Arlie Russell Hochschild rekonstruiert den Aufstieg der amerikanischen Rechten als Geschichte von verletztem Stolz und Beschämung. Marianne Heimbach-Steins hat ihr Buch „Geraubter Stolz“ gelesen.
Den gewaltsamen Tod des amerikanischen Filmemachers und demokratischen Aktivisten Rob Reiner am 14. Dezember 2025 kommentierte Donald Trump mit der „Diagnose“, der Getötete habe an „Trump-Derangement-Syndrom“– krankhaftem Anti-Trump-Wahnsinn – gelitten. Die Botschaft: Wer sich gegen den US-Präsidenten positioniert, muss mit der Rache des Schicksals rechnen.[1]
Die amerikanische Soziologin Arlie Russell Hochschild ordnet in ihrem Buch[2] solche Äußerungen in eine Strategie ein, mit der Trump sich selbst als „meisterhafte[r] Anti-Scham-Kämpfer“ (231) empfiehlt. Amerikanern, die sich in ihrem Stolz verletzt fühlen, präsentiert er sich als „quasi religiöse Opferfigur“ (235).
Guter Rüpel – schlechter Rüpel
Trumps Strategie folgt einem vierstufigen „Anti-Scham-Ritual“ (231f.): Mit einer diffamierenden, in der Regel wahrheitswidrigen Äußerung provoziert er Kritik von Experten und nicht selten einen Entzug wirtschaftlicher Anerkennung. Diese Beschämung seiner Person gibt ihm Gelegenheit, sich als Opfer darzustellen und Solidarisierung einzufordern – nach dem Motto Wer mich beschämt, beschämt euch alle. Schließlich geht er erneut zum Angriff über, wütet gegen jene, die ihn beschämen und gibt ihnen die Schuld. Damit erweist er sich für seine Anhänger als der „gute Rüpel“, der das Recht der Beschämung auf seiner Seite hat.
„Verloren? – Gestohlen!“
Was steckt hinter dieser „Anti-Scham-Strategie“, die ohne Rücksicht auf Wahrheit und Lüge mit gezielter Beschämung arbeitet? Das Masternarrativ vom „Gestohlenen“ (234), mit dem ein Recht auf „Verlorenes“ behauptet und zugleich Schuld für den „Raub“ zugewiesen wird, ist längst vor Trumps erster Präsidentschaft in dessen Rhetorik verankert. Frühzeitig wird suggeriert, dass eine für Trump verlorene nur eine „gestohlene“ Wahl sein kann. Das Narrativ verschiebt den Druck einer extrem individualisierten Verantwortungsethik in Richtung „Opferrolle, Scham, Schuldzuweisung und Rache“ (233). Das Erfolgsrezept: Es verknüpft eine Lüge – die „gestohlene Wahl“ – mit einer Vielen vertrauten existentiellen Wahrheit „des verlorenen Stolzes“ (236).

Stolzökonomie und Stolzparadox
Hochschild arbeitet ethnografisch, um den Ursachen des Aufstiegs der Rechten in den USA auf die Spur zu kommen. Ihre Studie widmet sie dem zweitärmsten aller 435 Wahlbezirke, jenem mit dem höchsten weißen Bevölkerungsanteil, in Pikeville, Ostkentucky. Das ehemals florierende Kohlerevier leidet seit den 1970er Jahren unter dem Niedergang des Bergbaus. In der Folge wachsen Armut und Drogenprobleme. In der traditionell republikanischen Wählerschaft steigt mit der Sehnsucht nach einem starken „Führer“ die Bereitschaft, den Parolen weißer Nationalisten Vertrauen zu schenken. Bei den Wahlen 2016 und 2020 wählen 80% der Wahlberechtigten Donald Trump.[3]
Hochschild erzählt die Geschichte von verletztem Stolz und Scham vor allem als „Krise weißer Männer“ (15). Indem sie deren soziale Lebensräume, wirtschaftliche Gegebenheiten, kulturelle und religiöse Einflussfaktoren konkret erkundet, kommt sie dem auf die Spur, was sie „Stolzparadox“ (33) nennt.
