An der Grenze. Zwischen Leben und Tod

Albert Biesinger, em. Professor an der Universität Tübingen, war an der Grenze zwischen Leben und Tod. In knappen Worten beschreibt er seine Nahtoderfahrungen von 2010. So knapp, wie wohl diese Erfahrung war…

11 Tage Intensivstation nach einer Routineoperation.

Der Arzt sagte, Sie sind in einer Woche wieder an der Uni im Einsatz.Es kam zu lebensgefährlichen Komplikationen. Darmlähmung, Magensaft in der Lunge, Aspirative Pneumonie, septischer Schock. Die Ratlosigkeit der Ärzte wuchs so sehr, dass meine Frau schon überlegte, wo sie mich beerdigen lässt.

Während dieser Zeit machte ich eine ganz heftige Erfahrung.

Ich saß auf einem Stuhl und vor mir war ein Rad wie ein großes Nudelholz, das sich zu mir her drehte links und rechts eingehängt. Ich saß auf einem Stuhl und drehte eine Radwalze, die links und rechts eingehängt war – ungefähr so dick wie ein Nudelholz.

Sie drehte sich auf mich zu und ich drehte dauernd dagegen und schaffte es nicht, sie aufzuhalten. Ich drehte diese Radwalze bis zur Erschöpfung. Total erschöpft, verschwitzt, ich kann nicht mehr…

Es war eine angenehme klare Stimme.

Nach einer langen Weile sagte plötzlich eine Stimme zu mir:
„Jetzt ist es soweit. Jetzt bist ja gleich im Himmel. Daraufhin hast du doch so oft hingepredigt.“

Es war eine angenehme klare Stimme. Nicht meine eigene.

Und plötzlich entstand eine Explosion von hellem Glück…

Ein solches Glück gibt es hier auf dieser Erde nicht.

Ich habe schon viel Glück auch in meinem Leben erlebt. Aber ein solches Glück gibt es nicht hier.

Und ich wurde so richtig spitzbübisch neugierig:

Noch 1 mm, dann sehe ich Gott, den wollte ich doch immer schon mal sehen.

Und ich wartete:

Jetzt kommt’s gleich

Glück, explosives Glück

Jetzt noch 1 mm – und so ging es ganz ganz lang….
Glück, explosives Glück

Bis dann die Stimme sagte:

»Schade um deine Frau«.

Dann brach dieser Bewusstseinszustand ab.

Ganz offensichtlich arbeitete ich mich dann wieder in meinen malträtierten, schwer kranken Körper zurück.

Ein Gottesbeweis ist dieser extreme Bewusstseinszustand nicht.

Ein Bewusstseinszustand, den ich bisher nicht kannte. Denn es war auch nicht ein Traum. Als ich dann aus dem künstlichen Koma wieder zurückgeholt wurde: Immer, wenn ich kurz danach, aber auch Wochen und Monate danach darüber sprach, musste ich ziemlich schnell mit Tränen kämpfen – weil mich diese Erfahrung so intensiv existenziell berührt hat.

Ein Gottesbeweis ist dieser extreme Bewusstseinszustand nicht.
Und ich war ja noch nicht im Himmel. Und ich war auch nicht tot. Aber ich war ganz nahe daran, meinen Körper endgültig zu verlassen.

Mein Körper spielte schon gar keine Rolle mehr. Es war nur noch Glück, Glück, das mich geradezu angesogen hat, es war wie ein angenehmer intensiver Sog an Glück….
wie eine Attacke ….

(Albert Biesinger; Bild: by Peter Bast, pixelio.de)

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