Flüchtige Gedanken am Andersort Bahnhof

Berlin, Hauptbahnhof

In der Zeit des Umbaus des eigenen Hauses lud (sich) die katholische Akademie Würzburg an „Andersorte“ ein – u.a. in den Würzburger Hauptbahnhof. Warum nur während der Umbauphase? Von Birgit Hoyer.

Montag Frankfurt, Dienstag Erfurt, Mittwoch München, Donnerstag Stuttgart, Freitag Würzburg – so kann eine Arbeitswoche bei mir aussehen. Ich bin mit der Bahn unterwegs und ich verbringe viel Zeit an Bahnhöfen. Dieser Ort ist mir seit Kindheit vertraut und in meinem beruflichen Unterwegssein sind Bahnhöfe bequeme Treffpunkte, angenehme Aufenthaltsorte für Besitzerinnen einer Bahncard Comfort. Allerdings gibt es da Unterschiede: zwischen den Bahnhöfen mit DB-Lounge und ohne, zwischen Bahnhöfen mit Shopping Mall und denen, die als Fragment zwischen riesigen Baugruben liegen, es gibt Unterschiede zwischen Menschen mit Zutritt zur Lounge und selbst innerhalb einer Lounge wird nochmal unterschieden zwischen 1. Klasse und „Normalcomfort“.

Bahnhöfe sind nicht nur mein Thema, sondern Thema der Philosophie zur Illustration der Konzepte von Andersorten, Nicht-Orten, Heterotopoi. Orte sind Thema vieler Wissenschaften – als Spiegelbild zum Andersort lässt sich der Heimatort setzen. Marc Augé, französischer Ethnologe und Antropologe meint: „Die Person ist dort zuhause, wo sie sich in der Rhetorik der Menschen auskennt.“ Insofern sind mir Bahnhöfe – ganz im Gegensatz zu Flughäfen – Heimat. Hier kenne ich mich aus.

Was ist eigentlich anders am Ort Bahnhof? Für wen ist Bahnhof ein anderer Ort, nicht der eigene Ort? Wer ist am Ort Bahnhof nicht zuhause? Warum ist Kirche nicht am Bahnhof. Mit Papst Franziskus steht die Frage im Raum: „Wo ist der Ort der Kirche? Wo ist wer Kirche? Bahnhof ist – so meine These – kein Nicht-Ort – kein Ort ohne Identität, kein Ort außerhalb der Gesellschaft, Bahnhof ist der charakteristische Ort heutiger Gesellschaften, ein diese Gesellschaften charakterisierender Ort.

Wir sind in der Epoche des Nebeneinander.

Der Philosoph Michel Foucault hat bereits 1967 geschrieben. „Wir sind in der Epoche des Simultanen, wir sind in der Epoche der Juxtaposition, in der Epoche des Nahen und des Fernen, des Nebeneinander, des Auseinander. Wir sind, glaube ich, in einem Moment, wo sich die Welt weniger als ein großes sich durch die Zeit entwickelndes Leben erfährt, sondern eher als ein Netz, das seine Punkte verknüpft und sein Gewirr durchkreuzt.“ Die Gesellschaften, die Menschen dieser Zeit sind in Bewegung – innerlich wie äußerlich. Bewegung, Vielfalt, immer noch schnellere Bewegung, Beschleunigung und immer noch mehr Vielfalt, Vervielfältigung, ständige Ortswechsel im Innen wie im Außen prägen uns und alle Lebensbereiche. Nebeneinander, Durcheinander in ständiger Bewegung ist nicht mehr Ausnahmezustand, sondern Normalität.

Innere Vielfalt und Beweglichkeit ist notwendig, nur so sind wir überlebensfähig in der Vielfalt und den Widersprüchen der Gesellschaft. „Die eigene innere Vielfalt zu akzeptieren und eine Vielzahl von Formen des Individuum-Seins zu akzeptieren ist […] eine Voraussetzung, um mit Pluralität in der Gesellschaft leben zu können, ohne rigide unterordnen und ausgrenzen zu müssen, “ so die Soziologin Helga Bilden. Das ist, was die Erfahrung von Modernität ausmacht: dass unterschiedliche Kontexte an uns zerren, manchmal gleichzeitig. Wir sind daran gewöhnt, die Kontexte zu wechseln. Wir sind ständig mit Widersprüchen, mit Multiperspektivität, mit Unterschiedlichkeiten konfrontiert. Die Vervielfältigungen finden nicht nur außerhalb von uns, um uns herum statt, sondern in uns.Ich bin Viele.

