Paul VI. und Oscar Romero: Welches Christentum wollen wir?

Zwei neue Heilige bekommt die Katholische Kirche am kommenden Sonntag. Dass damit auch ein ethisch-prophetisches Grundverständnis des christlichen Glaubens für verbindlich erklärt wird, erläutert Mariano Delgado

Am Sonntag, 14. Oktober 2018, sollen Papst Paul VI. (1897-1978, im Papstamt von 1964-1978) und Bischof Oscar Romero (1917-1980) heiliggesprochen werden. Sie haben mehr gemeinsam, als man denkt: beide sind ursprünglich vom Geist des ultramontanen Katholizismus mit seinem Verständnis der Kirche als societas perfecta, als Mutter und Lehrmeisterin der Menschheit geprägt, und beide stehen für den Wandel zu einer „dienenden“ und „prophetischen“ Kirche, die die Ungerechtigkeit und Leidensgeschichte der Menschheit (Gaudium es spes 1) wahrnimmt, „in den Armen und Leidenden“ das Bild Jesu erkennt (Lumen gentium 8), und auf der Ebene des Politischen sich für Gerechtigkeit als Weg des Friedens einsetzt.

Dialog als Daseinsform der Kirche: der unterschätzte Papst

Nach seiner Papstwahl im Juni 1963 mitten im Konzilsgeschehen, brachte es Paul VI. geschickt zu Ende und setzte 1964 einige Zeichen: Er legte die Tiara (die dreifache Papstkrone) ab und schenkte den Erlös den Armen; er traf in Jerusalem mit dem ökumenischen Patriarchen Athenagoras zusammen und inagurierte damit den „Dialog der Liebe“ mit der Orthodoxie; und in seiner Antrittsenzyklika Ecclesiam suam hob er den Dialog als die Daseinsform der Kirche in der modernen Welt hervor.

In Erinnerung geblieben ist Paul VI. vor allem wegen Humane vitae.

Paul VI., den man bekanntlich „den vergessenen Papst“ (Jörg Ernesti) genannt hat, den aber Papst Franziskus aus der Versenkung holen möchte, ist hierzulande besonders aufgrund dieser Ereignisse in Erinnerung: Bei Sacerdotalis caelibatus (1967) über die Ehelosigkeit der Priester und Humanae vitae (1968) über die Empfängnisverhütung war ihm die Kontinuität mit seinen Vorgängern Pius XI. und Pius XII. offenbar wichtiger, als ein wohlwollender und gewagter Blick auf die Zeichen der Zeit. In den 1970er Jahren war er angesichts der Turbulenzen in der ersten Phase der Konzilsrezeption der „an der Kirche“ leidende, „hamletianische“ Papst, zum „Tutiorismus des Wagnisses“ (Karl Rahner) unfähig. Am 8.12.1975 gelang ihm mit Evangelii nuntiandi das wichtigste Evangelisierungsdokument des nachkonziliaren Lehramts. 1976 suspendierte er Marcel Lefebvre. 1978, kurz vor seinem Tod, musste er seine Ohnmacht bitter erfahren, als er an die Roten Brigaden eindringlich appellierte, seinen Freund Aldo Moro frei zu lassen.

Seine Vision: eine samaritanische Kirche als Dienerin der Menschheit

Erinnern wir uns aber auch an andere Ereignisse. In seiner Ansprache am 7.12.1965 während der letzten Sitzung des Konzils skizziert Paul VI. den Weg der Kirche in der Welt von heute ganz im Sinne von Gaudium et spes. Darin ist die Rede von einer „samaritanischen Kirche“, von einem neuen Humanismus, vom Vertrauen in den Menschen, vom Dialog, vom Dienst, denn die Kirche habe sich beim Konzil gleichsam als „die Dienerin der Menschheit“ (l’ancella dell’umanità) verstanden, von der Liebe zum Menschen als Form der Gottesliebe nach Mt 25. Dazu kommt am 26.3.1967 mit Populorum progressio eine Jahrhundertenzyklika, die die zum Himmel schreiende Ungerechtigkeit in der Welt anklagt und Entwicklung – verstanden als die Schaffung von menschenwürdigen, gerechten Lebensbedingungen für alle – als „den neuen Namen des Friedens“ bezeichnet, weil dieser ja das Werk der Gerechtigkeit ist (Jes 32,17). Es geht ihm um eine „Zivilisation der Liebe“, die auch Demokratie und politische Teilhabe einschließt.

Aber dieser Mann trug schon die „Kirche der Armen“ im Herzen.

Das ist der Papst, der 1968 nach Kolumbien flog, um in Medellín die 2. Vollversammlung des Lateinamerikanischen Bischofsrates zu eröffnen. Am 23.8.1968, einen Tag vor der Eröffnung, feierte er in einer Siedlung von Landarbeitern und Tagelöhnern bei Bogotá die Messe und predigte über Mt 25. In der Tradition der „Kirche der Armen“, die sich beim Konzil dank Bischof Hélder Camara und Kardinal Giacomo Lercaro Gehör verschafft hatte, versicherte Paul VI. den Campesinos: „Ihr seid ein Zeichen, ein Abbild, ein Mysterium der Präsenz Christi …, ein heiliges Abbild des Herrn in der Welt … Ihr seid Christus für uns“.

