„Ich bin die Tür“ (Joh 10,9) – Wie Migration die vertraute Gottesrede verändert

Wie lässt sich im Angesicht der großen Fluchtbewegungen heute von Gott sprechen? Der Salzburger Dogmatiker Hans-Joachim Sander fordert dazu auf, die eigene Gottesmetaphorik der Relativierung auszusetzen und Theologie mit Metonymien zu praktizieren. feinschwarz.net dokumentiert einen Auszug aus seinem Vortrag beim Studientag „Theologie von den Rändern“ an der Katholisch-Theologischen Fakultät Tübingen. (Hans-Joachim Sander)

Es stehen zwei Strategien zur Verfügung, um Zentrum und Ränder sprachlich zu verbinden. Man kann entweder nach etwas suchen, was für beide Orte, Rand und Zentrum, relevant ist, also eine dritte Größe, denen beide ausgesetzt sind. Das kann eine weitere Welt sein, so eine Art Zwischenraum oder ein gemeinsame Problemstellung; auf jeden Fall ist durch einen solchen thirdspace ein Ortswechsel für Rand wie Zentrum angesagt. Homi Bhabha nennt das kulturelle Kontaktzonen und sieht dabei eine hybrid identity am Werk. Damit geht die Einsicht einher, dass man dabei immer mit Mimikry von Seiten der Ränder rechnen muss, also mit Scheinwelten, Verstellungen, Verzerrungen, sowie von Seiten der Zentren mit Kolonisierung. Die andere Strategie besteht darin, gar nicht nach einer anderen Welt zu suchen, die beide verbinden kann, sondern in der Welt zu bleiben, wie sie im Zentrum oder am Rand besprochen wird. Dann wird keine Übertragung woanders hin versucht, sondern eine Eintragung des Gesagten in dem Raum, in dem die Sprache stattfindet. Beide Strategien bringen Relativierungen mit sich, die erste für beide, die zweite jeweils für den Ort des Zentrums und der Ränder, der sich nach dem anderen im gemeinsamen Raum richtet. Beide Strategien verlangen nach unterschiedlichen Sprachformen, zwischen denen man sich entscheiden muss.

Der biblische Gott entsteht üblicherweise in Randlagen, aber zielt auf die Zentren.

Die biblische Gottesrede ist auf das erste geeicht. In der Regel erfolgt sie von den Rändern aus und zielt dann auf eine gemeinsame Größe, denen das Zentrum nicht ausweichen kann. Der biblische Gott entsteht üblicherweise in Randlagen, aber zielt auf die Zentren; er ist ein klassischer Aufsteiger und strebt deshalb immer in die Stadt. Das gilt für den alttestamentlichen wie den neutestamentlichen Gott. Beide Gottesreden hatten mit urbanen Randlagen zu kämpfen und sie zu bewältigen – Exil und Kreuzigung. Die dazu passende Sprachform ist die Metapher; sie ist vorherrschend in der Theologie, die biblisch formiert ist. Solche Metaphern sind etwa Gottesknecht, Vater-Unser, König der Juden, aber auch der Schöpfer am Anfang mit den sieben Tagen, der Gesetzgeber am abgelegenen Berg des Sinai, der Befreier der Armen, der Freund der Frauen. Fast alle Reich-Gottes-Bilder sind Randlagenmetaphoriken wie das Senfkorn, auch die meisten apokalyptischen Sprachfiguren wie das Lamm Gottes.
Das Mimikrymoment kann man gut an der Metaphorik des Vaters erkennen. Eigentlich steht die Metapher ja für ‚Papa‘, also eine Sprechweise von den schwächsten Figuren her auf Gott hin, dessen Gewalt dabei relativiert wird. Sie hat eine typische hybrid identity. Aber die Sprachform lässt sich hervorragend verwenden, um damit den römischen pater familias zu verbinden, also den patriarchalen Gott, der Unterwerfung verlangt, weil er Gewalt über Leben und Tod hat. Das ist eine Verstellung des Abba, aber von der römischen Kirche wird diese Mimikry geliebt. Und deshalb hat sie Michelangelo beauftragt, ein eindrucksvolles Deckenfresko daraus zu machen. Wie schwer fällt es entsprechend einem Heiligen Vater, der darunter gewählt wurde, sich nicht vom pater familias her zu begreifen?

