Freundschaft – bis in den Tod

Im heute beginnenden Ostertriduum folgen wir Jesus auf seinem Weg bis ans Kreuz und ins Grab. Das Kreuz – Fluch oder Segen? Johannes hat da eine ganz eigene Antwort. Der Neutestamentler Markus Lau erklärt, was sie bedeutet. 

Wer am Gründonnerstag, Karfreitag oder auch am Ostermorgen eine katholische Liturgie besucht, der betritt Jahr für Jahr eine Kathedrale aus Buchstaben, deren Baumeister Johannes ist. Denn es ist jene sich nur im Johannesevangelium findende Erzählwelt, die die Liturgien dieser drei Tage prägt. Aus dem langen Erzählbogen der letzten drei Tage Jesu, der Joh 13–20 umspannt, werden große Stücke von Joh 18–19 in der Passionsgeschichte am Karfreitag verkündet, die Ostergeschichte von Joh 20 ist das Evangelium vom Ostermorgen und ganz plastisch-rituell kann man vielerorts auch die Fußwaschung von Joh 13 am Gründonnerstagabend miterleben und in jedem Falle als Evangelium hören. Johannes prägt den textlichen Grundrhythmus des Triduums.

Eigentümlich ausgelassen bleiben dabei die großen Abschiedsreden des johanneischen Jesus, die im Sinne einer Art ethischen Testaments Jesu in Joh 14–17 erzählt werden. Das ist umso bedauerlicher, als gerade in Joh 15 ein entscheidender theologischer Verständnisschlüssel für den Tod Jesu ausformuliert wird: die johanneische Ethik der Freundschaft, mit der das Johannesevangelium den Tod Jesu produktiv deutet.

Das Kreuz übermalen

Das Johannesevangelium steht wie die allermeisten Schriften des Neuen Testaments vor der Aufgabe, den Tod Jesu am Kreuz produktiv zu deuten. Denn der Tod am Kreuz stellt Jesus mit den Augen antiker Menschen betrachtet ins Abseits der Geschichte. Gekreuzigte sind aus jüdischer Sicht von Gott Verfluchte (Dtn 21,23; 11QTemp 64), sind für Griechen und Römer obendrein Unruhestifter, die die öffentliche Ordnung gestört haben. Das Kreuz ist der Ort für widerspenstige Sklaven, Vatermörder und Terroristen. Das wirft kein gutes Licht auf Jesus. Als Gekreuzigter ist er geradezu gebrandmarkt. An ihm klebt das Verdikt, ein von Gott verfluchter Aufrührer zu sein – ein Etikett, dass sich nicht durch Verschweigen abschütteln ließ.

Die große Herausforderung: Das Zeichen des Kreuzes umdeuten…

Zu fest war der Tod Jesu am Kreuz mit seiner Person verbunden. Frühchristliche Theologen wählen daher einen anderen Weg, mit dem Kreuz umzugehen. Sie übermalen es gleichsam mit produktiven Deutungen, die dem Tod am Kreuz seine Härte nehmen, weil sie ihn deutend erklären können und ihm einen spezifischen Sinn zuweisen. Für Paulus etwa findet am Kreuz Erlösung von Sünden statt. Für das Lukasevangelium stirbt Jesus wie der Gottesknecht von Jes 53, der stellvertretend für viele leidet und stirbt. Für Markus erfüllt Jesus am Kreuz die Rolle des leidenden Gerechten, wie sie etwa in Ps 22 erzählt wird. Diese und weitere Deutungen des Todes Jesu sind nachösterliche Versuche, den Tod am Kreuz so zu erzählen, dass er Jesus nicht zum Nachteil, sondern letztlich zur Ehre gereicht. Jesus stirbt für uns.

