„Indem ich mich des Juden erwehre, kämpfe ich für das Werk des Herren.“

Hinter Hitlers Judenhass steckt eine spezifische Theologie. Deren Kern: die Perversion des jüdischen Verhältnisses von Religion und Politik, von Lebensschutz und Gottesbegriff. Rekonstruktionen anlässlich des Internationalen Tags des Gedenkens an die Opfer des Holocaust am kommenden Sonntag. Von Rainer Bucher.

„Das Schicksal hat unsere Rasse auf ewig zum Kulturträger bestimmt. (…) Wir müssen Gott dan­ken für diese Gnade. (…) Gott hat Völker, aber keine Klassen geschaffen.“[1] Dieses Zitat  stammt von Adolf Hitler, aus einer Rede des Jahres 1927. Hit­ler begreift keines seiner politischen Ziele so unmittelbar als Verwirkli­chung eines gött­lichen Schöpferwillens, wie die geplante Aus­rottung des Judentums.

Kurz, knapp und eindringlich heißt es am Ende des antisemitischen Zentralkapitels von „Mein Kampf“: „Siegt der Jude mit Hilfe seines marxistischen Glaubens­bekenntnisses über die Völker dieser Welt, dann wird seine Krone der Totentanz der Menschheit sein, dann wird dieser Planet wieder wie einst vor Jahrmillionen menschenleer durch den Äther ziehen. Die ewige Natur rächt unerbitterlich die Übertretung ihrer Gebote. So glaube ich heute im Sinne des allmächtigen Schöpfers zu handeln: Indem ich mich des Juden erwehre, kämpfe ich für das Werk des Herren.[2]

Hitlers Kriegserklärung an die Welt, besonders aber an die Juden.

Etwas vorsichtiger formuliert findet sich diese Argumentation auch in der berühmt-berüchtigten Reichstagsrede vom 30.1.1939, Hitlers sog. „Kriegserklärung“ an die Welt, besonders aber an die Juden. Es sei „eine Anmaßung, anzunehmen, daß der liebe Gott die Welt nur für ein oder zwei Völker geschaffen habe.“ Jedes Volk habe „das Recht, sich sein Leben auf dieser Erde sicherzustellen.“[3] Und noch in seinem „Politischen Testament“ aus dem Februar 1945, also angesichts der totalen Kriegsniederlage, schreibt Hitler über die Juden und ihren „Dünkel als Angehörige des auserwählten Vol­kes“[4] und schließt mit den ungeheuerlichen Worten: „Die jüdische Eiterbeule habe ich aufgesto­chen. Die Zukunft wird uns ewigen Dank dafür wissen.“[5] Der Massenmord an den Juden: darauf war Hitler noch im Untergang stolz.

Das Judentum verkörpert für Hitler im Verhältnis des Politischen zum Religiösen die exakte Gegenfolie zu seinem eige­nen Projekt: Ist der Nationalsozialismus für Hitler ein primär politisches Unternehmen, das freilich in einer religiösen Legitimation wurzelt, so das Judentum eine religiöse Wirklichkeit, welche real doch nur rein politischen Zielen diene.

Ein (scheinbar) religiöses Unterfangen, das rein politischen (Weltherrschafts-)Zielen dient.

Auch und gerade weil die Juden hier, wie Hitler meint, „lügen“, glaubt er sie bekämpfen zu müssen. „Es gehört zu den geni­alsten Tricks, die jemals erfunden worden sind, diesen Staat als ‚Religion‘ segeln zu lassen und ihn dadurch der Toleranz zu versi­chern, die der Arier dem reli­giösen Bekenntnis immer zuzubilligen bereit ist. Denn tatsächlich ist die mo­saische Religion nichts anderes als eine Lehre der Er­haltung der jüdischen Rasse. Sie umfaßt daher auch nahezu alle soziologischen, politischen sowie wirtschaftlichen Wissensgebiete, die hierfür überhaupt nur in Frage zu kom­men vermögen.“[6]

Nun kann man diese Um­kehrung von Außenseite und „wah­rem“ Kern tatsächlich konstatieren, nur verläuft sie exakt spiegelbild­lich: Hitlers Projekt ist ein (scheinbar) religiöses Unterfangen, das in Wirklich­keit rein politischen (Weltherr­schafts‑)Zie­len dient, während das Judentum sich als eine gesellschaftliche Größe konstituiert, deren legitimatorische Wurzeln eine spezifische Religion zur Verfügung stellt. Diese aber ist eben in ihren In­halten nicht partikularistisch und rassistisch, wie Hitler dem Judentum unter­stellt, son­dern universalistisch und anti-rassistisch; partikularistisch und rassi­stisch, das ist vielmehr Hitlers Theologie. Hitler unterstellt den Juden, was er selbst tut: einen rassistisch begründeten partikularistischen Welt­herr­schaftsanspruch religiös zu legitimieren.

Gottebenbildlichkeit des Menschen und der anti-totalitär wirksame Gottesbegriff des Judentums.

