„Gender Trouble“ als ein Zeichen unserer Zeit

Farina Dieker berichtet von einer innerkatholisch brisanten theologischen Fachtagung zur Frage „Ist Gender eine Ideologie?“.

Die Tagung zur Debatte um die Deutung der Geschlechtlichkeit vom 5.-6. Oktober 2016 im Tagungshaus Hohenheim der Akademie der Diözese Rottenburg-Stuttgart stand unter dem Titel „Ist Gender eine Ideologie?“. Die Referentinnen und Referenten versuchten dieser Frage in interdisziplinärer, interkultureller und internationaler Perspektive nachzugehen.
Insgesamt waren 102 Personen zur Tagung angemeldet – Männer und Frauen aus der Pastoral, der Wissenschaft, der Gleichstellungsarbeit sowie weitere thematisch interessierte Personen.

Unterscheiden, aber nicht trennen

Bereits eröffnend wurde ein grundlegendes Problem aufgezeigt, mit dem die Kategorie Gender konfrontiert ist. Gender werde als analytische statt als normative Kategorie gesehen. Im Verlauf der Diskussionen und Gespräche während der Tagung wurde klar, dass viele sich gegen diese Kategorie stellen – auch aus dem Grunde, weil eine Bereitschaft fehlt, sexuelle Minderheiten zu akzeptieren, so Prof. Dr. Stephan Goertz (Mainz).

Hinsichtlich der beiden Begrifflichkeiten von Sex und Gender wird herausgearbeitet, dass beide zwar unterschieden werden müssen, dabei aber nicht voneinander getrennt werden dürfen. Im Apostolischen Schreiben „Amoris Laetitia“ nimmt Papst Franziskus – gegen einen klaren Geschlechterdualis-mus – in Nr. 56 erstmals eine positive Beschreibung von Sex und Gender vor, die genau das betont. Das kann nach Prof. Dr. Hildegund Keul (Bonn) als „Startschuss für eine katholisch-theologische Genderforschung“ gesehen werden und zu einem dringend notwendigen Schweigebruch verhelfen, bestimmte (tabuisierte) Dinge zu thematisieren. Ebenso wurde die Notwendigkeit eines geschlechtersensiblen Handelns auf allen Ebenen im Verlauf der Tagung verschiedenerseits betont. Dabei geht es darum, Differenzen ernst zu nehmen anstatt sie auszublenden oder den bzw. die andere/n auf diese „Differenz“ von einer (vermeintlichen) Norm festzulegen.

Interdisziplinäre Perspektive

Aus einer interdiszipliären Perspektive wurde von Frau Dr. Brigitte Buchhammer (Wien) – Schülerin der Philosophin Prof. Dr. Herta Nagl-Docekal – von der Warte der Philosophie entfaltet, dass es nicht um eine Verleugnung oder Ablehnung eines naturgegebenen Geschlechts gehe, sondern um komplexe Relationen von Natur und Kultur, die nicht mit einer Hierarchisierung der Geschlechter einhergehen darf.
Prof. Dr. Kerstin Palm (Berlin) schaute aus biologischer und gendergeschichtlicher Perspektive auf das Zusammenspiel von biologischen und sozialen Faktoren und betonte vor diesem Hintergrund die Kontextsensibilität des Körpers. Sie unterstreicht die Anschlussfähigkeit eines Konzeptes des „embodiment“, wenn es um die Benennung der biologischen Verkörperung des Sozialen geht. Den Geschlechtskörper bezeichnet sie in diesem Sinne als einen „biopsychosozial“ entstandenen Zwischenzustand, der stets in einem Entwicklungsprozess begriffen ist.

Prof. Dr. Gerhard Marschütz (Wien) beschrieb in seinem einleitenden Impuls, dass eine Rede von „dem“ Mann und „der“ Frau unzureichend ist, da beide nicht definierbar seien. Dies ist auch für ein Denken von Geschlecht und Geschlechtlichkeit im interkulturellen Kontext wichtig.
Im interkulturellen Blickwinkel wurde benannt, dass in vielen Ländern Lateinamerikas wie z.B. in Bolivien ein „Machismo“ vorherrscht. Es zeigte sich aber auch, dass Rollenbilder in anderen kulturellen Kontexten teilweise vollkommen anders herausgebildet werden als in unserem europäischen Kontext.