Sterben für die Freunde

Auch Johannes beteiligt sich an diesem Deutungsgeschäft – und dies gleich unter Rückgriff auf unterschiedliche Deutungsmodelle. Ein besonders tragfähiges findet sich in der Abschiedsrede Jesu von Joh 15. In Joh 15,13 – im Rahmen der erzählten Zeit des Johannesevangeliums hält Jesus die Rede nach dem letzten Mahl und vor dem Gang in den Garten seiner Verhaftung – stellt Jesus fest, dass es keine größere Liebe als die Hingabe des eigenen Lebens für seine Freunde gibt. Jesu Lebenshingabe am Kreuz wird damit als ultimativer Nachweis seiner Liebe zu seinen Freunden gedeutet (vgl. Joh 15,9–15). Im Hintergrund dieser Formulierung stehen Traditionen der hellenistischen Freundschaftsethik, wie sie klassisch etwa bei Aristoteles formuliert ist (Nikomachische Ethik 9,8):

„Dennoch bleibt es dabei wahr, dass der brave Mann vieles für seine Freunde und für sein Vaterland tut, ja, wenn es sein muss, dafür zu sterben bereit ist. Denn er wird Hab und Gut und Ehrenstellen und überhaupt alle Güter, um deren Besitz die Menschen kämpfen und ringen, hingeben in dem Streben, seinem Selbst den Besitz des Schönen und Guten zu sichern.“

Wahrhaft Liebende – durchaus auch im so genannten platonischen Sinne des Wortes – und tugendhafte Männer sind bereit, ihr Leben für die Freunde, die Familie, die eigenen Ideale und die Öffentlichkeit zu geben. Für dieses hohe philosophische und gesellschaftspolitische Ideal der griechischen Welt steht der johanneische Jesus im Licht von Joh 15 mit seinem Leben ein.

Diese innovative Deutung des Todes Jesu, die den Tod am Kreuz als Tat der Liebe ausweist und Jesus ein philosophisch-ethisches Ideal lehren und dann auch verwirklichen lässt, verdankt sich fraglos dem Kulturkontakt der Jesusbewegung mit der paganen Welt. Eine nichtjüdische Tradition wird ohne Berührungsängste in die Jesustradition integriert, als Wort Jesu ausgegeben und in der johanneischen Gemeinde – aber auch nur in dieser – als Teil des Evangeliums überliefert und zum zentralen Baustein der johanneischen Theologie der Liebe, in deren Rahmen die Liebe Jesu zu den Menschen durch das Kreuz letztgültig und in aller Konsequenz geoffenbart werden.

Ganz konkret

Diese Bereitschaft zur Lebenshingabe aus Liebe ist für den johanneischen Jesus kein leeres Geschwätz. In der dramatischen Inszenierung des Johannesevangeliums wird Jesus noch am selben Tag im Angesicht der Verhaftungstruppe, die ihn zu Prozess und sicherem Tod abführen will, bekennen, dass er der gesuchte Jesus aus Nazaret sei. Und er wird darum bitten, dass seine Freunde, die mit ihm im Garten der Verhaftung (Joh 18,1) sind, freien Abzug erhalten und also nicht ihrerseits in die Mühlen der römischen Justiz geraten (Joh 18,8f.). Und so kommt es dann auch. Jesus gibt ganz praktisch sein Leben für seine Freunde – und stellt so seine Liebe zu den Seinen in höchster Form unter Beweis.

Zutiefst autonom

Dabei ist es dem Johannesevangelium ein Anliegen, diese Form der Lebenshingabe Jesu als Ausdruck seiner Autonomie darzustellen. Das wird bereits in der Hirtenrede von Joh 10 vorbereitet, wenn in Joh 10,17f. ausformuliert wird, dass der gute Hirte, der sein Leben für die Schafe gibt (vgl. Joh 10,11), aus eigener Vollmacht heraus sein Leben gibt und es niemand ihm von sich aus nehmen kann. Ein maßgeschneidertes Echo darauf findet sich in Joh 19,11, wenn Jesus Pilatus gegenüber darauf beharrt, dass dieser keine Vollmacht – die Stichworte entsprechen sich – über ihn habe, die ihm nicht von oben gegeben worden wäre.

„Mission accomplished!“ – könnte man sagen.

Kann man dabei zunächst noch an den römischen Kaiser als höchste Instanz hinter dem römischen Präfekten denken, von dem in Joh 19,12.15 dann auch unmittelbar die Rede ist, so wird im Licht von Joh 10 deutlich, dass letztlich Gott der eigentliche Handlungssouverän ist, mit dem sich der johanneische Jesus angesichts der Immanenzchristologie (Joh 10,30: „Ich und der Vater, eins sind wir“) engstens verbunden weiß. Die Lebenshingabe Jesu ist insofern Ausdruck göttlicher und jesuanischer Vollmacht. Jesus liebt die Seinen gleichsam nicht gezwungen, sondern aus Freiheit heraus. Jesu letztes Wort am Kreuz greift diesen Gedanken eines Freiheitsaktes auf, wenn Jesus pointiert formuliert: „Es ist vollendet!“ „Mission accomplished!“, könnte man auch sagen.