Erkennbar ist damit eine Umkehr von Universalismus und Partikularismus im Spannungsfeld zwischen Politischem und Religion. Das Judentum ist religiös universalistisch, politisch und gesellschaftlich aber bewusst partikulär. Die Ver­mittlung von Universalität und Partikularität erfolgt über eine Ethik des Le­bens­schutzes aller Menschen, die der eine und universale Schöpfer-Gott garantiert. Der Got­tesbegriff wird nicht totalitär wirksam, sondern anti-totalitär, weil er sich mit dem Individuum verbindet, als dessen Ebenbild jeder Mensch ausnahmslos zu gelten hat.

Genau diese Gottebenbildlichkeit ist es denn auch, die Hitler man­chen Menschen, allen voran den Juden, abspricht. Hitler bekämpft die Juden nicht, indem er einen ihrer zentralen Glaubensinhalte, die Gottebenbildlichkeit des Menschen, generell leugnet, sondern indem er gerade sie von ihr aus­nimmt.

Hitlers Prinzip der Selektion: ein universaler anti-universalistischer Rassismus.

Der religiöse Horizont, den das Judentum für seine Politik mit seinem uni­ver­salen Gott des Lebensschutzes und dem Glauben an die Gottebenbildlich­keit des Menschen aufbaut, wird von Hitler nicht schlicht destruiert, sondern folgen­schwer modifiziert. Auch Hitlers Projekt benützt nicht nur instrumentell reli­giöse Formen und Riten, sondern besitzt einen genuin theologischen Rah­men, den Hitler gerade in der Kontrafaktur seines Hauptfeindes, der Juden, ent­wickelt. Hitlers Theologie des Zusammenhangs von Religion und Politik be­gründet einen universalen anti-universalistischen Rassismus, der vor allem eines tut: Unter­scheidungen setzen. Sein Prinzip ist die Selektion.

Kann das Judentum religiös universalistisch, politisch und gesellschaftlich aber bewusst partikulär beschrieben werden, wobei dann die Vermittlung von Univer­salität und Partikularität über eine Ethik des Lebensschutzes erfolgt, die der eine und universale Gott garantiert, so ist es bei Hitler exakt umgekehrt: sein Projekt ist religiös partikulär, denn es setzt das „deutsche Volk“ an die Spitze der von Gott gewollten Welt, wobei Gott nicht als Garant einer Ethik des individuellen Lebens­schut­zes, sondern als Garant der Letztgültigkeit dieser Welt-Herrschaftsposition des „deutschen Volkes“ fungiert.

Hitlers theologische Legitimation des Holocaust.

Politisch aber ist dieses Pro­jekt im schlechtesten nur möglichen Sinne universal, denn das deutsche Volk darf, ja muss, weil von Gott dazu aus­ersehen, so Hitler, zur Welt­herrschaft streben. Damit aber zeigt sich auch: Die theologi­sche Legitimation des Holocaust ist keine singuläre Argumentations­struktur in Hitlers Denken, die sich etwa aus dem (auch) religiösen Charakter des Juden­tums quasi spiegelbildlich ergeben hätte: Sie ist vielmehr die fatale Konsequenz der theologischen Argumentation Hitlers überhaupt: Der Rassismus Hitlers ist Konsequenz seiner von ihm behaupteten göttlichen Schöpfungsordnung.

„Jedes Wort, das aus Hitlers Munde kommt, ist Lüge.“

Im IV. Flug­blatt der „Weißen Rose“ heißt es: „Jedes Wort, das aus Hitlers Munde kommt, ist Lüge. Wenn er Frie­den sagt, meint er Krieg, und wenn er in frevelhaftester Weise den Namen des Allmächtigen nennt, meint er die Macht des Bösen, den gefallenen Engel, den Satan. Sein Mund ist der stin­kende Rachen der Hölle, und seine Macht ist im Grunde verworfen. Wohl muß man mit ratio­nalen Mitteln den Kampf wider den nationalsozialistischen Terrorstaat führen; aber wer heute noch an der realen Existenz dämonischer Mächte zweifelt, hat den metaphysischen Hinter­grund dieses Krie­ges bei weitem nicht begriffen.“[7]

Präziser kann man es nicht sagen.

Rainer Bucher ist Professor für Pastoraltheologie an der Theologischen Fakultät der Universität Graz und Mitglied der feinschwarz-Redaktion. Von ihm zum Thema erschienen: Hitlers Theologie, Würzburg 2008.

Hitler. Sehnsüchte, Versuchungen und Lehren

[1] A. Hitler, Adolf, Reden, Schriften und Anordnungen, Bd. II/1: Juli 1926 – Juli 1927, München 1992, 192 (Rede v. 23.3.1927).

[2] A. Hitler, Mein Kampf, München 621933, 69f. Hervorhebung im Original.

[3] A. Hitler, Der Führer vor dem ersten Reichstag Großdeutschlands, München 1939, 25 (Reichstagsrede am 30.1.1939).

[4] H. Trevor-Roper/A. François-Poncet, Hitlers politisches Testament, Hamburg 1981, 68.

[5] Trevor-Roper/François-Poncet, Hitlers politisches Testament, 70.

[6] Hitler, Mein Kampf, 164f.

[7] I. Scholl, Die Weiße Rose, erw. Neuausgabe, Frank­furt/M. 1993, 88f.

Bild: Moritz Schuhmacher (unsplash)

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