Immer wieder sonntags …

Die Hand meines Vaters; Bild: Birgit Hoyer

kommt die Erinnerung, singen ewig Cindy&Bert. Gedanken zum Ende der Zeit während des Tanzens im Kompetenzzentrum Demenz von Birgit Hoyer.

Frau Z. schmiegt sich an Herrn A. Die Freude aneinander ist zu sehen und zu spüren. Eine Liebe im Da-Heim. Von Daheimbewohner*innen ist im Flyer der Diakonie Neuendettelsau zu lesen. Eine mehrsinnige Zuschreibung für Menschen, von denen wir Mente nicht wissen, was sie erleben, ob sie ein Bewusstsein von Daheim, von Leben haben, Sinne, Sinn empfinden. Auf jeden Fall für Menschen, die im Da sind, wie kurz oder tief dieses Da-Sein auch immer wieder sein mag. Menschen, die vielleicht ihr eigenes Daheim, eine äußerlich verlorene Heimat in sich tragen. So die Hoffnung.

Daheimsein

Zu den Liedern von Freddy Quinn und anderen Stars des vergangenen Jahrhunderts oder jahreszeitlich angepasst auch zu „Es ist ein Ros entsprungen“ und „Oh, Du fröhliche“ bewegen sich die Paare übers Parkett, gesäumt von textsicheren Sängerinnen. Immer wieder freitags kommt die Erinnerung an die Sonntage, an denen mein Vater mir  nach dem Mittagessen zu Operettenklängen aus dem Radio die Walzerschritte beibrachte. Tanzen – eine wunderbare Möglichkeit der Begegnung, der Berührung zwischen den Daheimbewohner*innen, zwischen ihnen und den Angehörigen. Die Erinnerungen meines Vaters bringen die Klänge nicht zurück, auch nicht seine Stimme.

Zeitloser Tanz

Der auch in der Demenz noch begeisterte Sänger, der immer viel – und im Schwinden der Kontrolle über sich Freund und Fremd – erzählt hat von seiner Kindheit als Flüchtlingskind in einer bayerischen Kleinstadt, er spricht nicht mehr. Sein starker Wille wurde ihm als dementer Mensch zum Verhängnis. Ein eigenwilliger Mensch passt nicht in das standardisierte Demenzpflegesystem, schon gar nicht in die Zeitläufe eines Bezirksklinikums, geschlossene Fachabteilung Gerontopsychiatrie. „Medikamentös eingestellt“  sollte der Mensch „versorgungsfähig“ gemacht werden, fixiert, sediert wurde er zerbrochen.

Therapieziel: Zerbrechen

Wie potenziert sich ein Trauma, wenn Zeit nicht mehr rational erfasst werden kann, keine Wunden mehr heilt? Mein Vater verlässt die Schockstarre selten, bewegt sich nicht von sich aus, spricht nicht, lacht nicht, singt nicht. Manchmal lächelt er, v.a. dann, wenn jemand freundlich auf ihn zukommt, ihn mit Namen anspricht und die Hand gibt. Und im Tanz, da sucht er von sich aus den Hautkontakt, wie übrigens alle seine Mitbewohner*innen.

Seelsorge ganz einfach, Seelsorge, die die Kinderbibelgeschichten und Predigten in den abwechselnd evangelischen und katholischen Gottesdiensten am Donnerstag nicht leisten. Die Kirchenvertreter*innen verstehen nicht oder können nicht akzeptieren, dass sich nichts entwickeln kann und muss, keine Einsicht, keine Buße. Was nicht längst im Menschen ist, wird nicht mehr herbeigeredet. Im Demenzkirchenjahr gibt es kein „Zufrüh“, kein „Unangemessen“. Was bleibt von Kirche, von Glaube, von Gott?

