Beerdigungsfeiern brauchen eine besondere Sorgfalt. Kerstin Rödiger plädiert für mehr Verantwortung bei der Gestaltung dieser Liturgien.
Jedes Mal, wenn ich mit der Vespa fahre, erinnere ich mich an meinen Vater. Durch ihn habe ich die Leidenschaft für das Motorradfahren kennengelernt – zuerst als Beifahrerin, dann übernahm ich selbst das Steuer. Im Sommer 2023 fuhr mein Vater mit meiner neuen Vespa ein letztes Mal mit mir durch das nahegelegene Elsass. Im Januar 2025 ist er verstorben.
Nicht mehr sichtbar, aber nicht weit weg.

Bei dieser Vorstellung fühle mich immer wieder mit meinem Vater verbunden und daraus erwächst mir leiser Trost.
Trauerarbeit als doppelter innerer Prozess
Roland Kachler beschreibt in seiner Theorie der Trauerbegleitung[i] genau dies als Aufgabe der Trauerarbeit: das Finden einer inneren Beziehung zur verstorbenen Person. Er ist Psychotherapeut und hat nach dem Tod seines Sohnes erkannt, dass das Loslassen nur ein Teil der Aufgabe sein kann. Er benennt diese beiden durchaus herausfordernden Prozesse als Realisierungs- und Beziehungsarbeit. Während die erste realisiert, dass die verstorbene Person nicht mehr so da ist wie früher, eröffnet die Beziehungsarbeit neue Möglichkeiten, um über den Tod hinaus mit der Person in Verbindung zu bleiben.
Die Rolle von Liturgie im Trauerprozess
Die Trauer- und Beerdigungskultur scheint mir in diesen beiden Prozessen eine grosse Rolle zu spielen, denn liturgische Formen gestalten diese neue Realität einer veränderten Gegenwart durch Symbole, Rituale und Gemeinschaft entscheidend mit. Immer wieder betont auch Kachler die Bedeutung von Ritualen in diesem Geschehen. Sie helfen einerseits durch eine Zeit, in der die Trauernden selbst nicht mehr weiterwissen, und stellen Worte, Bilder und Handlungen zur Verfügung, die man ausleihen und erproben kann. Darüber hinaus verankern sie diese neue Beziehungsdimension im Hier und Jetzt und lassen sie anfanghaft Wirklichkeit werden, immer wieder.
Chance auf eine gemeinsame Realisierungs- und Beziehungsarbeit
Eine unschätzbar wertvolle weitere Qualität der Liturgie liegt darin, die Chance auf eine gemeinsame Realisierungs- und Beziehungsarbeit zu eröffnen. Daraus erwächst meines Erachtens eine grosse Verantwortung und Chance für unser liturgisches Handeln. Trost kann nicht herbeigezaubert werden, aber er kann langsam wachsen, indem diese innere Arbeit durch äussere Zeichen und Handlungen Raum erhält.
die Bedeutsamkeit dieser Aufgabe
Das ist mir wichtig, weil ich in meiner Arbeit als Spitalseelsorgerin von einer wachsenden Überforderung im Umgang mit Trauer höre. Hinzu kommt, dass gemeinschaftliche Feiern auf dem Friedhof oft zu einem «im engsten Familienkreis» werden, während gleichzeitig die gesellschaftliche Erwartung funktionstüchtig zu bleiben, Trauer gerne auf wenige Wochen begrenzen möchte. Gleichzeitig gibt es kirchlicherseits Überlegungen, Beerdigungen an Freiwillige abzugeben. Auch wenn über die zukünftigen Formen liturgischen Handelns sicher diskutiert werden muss, möchte ich hier vor allem die Bedeutsamkeit dieser Aufgabe betonen. Als praktisches Beispiel einer solchen Feier stelle ich im Folgenden eine gemeinschaftliche Gedenkfeier für Eltern vor, die von ihren früh verstorbenen Kindern Abschied nehmen mussten.
«Nur kurz warst du da» Gedenkfeier auf dem Friedhof in Basel – ein Stationenweg
Verknüpft mit meiner Arbeit im Spital und vernetzt mit dem Friedhof in Basel entwickelten meine Kollegin aus dem zweiten Basler Geburtsspital und ich über einige Jahre hinweg eine Feier, die sich schliesslich als sehr stimmig erwies und jährlich von über 60 Personen besucht wurde. Ich konzentriere mich hier auf die liturgische Ausgestaltung, die selbst ein Suchen zwischen traditionellen Formen und deren Aktualisierung ist. Es bleibt eine Schwierigkeit, liturgische Worte, die eng an Ort und Moment gebunden sind, auf kontextunabhängigem Papier festzuhalten.
