Auch Feminismus braucht ein ökonomisches Fundament

Feminismus in Ost- und Westdeutschland – dieses Thema stellen wir in einer Interview-Reihe in den nächsten Wochen immer mittwochs vor. Es geht um Anfänge, Aufbrüche und Aktuelles. Eva Harasta interviewte für feinschwarz.net Feministinnen aus Ost und West. Heute im Gespräch mit Samirah Kenawi.

Samirah Kenawi, 1962 in Ostberlin geboren, studierte nach Abitur und Tischlerinnenlehre an der TU Dresden Holzverarbeitung. Nach dem Diplom arbeitete sie als wissenschaftliche Mitarbeiterin im Forstwissenschaftlichen Institut in Eberswalde. Seit 1984 war sie in mehreren inoffiziellen DDR-Gruppen aktiv. 1990 leitete sie das Berliner Büro des Unabhängigen Frauenverbandes (UFV), erkannte aber bald, dass dessen ideale Gesellschaftsentwürfe ohne ein ökonomisches Fundament nicht durchsetzbar sind. 2009 erschien ihr Buch „Falschgeld: Die Herrschaft des Nichts über die Wirklichkeit“. Sie ist die Gründerin des Archivs GrauZone, das die Arbeit der nichtstaatlichen Frauengruppen in der DDR seit Mitte der 1980er Jahre dokumentiert. Neben persönlichen Unterlagen befinden sich darin auch die Dokumente des Unabhängigen Frauenverbandes (UFV) und etwa 2000 Fotos von Gruppentreffen, Friedenswerkstätten, Frauenfesten, Tagungen, Demonstrationen, Lesbenforen und Frauencamps.

Harasta: Wie waren Sie persönlich am feministischen Aufbruch von 1989 beteiligt?

Kenawi: Ich denke nicht, dass 1989 ein feministischer Aufbruch war! Der Zusammenbruch der DDR hatte im Wesentlichen wirtschaftliche Gründe. Allerdings glaubten wir im Herbst 1989, wir könnten Gesellschaft jetzt aktiv mitgestalten. Wir wollten den Sozialismus reformieren, keinen Anschluss an die BRD. Mit dem Fall der Mauer war mir jedoch sofort klar, dass diese Chance vertan war.

Statt die Emanzipation der Frauen weiterzuentwickeln, wurden unsere Rechte beschnitten.

 In der Umbruchsituation wurden viele Konzepte für eine Reform der Gesellschaft vorgelegt. In diesen Prozess wollten wir unsere feministischen Konzepte einbringen. Rückblickend lässt sich feststellen, dass von den Forderungen der ostdeutschen Frauenbewegung nichts umgesetzt wurde. Statt die Emanzipation der Frauen weiterzuentwickeln, wurden unsere Rechte beschnitten. Wir sahen uns plötzlich im Familienrecht mit Gesetzen konfrontiert, deren Antiquiertheit uns geradezu erstaunte. Auch wenn das Lebensniveau in der DDR insgesamt niedriger war als im Westen, waren Frauen in der DDR doch juristisch und ökonomisch den Männern stärker gleichgestellt. Deshalb befürchteten wir zu Recht, dass Frauen im Vereinigungsprozess viel verlieren werden. Tatsächlich hatte ein Verlust ökonomischer Unabhängigkeit für viele Frauen weitreichende Folgen.

Rückblickend frage ich mich, ob der Vereinigungsprozess erfolgreicher verlaufen wäre, wenn wir das westdeutsche politische System besser verstanden hätten. Leider haben uns die westdeutschen Linken und Feministinnen hierbei in keiner Weise geholfen. Ich denke, weil sie aus völligem Desinteresse am realen Sozialismus keinerlei Kenntnis der Unterschiede zwischen den Systemen hatten. Ein Problem waren die völlig anderen Verhandlungsstrategien. Während wir in der DDR stets mit einem realistischen, auf breiten gesellschaftlichen Konsens angelegten Vorschlag in eine Verhandlung gingen, habe ich erst Anfang der 90er Jahre verstanden, dass in der westlichen Demokratie immer nur Klientelpolitik gemacht wird, in der jede Partei stets mit Maximalforderungen in eine Verhandlung geht, um in einem Aushandlungsprozess Abstriche machen zu können. Als mir dies klar wurde, habe ich auch erst verstanden, warum uns die Forderungen der westdeutschen Feministinnen oft so überzogen erschienen und so fern der gesellschaftlichen Realität waren.

Harasta: Wie sehen Sie heute diese Zeit?

Kenawi: Ich denke, dass der Zusammenbruch des Sozialismus eine vertane Chance war, die wir nicht nutzen konnten, weil wir keinerlei Konzepte hatten, die über eine Reform des Sozialismus hinausgingen.

