotion beim renommierten Dogmatiker Michael Schmaus nur eine Frage der Zeit, da wurde er 1957 von Kardinal Wendel mit nur 29 Jahren zum Gründungsdirektor der Katholischen Akademie in Bayern berufen.

Kirchenpolitischer Vordenker: Christentum und Sozialismus

Ein Paukenschlag gelang Forster gleich mit der ersten Tagung über „Christentum und demokratischen Sozialismus“, zu der er 1958 Carlo Schmid und weitere SPD-Größen einlud. Wie unerhört das war, zeigt sich daran, dass sich im Vorfeld sogar Bundeskanzler Konrad Adenauer einmischte. Er wandte sich an Papst Pius XII. und bat um eine Intervention: „Ein neunundzwanzigjähriger Geistlicher! Diese jungen Leute wissen gar nicht, wozu sie sich missbrauchen lassen, gerade von der sehr gerissenen SPD. Sie sind geradezu vom Heiligen Geist verlassen“, so sein Kommentar. Seitens der CSU war Generalsekretär Friedrich Zimmermann in die Vorbereitung einbezogen und berichtete von seinem Versuch, den Jesuiten Gundlach SJ als Hauptreferenten zu überreden, krank zu werden und damit die Tagung platzen zu lassen. Schließlich referierten u.a. Gundlach und Nell-Breuning, für die SPD Carlo Schmid und Waldemar von Knoeringen.

In Franz Josef Strauß sah Forster eine Gefahr, er versuchte, seine Wiederwahl als CSU-Vorsitzenden zu verhindern und munitionierte den Münchener Kardinal Döpfner mit entsprechendem Material. Im Gespräch zwischen Strauß und Döpfner am 19. April 1963 empfahl Döpfner Strauß, für den Parteivorsitz nicht mehr zu kandidieren. Das Verhältnis von Strauß und Döpfner/Forster war seitdem angespannt. Als Döpfner Forster als Leiter des Katholischen Büros in Bayern in Vorschlag brachte, lief man Sturm gegen den „klerikalen Manager im Schatten der SPD“. Das Katholische Büro wurde dann erst unter Kardinal Wetter 1983 eingerichtet. Von Seiten von Strauß kam nun der Vorwurf auf, Forster habe in der Hitlerjugend eine wichtige Rolle gespielt. Dieser biographische Makel begleitete Forster seitdem und machte ihn für ein Bischofsamt untauglich.

Sekretär der Bischofskonferenz

1967 bestellte der Kardinal Döpfner Forster zum Sekretär der Deutschen Bischofskonferenz. Sie hatte damals noch keinen eigenen Apparat, erneut war Pionierarbeit von ihm gefordert. Das Sekretariat befand sich in München im Schatten der Theatinerkirche und nicht in Bonn. Forsters wichtigste Mitarbeiterin war seine Schwester Maria.

Mit einer Satzung für den Verband der Diözesen Deutschlands (VDD) schuf Forster eine der bis heute wichtigsten Grundlagen für die Zusammenarbeit der deutschen Bischöfe. Er bereitete die Würzburger Synode der westdeutschen Bistümer als deren Sekretär vor. Dabei initiierte er mit einer ausgedehnten Befragung deutscher Katholiken in Zusammenarbeit mit dem Institut Allensbach ein großes, unter Experten allerdings umstrittenes religionssoziologisches Projekt.

Forster wollte nicht auf ewig Manager bleiben. Dennoch kam es für viele überraschend, als er 1971 einen Ruf an die neu geschaffene Universität Augsburg annahm, wo er noch zehn Jahre Pastoraltheologie lehrte. Seine Antrittsvorlesung am 15. Februar 1973 trug den Titel „Volkskirche ‒ Ghetto ‒ Diaspora. Zur Diskussion um die Bedingungen und Ziele des gegenwärtigen Heilsdienstes der Kirche“. Darin verfolgte er das Anliegen einer dialogisch-missionarischen Pastoral.

Das Bischofsamt blieb ihm versagt.

Mehrfach war Forster für andere Ämter im Blick, etwa für den Guardini-Lehrstuhl in München, den dann Karl Rahner erhielt. 1970 wurde er für den Lehrstuhl Pastoraltheologie und Katechetik als Nachfolger von Leonhard Weber an der Universität München gehandelt. Von Michael Schmaus ausgehend erging über Karl Böck an das bayerische Kultusministerium ein Sondervotum von Klaus Mörsdorf für Karl Forster. Das Gegenvotum sah allerdings die wissenschaftliche Qualifikation als nicht gegeben an und charakterisierte Forsters Methode als eine pastorale Taktik, die teils apologetisch, teils agitatorisch verfahre. Eine Kopie dieses Gutachtens kam Franz Josef Strauß in die Hände, der es zu nutzen wusste.

1977, nach dem Tod von Kardinal Döpfner, wurde Forster schnell als Nachfolger ins Spiel gebracht. Während einer Audienz beim Apostolischen Nuntius, bei der auch seine Kandidatur Thema war, wurde er vom Nuntius erneut auf seine „nationalsozialistische Vergangenheit“ angesprochen. Hinter diesem Vorbehalt wird ein Vorstoß von Strauß an Papst Paul VI. vermutet, der den Montini-Papst als erklärten Faschismusgegner mit diesem Angstvirus impfte. Forster sagte zwar nach außen, dass er froh sei, dass alles im Ergebnis so gekommen sei, nannte manche Erfahrung aber auch schmerzlich. Man lerne mit der wachsenden Zahl an Lebensjahren Welt und Menschen und auch das „Menschliche“ an der Kirche immer besser kennen. Bei der Bischofsweihe von Ratzinger machte er mit seiner Schwester Urlaub in Südtirol. „So gerne ich wegen persönlicher Freundschaften bei der Bischofsweihe des neuen Erzbischofs dabei gewesen wäre – manche der Circumstantes, denen ich unausweichlich begegnet wäre, hätten mein Gemüt sehr belastet“, vertraute er einem Freund an.

Auf dem Weg in den Hörsaal ereilte ihn am 23. November 1981 ein tödlicher Herzinfarkt. Ministerialrat Karl Böck, einer seiner langjährigen Weggefährten und Freunde, hielt fest: Seine Leistung verdiene Bewunderung und Anerkennung, auch wenn die Kirche für geistige Spitzenleistungen nicht viel Lob übrighabe.

Was wäre, wenn Karl Forster1977 Erzbischof von München und Freising geworden wäre …? Die Gestalt der Kirche hängt nicht ausschließlich von einer Person ab und doch sind Gedankenspiele erlaubt: was wäre gewesen, wenn …
________________
Erich Garhammer ist Professor emeritus  für Pastoraltheologie an der Universität Würzburg.

Literatur:
Simon Oelgemöller, Karl Forster (1928-1981). Katholizismus in der politischen Kultur der Bundesrepublik Deutschland, Paderborn 2019.
Hans Maier, Böse Jahre, gute Jahre. Ein Leben 1931ff., München 2011.

Photo: Katholische Akademie in Bayern

Print Friendly, PDF & Email