Eine erste Entscheidung war, die Feier im Freien zu gestalten – weder die Kapellen noch die neutrale Halle konnten mit ihrer Raumgestaltung überzeugen. Für den musikalischen Rahmen erwies sich das Akkordeon als passendes mobiles Instrument. Die Musik spielte eine zentrale Rolle, und wir gestalteten die Feier im Grunde als liturgisches Dreierteam. Die ausgewählten Kraftlieder waren kurz, wurden mehrfach und auch mehrstimmig gesungen. Die Teilnehmenden wurden ausdrücklich eingeladen mitzusingen – egal ob richtig oder falsch –, ebenso war einfaches Zuhören möglich.
Die Eltern erhielten ein Band, auf das sie den Namen ihres verlorenen Kindes schreiben konnten.
Die Feier begann auf dem grossen Besammlungsplatz des Friedhofs. Die Eltern erhielten ein Band, auf das sie den Namen ihres verlorenen Kindes schreiben konnten. Am Beginn sagte ich etwa:
«Ich heisse Sie als Eltern, als Vater und Mutter herzlich willkommen. Ihr Weg hierher war unendlich schwer. Sie haben Ihr Kind begrüsst – und schon verabschieden müssen. Nur kurz war es da. Es konnte nicht bleiben. Es ist ein schwerer Moment. Wir brauchen dafür eine grössere Kraft. Sich in diese Kraft zu stellen, kann verschiedene Formen haben. Wir atmen bewusst, stellen uns aufmerksam hin und spüren die Erde. Wir stellen uns in die Kraft, die oben mit unten und uns untereinander verbindet. Ich nenne sie Gott. So beginnen wir im Namen des Vaters, des Sohnes und der Heiligen Geistkraft.
«Ich habe grossen Respekt vor Ihrem Weg bis hierher.»
Wir gehen diesen Weg gemeinsam – und ich danke Ihnen für Ihr Vertrauen, hierhergekommen zu sein. Ich habe grossen Respekt vor Ihrem Weg bis hierher. Auch jetzt und hier geht jede und jeder für sich einzeln diesen Weg weiter, andererseits sind wir auch ein Stück gemeinsam unterwegs. Sie sind nicht allein. Wir alle tragen diese Trauer mit. Ich bitte Sie nun, die Namen Ihrer Kinder vorzulesen. Denn ihrer gedenken wir.»
Nach der Namensrunde folgt ein Text, den uns einmal eine Mutter geschrieben hat – ein grosses Geschenk. Er spricht von der Ungleichzeitigkeit: Die innere Leere und Schwärze lässt einen schönen Regenbogen als Spott über sein Leid erscheinen. In der Mutter ist alles dunkel – aber die Welt dreht sich einfach weiter. Es ist ein Text voller Schmerz und Trauer. Diese Trauer bekommt hier Raum: Sie darf einfach da sein, muss nicht erklärt oder weggeredet werden. Sie geht mit, wenn wir den Weg – musikalisch begleitet und getragen von Erinnerungen – beginnen.
Das Wasser steht für die unzähligen Tränen, die geweint wurden.
Die nächste Station ist ein Brunnen auf dem Friedhofsgelände. Das Wasser steht für die unzähligen Tränen, die geweint wurden. Gleichzeitig wirkt Wasser erfrischend, wie eine Oase in der Wüste. Die Familien treten nach vorne, benetzten ihre Hände im Wasser, waschen sie sich gegenseitig und gedenken dabei ihrer Tränen – und vielleicht auch dessen, was unterwegs wie eine Oase war: ein gutes Wort, ein mitfühlender Mensch, ein gemeinsamer Moment. Dazu singen wir ein hebräisches Lied, dessen Text lautet: «Das Leben ist eine sehr schmale Brücke, und die Hauptsache ist, sich nicht zu fürchten.» [ii] Manchmal zitiere ich dazu aus den Psalmen, etwa: «Meine Tränen sind mir zum Brot geworden» (Ps 42,4).
Der Wind kann ein leises Säuseln sein oder ein brausender Sturm.

