Warum schweigen alle? Frauenstimmen zur Missbrauchskatastrophe.

Mary Hallay-Witte, Doris Wagner, Dr. Rocìo Figueroa Alvear, Barbara Dorris, Virginia Saldanha, Bild: Voices of Faith

Sollte man keine heterosexuellen Priester mehr weihen, weil viele von ihnen Mädchen und Frauen vergewaltigt haben? Diese Frage stellt Hildegund Keul in ihrem Kommentar zu einer Konferenz in Rom, die sexualisierte Gewalt gegen Mädchen und Frauen diskutierte.

In den aktuellen Debatten zum sexuellen Missbrauch in der Kirche sind weibliche Stimmen nur selten zu hören. Aber sexualisierte Gewalt ist kein reines Männerthema. Umso wichtiger, dass Frauen eine öffentliche Plattform erhalten. Die Konferenz „Overcoming silence – Women’s Voices in the Abuse Crisis“ am 27. November 2018 in Rom hat Frauen dieses Forum geboten. Die Konferenz diskutierte sexualisierte Gewalt gegen Mädchen und Frauen sowie deren Vertuschung in der Kirche. Sie versammelte betroffene Frauen und Expertinnen rund um den Globus, die als Change Agents engagiert sind – von den USA bis Neuseeland, von Peru bis Deutschland, von Afrika bis Asien.

Overcoming Silence – Change Agents

Der Ort war gut gewählt. Mit der imposanten Biblioteca Angelica an der Piazza Sant’Agostino stand die Frage im Raum, wie sexueller Missbrauch und Vertuschung mit den theologischen Traditionen der Kirche verbunden sind. Dass die Veranstaltung Perspektiven rund um die Welt in einem Raum versammeln konnte, ist „Voices of Faith“ zu verdanken, einer katholischen Initiative, die in Rom verortet und global hervorragend vernetzt ist. Overcoming Silence, „Schweigebruch“1 dient dem Ziel, die Kirche im Sinne des Zweiten Vatikanischen Konzils zu verändern und voranzubringen.

Was trägt?

Ein Nebeneffekt der Konferenz: sie falsifiziert den Versuch, die Verantwortung für sexualisierte Gewalt auf den Schultern „der Homosexuellen“ abzuladen. Vieles mag in diesem Feld umstritten sein. Aber eines ist unstrittig: In der römisch-katholischen Kirche gibt es keine lesbischen Priesterinnen, die man für den vielfach erfolgten und vertuschten sexuellen Missbrauch von Mädchen verantwortlich machen könnte. Oder will man jetzt keine heterosexuellen Priester mehr weihen, weil etliche pädokriminelle Priester Mädchen und heterosexuelle Männer Frauen vergewaltigt haben? Die Abschiebe-Strategie geht nicht auf, sobald Frauen ihre Stimmen öffentlich zu Gehör bringen. Dies geschah am 27. November 2018 in Rom.

Wie sind sexueller Missbrauch und Vertuschung mit den theologischen Traditionen der Kirche verbunden?

Barbara Dorris vertritt „Survivors Network of those Abused by Priests“ (SNAP), die größte support group für Menschen, die in kirchlichen Institutionen sexuellen Missbrauch erlitten haben. Die anfangs kleine Gruppe wuchs 2002 enorm, als der Boston Globe über den Missbrauch in einer Diözese berichtete. Dorris war zuvor dazugestoßen, als sie auf die sexuellen Übergriffe eines Priesters gegen ein Schulmädchen aufmerksam wurde. Sie hatte die Gewalt verdrängt, die sie selbst als sechsjähriges katholisches Mädchen durch den Gemeindepriester erlitten hatte. Warum schweigen alle? Was denkt man sich, wenn der Pfarrer ein Mädchen ständig ins Schlafzimmer mitnimmt? Ihre Erfahrung: Gott wird mitten in den Missbrauch reingezogen. Gewaltspiralen sind Schweigespiralen. Interne kirchliche Verfahren bringen nichts.