Ich bin Viele.

Was uns als Chaos und Ausnahmezustand vorkommt, ist der Normalfall – „und zwar in dem prinzipiellen Sinne, dass nichts je zu einem Ende kommen kann. Diese Gesellschaft ist so schnell, sie hat so viele Kontexte hat, dass es immer auch noch einen anderen, einen weiteren Blick gibt, der jeglichen Schlusssatz konterkariert.“ Der Soziologe Armin Nassehi sagt das und setzt diese Gesellschaft in Kontrast zur vatikanischen Formel: Roma locuta, causa finita – Rom hat gesprochen, und damit ist der Fall erledigt. Mit dem Gestus des Roma locuta treten immer noch viele – nicht nur in der Kirche – auf, aber causa finita – das geht schon lange nicht mehr.“

Der Soziologe Hartmut Rosa, ein Star seines Fachs seit er 2005 seine Habilitationsschrift „Beschleunigung“ veröffentlicht hat, führt Alltagszeit, Lebenszeit und die übergreifende Zeit der Epoche, die uns prägt, zum „In-der-Zeit-Sein“ zusammen und kommt dabei zum Schluss: „Das Bewusstsein erhält sich, dass die Zukunft anders sein wird. Aber sie geht nirgendwo mehr hin, sie wird ziellos. Der Mensch entwirft sich seither nicht mehr langfristig, über die ganze Strecke seines Lebens hin. Sondern er muss nun alle paar Jahre abschätzen, ob er noch richtig liegt mit der Art, wie er lebt, wohnt und arbeitet.“

Bewegung, Mobil, unterwegs sein – wir machen mobil – so das Motto der Deutschen Bahn. Was sind Bahnhöfe in dieser permanenten Mobilität? Start- und Zielpunkt, v.a. Umsteigestationen an Knotenpunkten, in andere Richtungen, auf andere Verkehrsmittel. Zielbahnhof ist irreführend, auch Heimatbahnhof, der Bahnhof ist nicht das Ziel.

Der Bahnhof: kein Ort zum Bleiben

Bahnhöfe sind keine Orte zum Bleiben, zum Zeit haben – auch nicht die mit Lounges, nicht einmal für die Comfortbahncardwesen wie mich und v.a. nicht für die Mehrzahl der Menschen. Interessant ist: in den Zügen hat man Zeit – nicht am Bahnhof. Bahnfahren – diese Zeit gehört Dir – wirbt die Bahn gerade. Zeit für Dich – Zeit zum Schreiben. Der Bahnhof dagegen, kein Ort mit Zeit, kein Ort zum Bleiben – auch nicht für Kirche? Ist Ihnen schon mal aufgefallen, dass es an Bahnhöfen keine Kirchen gibt, keine Gebetsräume. Warum eigentlich nicht? Warum dann auf Flughäfen, warum Autobahnkirchen?

Der Bahnhof ist kein Ort zum Bleiben und gerade darin ist er ein Prototyp, Proto-Ort unserer Zeit. Bahnhöfe sind nicht mehr die interessanten Zwischenstationen weltoffener Globetrotter. Es sind Einstiegsorte, Umsteigeorte, Hemmnisse und Ärgernisse in der großen, ständigen, alles durchziehenden Mobilität, Flexibilität, Kurzatmigkeit unserer Zeit. Alles wird schneller. Wir müssen also akzeptieren, dass in uns, um uns unermessliche Vielfalt herrscht und wir uns ständig zwischen und irgendwohin bewegen, ohne wirklich jemals zu einem Ende zu kommen.