Subordination der Frau

In Bolivien beispielsweise konstituieren sich Rollenbilder über Tätigkeiten, so berichtet Frau Dr. Ursula Silber (Würzburg), die 5 Jahre mit ihrer Familie in Potosí gelebt hat. Insgesamt zeige sich in dieser Rollenverteilung in ihrer Erfahrung aber eine Wertschätzung, weil Mann und Frau gemeinsam erst ein Ganzes bilden. Problematisiert wurde vor diesem Hintergrund jedoch, dass alleinstehende Frauen oft als nicht vollständig begriffen werden. Ähnliches kennt Dr. Heike Wagner (Akademie der Diözese Rottenburg-Stuttgart, Tagungshaus Weingarten) aus Ecuador. Die dort teils sehr dominanten Rollenmodelle und die Subordination der Frau unter den Mann werden auch seitens des Staates forciert. Aus dem indischen Kontext berichtet Anna Dirksmeier, langjährige Referentin des Bischöflichen Hilfswerkes Misereor (Aachen) von noch immer üblichen Praktiken wie der Mitgift, obwohl diese bereits seit einigen Jahren verboten ist. Die in Indien eigentlich sehr gute verfassungsrechtliche Lage bilde sich bei weitem nicht immer in dem ab, was tatsächlich gelebt wird.

Aus kirchenrechtlicher Sicht legte Prof. Dr. Bernhard Anuth (Tübingen) dar, dass Frauen rechtlich gesehen auf den Laienstand begrenzt sind. Anders als im Staat sei es in der Katholischen Kirche möglich, dass eine Gleichwertigkeit in der Person nicht mit einer Gleichberechtigung einhergehen muss.
Dr. Regina Heyder (Mainz) stellte auf der Grundlage einer kirchenhistorischen Perspektive heraus, dass eine wirklich freie Wahl des Lebensstandes eine Gleichberechtigung der Geschlechter voraussetze und daher die kirchliche Anerkennung von Lebensformen notwendig sei, damit die Wahl tatsächlich eine freie Wahl sein kann.

Die Freiheit der Gottebenbildlichkeit, der „imago Dei“ stand im Zentrum des dogmatisch-theologischen Vortrages von Prof. Dr. Margit Eckholt (Osnabrück). Diese Freiheit sei als Prozess zu verstehen, der sich in einer je eigenen Biographie konkret ausgestaltet. Margit Eckholt spricht von einer grundsätzlichen Unbestimmbarkeit des Menschen und beschreibt die Freiheit dieser „imago Dei“ als einen lebenslangen stetigen Prozess des Hineinwachsens in diese Freiheit. Sie sei im Dienst des Lebens zu realisieren und bedeute sowohl mit dem Körper zu denken als auch den Körper zu denken.

Strukturkategorie des Sozialen

Anknüpfend an die grammatische Herkunft des Gender-Begriffs deutete Prof. Dr. Marianne Heimbach-Steins (Münster) diesen Begriff als eine Strukturkategorie des Sozialen. Daraus resultiert, dass kollektive Rollenerwartungen durch Deutungsprozesse hervorgebracht werden. Aufgrund solcher Rollenerwartungen werden heute noch immer Menschen und Menschengruppen ausgeschlossen, die vermeintlichen Normen nicht entsprechen. Sie benennt in diesem Kontext die Gender-Kategorie als ein Instrument, das helfen kann, Probleme zu analysieren und Tabuisierungen und Marginalisierungen entgegen zu wirken.

In verschiedenen Praxisphasen hatten die Teilnehmenden die Möglichkeit selbst zu reflektieren, wo in ihren Kontexten Rollenvorstellungen und Geschlechterdenken eine Rolle spielen und wie die Gender-Kategorie zukünftig für ihr Handeln eine Rolle spielen kann.

Für einen offenen und konstruktiven Dialog

Prof. Dr. Hildegund Keul – Leiterin der Arbeitsstelle für Frauenseelsorge der Deutschen Bischofskonferenz – bestimmte auf dem abschließenden Podium den „Gender Trouble“ als ein Zeichen unserer Zeit, mit dem uns die Aufgabe gestellt ist, uns diesem „Trouble“ zu stellen – auch im Rahmen gesell-schaftlicher Konflikte, sicher aber auch im innerkirchlichen Rahmen. Daraus erwachsen Aufgaben für Theologie und Kirche. Die Kirche, so Weihbischof Ludger Schepers (Essen), muss die Realitäten der Menschen ernst nehmen und ihre Lehre mit den Lebenswirklichkeiten vermitteln. Weihbischof Schepers plädiert deshalb für einen offenen und konstruktiven Dialog zwischen Befürwortern und Kritikern.


Farina Dierker

Zum Thema der Tagung und unter Mitwirkung einiger der ReferentInnen wird im Grünewald-Verlag folgende Publikation erscheinen: Margit Eckholt (Hg.), Gender studieren. Lernprozess für Theologie und Kirche, Ostfildern 2016. ISBN 978-3-7867-3090-3

Bildquelle: http://avidly.lareviewofbooks.org/2014/05/09/gender-trouble-on-mothers-day/

Print Friendly, PDF & Email