Dr. Rocìo Figueroa Alvear, Theologin aus Peru und heute Lecturer am Good Shepherd College in Auckland/Neuseeland, erforscht, welche theologischen und pastoralen Antworten es für Überlebende von sexuellem Missbrauch geben kann. Theologie und Spiritualität sind in den Missbrauch und seine Vertuschung verstrickt. Als Jugendliche trat Figueroa Alvear der sehr einflussreichen Bewegung „Sodalitio“ (Gemeinschaft Christlichen Lebens, SVC) bei, die Papst Johannes Paul II. 1997 als Gesellschaft apostolischen Rechts anerkannte. Rocìo Figueroa Alvear erlitt dort als Jugendliche sexualisierte Gewalt, die als „spirituelle Übungen“ getarnt waren. Der Täter verwendete den Glauben als Waffe gegen seine Opfer, genauso wie die Überzeugung der Gemeinschaft, dass Frauen minderwertig, dumm und Wesen zweiter Klasse seien. Als der Täter starb und selig gesprochen werden sollte, entschied sich die Überlebende, das Verfahren und den Missbrauch in Sodalitio zu stoppen. Sie entdeckte mehr und mehr Opfer und Täter, darunter den Gründer. Der Kardinal in Rom, dem sie die Fälle berichtete, empfahl ihr, ab sofort ein „silent soldier“ zu sein und die Verbrechen gänzlich zu verschweigen.

Doris Wagner2 berichtete über die Machtstrategien in „Das Werk“, die sexualisierte Gewalt gegen junge Frauen ermöglichen. Die 1938 gegründete katholische Gemeinschaft ist seit 2001 vom Vatikan approbiert und als „Familie gottgeweihten Lebens“ anerkannt. Doris Wagner resümiert: „I trusted them. And they destroyed me.“ 2010 fasste sie den Mut, mit ihrer Geschichte an die Öffentlichkeit zu gehen. „Unless victims speak out the abuse just goes on forever.“ Wagner verweist darauf, dass das Problem sexualisierter Gewalt gegen Ordensfrauen schon lange im Vatikan bekannt war. 1994 sandte Sr. Maura O’Donohue MMM einen Bericht hierüber an den damaligen Vorsitzenden der Ordenskongregation Kardinal Eduardo Martínez Somalo. Sie benannte Fälle in 23 Ländern, darunter Indien, Irland, Italien, Philippinen, Vereinigte Staaten und einige Länder Afrikas. Doris Wagner sagt zurecht, dass ihr die 2008 erfahrene massive Gewalt vielleicht erspart geblieben wäre, wenn die Verantwortlichen die Geschehnisse konsequent als Verbrechen geahndet hätten.

Mary Hallay-Witte , seit 2011 Präventionsbeauftragte im Erzbistum Hamburg, brachte die MHG-Studie in der Podiumsdiskussion ein. In ihrem Statement hob sie hervor, dass es bei sexuellem Missbrauch Minderjähriger und Schutzbedürftiger nicht um Einzeltäter geht, sondern um strukturelle Gewalt und klerikalen Machtmissbrauch. Eine Neuorientierung in Aufklärung und Aufarbeitung würde bedeuten, dass sich der Umgang mit denjenigen, die Missbrauch und sexualisierte Gewalt zur Anzeige bringen, global radikal verändern muss. Denn bislang machen sich Frauen, die sexuellen Missbrauch anzeigen oder sich für die Aufdeckung sexualisierter Gewalt engagieren, extrem verwundbar, ob sie persönlich von der Gewalt betroffen sind oder Überlebende unterstützen.

Virginia Saldanha weitete den Blick auf Indien und den asiatischen Raum. Sie war ehemals Koordinatorin des Office for Laity der Vereinigung Asiatischer Bischofskonferenzen (FABC), Mitglied des International Board von Pax Christi International und damit firm in globalen Gerechtigkeitsfragen. Sie gehört zur Erzdiözese Bombay und ist beim „Indian Women Theologians Forum“ (IWTF) und bei den „Asia-Pacific Theologians“ aktiv. In ihrer zwanzigjährigen Arbeit in den Strukturen ihrer Diözese wurde sie wieder und wieder auf sexualisierte Gewalt gegen Ordensfrauen angesprochen. Als sie ihre Arbeit bei der FABC beendete, entschied sie sich, in diesem Thema ehrenamtlich aktiv zu bleiben. Auf ihre hartnäckigen Versuche, die Täter zur Verantwortung zu ziehen, reagierte der Bischof mit Gesprächsverweigerung und massiven Drohungen.

Das Schweigen zu diesen Menschenrechtsverbrechen ist global.

Sexueller Missbrauch von Kindern sowie sexualisierte Gewalt gegen Frauen sind Menschenrechtsverbrechen. Wer auch immer sie begeht. In welchen Räumen auch immer sie stattfinden. Die „Allgemeine Erklärung der Menschenrechte“ der UN von 1948 ist einschlägig: Recht auf Leben, Freiheit und Sicherheit der Person (Art. 3); Verbot von Leibeigenschaft in allen Formen (Art. 4); Verbot von grausamer, unmenschlicher oder erniedrigender Behandlung (Art. 5); Feststellung der Rechtsfähigkeit einer jeden Person (Art. 6). „Overcoming Silence“ dokumentierte Verletzungen all dieser Menschenrechte. Bei der Konferenz war zu erfahren, dass manche der Menschenrechtsverbrecher, mit denen die Frauen zu tun hatten, ein allseits angesehenes „Leben im Gebet“ führen. Gerne auch in Rom.