Demenzkirchenjahr ohne Zeitbindung

Es bleibt die Körper- und Seelsorge, das schlecht bezahlte und doch liebevolle Umsorgen der Pflegerinnen aus Russland, Ghana, Franken. Jede auf ihre Weise, die eine laut, die andere wortlos, die eine ruppig, die andere sanft. An ihre Grenzen kommen sie alle, angesichts der immer gleichen Fragen, des Nicht-Verstehens, „Das ist ihr Essen, Frau W.“ „Ach was?“ „Gehen Sie heute mit zum Tanzen?“ „Ich kann doch nicht tanzen, ich bin in Trauer.“ „Ihr Mann ist doch schon lange gestorben. Sie dürfen leben.“ „Herr B. stehen Sie doch auf.“ „Nein, nein, nein, mir tut alles weh.“  „Hilfe, Hilfe, Hilfe.“ „Können Sie sich einmal um mich kümmern?“ „Wieviel Uhr ist es denn?“ Ich möchte ins Bett.“ „Zuerst trinken Sie noch Ihren Kaffee.“ An die Grenzen ihrer eigenen körperlichen und seelischen Kräfte, in den immer gleichen Tätigkeiten, im Angesicht, im Geruch, unter dem Gewicht, in der stillen und oft auch aggressiven Verzweiflung nackter Existenz.

Zeit strukturieren, erlebbar machen für Zeitlose, in Rhythmen, jahreszeitlichen Festen, Ritualen, Geschmack und Farben, ohne zu wissen, ob all das ankommt, sich in Wohlbefinden wandelt. Rhythmen geben und individuelle Ryhthmen mitgehen, ohne in die Strukturen der Mentalen zu pressen, die eigenen Bedeutsamkeiten zu übertragen, normale Schnelligkeit zu fordern.

Zeitrhythmen für Zeitlose

Sisyphos(arbeits)leben im dreifachen Sinne: der Pflegerinnen, die „normalen“ Lebensgeschichten der jetzt dementen Menschen und ihr gegenwärtiges Sein. Wozu das Streben, Zeit sinnvoll zu füllen, mit Leistung, Titeln und Erfolgen? Aus dem Nichts kommen wir, ins Nichts gehen wir, was verlieren wir: Nichts, heißt es im Song „Allways look on the bright side of life“ in Monty Pythons „Leben des Brian“. Meines Vaters Maxime „Man muss die Zeit nutzen, so lange es geht.“ Er dachte dabei an ein Leben in Gesundheit, Freundschaft, Treue, Glauben mit schönen Liedern, Reisen und Wanderungen. Sein gegenwärtiges Leben fiele nicht in seine Kategorien von gutem Leben.

Das Kompetenzzentrum Demenz der Diakonie Neuendettelsau denkt nicht in diesen Kategorien, denkt sich nicht als Ort des Unglücks. Glück ist vielleicht zu hoch gegriffen. Oder doch? „Wir müssen uns Sisyphos als einen glücklichen Menschen vorstellen“, forderte Albert Camus 1942: „Der Kampf gegen Gipfel vermag ein Menschenherz auszufüllen.“ Mein Vater hat ein ganzes Leben lang gekämpft um Anerkennung und Ankommen, darum, daheim zu sein. Ob er noch Kämpfe ficht – niemand weiß es, ob er Glück, ob er Unglück empfindet.

Lebenslanger Kampf um ein Daheim

Es scheint, er nimmt es hin, dass die Welt um ihn und in ihm undurchdringbar und sinnlos ist. Darin entdeckte Camus Freiheit: „So gesehen ist Sisyphos als Allegorie des Lebens zu verstehen: Er sucht vergeblich nach einem Sinn, kann die ewig gleiche Handlungsabfolge jedoch hinnehmen und so ein Stück weit seine Freiheit zurückerobern. Freiheit heißt bei Camus also, über Revolte gegen die Sinnlosigkeit zu einer Akzeptanz zu finden – und das Sosein des Lebens anzunehmen.“1

Wo, wenn nicht unter den Daheimbewohner*innen lässt sich diese Freiheit finden, wo, wenn nicht im Tanz das Glück – immer wieder freitags.

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Text und Bild: Birgit Hoyer, Mitglied der Redaktion


 

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