Wir brauchen Sozialismus- bzw. Marxismuskritik und Kapitalismuskritik!

Ich bin sicher, dass die gravierenden Probleme, vor denen die Gesellschaft heute steht, im Kern ökonomische Ursachen haben und dass wir zur Lösung dieser Probleme (Klimawandel, Umweltverschmutzung, militärische Konflikte und aus all dem folgende Migration) völlig neue Konzepte brauchen. Wir brauchen Sozialismus- bzw. Marxismuskritik und Kapitalismuskritik!

Die Geschlechterfrage sehe ich als Teil der gesellschaftlichen und ökonomischen Konflikte. Ich glaube, wir stehen an einem Scheideweg. Gelingt es uns, unseren technischen Lebensstandard durch gravierende ökonomische Reformen im Kern zu bewahren, haben wir die Chance egalitäre Geschlechterverhältnisse zu entwickeln. Haben wir nicht die Kraft zu radikalen Reformen, wird die menschliche Gesellschaft – wie ich fürchte – in neofeudale Verhältnisse zurückfallen. Dann wird es zu einer erschreckenden Re-Patriachalisierung kommen.

Frauen haben nicht aus purer Lust oder Langeweile juristische Gleichstellung gefordert.

Ich sehe die Veränderung von Geschlechterverhältnissen immer als Folge einer Veränderung wirtschaftlicher Verhältnisse. Frauen haben nicht aus purer Lust oder Langeweile juristische Gleichstellung gefordert, sondern sie taten dies, nachdem sie durch Wegfall männlicher Ernährer zu ökonomischer Unabhängigkeit gezwungen wurden. Erst diese Unabhängigkeit ließ auch die Forderung nach sozialer, juristischer und politischer Gleichstellung in den Frauen wach werden. Umgekehrt sehe ich immer wieder, dass Frauen für einen männlichen Versorger gern auf emanzipatorische Rechte verzichten.

Heute wird das Archiv erstaunlicherweise vor allem von jungen Frauen gut genutzt.

 Harasta: Was ist das Archiv GrauZone und was hat Sie dazu bewegt, es zu gründen?

Kenawi: 1988 fing ich mit einer Gruppe von Frauen an, „graue Literatur“ zu sammeln, also Schriften, die in der DDR in kleinen Auflagen inoffiziell gedruckt wurden. Wir wollten diese Literatur einem größeren Kreis von Frauen zugänglich machen. Ab 1990 begann ich Dokumente der DDR-Frauenbewegung zu sammeln, um diese Geschichte zu bewahren. Ich wollte damit den DDR-Frauen einen Zugang zu ihrer eigenen Geschichte sichern und zugleich der westdeutschen Frauenbewegung zeigen, dass es eine ganz eigene DDR-Frauenbewegung gegeben hatte, die zum Teil andere Ziele vertrat und andere Handlungsoptionen hatte. Das Archiv sollte zu einem Austausch zwischen West- und Ost-Frauenbewegung beitragen. Da gab es – denke ich – manches, was wir voneinander lernen konnten.

Heute wird das Archiv erstaunlicherweise vor allem von jungen Frauen gut genutzt. Das überrascht mich, denn ich hatte gedacht, irgendwann ist das Interesse an DDR-Frauengeschichte erloschen. Doch anscheinend sucht jede junge Frauengeneration erneut nach der Emanzipationsgeschichte und nach Vorläuferinnen. Aber mein Anliegen, dass das Archiv zu einem Austausch zwischen westdeutschen und ostdeutschen Frauen beitragen könnte, hat sich nicht erfüllt. Frauen aus der westdeutschen Frauenbewegung haben kaum Interesse an der ostdeutschen Frauenbewegung vor 1989. Ich bin immer wieder erstaunt und frustriert zu erleben, dass DDR Geschichte noch immer nur ein Randkapitel in der deutschen Geschichte ist und kein gleichberechtigter Teil. Wenn das Thema einmal ausnahmsweise auf die DDR kommt, wird mir immer wieder von Westdeutschen – die oft genau wissen, dass ich aus der DDR komme – die DDR erklärt. Es gibt kaum Interesse zuzuhören und keinen Gedanken daran, dass auch aus diesem Teil der Geschichte etwas zu lernen sein könnte.


Das Interview führte PD Dr. Eva Harasta, Studienleiterin für Theologie, Politik und Kultur an der Evangelischen Akademie Sachsen-Anhalt e.V. in Lutherstadt Wittenberg.


Interessierte am Thema sind bereits jetzt herzlich zur Tagung „Ohne Frauen ist kein Staat zu machen. Frauenbewegungen in Ost und West“ (7. bis 9. Mai 2021) eingeladen – u.a. mit Samirah Kenawi.


Beitragsbild: Rolf Walter, Robert-Havemann-Gesellschaft

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