Lukas Wiesenhütter nimmt eine Bemerkung der Schriftstellerin Cornelia Funke zum Anlass, um über die Bedeutung von Erzählungen für den Glauben nachzudenken.
Die Kinderbuchautorin Cornelia Funke erzählt in einem Podcast-Gespräch der ZEIT davon, wie sie einmal nicht im Kölner Dom interviewt werden durfte. Dann fügt sie folgende Anekdote an: „Das Kontrastprogramm hatte ich in der Kathedrale von Salisbury, da stand ich einmal mit dem Bischof zusammen und habe gesagt: Ich muss zugeben, ich bin keine Christin, ich bin sehr heidnisch. Er lächelte und sagte etwas, das, glaube ich, nur ein englischer Bischof sagen würde: But Cornelia, we’re both in the fantasy business!“[1] Vielleicht war besagter Bischof einfach nur schlagfertig oder verfügte über einen feinen Sinn für Humor. Vielleicht wollte er der Autorin eine höfliche Brücke bauen. Vielleicht hatte er aber auch eine tiefere theologische These im Kopf, so dass es sich lohnen könnte, über seinen Ausspruch nachzudenken.
Zunächst liegt der Impuls nahe, zu widersprechen. Der Theologie geht es schließlich um rationale Nachvollziehbarkeit, sonst wäre sie kaum als Wissenschaft verständlich zu machen. Und der christliche Glaube beharrt auf der Bedeutung konkreter historischer Ereignisse – so sehr, dass im Sonntagsgottesdienst der Name eines römischen Statthalters fällt. „Denn wir sind nicht irgendwelchen klug ausgedachten Geschichten gefolgt…“ (2 Petr 1,16): Wer Theologie betreibt und wer glaubt, ist sicher nicht im selben Sinne im fantasy business wie die Erfinderin von Silberdrachen, sondern besteht darauf, es mit der Wirklichkeit zu tun zu haben.
Der christliche Glaube beharrt auf der Bedeutung konkreter historischer Ereignisse.
Die Bedeutung von Geschichten
Zugleich wäre es vorschnell, sich so gegen bloß erdachte Welten abschotten zu wollen, als hätten diese nichts mit der Wirklichkeit zu tun. Es gibt, wie der Schriftsteller Chinua Achebe insistiert, auch eine „Truth of Fiction“, die uns bei der Orientierung in der Welt hilft und uns zu tieferem Verständnis führt. Achebe beschreibt dabei eine Fähigkeit, die er „imaginative identification“[2] nennt. Unser Vermögen, uns in andere hineinzuversetzen, macht an den Grenzen der Fiktion nicht Halt; wir sind in der Lage, uns auch von erdachten Personen bewegen zu lassen. Warum, so fragt er rhetorisch, erleben wir die Erfahrung eines alkoholkranken Romanhelden unmittelbarer als einen nüchternen Warnhinweis vor den Folgen von Drogenkonsum?[3] Offenbar haben wir die Vorstellungskraft, uns in eine Geschichte hineinzuversetzen und unser Leben in ihrem Licht neu zu sehen. Dies ist dem Glauben nicht fremd, sondern ein Grund, warum die Gleichnisse Jesu besonders bekannt sind. Die Geschichte vom barmherzigen Samariter folgt einem ähnlichen Muster und kann auch dann noch verstanden werden, wenn sie so nicht stattgefunden hat. Mit Achebe könnte sie sogar eine „beneficent fiction“[4] sein, eine Fiktion, die uns Orientierung bietet. Das muss nicht als Flucht in eine Parallelwelt gedeutet werden, eher als neues Licht, in dem wir unsere Gegenwart sehen.
Keine Flucht in eine Parallelwelt, sondern neues Licht, in dem wir unsere Gegenwart sehen.