Zur selben Zeit noch ein angepasster Kleriker: Oscar Romero…

Damals war Oscar Romero ein angepasster Kleriker, ein typischer Vertreter der lateinamerikanischen Priestereliten, die zu höheren Studien nach Rom geschickt werden und dann stromlinienförmig bleiben – in der Hoffnung auf ein Bischofsamt oder andere kirchlichen Würden. Seine Seelsorge war konventionell, angesichts der Armut eher an Wohltätigkeit als an Gerechtigkeit appellierend. 1970 wurde er in diesem Geist zum Weihbischof in San Salvador ernannt. Von 1974 bis 1977 war er Bischof der Diözese Santiago de María, und in dieser Zeit scheint bei ihm ein innerer Wandlungsprozess aufgrund konkreter Erfahrungen anzusetzen: durch die Wahrnehmung des Elends der Campesinos, der politischen und strukturellen Dimension der zugrunde liegenden Probleme sowie der Repression durch die Nationalgarde.

Sein Wandlungsprozess blieb unbemerkt – sonst wäre er nicht Erzbischof geworden.

Und dennoch blieben diese inneren Veränderungen weitgehend unbemerkt, denn sonst wäre er – wegen Problemen mit der Regierung – nicht 1977 zum Erzbischof von San Salvador ernannt worden. Nach der Ermordung des Jesuiten Rutilio Grande am 12.3.1977, weil dieser kurz davor eine prophetische Predigt gegen die Ungerechtigkeit gehalten hatte, war Romero ein anderer Mensch, ein veränderter Bischof. Er machte den Weg von der traditionellen Wohltätigkeit zu der Anklage der Strukturen bzw. der Ursachen von Armut und Ungerechtigkeit mit. Romeros Ansehen als Verteidiger der Menschenrechte und Mann des Dialogs wuchst von Tag zu Tag, auch im Ausland.

„Die politische Dimension des Glaubens und die Option für die Armen“ (1980)

Am 2. Februar 1980, wenige Wochen vor seiner Ermordung am 24. März 1980, hielt Romero anlässlich der Verleihung des Ehrendoktorats in Löwen eine aufsehenerregende Rede über „Die politische Dimension des Glaubens und die Option für die Armen“: „Weil sie sich für die wirklich Ausgebeuteten und Unterdrückten entschieden hat, lebt die Kirche im Bereich des Politischen, und sie verwirklicht sich als Kirche auch im Bereich des Politischen. Das kann nicht anders sein, wenn sie sich wie Jesus an die Armen wendet“. Die Predigt, die Romero am Tag seines Todes in der Krankenhauskapelle hielt, handelte vom Weizenkorn, dem Tagesevangelium. Bei der Opfergabe fiel dann der tödliche Schuss.

Weil sie sich für die wirklich Unterdrückten entschieden hat, lebt die Kirche im Bereich des Politischen.

Romeros Bekehrungs- und Entwicklungsprozess hatte seinen Kompass in der Kontemplation, in der betrachtenden Lektüre der Bibel, von Gaudium et spes, Populorum progressio, Evangelii nuntiandi und der Texte von Medellín und Puebla – aber auch in der Spiritualität des Ignatius von Loyola, der Teresa von Ávila und des Johannes vom Kreuz. Sein „neues Sehen“ 1977 hat ihm geholfen, Christus in den geschundenen Armen und Unterdrückten seines Landes zu entdecken – wie einst Bischof Las Casas im 16. Jahrhundert, als er in den geschundenen Indios gegeißelte Christusse sah, und einen Perspektivenwechsel bei seinen Zeitgenossen anmahnte, um die Ereignisse in der Neuen Welt so zu beurteilen, als wenn wir Indios wären.

Ein erweiterter Begriff des Martyriums

Im Frühjahr 1973, im Alter von 18 Jahren, las ich eifrig das Buch ¡Yo creo en la esperanza! (Ich glaube an die Hoffnung) des Jesuiten José María Díez-Alegría. Es wirkte auf mich wie eine Offenbarung. Der Autor unterscheidet darin zwei grundlegende Religionstypen: den ontologisch-kultischen und den ethisch-prophetischen. Letzterer ist vom Hunger und Durst nach Gerechtigkeit sowie vom Tun der Liebe geprägt. Diesen Religionstyp entdeckte Oscar Romero mit seinem „neuen Sehen“ als Matrix des Christentums. Manche Feuilletonisten sehen in seiner Heiligsprechung als „Märtyrer“ eine Verschiebung der Semantik des Märtyrerbegriffs ins Politische, da damit der Gerechtigkeitshass (odium iustititae) dem Glaubenshass (odium fidei) gleichgesetzt werde. Ist aber der Hass auf das gerechtigkeitsliebende Christentum nicht auch Glaubenshass? Romero starb nicht nur als Märtyrer für eine gerechtere Welt, sondern auch für eine Kirche, die dem ethisch-prophetischen Kern des Evangeliums treu bleibt.

Mariano Delgado ist Professor für Mittlere und Neuere Kirchengeschichte an der Theologischen Fakultät der Universität Fribourg/CH. Er leitet dort das Institut für das Studium der Religionen und den interreligiösen Dialog. 

Foto: johannes vortmann / pixelio.de

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