Vom Versagen, das Versagen anzuerkennen… – Kirchlicher Missbrauchsskandal reloaded

Photo: Maria Elisabeth Aigner

Sexueller und geistlicher Missbrauch lassen die Abgründe menschlicher Existenz bewusst werden. Maria Elisabeth Aigner plädiert dafür, dass die katholische Kirche nicht nur mit ihrer sexualfeindlichen Geschichte aufräumt, sondern sich auch an ihre Bußpraxis erinnert. feinschwarz.net führt damit die Auseinandersetzung mit der Missbrauchsthematik im Vorfeld der vatikanischen Konferenz im Februar fort.

Der Medienhype rund um die zuletzt veröffentlichte Missbrauchsstudie verebbt bereits wieder. Zugleich sickert das Thema sexueller Gewalt und Übergriffe subtil und stetig in alle Bereiche kirchlicher Existenz. Im Grunde wurde erst die Spitze des Eisberges geschrammt. Forensisch betrachtet ist jedoch schon längst alles feinstofflich vergiftet: das Lehramt, die klerikalen Strukturen, das Volk Gottes in seiner Gesamtheit. Vielleicht sind wir nicht nur deshalb so erschüttert, weil die Lackkratzer immer offenkundiger und tiefer zu Tage treten, sondern weil wir uns nicht mehr wirklich dagegen wehren können.

Es gibt für niemanden mehr ein Entkommen, auch wenn noch immer weggesehen, abgewehrt, verleugnet, verdrängt, verschlüsselt, verdreht, vernebelt und verschoben wird. Man versucht die psychodynamischen und psychosozialen Verstrickungen zu analysieren, um sie irgendwie zu begreifen und in den Griff zu bekommen. Doch oft enden diese Analysen erneut in einem schalen Gefühl von Ohnmacht.

Das Phänomen wahrnehmen und verstehen.

Und dennoch führt kein Weg daran vorbei, sich in multiprofessionellen Zugängen der Subtilität, Tiefendimension und Tragweite des grauenvollen Geschehens zuzuwenden, das Phänomen wahrzunehmen und zu erkennen, es zu durchschauen und zu verstehen. Die erneut ins Bewusstsein tretende Tragweite des Problems löst Versuchungen aus. Da wäre zum einen die Versuchung, Opfer und Täter aufzuspalten. Beide Begriffe sind um der Klarheit willen differenziert anzuwenden.

Die Opfer sind jene, die Leid erlitten haben und zugleich nicht auf ihren Opferstatus und ihr Leiden zu reduzieren sind. Opfer sind auch Überlebende, „survivals“, denen nicht nur Not und Elend widerfahren sind. Sie haben auch eine widerständige Lebenskraft an den Tag gelegt, beispielsweise jahrzehntelang Missbrauch zu durchleiden – realiter sowie in den Flashbacks danach. Sie haben versucht, ihrer Existenz dennoch genug an Lebenswertem jenseits oder trotz der Missbrauchserfahrung abzuringen.

Täter und Täterinnen haben sich schuldig gemacht und dennoch sind sie weder die Schmuddelkinder noch der kirchliche Abschaum. Täter und Täterinnen sind Menschen. Auch in ihren Geschichten sind Not und Elend präsent, selbst wenn nichts davon bewusst ist. Dieser Blick mag unbequem sein, aber er ist menschlich notwendig und theologisch ein Konstitutivum. Es führt kein Weg daran vorbei, zwischen Sünder/in und Sünde zu unterscheiden – schon gar nicht, wenn es um eine Glaubensgemeinschaft geht, die sich auf Jesus von Nazareth beruft.

Aufklärung tritt eine Lawine an Dynamiken los.

Missbrauch, der aus dem Dickicht an Schweigen und Verdrängung herausgezerrt wird und aus dem Nebel tritt, spaltet. Aufklärung tritt eine Lawine an Dynamiken los. Diese löst Gefühle aus, evoziert Druck, Hass, Wut und Ohnmacht. Das hat mit dem verlorenen Vertrauen zu tun. Anstelle des Vertrauens rückt permanentes Misstrauen. Das gilt für Individuen, aber auch für das System. Wenn das Vertrauen schwindet, steigt die Angst und diese wiederum begünstigt eine hasserfüllte Spaltung in Gut und Böse, Täter und Opfer, Angriff und Verteidigung, Offensivität und Rückzug.

Wir wissen mittlerweile, dass sexueller Missbrauch nicht losgelöst werden kann von geistlichem oder spirituellem Missbrauch und dass es dabei im Kern immer um Missbrauch von Macht geht. Das Fatale daran ist – gerade für eine Institution wie die Kirche –, dass Vertrauen zerstört und dadurch einem tiefen Misstrauen Platz eingeräumt wird. Die Kirche und ihre AkteurInnen sind nicht mehr glaubwürdig und damit gerät auch ihre Heilsbotschaft in Verruf.