Wie verhält sich dies zum Gottesglauben selbst? Ein Gleichnis kann seine Weisheit schließlich auch denen vermitteln, die den Glauben nicht teilen. Hier hilft die Reflexion der Religionsphilosophin Eleonore Stump weiter, die auf Achebes Analysen Bezug nimmt und der Beobachtung, dass wir uns durch eine Erzählung in andere und ihre Erfahrungen hineinversetzen können, nachgedacht hat. Einer anderen Person direkt zu begegnen, ist ihr zufolge eine Erfahrung, die nicht auf propositionales Wissen reduzierbar ist. Eine Begegnung von Angesicht zu Angesicht kann ich also nicht angemessen durch eine Liste von Informationen vermitteln, die Fakten über die Person aufzählt, die ich getroffen habe. Die Weitergabe einer solchen „second-person experience“ an Dritte geschieht vielmehr auf eigene Weise: „Das ist im Allgemeinen das, was wir tun, wenn wir eine Geschichte (story) erzählen. Eine Geschichte nimmt reale oder vorgestellte Zweite-Person-Erfahrungen (second-person experiences) auf und ermöglicht es, sie mit einem größeren Publikum zu teilen.“ [5] (Übersetzung L.W.)
Eine Geschichte vermittelt Stump zufolge eine interpersonale Begegnung und die mit ihr gemachten Erfahrungen angemessener als andere Formen der Wissensvermittlung. Von Gott bekennt der christliche Glaube, dass er die Menschen wie Freunde anredet (Dei Verbum 2) und sich in Christus selbst offenbart. In dem Maße, in dem es dem Gottesglauben um eine Begegnungsgeschichte von Gott und Mensch geht, spielen Erzählungen eine Rolle, so dass Stump deren Bedeutung immer wieder betont. Es hat also einen guten theologischen Grund, wieso in der Liturgie immer wieder erzählende Texte verlesen werden, anstatt sie vorschnell in eine andere Sprachform zu übersetzen.[6] Denn auch die Weitergabe der Begegnungserfahrung mit der Person Jesu Christi geschieht dann in entscheidender Weise durch Erzählungen.
Auch wenn Stump selbst darüber nachdenkt, ob und wie fiktionale Texte eine Begegnungserfahrung transportieren können, wird aus Sicht des Glaubens erneut der Unterschied zur Fantasy-Welt betont werden: Die transportierte Begegnungserfahrung lebt von ihrer Verwurzelung in der Geschichte; story und history gehören hier zusammen. Exemplarisch bringt das Weihnachtsfest beides in verschränkter Weise zusammen: den Verweis auf die konkrete Geschichte des Juden Jesus von Nazareth und die literarische story, die die Bedeutung dieser Geburt durch die Jahrhunderte erfahrbar macht und uns so erlaubt, in die Geschichte ‚einzusteigen‘. Dafür ist nicht einmal eine spezifisch christliche Spiritualität vorausgesetzt, sondern schlicht das, was Achebe „imaginative identification“ nennt. Entsprechend dieser Verschränkung von Historie und Erzählung benennt das Martyrologium Romanum bei seiner Datierung der Geburt Jesu sogar ein konkretes Jahr der Regierungszeit des römischen Kaisers Augustus, während die narrativen Evangeliumstexte von der Geburt Christi einladen, eine second-person experience nachzuvollziehen. Theologie ist daher mit guten Gründen zumindest im story business.
Vorstellungskraft
Dem Satz des Bischofs kann sich noch aus einer grundsätzlicheren Richtung genähert werden. Judith Wolfe hat in ihrem Werk deutlich gemacht, wie all unser Erkennen immer auch unser Vorstellungsvermögen involviert. Dabei geht es ihr explizit nicht um ausgedachte Welten und Fabelwesen, sondern um einen alltäglichen, uns oft verborgen bleibenden Prozess. In den Spuren Kants erinnert sie daran, dass Erkenntnis prinzipiell nicht einfach ein Ablesen von Daten aus der Wirklichkeit ist, sondern diese gestaltend, ordnend und deutend von uns angeeignet werden. Dieses Wechselspiel beschreibt sie als „constant interplay of finding and making“[7]. Offenkundig wird uns das etwa beim Betrachten von Kunst, die uns mitunter sogar zwingt, eine Deutung vorzunehmen oder die Unmöglichkeit einer eindeutigen Interpretation auszuhalten.[8] Diese Erfahrung kann als Augenöffner fungieren dafür, wie unser Zugriff auf die Wirklichkeit sich immer vollzieht. Das Kunstwerk konfrontiert uns mit der fragmentarischen Deutung der Welt, die Wolfe als Unabgeschlossenheit interpretiert. Jede Deutung unserer Erfahrungen bleibt angefragt, kann aber auch eine Verheißung bergen: „Wenn Erfahrungen von Herrlichkeit oder Liebe mehr als bloße Illusionen sind, könnten sie darauf hindeuten, dass unsere alltägliche Arbeit daran, Sinn zu erschließen, die ständige Vorwegnahme einer Ganzheit ist, die wir erblickt haben, aber nicht wieder einfangen können.“ [9] (Übersetzung L.W.)