Daher wirkt im Atem und im Wind die Kraft des Heiligen Geistes, die ich auch mit ihrem hebräischen Namen benenne: Ruach: Gegenwart Gottes, die uns durch unseren Atem mit der ganzen Welt und Gott selbst verbindet.
Wünsche um Schutz und Segen
Die Eltern binden dann die Namensbänder wie Gebetsfahnen mit einem stillen Wunsch an den Baum, während wir drei Begleiterinnen Wünsche um Schutz und Segen laut aussprechen. Gemeinsam singen wir anschliessend ein Abendlied: die erste Strophe von «Der Mond ist aufgegangen» sowie jene Strophe, die von den Dingen spricht, die wir belächeln, weil unsere Augen sie nicht sehen.
Wir gehen weiter zur vierten und letzten Station: einer niedrigen Gedenkwand bei den Kindergräbern, an der Kerzen aufgestellt werden können. Es geht um das Feuer. Licht ist teilbar – eine Flamme kann weitergegeben werden. Gleichzeitig muss dieses Feuer gehütet werden, ganz konkret, denn der Wind fegt oft durch diesen Ort. Dies alles nehme ich in der Deutung dieses Momentes auf.
Etwas ist geschafft.
Die Eltern entzünden für ihr Kind ein Grablicht mit Pusteblumenmotiv und stellen es ab. Etwas ist geschafft. Der Weg hat mit grossem Schmerz begonnen – und doch sind sie ihn gegangen. Bis hierher haben sie es geschafft. Es ist eine enorme Leistung, und vielleicht gab es Momente, in denen es ihnen unmöglich schien. Doch heute sind sie hier. All diese Erfahrungen sind nun Teil von ihnen.
Es folgt der zweite Teil des Textes der Mutter. Darin beschreibt sie, wie sich langsam wieder Farben in ihr Schwarz geschlichen haben – auch wenn sie es zunächst gar nicht wollte. Aber es geschah. Zum Abschluss dürfen sich die Eltern eine vom liturgischen Dreierteam verzierte Kerze aussuchen zum Mitnehmen. Der Segen über die Anwesenden nimmt wieder die Elemente von Wasser, Licht und Wind auf. Mit der Einladung, noch einen Moment zu bleiben und ein Stück Zopf und Wasser zu teilen, schliesst die Feier.
Der sichere Ort
Roland Kachler spricht davon, dass in der Trauerarbeit als erstes ein sicherer Ort für die Verstorbenen geschaffen werden muss. Dort kann man sie treffen, dort weiss man sie aufgehoben. Eine Beerdigung und auch eine solche Gedenkfeier trägt zu einem solchen sicheren Ort wesentlich bei. Deshalb spricht man vielleicht auch oft über die Stille und den Frieden, der auf den Friedhöfen so wohltut. Es sind aber nicht immer Friedhöfe, an denen die Verstorbenen (Kinder) ruhen. Neben vielen anderen wertvollen Beiträgen zur Trauerarbeit, sind solche Gedenkfeiern wichtig. Sie ermöglichen auch ortsunabhängig eine Vergegenwärtigung.
Die Eltern wie alle Trauernden leisten grosse innere Arbeit.
Die dabei über die Symbole und Ritualen erlebte Gemeinschaft trägt die Erinnerung gemeinsam und erlaubt es, diese persönlich im inneren Erleben zu verankern. Wie mir der rote Roller meine Verbundenheit lebendig und mein Gedenken an meinen Vater wachhält. Die Eltern wie alle Trauernden leisten grosse innere Arbeit – sie müssen eigentlich, wenn sie weiterleben wollen. Und sie können es – ich lernte grosse Kreativität und Stärke kennen. Es wäre wunderbar, würden unsere Liturgien diese Trauer und Ängste der Menschen ebenso wie ihren Freuden und Hoffnungen Raum geben.
Dr. Kerstin Rödiger, nach fast 10 Jahren am Uni-Spital Basel ist sie seit Januar 2026 als Klinikseelsorgerin am REHAB Basel tätig. Während neun Jahren gestaltete sie die Gedenkfeier «nur kurz warst du da» auf dem Basler Friedhof für Eltern frühverstorbener Kinder.
[i] Roland Kachler, Hypnosystemische Trauerbegleitung, Heidelberg 20257.
[ii] Rabbi Nachman zugeschrieben, um 1800, vertont von B.Chait. Kol haolam kulo.





