Weltweit beten mit Frauen in Kuba

Am heutigen Freitag ist es wieder so weit. Landauf landab kann man sich einklinken in die größte und älteste ökumenische Bewegung weltweit – den Weltgebetstag der Frauen. Von Ulrike Bechmann.

Frauen aus Kuba verfassten für dieses Jahr den Gottesdienst. Rund um den Globus nehmen Frauen am Weltgebetstag deren Worte als eigenen Gottesdienst (für die ganze Gemeinde!) auf – in jedem Jahr aus einem anderen Land! Die Feiern beginnen an jedem ersten Freitag im März in Tonga an der Datumsgrenze, und enden in Hawai, den Ländern des amerikanischen Kontinents. Seit den 1930er Jahren feiern Frauen in Kuba schon den Weltgebetstag, heute in über 20 Orten mit Frauen aus etwa 30 christlichen Konfessionen.

Spirituelle Herausforderung von Beten und Handeln

Untrennbar gehören Beten und Handeln für eine gerechte Welt beim Weltgebetstag zusammen. Es ist einerseits eine spirituelle Herausforderung und gleichzeitig eine tiefgreifende Solidarität, jedes Jahr neu Worte unbekannter Frauen zu den eigenen zu machen, sie in eine ökumenische Gottesdienstfeier umzusetzen und ihnen, die sonst keine Stimme haben, weltweit Gehör zu verschaffen. Wer sich auf den Weltgebetstag einlässt, beginnt eine Reise ins Andere, deren Richtung nicht selbstgewählt ist. Um die Anderen besser zu verstehen, steht hinter dem Motto „Informiert beten, betend handeln“ eine monatelange Bildungsarbeit über Politik, Wirtschaft, Kultur, Soziales, die Situation der Frauen, Religion und Ökumene in dem jeweiligen Land. Frauen beten nicht nur für andere Frauen, sondern mit ihnen. So formulierte schon der Verband der Frauenwerke für die Äußere Mission 1928 die essentielle, entscheidende Haltung am Weltgebetstag. Diese Haltung entspringt der Einsicht in die Würde und Selbstbestimmung von Frauen.

Kontextueller Theologie begegnen

Der Gottesdienst ist eine Begegnung mit kontextueller Theologie, insbesondere in der Bibelauslegung innerhalb des Liturgietextes. Wer am Weltgebetstag teilnimmt, praktiziert in der Auseinandersetzung mit der Liturgie und dem fremden Kontext einen Dialog und diskutiert nicht auf theoretischer Ebene über fremde Frauen. So praktiziert der Weltgebetstag Ökumene im Sinn von Lernen voneinander und respektvollen Umgangs mit anderen als Basis für ein Zusammenleben in Frieden.

Solidarisches Handeln

Eine solche Vertiefung legt den Grund für solidarisches Handeln. Ein sichtbares Zeichen dafür sind die Kollekten aus den Gottesdiensten in Deutschland, die neben der internationalen Weltgebetstagsbewegung vor allem Frauen- und Mädchenprojekte weltweit unterstützen, aber auch politische Aktionen, die mit Anliegen von Frauen des jeweiligen Landes verbunden sind. Anlässlich des Weltgebetstags am 4. März 2016 verweist etwa „Amnesty International“ auf die kritische Situation der kubanischen Menschenrechtsorganisation „Damas de Blanco“ und die steigende Anzahl von Kurzzeitinhaftierungen hin.

Kuba 2016: Kinder im Zentrum der Liturgie

Welches Land im Mittelpunkt steht, entscheidet das Internationale Weltgebetstagskomitee in langer Vorausplanung. Es bestimmt auch das Jahr und das Thema, das oft weltweit große Relevanz hat. Die Kubanerinnen interpretieren das biblische Zitat „Nehmt Kinder auf und ihr nehmt mich auf“ (Mk 10,15) aus ihrer Sicht. Und die Frauen nutzten es als Chance, über ihr Leben und das ihrer Kinder zu sprechen. Denn Frauenrechte und Gleichberechtigung stehen in Kubas Verfassung, im privaten Alltag aber klaffen Ideal und Wirklichkeit oft himmelweit auseinander. Die Folgen der gesellschaftlichen Umbrüche treffen sie besonders hart. Insbesondere meist berufstätige Frauen sind häufig allein verantwortlich für Haushalt, Kinder und die Pflege Angehöriger.

