Grenzüberschreitung in der Reformdebatte?

Der Passauer Bischof Stefan Oster hat vor wenigen Tagen die Theologin Johanna Rahner kritisiert und ihre Analyse eines theologischen Rassismus zurückgewiesen. Norbert Scholl zeigt, wie ein Glaube verkümmert, dessen Aussagen nicht weiterentwickelt werden.

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Die katholische Theologin Johanna Rahner hat mit einer Aussage den Passauer Bischof provoziert. Wer sich nicht für die Gleichberechtigung der Geschlechter in der Kirche einsetze, sei Rassist, meint sie und die Reaktionen folgten prompt. Die Katholische Nachrichtenagentur meldet, dass Bischof Oster „Grenzüberschreitung in der Reformdebatte“ sieht. „Eine Mehrheit der Gläubigen, vereint auch mit einigen Bischöfen, vielen aus der akademischen Theologie und der pastoralen Mitarbeiterschaft“ wünsche eine Weiterentwicklung solcher Lehren im Sinne liberalerer Positionen. Daher gingen „manche ihrer Protagonisten nun immer offensiver und schamloser zum Gegenangriff über“, meint der Bischof. Als „katholisch“ scheine nun eigentlich genau das, was sie selbst meinten – „und gerade nicht mehr das, was das Lehramt sagt“.

Dogmen sind relativ, bezogen auf die Situation ihrer Entstehung.

Offenbar sind dem Bischof einige fundamentale Grundsätze der Theologie und der kirchlichen Lehre nicht bekannt. Zum Beispiel, dass die Dogmen relativ sind, d.h. bezogen auf die Situation ihrer Entstehung. Das hat zur Konsequenz, dass bei der Veränderung dieser Umwelt, beim Aufkommen neuer Denk- und Deutungsmuster Probleme auftreten müssen, weil der konkrete, allgemein bekannte und vertraute Verständnisrahmen nicht mehr vorhanden ist. Was die Menschen einer bestimmten Zeit bewegte und sie zu dieser oder jener Formulierung ihres Glaubens veranlasste, kann schon ein Jahrhundert später nicht mehr aktuell sein. Was in dieser Situation alle ohne weiteres verstehen und richtig deuten können, erscheint wenig später unverständlich und kann Anlass geben zu Fehldeutungen und Missverständnissen.

Die zeitgenössischen Erfahrungen der Menschen gelten lassen.


Wenn man die Ergebnisse der Diskussionen und Konzile der Alten Kirche, die mit dem Begriff der Hellenisierung zwar nicht erschöpfend, aber richtig beschrieben sind, noch heute für verbindliche Glaubensaus­sagen hält, damit also das interpretatorische Verfahren, das zu ihnen führte, für legitim und ‚zwingend‘ erklärt, dann müssen vergleichbare Aporien auch heute vergleichbar gelöst werden können. Vergleichbar ist aber nicht die ungeschichtliche, formaljuridisch legitimierte Wieder­holung alter Formeln […]. Die Alte Kirche geriet vor allem mit ihrem Gottesbild, mit ihrer Christologie zeitweise in die Aporie; sie konnte diese Aporien überwinden, indem sie die Probleme des Glaubens […[ ausdiskutierte und dabei in einer sehr aufgeschlossenen und freimütigen Art die zeitgenös­sischen Erfahrungen des Menschen gelten ließ“ (Norbert Brox [i]).

Dogmen sind in Sätze gekleidet. Allen Sätzen haftet eine grundsätzliche Problematik an. Hans Küng [ii] nennt dazu fünf Aspekte:

  • „Sätze bleiben hinter der Wirklichkeit zurück.“ Auch Glaubenssätze, auch Dogmen. Es bleibt immer eine Differenz zwischen dem, was ausgesagt werden soll, und dem, was tatsächlich ausgesagt wird und werden kann. Auch eine noch so korrekte und gewandte sprachliche Ausdrucksform reicht nicht aus, um das, was zu sagen ist, voll auszuschöpfen.
  • „Sätze sind missdeutbar.“ Die Sprachwissenschaft spricht hier von „Denotat“ und „Konnotat“. Beim Denotat ist die Sachlage eindeutig, und beide Sprachteilnehmer verstehen darunter dasselbe. Beim Konnotat verstehen die Hörer und Hörerinnen, häufig unterschwellig und emotional, etwas „mit“, was die Sprechenden nicht meinen, was aber in den Hörenden bestimmte Gefühle, Sympathien oder Antipathien, aufkommen und sie so dem Wort gegenüber voreingenommen werden lässt. Gleiche Wörter täuschen häufig Bedeutungsgleichheit vor. In Wirklichkeit weichen die Begriffe aber vielleicht wesentlich voneinander ab oder stehen einander diametral gegenüber.
  • „Sätze sind nur bedingt übersetzbar.“ Für gewisse Worte gibt es überhaupt keine Übersetzung; sie müssen unübersetzt in andere Sprachen übernommen werden. So kann der hebräische Gottesname „Jahwe“, der eigentlich ein verkürzter Satz ist („Ich bin da und werde für euch da sein als derjenige, der ich in dieser Situation da bin und da sein werde“), nicht einfach mit „Herr“ („kyrios“) wiedergegeben werden, wie das die griechische Übersetzung des Alten Testaments getan hat (und in ihrem Gefolge die deutsche Einheitsübersetzung).
  • „Sätze sind in Bewegung.“ Sprache geschieht als Gespräch. Sie ist kein statisches Gebilde, sondern dynamisches Ereignis, eingebettet in den Fluss der gesamten Geschichte von Mensch und Welt. Eine Sprache, die sich nicht verändert, stirbt ab zur toten Sprache. In einer lebendigen Sprache jedoch nehmen Worte und Sätze neue Impulse auf und geben auch neue Impulse ab. Worte und Sätze können in einer neuen Situation ihren Sinn völlig verändern (so etwa der „Person“-Begriff zur Zeit der Entstehung der christologischen Dogmen und das, was heute unter „Person“ verstanden wird).
  • „Sätze sind ideologieanfällig.“ Worte und Sätze können benützt, abgenützt und ausgenützt werden – zur Reklame, zur Propaganda und zu „frommen Zwecken“. Worte und Sätze sind dann einer Herrschaft unterworfen, die sie kaum noch abschütteln können. Sie werden von einer bestimmten Idee oder Ideologie in Beschlag genommen, so dass sie unter Umständen das Gegenteil von dem sagen müssen, was sie ursprünglich meinten (vgl. „Demokratie“ im Jargon der ehemaligen DDR und der „westlichen“ Staaten).

Keine Klarheit, wo alles klar sein soll.

Dogmen, die in Sätze gekleidet sein müssen, sind also keineswegs so klar, wie sie klar zu sein scheinen oder – nach der Vorstellung von Bischof Oster – klar sein sollen. Immerhin habilitierte sich  Oster beim heutigen Regensburger Bischof Voderholzer, als der noch in Trier Dogmatik lehrte. Auch für dogmatische Sätze gilt, was für alle Sätze zu gelten hat: Sie sind grundsätzlich nicht eindeutig und können folglich von Menschen in unterschiedlichen Zeiten, Kulturkreisen und Situationen unterschiedlich verstanden und missverstanden werden.

Dogmatik als Übersetzungsvorgang

„Das Dogma kann nicht anders erscheinen denn als eine relative und geschichtliche Größe, die nur funktionale Bedeutung besitzt. Das Dogma ist relativ, insofern es dienend, hinweisend auf das ursprüngliche Wort Gottes bezogen ist, und es ist relativ, insofern es auf die Fragestellun­gen einer bestimmten Zeit bezogen ist und dem rechten Verständnis des Evangeliums in ganz konkreten Situationen dient. In dieser doppel­ten Selbstüberschreitung muss das Dogma und die es in wissenschaftlicher Reflexion auslegende Dogmatik betrachtet werden. Geschieht dies, dann wird die Dogmatik zu einem hermeneutischen Geschehen, zu einem Übersetzungsvorgang“ [iii].

Ob es angebracht ist, Bischöfe und Theologen, die diesen mühsamen Übersetzungsvorgang leisten, als „schamlos“ zu bezeichnen, wie Bischof Oster das tut, sei dahingestellt.

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Autor: Norbert Scholl, Prof. i.R. Dr., kath. Theologe und Religionspädagoge an der Pädagogischen Hochschule Heidelberg, Autor zahlreicher theologischer Schriften.

Foto: Sarah Kilian / unplash.com

[i] N. Brox, Von der alten Kirche lernen?, in: Herder-Korrespondenz 6/1981, 285-291; hier: 290.

[ii] H. Küng, Unfehlbar? Eine Anfrage, Zürich/Einsiedeln/Köln 1970, 128-131.

[iii] W. Kasper, Die Methoden der Dogmatik. Einheit und Vielheit, München 1967, 38.

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