Denn in den „Emotionen, die der Politik zugrunde liegen“ (18), vermutet sie einen Schlüssel für den Erfolg eines charismatischen politischen „Führers“. Über mehrere Jahre hinweg begleitet sie Menschen aus allen Gesellschaftsschichten – vom Stadtdirektor bis zum Gewaltverbrecher, vom ehemals drogenabhängigen Sozialarbeiter bis zum Neonazi. Ihre Gesprächspartner erzählen generationenübergreifend vom Aufstieg aus der Armut. Ihre persönlichen Geschichten handeln oft von wirtschaftlichem Abstieg, sozialen Krisen und Scham, von der Herabwürdigung durch Landsleute, von der Beschämung als „Hillbillies“ – Hinterwäldler. Viele erleben ihre Lage als nicht fair, aber fürs Scheitern schreiben sie sich selbst die Verantwortung zu.
Stolz darf sein, wer sich kraft eigener Arbeit ‚an den Haaren aus dem Sumpf‘ zieht. Denn die meisten erfahren sich als gefangen in einem individualisierten Leistungs- und Arbeitsethos, das der republikanischen Mentalität eingeschrieben ist: dem Anspruch, von eigener Arbeit und Leistung zu leben und sich selbst zu helfen. Wer daran scheitert, trägt die Last der Scham alleine. Politik und Staat werden als fern erlebt.
Stolznarrative
Hochschild erzählt die Geschichte(n) aus Pikeville in drei großen Abschnitten. Im ersten Teil des Buches erkundet sie, wie lokale Verantwortungsträger, Aktivisten sowie potentielle Adressat:innen rechter Gewalt (jüdische und muslimische Menschen, people of colour) die Vorbereitung einer Demonstration weißer Nationalisten unter der Führung des landesweit bekannten Neonazis Matthew Heimbach (kein verwandtschaftlicher Bezug zur Rezensentin!) im Jahr 2017 erleben. Das „Angebot“, dem Stolz der Bevölkerung mit waffenstrotzenden Auftritten und nazistischen Parolen aufzuhelfen, stößt in Pikeville auf Ablehnung und umsichtige kommunale Akteure, die einen Gewaltausbruch wirksam vorzubeugen wissen.
Der zweite Teil rekonstruiert, wie unscheinbare Bürger:innen der Demonstration gegenüberstehen, und illustriert unterschiedliche Stolz-Narrative: Der „Stolz der Eigenverantwortlichen“ hält gegen den beschämenden Verlust der Arbeit am republikanischen Arbeitsethos fest. Der „Stolz der Outlaws“ artikuliert sich in einem negativen Selbstkonzept („schlimmer Rassist“, 112), das die Begeisterung für Trump legitimiert. Der „Stolz der Überlebenden“ speist sich aus dem Erfolg, trotz prekärster Herkunftsverhältnisse ein sozial geordnetes Familienleben und ein wirtschaftliches Auskommen erarbeitet zu haben.
Als armer Weißer bin ich für die meisten Amerikaner weniger als nichts.
Der Protagonist dieser letzten Erzählung spricht über das Fehlen eines für seine Existenz passenden Narrativs: Gemäß der „normalen“ Erzählung für die weiße Mittelschicht hat eine Person „eine Geschichte, etwas zu sein und zu etwas Besserem zu werden.“ (136). Die normale Erzählung für Schwarze lautet: „Du hattest anfangs nichts und hast jetzt nichts – das liegt daran, dass du ein Opfer von Rassismus bist“ (137). Für arme Weiße – „weißes Pack aus einem Moore’s Trailer Park“ – gibt es kein rechtfertigendes Narrativ: Die Schande fällt auf die marginalisierte Person zurück.
Der amerikanische Traum steht allen offen – aber nur, wenn nichts dazwischenkommt.
Hochschild sammelt Geschichten von intersektionaler Diskriminierung, von verhinderter Teilhabe am „amerikanischen Traum“.