Frauen sprechen über das allzu oft gefährdete Leben von Mädchen in Kuba

Als roter Faden zieht sich das Leben der Kinder durch. Insbesondere Mädchen, ihre Mütter und Großmütter, sowie deren Beziehung zueinander kommen durch individuelle Sprechstimmen in den Blick. Frauen erinnern sich an ihre Zeit als Kinder. Kinder bekommen eigene Stimmen. Alle zusammen sprechen über den Glauben, der vor allem in der Familie durch die Großmütter weitergegeben wird – immer zu hören auf dem Hintergrund der politischen Geschichte Kubas. Sie sprechen aber auch über das allzu oft gefährdete Leben der Kinder. Insbesondere das Wohl der Mädchen wird ernstgenommen. Unterschiedliche Perspektiven auf das Leben von Kindern spiegeln sich in dem, was in der Liturgie den Sprechstimmen von Kindern und Erwachsenen in den Mund gelegt wird.

Die Perspektive der Mädchen

Wenn die Mädchen im Gottesdienst sprechen, dann werden sie – ganz im Sinn des Evangeliums – als Menschen mit eigenständiger Stimme ernstgenommen und vorgestellt. Man hört hier nicht einfach Mädchen, wie sie auf der Straße sprechen würden.
Hier schwingt nicht nur die schwierige Situation der Kirchen in Kuba in den letzten Jahrzehnten mit. Dahinter kann man auch das Leben vieler Frauen und Kinder entdecken. Erziehung geschieht speziell durch die Frauen der Familie. Wenn die Großmütter – die man sich nicht sehr alt vorstellen muss – die Erziehung übernehmen, dann deshalb, weil viele Mütter selbst arbeiten und sich wenig um die Kinder kümmern können. Die Väter sind oft abwesend – auch im Gottesdienst. Das hängt damit zusammen, dass die abwesenden Väter ein weit verbreitetes Phänomen sind: In der wirtschaftlich wie politisch schwierigen Lage Kubas sahen sich viele gezwungen, im Ausland zu arbeiten. Aber auch sonst sind alleinerziehende Frauen keine Seltenheit und gefordert, für sich und ihre Kinder ein Überleben zu sichern. Die Stimmen der Mädchen begrüßen die kostenlose Bildung, die ihnen in Kuba garantiert ist. Dass dies noch kein gutes Leben garantiert, das formulieren allerdings dann die Stimmen der Erwachsenen.

Die Perspektive auf Kinder durch die Stimmen der Frauen

Sprechen die Erwachsenen über Kinder, so zeigen sich zwei Trends. Einerseits spiegeln Kinder das Ideal wieder, das das Leben eigentlich bieten könnte. Werden wie die Kinder – diesen Auftrag des Evangeliums interpretieren die Frauen aus Kuba so, dass sie das betonen, was ihnen am Kind-Sein als hoffnungsvolle, Frieden verheißende Eigenschaften am nächsten ist. Kinder träumen, lachen, spielen, sind voll Weisheit, tanzen, besitzen Zärtlichkeit und Freude, nehmen einander an, lieben andere ohne Unterschied; sie sollten Fürsorge erfahren, sie sind geliebt, sie nehmen Gott auf und lieben die Botschaft von Gott und Jesus, eine Botschaft, die durch die Frauen der Familie weitergegeben wird. Romantik pur, könnte man denken, aber diese „unschuldigen Kinder“ sind eine Weigerung gegen alles, was ihnen ihre Unschuld nimmt.