Das Kunstwerk konfrontiert uns mit der fragmentarischen Deutung der Welt
Auch dieser hoffende Ausgriff auf eine mögliche Erfüllung ist, ähnlich wie unsere Wahrnehmung insgesamt, nicht einfach aus der Welt abgelesen, sondern eine Deutung, etwa im Horizont des Glaubens. Mit Fantasie hat dies gemeinsam, dass der bloße Ist-Zustand überstiegen wird und radikal andere Möglichkeiten in den Blick kommen. Das ist aber keine Fantasie, die Alternativwelten erdenkt, sondern Erfahrungen dieser Welt interpretierend ernstnimmt. Die Pointe ist beinahe das Gegenteil eines oberflächlichen Verständnisses des bischöflichen Ausspruchs: Der Glaube ist nicht Gespensterei; vielmehr involviert jede Wirklichkeitserschließung unsere Vorstellungskraft. Ähnlich aber wie Wolfe einem Gemälde oder Gedichten zutraut, uns wie Stolpersteine darauf hinzuweisen, wie wir (nicht) auf die Welt blicken, kann das wohl auch ein Buch voller Fantasiewesen. Augenöffnend ist dann nicht, ob Menschen im Buch fliegen können oder mit Einhörnern sprechen, sondern wie sie uns mitten in der Alltagswelt auf die großen Fragen von Freundschaft oder Trauer blicken lassen und so zu einem theologischen Lernort werden.
Der Bischof in der Kathedrale von Salisbury hat einen nachdenkenswerten Satz gesagt. Vielleicht wäre er mit dieser Interpretation seiner Aussage einverstanden: But Cornelia, we’re both in the imagination business!
___
Beitragsbild: pixabay.com
[1] Christoph Amend, Jochen Wegner: „Was ist Fantasie? Mein Gott, was für eine Frage“, Interview mit Cornelia Funke, in: Die Zeit (30.3.2025), online: https://www.zeit.de/kultur/literatur/2025-03/cornelia-funke-kinder-jugendbuch-autorin-leben/seite-3. (Für den hörenswerten Kontext: Podcast “Alles gesagt?”, Folge vom 4.4.2025, ab 03:41:00.)
[2] Chinua Achebe: The Truth of Fiction, in: Ders.: Hopes and Impediments. Selected Essays, New York 1989, 138-153, hier: 144. In diesem Abschnitt greife ich Überlegungen aus meinem BloKK-Beitrag „Es begab sich aber zu der Zeit…“ auf: https://blogs.uni-paderborn.de/zekkblog/2023/12/22/es-begab-sich-aber-zu-der-zeit/
[3] Vgl. Achebe, The Truth of Fiction, 143 f.
[4] Ebd., 148.
[5] Eleonore Stump, Wandering in Darkness. Narrative and the Problem of Suffering, Oxford 2010, 78. Für ihre Auseinandersetzung mit Achebe vgl. ebd., 36: „This is generally what we do when we tell a story. A story takes a real or imagined set of second-person experiences of one sort or another and makes it available to a wider audience to share.”
[6] Vgl. bereits die Mahnung bei Harald Weinrich, Narrative Theologie, in: Concilium 9 (1973), 329–333, hier: 331.
[7] Judith Wolfe, The Theological Imagination. Perception and Interpretation in Life, Art, and Faith, Cambridge 2024, 9.
[8] Vgl. ebd., 87.
[9] Ebd., 163: „If experiences of glory or love are more than merely illusory, then they may suggest that our daily work of sense-making is, in part, a continual prolepsis to a wholeness that we have glimpsed but cannot recapture.”