Freunde – nicht Sklaven oder Sünder

Anthropologisch betrachtet stempelt diese Deutung des Todes Jesu all jene, für die Jesus gestorben ist, – ganz im Gegensatz zur sühnesoteriologischen Deutung des Todes Jesu – nicht zu Sündern, sondern zu Freunden Jesu. Fraglos kennt auch das Johannesevangelium Sünde und Sünder, aber es verknüpft die Erlösung aus Sünde nicht mit dem Tod Jesu, wie dies etwa Mt 26,28 tut. Jesus stirbt für seine Freunde. Das transformiert seine Schülerinnen und Schüler zu Freunden Jesu. Und gerade angesichts der in Joh 15,15 explizit ausformulierten Gegenüberstellung von Freunden und Sklaven bringt der Tod Jesu am Kreuz, der der typische Tod eines Sklaven war, seine Proexistenz für seine Freunde, zugleich auch eine enorme Statuserhöhung mit sich. Die Jesusanhängerinnen und -anhänger sind nicht Sklaven des Gottessohnes, sondern seine Freunde.

Jesu Nachfolgerinnen und Nachfolger sind nicht Sklaven, sondern Freunde!

Zugespitzt formuliert: Weil Jesus den Tod des Sklaven stirbt, deshalb sind seine Nachfolgerinnen und Nachfolger nicht mehr Sklaven, sondern Freunde. Genau an diesem Punkt setzt sich eine Bedeutungsebene des vielschichtigen Zeichens der Fußwaschung (Joh 13,1–20) fort. Jesus übernimmt den Sklavendienst des Fußwaschens an seinen Schülern, die dadurch in ihrem Status erhöht werden und ihrerseits genau begreifen, dass der Herr und Lehrer hier eine Art verkehrte Welt erschafft (Joh 13,6–8.13), in der der schlechthin Allergrößte die Rolle des einfachen Sklaven übernimmt und seinen Schülern dient. Dabei bleibt der johanneische Jesus freilich nicht stehen, sondern zieht aus dieser Zeichenhandlung, die er selbst als Ausdruck der Liebe zu den Seinen versteht (Joh 13,1), die Schlussfolgerung, dass es auch an den Schülern ist, sich gegenseitig die Füße zu waschen, also einander liebend zu dienen (Joh 13,14f.). Die sich in der Fußwaschung zeigende Liebe Jesu zu den Seinen ist als Vorbild gedacht und drängt zur Nachahmung.

„Liebt einander“

Das gilt auch für die am Kreuz sich zeigende Liebe Jesu. Denn auch die in der Abschiedsrede von Joh 15 entwickelte johanneische Freundschaftsethik ist auf Nachahmung im Kreis der Jesusnachfolgenden angelegt, verbindet Jesus doch sein Liebesbekenntnis mit der Aufforderung an die Seinen, einander ebenfalls zu lieben (Joh 15,12.17). „Liebt einander“ wird zum neuen johanneischen Charakteristikum von Jesusnachfolge (vgl. auch 1 Joh 3,16), zu der Jesus durch seine Liebe, die auch den eigenen Tod impliziert, nachhaltig motiviert.

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An Ostern wird Gott sein endgültiges Ja zu diesem Lebensprogramm und zu dieser Theologie der Liebe sprechen, wenn er Jesus nicht im Tod lässt, sondern aus Toten auferweckt. Im Horizont der Überzeugungen jüdischer Apokalyptik, aus der die Metaphorik der Auferweckung stammt, ratifiziert Gott damit Jesu Leben und Überzeugungen und also auch seine Deutung seines Todes als Sterben für seine Freunde. Schärfer noch: Angesichts der johanneischen Immanenzchristologie zeigt sich am Kreuz Gottes freie und für den Menschen entschiedene Liebe. Das Kreuz macht Menschen – paradox genug – zu Gottesfreunden!

Dr. Markus Lau ist Oberassistent für Neues Testament an der Universität Fribourg/Schweiz.

Bild:  sokaeiko / pixelio.de

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