„Buona sera“ (Papst Franziskus)

Das ‚Buona sera‘, das Papst Franziskus an den Anfang seines ersten Auftritts nach der Wahl gestellt hat, ist dagegen eine ganz andere Sprachform. Der Abend, der gut ist, ist eine Metonymie, keine Metapher. Hier wird kein sprachliches Bild geprägt, das aus zwei unterschiedliche Welt miteinander verknüpft, die eigentlich getrennt sind wie bei Achill, dem Löwen, der klassischen Metapher. Es wird bei der Metonymie keine Markierung für eine Schnittmenge erzeugt, die eigentlich getrennte Welten zueinander stellt – bei Achill der Mut des Tieres oder die Brutalität des Viehs, der niemand in der Schlacht gewachsen ist.
Während die genannten Metaphern eine Übersprungsleistung zwischen Rand und Zentrum vollziehen, sind Metonymien direkte Verbindungen in die Sprachwelt der Ränder, die vom Zentrum ausgeht. Es wird direkt gesprochen von dem her, was angesprochen wird. Jung und Alt, durch dick und dünn, Bayern hat gewonnen, VW ist abgestürzt, ein Glas trinken gehen, sich ein Bein ausreißen – das sind Metonymien. 1
Wenn der Tübinger Oberbürgermeister sagt, der Satz der Kanzlerin ‚Wir schaffen das!‘ sei das Elfte Gebot, dann erzeugt er eine Metapher, die darauf hinweist, dass damit etwas gefordert wird, was außerhalb dessen liegt, an das man sich halten muss. Es gibt nun einmal nur Zehn Gebote. Wenn man dagegen sagt, Deutschland sei überfordert von den Flüchtlingen, die über seine Grenzen gelangen, dann nutzt man eine Metonymie.

Wenn Christus die Tür ist, dann kann sie nicht geschlossen bleiben.