Diese Tatsache zeigt sich in einem großen Rätsel: „dass wir mit Hilfe der Technik in Verkehr und Kommunikation ständig Zeit gewinnen, nur um sie wieder zu verlieren. Wir leben in einer modernen Parallelgeschichte des Zeitwohlstands und der Zeitknappheit. Zeitknappheit als Lebensgefühl, das ist ein durch und durch modernes Phänomen, ein Rätsel, über das wir uns viel zu wenig wundern.“ Das sagt der Soziologe Hartmut Rosa. Die Zeit im Zug wird immer kürzer, der Reisetakt wird enger. Bamberg-Köln und zurück an einem Tag.

Und dazwischen Bahnhöfe, keiner ein Ort zum Bleiben – und die, die bleiben wollen, die Zeit haben, werden vertrieben, davon abgehalten zu bleiben – Obdachlose, Flüchtlinge. Auch darin ein Ort unserer Zeit, ein Ort, an dem Gesellschaft zusammenkommt, aber sich nicht begegnet, aufeinanderprallt, Bahnhöfe als Risikoorte, politisch brisante Orte, Konfliktorte – nicht nur, wenn man zwischen die Lager von Fußballfans gerät, Bahnhöfe als Orte der Gewalt, der Angst – der Überwachung, der Kontrolle.

Wo ist Kirche an diesem Ort, in dieser Gesellschaft, in der Beschleunigung und Vervielfältigung? Wenn sich Kirche Kirche nennen will, dann muss sie mittendrin sein. Kirche hat sich radikal ohne Distanz und Angst mit vollem Risiko, in die Leben der Menschen von heute zu verschwenden. Dazu hat sie sich selbst in ihrer Verfassung, in der Pastoralkonstitution des Zweiten Vatikanischen Konzils, im ersten Satz von Gaudium et spes unmissverständlich verpflichtet: „Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Menschen von heute, besonders der Armen und Bedrängten aller Art, sind auch Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Jünger Christi. Und es gibt nichts wahrhaft Menschliches, das nicht in ihren Herzen Widerhall fände.“ (GS 1)

Hier steht ein klares „sind“, kein Ausweichen möglich. Die Themen der Kirche sind die Themen der Menschen und nur so ist Kirche Kirche, wenn sie sich die Themen der Menschen zu eigen macht. Und Grund, Mitte und Ziel dieser Kirche Jesu Christi ist ein Gott, der sich genau in diese Menschen von heute, in die Lebenslagen, die Wanderungen und Stationen der Menschen heute verschwendet. An diesem Gott kommt Kirche nicht vorbei, kommt ihm nur nahe, wenn sie selbst überfließt von Gnade und Barmherzigkeit, von Zeichen, Zeiten, Worten und Orten des Lebens in die Welt. „Das volle Menschsein erreichen wir, [so Papst Paul VI.] wenn wir mehr als nur menschlich sind, wenn wir Gott erlauben, uns über uns selbst hinaus zu führen, damit wir zu unserem eigentlicheren Sein gelangen.“

Kein Mensch muss glauben.

Kirche und Theologie sind mit dem Theologen Eberhard Jüngel davon überzeugt: „der Mensch ist darin Mensch, daß er sich auf einen anderen als er selbst zu verlassen vermag. Dazu gehört aber, daß er sich selbst zu verlassen vermag. Menschsein heißt: sich verlassen zu können.“ Das ist der Kern christlichen Glaubens: sich verlassen, sich auf andere einlassen, sich über sich hinausführen lassen – unterwegs sein zum Anderen, der nicht in erster Linie Christ, sondern Mensch ist. Und gerade durch die Beschleunigungen und Vervielfältigungen unserer Zeit beginnen wir vielleicht mehr denn je zu ahnen, was ein Gott sein kann, der nicht notwendig ist, um Hierarchien zu rechtfertigen, sondern einfach, wie der Theologe Otmar Fuchs meint, „Luxus, Gratisbeigabe überfließender Gnade. Er ist nicht notwendig für ein gutes Leben. […] Kein Mensch muss glauben, um von Gott geliebt zu werden, dies ist ohnehin der Fall.“