Wunden und Verwundbarkeiten, Resilienz und Widerstand3 wurden auf der Konferenz aus verschiedenen Perspektiven beleuchtet. Dabei zeigte sich großer Forschungsbedarf:

  • Dass sich Überlebende heute als Change-Agents engagieren zeigt, dass es zwar extrem schwierig, aber dennoch möglich ist, den Status als Victim zu überwinden. Wie können Victims in ihrer Traumatisierung Resilienz gewinnen, und was muss getan werden, um sie dabei zu unterstützen? Die Erforschung der Zusammenhänge von Vulnerabilität, Traumatisierung und Resilienz muss verstärkt und interdisziplinär betrieben werden. Die Theologie wird ebenfalls gebraucht. Bevor die Missbrauchstaten öffentlich bekannt wurden, blieb der Glaube der Täter unberührt, während der Glaube der Opfer zerstört wurde.4 Wie kann der Auferstehungsglaube zu einer Ressource werden, die die Überlebenden in ihrer Suche nach Widerstand und Resilienz stärkt?
  • Bei der Konferenz wurde mehrfach ein Frauenbild thematisiert, das Missbrauch begünstigt. Die Forschung spricht von „Vulnerabilisierung“: man stellt eine Gruppe als besonders schwach, schuldig und verführbar dar, um leichter über sie verfügen zu können. Einmal Opfer, immer Opfer, so die Hoffnung der Täter. Das Männerbild besagt, dass Männer nicht Opfer werden, oder falls doch, ihre Männlichkeit Schaden leidet. Auch das begünstigt Missbrauch. Geschlechterspezifische Perspektiven zu erforschen, ist unerlässlich – auch bei der Frage, wo Frauen sexualisierte Gewalt ausüben und zu Täterinnen werden. Was muss sich am Frauen- und Männerbild ändern, damit geschlechtsspezifische Opferspiralen gestoppt werden?
  • Mit geistlichem Missbrauch, sexualisierter Gewalt und dem schamlosen Ausnutzen von Machtpositionen hat sich eine massive Gewaltsamkeit global und im Inneren der Kirche verwurzelt. Wegen der hier praktizierten Verstrickung von Religion und Erotik reichen Präventionsmaßnahmen allein nicht aus. Zur Schärfung des Blicks empfiehlt sich die Lektüre von Georges Batailles.5 Er hätte jeden der Fälle, die in Rom erzählt wurden, in seine Gewaltanalysen aufnehmen können. Das Forschungsfeld „Religion, Erotik und Gewalt“ erlangt durch die Aufdeckung sexualisierter Gewalt neue Bedeutung.

Dass Frauen bereit sind, in der Öffentlichkeit über Missbrauch und Vertuschung zu sprechen, ist nicht selbstverständlich. Ein Schweigebruch macht erneut verwundbar. Daher braucht es Diskursräume, in denen frei gesprochen werden kann. Die Konferenz „Overcoming silence“ hat einen solchen Diskursraum eröffnet.

Text: Prof. Dr. Hildegund Keul arbeitet seit August 2018 an der Universität Würzburg in der Vulnerabilitätsforschung (DFG-gefördert) und leitet dort die interdisziplinäre Forschungsgruppe „Vulnerabilität, Sicherheit und Resilienz“. www.verwundbarkeiten.de.

Bild: Voices of Faith

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  1.  Vgl. den Buchtitel von Mary Hallay-Witte; Bettina Janssen (Hg.): Schweigebruch. Vom sexuellen Missbrauch zur institutionellen Prävention. Freiburg: Herder 2016.
  2. Wagner, Doris: Nicht mehr ich: Die wahre Geschichte einer jungen Ordensfrau. Knaur 2016.
  3.  Dieser Bericht gehört zu meinem Forschungsprojekt zur Vulnerabilität, gefördert durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) – Projektnummer 389249041, www.vulnerabilitätsdiskurs.de.
  4.  Vgl. hierzu Keul, Hildegund: Resurrection as an Art of Living. Restoring Faith after Abuse. In: Karlijn Demasure u.a. (hg.): Safegarding. Reflecting on Child Abuse, Theology and Care. Leuven: Peeters 2018, 205-226.
  5.  Bataille, Georges: Die Erotik. München: Matthes & Seitz 1994.
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