Der Gruß des Guten Abends von Papst Franziskus nutzt das, was bei denen, die angesprochen werden, bereits vorhanden ist, aber es besagt natürlich mehr, als dass der Abend gut ist. Es besagt, ich hoffe, ihr könnt mich akzeptieren, obwohl ihr nicht mit mir gerechnet habt. Da stellt sich ein Zentrum auf Augenhöhe mit den Rändern und lässt sich von dem bestimmen, was die Ränder angeht. Es ermutigt die Ränder gegenüber dem Zentrum.
Es ist viel leichter, für die Theologie Metaphern zu prägen, um Rand und Zentrum zu verbinden. Wenn der johannäische Christus sagt ‚ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben‘ (Joh 15,5), dann verstehen wir das sofort, weil es die Differenz zwischen Rand und Zentrum wahrt. Das ist eine eingängige Metapher. Wenn er dagegen sagt, „ich bin die Tür“ (Joh 10,9), dann ist diejenige/derjenige gefordert, der da durchgeht. Diese Metonymie muss gleichsam praktiziert werden, um bezeichnen zu können, was sie besagt. Ohne die Praxis, die Tür zu nutzen, nutzt die Übertragung auf Christus nichts. Eine solche Metonymie ist eine Ermutigung für die, denen sie bezeichnet wird, so wie der gute Abend von Franziskus beim ersten Auftritt eine Ermutigung derer war, die da auf dem Petersplatz gewartet haben. Christus, die Tür, ist eine Metonymie, die für Migration tauglich ist. Es müssen Türen geöffnet werden für Leute, die kommen. Wenn Christus die Tür ist, dann kann sie nicht geschlossen bleiben.
In der Tradition der Gottesrede gibt es dafür einen metonymischen Vorgang, der gar nicht von Gott redet, aber zugleich Gott eindeutig benennt und dabei die Randlagen ermutigt. In den Seligpreisungen findet er sich, wenn es heißt: ‚selig die Trauernden, sie werden getröstet werden‘. Das ist ein passivum divinum. Es ermutigt mit Gott, ohne ihn zu benennen. Es anonymisiert Gott, um auf ihn metonymisch zu treffen. Das ist dann nötig, wenn die Sprache des Zentrums für Gott in die Irre führen würde. Man kann nicht sagen: „Ihr Trauernden, kommt in die Kirche, Gott wird euch trösten“, ohne eine bloße Vertröstung zu erzeugen. Wer dagegen sagt, selig die Trauernden, sie werden getröstet werden, nutzt das, was bei den Trauernden da ist, eben die Trauer, die sie bindet. Sie wird nun geteilt im Sinne eines sharing, das sie gerade nicht abteilt (dividing), um sie in eine übergeordnete Welt zu führen. Aber zugleich wird über die hinausgegriffen, die trauern, auf etwas, was etwas anderes besagt, aber stets von denen ausgeht, denen es gesagt wird. Das ist der metonymische Vorgang darin. Metonymien sind passive Aktivitäten und darum für das Erfassen eines passivum divinum besonders gut geeignet. Während Metaphern dieses Gottes aktive Passiv eher verstellen, können Metonymien es in Erfahrung bringen.
Diese Sprache teilt mit denen, an die sie sich richtet, was bei diesen da ist. In diesem Teilungsvorgang tut sich etwas auf, was zuvor unbekannt war. Christus, die Tür, steht zwar schon lange im Joh-Evangelium. Von denen her, die auf Türen hoffen, die aufgehen, obwohl sie eigentlich als verschlossen zu erwarten sind, wird erkennbar, was das eigentlich heißt. Das ist nicht die Leistung derer, die diese Metonymie verwenden. Es geschieht passiv, weil diese Metonymie ein gemeinsam geteilter Raum der Sprache ist.

Selig die auf der Flucht sind – sie werden Türen an den Grenzen finden

Meines Erachtens ist daher die angemessene Sprache, um das Zentrum von den Rändern her mit Gott anzusprechen, also den üblichen Gottesvorgang einer etablierten Religion umzukehren, das passivum divinum als Metonymie für die Gegenwart Gottes. „Selig die auf der Flucht sind – sie werden Türen an den Grenzen finden.“ Das wäre ein solcher Sprachprozess. Dieser Satz ist kein Elftes Gebot und auch kein Vorgang, den irgendjemand garantieren kann – weder diejenigen, die migrieren, noch die, die ihnen gastfreundlich sind. Das gelingt nur, wenn beide miteinander ihre Schwächen teilen. Die Migranten sind auf der Suche nach einer Tür an der Grenze, diejenigen, zu denen sie kommen, sind skeptisch wegen der Politik der offenen Tür. Wenn sie zusammenlegen, dann kann die bestehende Normalität anders werden. Aus der Tür, die für die Flüchtlinge da ist und um die die dort schon Wohnenden fürchten, wird ein anderer Raum. Er wird anders und doch wächst dabei etwas, was für beide wichtig ist und sie im gemeinsamen Raum humanisiert. Das macht diesen Raum, der Türen hat, zu einem theologischen Ort. Hier wird aus der Zumutung, der man sich in Demut stellt, eine Ermutigung. Um mehr muss man sich gar nicht sorgen.

Bild: lichtkunst.73 / pixelio.de

  1. Zu den Unterschieden vgl. bes. Jakobson, Roman. Poetik. Ausgewählte Aufsätze 1921 – 1971. Hg. u. erl. v. Elmar Holenstein. Frankfurt: Suhrkamp, 2005, 192-211; Jakobson, Roman. Selected writings. Word and language. Vol. 2. The Hague (u.a.) ; 1971, 239-260; generell: Metaphor and metonymy in comparison and contrast. Ed. by René Dirven. Berlin: Mouton de Gruyter, 2002
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