Hartmut Rosa antwortet im Interview auf die Frage: Was also bleibt uns übrig: Mit der Beschleunigung leben lernen? „Wir sollten darüber nachdenken, was wir eigentlich wollen, was ein ‚gutes Leben‘ ist. In den einschlägigen Ratgebern ist immer nur von Ressourcensteigerung die Rede: Wie werden Sie glücklicher? Wie werden Sie reicher? Wie finden Sie bessere Freunde? Ich behaupte: Wer diesen Ratgebern folgt, verfehlt das gute Leben. Stattdessen geht es um musikalische, körperliche, auch soziale Erfahrungen – Erfahrungen, die jenseits des Steigerungszwangs liegen […] religiöse Erfahrungen […] unbedingt. Die Bibel ist ein einziges Dokument des Flehens, des Hoffens und Schreiens nach irgendeinem, der da ist und antwortet. Sie gibt ein Resonanzversprechen: Da ist jemand, der hört dich. Deshalb ist Religion für viele – entgegen allen soziologischen Prognosen – auch weiterhin ein attraktiver Erfahrungsbereich.“

Resonanz ist das Schlüsselwort, wenn Kirchen Kirche sein wollen. Dann müssen sie Resonanzraum sein, der, wenn er lang genug von den Bewegungen der Menschen schwingt, Transformationsraum, Raum der Veränderung, der Verwandlung werden kann.

Schöne Worte – und was heißt das an diesem Nicht-Andersort Bahnhof? Es gibt sie tatsächlich zum Beispiel am Würzburger Hauptbahnhof – die Kirche in den vielfältigen Lebenssituationen der Menschen, im Nächsten, den sie mit Jesus fragt, was willst Du, dass ich Dir tu, – nicht hier und mit dieser Veranstaltung, nicht als konfessionell sich abgrenzende Kirche, sondern ganz praktisch in den Menschen der Bahnhofsmission. „Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Menschen von heute, besonders der Armen und Bedrängten aller Art, sind auch Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Jünger Christi. Und es gibt nichts wahrhaft Menschliches, das nicht in ihren Herzen Widerhall fände.“(GS 1)

Das heißt hier: Jeder Mensch ist so wichtig, dass seine Sorgen, die aller Mitglieder der Kirche Jesu Christi sind. Ja das Anziehen dieser Sorgen macht diese Kirche erst zur Kirche. Die Kirche Jesu Christi ist der Resonanzraum, der Transformationsraum aller menschlichen Anliegen, der Erfolge und des Scheiterns, der Trauer und der Freude, der Angst und des Muts – jedes einzelnen Individuums.

Dieser Raum schwingt von unseren beschleunigten Leben, von unseren verschiedensten Ichs, von den Geschichten und Erfahrungen, den Herausforderungen und Sorgen. „So haben die Evangelisierenden den „Geruch der Schafe“, und diese hören auf ihre Stimme. Die evangelisierende Gemeinde stellt sich also darauf ein, zu ‚begleiten‘. Sie begleitet die Menschheit in all ihren Vorgängen, so hart und langwierig sie auch sein mögen. […] Das setzt voraus, dass sie wirklich in Kontakt mit den Familien und dem Leben des Volkes steht und nicht eine weitschweifige, von den Leuten getrennte Struktur oder eine Gruppe von Auserwählten wird, die sich selbst betrachten.“

Bahnhof: ein Ort ohne Zeit-, Offenbarungs- und Wiedereingliederungsdruck

Diese Sätze übersetzt die Bahnhofsmission Würzburg in Taten und in Worte: „Der Bedarf an einer zentral gelegenen offenen Anlaufstelle ohne vorherige Terminvereinbarung, ohne Zeit-, Offenbarungs- und Wiedereingliederungsdruck und ohne die Notwendigkeit, sich über die eigene Problemlage bereits im Vorfeld im Klaren zu sein, ist groß. Die Zahl einsamer, sozial isolierter und in materieller Armut lebender Menschen nimmt zu. Die Arbeit der Bahnhofsmissionen setzt hier an: Bahnhofsmissionen sind offen für alle Menschen, die Hilfe suchen, gleich welcher spezialisierten ‚Hilfebedarfsgruppe‘ sie zuzurechnen sind und wie groß – oder auch klein – ihr persönliches Anliegen sein mag. Ein Angebot für alle Menschen, die nicht weiter wissen.“

Solange Bahnhofsmission nicht Kirche heißt, ist Kirche keine Kirche.

(Birgit Hoyer; Bild: Susanne Schmich / pixelio.de, Berlin, Hauptbahnhof)

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