Kinder in Kuba sind weit von dem Ideal entfernt, das man sich für Kinder erträumt.

Dass die Realität eine andere ist, machen die Stimmen der Erwachsenen deutlich, die das Versagen gegenüber den Kindern zur Sprache bringen, das ihnen Leid verursacht. Denn die Erwachsenen erkennen sehr wohl, dass die Verhältnisse und auch das Verhalten einzelner den Kindern Gewalt antun.
Kinder in Kuba – und man müsste unzählige weitere Plätze der Welt danebenstellen – werden in der Realität oft ihrer Kindheit beraubt. Es fehlt der Respekt vor ihnen, sie erleiden Gewalt in vielfältiger Form. Zwar erhalten sie kostenlose Schulbildung, aber die weiteren Arbeits- und Ausbildungsmöglichkeiten fehlen. Viele sehen keinen anderen Ausweg, als das Land zu verlassen. Die Kinder in Kuba sind damit weit von dem Ideal entfernt, das man sich für Kinder erträumt. Ihre Lebensverhältnisse zeugen eben nicht davon, dass sie im Zentrum der Aufmerksamkeit stehen. Stellen die Frauen die Kinder in die Mitte, so erkennen sie, wo und wie das Reich Gottes fehlt und wo es Ansätze gäbe, gegen Gewalt, Ungerechtigkeit oder Missbrauch aufzustehen.

Kinderleben als Lackmustest für eine Gesellschaft

Die Frauen stellen Fragen an ihre Gesellschaft – und mit ihnen weltweit die Frauen, die diesen Gottesdienst heute feiern: Wie sieht das Leben unserer Kinder aus? Können Kinder unbeschwert Kind sein? Können sie ohne Gewalt, ohne Armut, respektiert in ihrer Persönlichkeit leben? Wenn Kinder in die Mitte geholt werden, welche Defizite werden da sichtbar? Man muss gar nicht die Statistiken der Weltorganisationen abrufen, um zu wissen: Das Leben von Kindern ist der Gradmesser für den Zustand einer Gesellschaft. An den Kindern wird offenbar, woran es mangelt. Woran genau, das dürfte in jeder Gesellschaft anders aussehen. Von einem Frieden, wie ihn Jes 11 erträumt, der Kinder ohne Gefahr spielend aufwachsen sieht, davon ist man weltweit weit entfernt. So bleibt das Evangelium eine Herausforderung, einem besseren Leben zu dienen.

Die Frauen aus Kuba preisen Gott, der als Kind in die Welt kommt. Sie nehmen damit die Hoffnung auf den neugeborenen Messias auf, der der Gewalt ein Ende setzt. In Jesus sehen sie wie die Evangelien diese Verheißung erfüllen. Der als Kind in die Welt gekommene Gott macht den Anbruch des Reiches Gottes am Kind sichtbar. Jesus ist mit seinem Schicksal im antiken Sinn wie ein Kind geworden, nämlich schutzlos, arm und der Gewalt ausgeliefert; sein Tod offenbarte die Strukturen der Gewalt. Doch er ist und blieb nicht das einzige Opfer der Gewaltherrschaft: Am Leben eines Kindes lässt sich immer wieder überprüfen, wie das Reich Gottes aussehen könnte, wo es einbricht, wer es zerstört und wer es annimmt.

Zum Weiterlesen:
Informationen: www.weltgebetstag.de

Bechmann, Ulrike, Kügler, Joachim, Kind und Reich Gottes. Bilder von Glaube, Friede und Hoffnung, Stuttgart: Kath. Bibelwerk 2015

Hiller, Helga, Ökumene der Frauen. Anfänge und frühe Geschichte der Weltgebetstagsbewegung in den USA, in Deutschland und weltweit, Stein Düsseldorf ²2006

Ulrike Bechmann / Bild: https://weltgebetstag.de/en/service/downloads/pressecenter

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