Mehr und mehr weisen die Analysen im Zusammenhang mit dem Missbrauchsthema auch auf den institutionellen Aspekt des Missbrauchs hin. Dass sich das Thema pastoral und auch theologisch gesehen in der Kirche nicht mehr abstreifen lässt, hat zweierlei Gründe. Zum einen haben sich Menschen in kirchlicher Funktion durch missbräuchliche Taten schuldig gemacht. Zum anderen versagt die Institution im Umgang damit. Beide Aspekte haben massive Auswirkungen. Wenn die Institution ihre Verantwortung nicht zu sich nimmt, hat das fatale Folgen. Sie versagt durch das Vertuschen von Taten, die Versetzung von Tätern als alleinige Maßnahme, den Druck auf Betroffene, zu schweigen. Und erneut versagt sie darin, dieses Versagen anzuerkennen und sich ihm zu stellen.

Das Versagen, sich dem eigenen Versagen zu stellen.

Klaus Mertes hat auf die Bedeutung hingewiesen, dass die Opfer ein Gegenüber brauchen, das Verantwortung – Verantwortung für diese Sünde – übernimmt. Kirchliche Verantwortungsträger müssen demnach in einem systemischen Sinn auf der Täterseite bleiben. Für diejenigen, denen Schlimmes widerfahren ist, kann systemlogisch betrachtet eine fürsorgliche Begleitung und Nähe innerhalb des Systems nur als blanker Zynismus erscheinen. Seelsorgliche Zuwendung kann Gefahr laufen, als erneuter Missbrauch interpretiert zu werden. Die Betroffenen haben das Recht auf ein Gegenüber, das ihnen in die Augen blickt, ihnen Glauben schenkt, ihre Geschichte anerkennt, sich ihrem Zorn, ihrer Wut, ihrer Anklage und ihren Forderungen stellt.

Im Bemühen um Klarheit und Gegenüberstellungen im Zuge der Bewältigungsschritte werden auch schillernde Grauzonen sichtbar. Täter sind oft selber Opfer sexueller Gewalt gewesen. Opferschutz bedeutet nicht, beliebig auf jede Forderung einzugehen. Differenzierung und Entschiedenheit schaffen Bewusstsein und haben nichts mit Abspaltung zu tun, die meist unbewusst vor sich geht. Das Abspalten der dunklen Seite löst das Gewaltproblem und die Blindheit gegenüber der Gewalt nicht. Es muss ein erklärtes Ziel bleiben, aufzuklären und das Thema durch das Aussprechen der Wahrheit freizusetzen. Das Sprechen der Opfer hat jedoch Konsequenzen für das ganze System.

Das Sprechen der Opfer hat Konsequenzen für das ganze System.

Im Zuge der letzten Diskurswelle im Zusammenhang mit dem Missbrauchsskandal ist öfters laut geworden, dass es in der Christentumsgeschichte doch wohl schon immer solche Vorfälle gegeben habe. Das mag stimmen, wenngleich jede Zeit ihre eigenen Herausforderungen kennt. Sieht man von den kapitalistischen Zwängen ab, ist das Individuum hierzulande gesellschaftlich wie kirchlich so frei wie nie zuvor. Der Missbrauchsskandal erschüttert die Kirche zutiefst und zugleich stellt sich die Frage, welche Lernprozesse, Themen und Schritte jetzt anstehen.

Sexueller und geistlicher Missbrauch, sowie sexualisierte Gewalt lassen uns der tiefen Abgründe menschlicher Existenz gewahr werden und zwar genau an jenen Zonen, die transzendenten und somit unser Dasein überschreitenden Charakter haben: dem Glauben und der Sexualität. Genau dort, wo der Mensch „seine Unschuld verliert“, zeigt sich auch in aller Ambivalenz und Fragilität jene Lebenskraft und Vitalität, die menschliches Leben hier auf Erden materialisiert.

Die Kirche muss nicht nur mit ihrer elendiglichen sexualfeindlichen Geschichte aufräumen, sie muss sich auch an ihre Bußpraxis erinnern, die mit Einsicht der schuldhaften Tat, dem Bekennen der Schuld, sowie der tätigen Reue einhergeht. Sie hat dafür einzustehen, dass es darum geht, als Menschen wieder schuldfähig und wahrhaftig werden zu können. Das „Erkennen“ – auch im biblischen Sinn – geht jedoch einher mit Schmerz; Erkenntnisgewinn und Versöhnung sind nicht zu haben ohne gewaltfreies Zugewandt-Bleiben.

Maria Elisabeth Aigner ist Professorin am Institut für Pastoraltheologie und Pastoralpsychologie der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Graz.

Photo: Maria Elisabeth Aigner

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