Der Aufstieg der Rechten
In diese Gemengelage hinein erzählt der dritte Teil von der wachsenden Bereitschaft, in Trump den Retter aus der Gefangenschaft im Stolzparadox zu sehen. Die Erstürmung des Kapitols am 6. Januar 2021 bringt ein neues Stolzparadox hervor: Gegen die Beschämung, als Trump-Anhänger Mitschuld an der Gewalt zu tragen, wehrt man sich durch glatte Leugnung, durch die Behauptung, nicht beteiligt gewesen zu sein, oder durch Bagatellisierung des Gewaltausbruchs.[4] Trump reagiert mit einer Eskalation seiner Anti-Scham-Strategie: „Indem Donald Trump diejenigen, die ihn beschämen, niedermacht, festigt er die Unterstützung seiner Basis für eine oft versprochene ‚Vergeltung‘ an seinen Gegnern.“ (248) An die Stelle von Verfassungstreue und Rechtsstaatlichkeit tritt unverbrüchliche persönliche Gefolgschaft.
Fußgängerverkehr auf der Empathiebrücke
Hochschild sucht in den Erzählungen ihrer Gesprächspartner nach einer „Empathiebrücke“ zwischen den Gruppen, die um Anerkennung ihrer Lebensleistung und um Rechtfertigung angesichts von Scheiternserfahrungen ringen. Sie entdeckt „versteckten Fußgängerverkehr“ auf der Brücke, Menschen, die die ausschließenden Wirkungen der Stolz und Scham begründenden Narrative unterlaufen: Die einen folgen dem Lebensmuster „aufsteigen, zurückgeben und die Hand ausstrecken“ (255); sie können ohne Angst vor Scham auf Andere zugehen. Andere sind durch die Hölle gegangen, nach einem „Tiefpunkt“ aufgestanden und strecken die Hand aus zu anderen, die aus anderen Gründen ähnliche Beschämung durchleben.
Verstehen, was politische Sympathien antreibt
Aus den ambivalenten Wirkungen der Erzählung vom „amerikanischen Traum“ erschließt Hochschild den Aufstieg der Rechten in den USA. Sie liefert keine monokausale Erklärung, sondern legt dar, wie Emotionen und moralische Erwartungen Narrative konstituieren, die durch polarisierende Auswirkungen der wirtschaftlichen und sozialen Entwicklung herausgefordert werden. Ausgehend von Pikecounty verbindet sie die Gesellschaftsgeschichte von Stolz und Scham mit einer nationalen und globalen sozialen, wirtschaftlichen und ethnischen Konfliktgeschichte.
Was sie herausarbeitet, ist nicht ohne weiteres auf europäische Gesellschaften übertragbar. Aber der Ansatz bietet kontextübergreifend Potential für die Auseinandersetzung mit dem Aufstieg rechter Politik: Kollektiven Identitätskonstrukten und Gruppenmoralen ethnografisch auf den Grund zu gehen, überwindet quasi experimentell die Sprachlosigkeit zwischen verschiedenen Milieus und antagonistischen Standpunkten. Politisch bedeutsamen Emotionen Aufmerksamkeit zu schenken, ist ein Schlüssel für eine ethisch und politisch wachsame Auseinandersetzung mit rechten Tendenzen und Demokratiegefährdung. Die Lektüre von „Geraubter Stolz“ gibt zu denken.
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Marianne Heimbach-Steins, Dr. theol., Seniorprofessorin an der Katholisch-Theologischen Fakultät in Münster, leitete von 2009-2025 das Institut für Christliche Sozialwissenschaften sowie, zusammen mit Judith Könemann, die Arbeitsstelle für Theologische Genderforschung an der Münsteraner Fakultät. Sie ist Mitglied der feinschwarz-Redaktion.
Photo: Peter Lessmann
[1] Vgl. u.a. Hilmar Klute, Nachruf vom Präsidenten, SZ 17.12.2025, Nr. 290, S. 10.
[2] Arlie Russell Hochschild, Geraubter Stolz. Verlust, Scham und der Aufstieg der Rechten. Aus dem Englischen von Ulrike Bischoff, Hamburg: Hamburger Edition 2025. Zitatbelege weise ich im Text in Klammern aus.
[3] Vgl. Hochschild, Geraubter Stolz, 91.
[4] Vgl. Hochschild, Geraubter Stolz, 237-251.


