Die Renovabis-Pfingstaktion 2026 stellt gesellschaftliche Polarisierungen in Osteuropa in den Mittelpunkt. Die kroatische Theologin und Friedensaktivistin Ana Marija Raffai schreibt über die Rolle ihrer Kirche im gegenwärtigen Kroatien.*
Das Thema, wie wir als KatholikInnen und unsere Kirche uns mehr dem Brückenbau und weniger der Brandbeschleunigung widmen können, bewegt mich. Wie können wir KatholikInnen mehr Segen und weniger Problem für unsere MitbürgerInnen, für die Gesellschaft sein? Als Theologin und Friedensfachkraft in Südosteuropa bin ich seit drei Jahrzehnten in der Friedensarbeit engagiert. Das Thema Brückenbau gehört zu meinen Grunderfahrungen aus der Friedensarbeit.
Leider wird der katholischen Kirche – damit ist an erster Stelle die Institution, der Klerus gemeint – allzu oft vorgeworfen, sie sei zu nationalistisch, unterstütze stillschweigend faschistische Ereignisse, sei zu sehr in die Politik verwickelt, frauenfeindlich, unterstütze militaristische Tendenzen und zeige zu wenig Empathie gegenüber Flüchtlingen und GastarbeiterInnen. KatholikInnen seien gegenüber ihren Feinden offen zum Hass bereit, sodass ihre Rede von der Liebe Gottes unwahr, wenn nicht heuchlerisch klinge.
Diese Kritik entnehme ich den kroatischen Medien ebenso wie den vielen Gesprächen mit Mitgliedern dieser Kirche oder mit Menschen unterschiedlichster Weltanschauungen. Ein Teil der politischen Analysen ist überzeugt, dass die katholische Kirche keine Hilfe bei der demokratischen Klärung und der Überwindung gesellschaftlicher Polarisierungen ist.
Diese Analysen haben Recht, aber sie übersehen, dass diese katholische Tradition für nicht wenige KatholikInnen doch auch etwas bewahrt, was wertvoll ist. Auch wenn diese die politischen Empfehlungen ihrer Priester und Bischöfe unkritisch übernehmen, leben sie zugleich einen authentischen Glauben. Dieser Glaube sollte m. E. mit Respekt wahrgenommen werden. Mit der Kritik soll die Manipulation der Kirche und ihrer Botschaft durch rechte Politik entlarvt werden. Der Leitung der katholischen Kirche in Kroatien gelingt es leider nicht immer, sich vor politischer Manipulation zu schützen.
Nationalismus befördert die Polarisierung.
Nationalismus wird im katholischen Kontext in Kroatien oft als Patriotismus verteidigt, als Liebe zur Heimat, zum eigenen Volk. Wenn diese Liebe jedoch als Recht verstanden wird, mehr wert zu sein oder mehr Rechte zu haben als Nichtkroaten, und wenn die Identität, Kroate zu sein, als moralischer Wert gedeutet wird, dann ist diese Identität nicht nur ein Merkmal, sondern ein oft stillschweigend erwartetes Privileg. Die Verschmelzung von Nationalem und Katholischem kann zu Missverständnissen beitragen. Wenn beispielsweise in der Messe vom Gottes Volk die Rede ist, bin ich mir nicht sicher, ob allen Anwesenden klar ist, dass damit nicht das kroatische Volk gemeint ist. Die Verwebung von „kroatisch” und „katholisch” wird in der katholischen Kirche kaum kritisch thematisiert.
Als Kirche sollten wir uns meiner Meinung nach weniger um die nationale Einheit kümmern und uns mehr mit den aktuellen gesellschaftlichen Problemen auseinandersetzen. Damit meine ich beispielsweise die fast alltäglichen Angriffe in Zagreb, der Hauptstadt, gegen Gastarbeiter, die dank ihrer Hautfarbe als Fremde leicht erkennbar sind. Wir erleben die Gefahr der Normalisierung von rassistischen Angriffen als real. Es reicht nicht aus, dass mutige Passanten den Angegriffenen zu Hilfe eilen. Wir müssen uns systematisch mit dem Problem des Rassismus beschäftigen. Ich vermisse klare Stellungnahmen von offiziellen Stellen der Kirche (z. B. der Kommission Justitia et Pax der Bischofskonferenz). Die Kirche könnte ihre Chance wahrnehmen und ihren christlichen Einfluss sowie die katholische Soziallehre im Sinne der Förderung von Solidarität, Zusammenleben, Gerechtigkeit und Menschenwürde einsetzen. So würde sie der ganzen Gesellschaft als Ort des Schutzes gegen Rassismus dienen.
Warum ist die katholische Kirche aber still?
Željko Mardešić (1933–2006), ein Religionssoziologe, der in katholischen intellektuellen Kreisen in Kroatien sehr geschätzt wird und noch heute als Autorität zitiert wird, meint, dass die katholische Kirche in Kroatien die Moderne nicht verstanden hat. Wir würden heute sagen: die demokratische Denkweise. Mardešić zufolge entsteht die Polarisierung in unserer Gesellschaft, indem die Vergangenheit als politisches Thema aktualisiert wird. Konflikte um die Vergangenheit seien in der Politik zum Machterhalt nützlich. In diese politischen Kämpfe ist laut Mardešić ein Teil der Kirche involviert, nämlich jener Teil, „der vorkonziliar, kriegerischer und politisch interessierter ist“. Somit sei die Kirche in sich selbst im Konflikt um die Vergangenheit gespalten und könne kaum erfolgreich an der Versöhnung mitwirken, geschweige denn diese initiieren.
Die Kirche zeigt nicht, dass sie Selbstkritik ausüben kann. Mardešić meint jene Selbstkritik, die beispielsweise dem Papst Johannes Paul II. gelungen ist. Das Gedankengut des Konzils sei vernachlässigt worden. Mardešić fragt: „Wo ist die Weitergabe der Lehre verloren gegangen, dass Christen ihren Feinden vergeben sollen?”
Mardešićs Referenzstelle, wie auch in den meisten Diskussionen um die Kirchenerneuerung im kroatischen Kontext, ist das II. Vatikanische Konzil. In unseren Diskussionen thematisieren wir kaum die synodalen Prozesse. Mardešić sieht die Unfähigkeit der katholischen Kirche, sich der Polarisierung in der Gesellschaft entgegenzusetzen, als Folge der Sünde der Kirche, „die die moderne Welt nicht im Geist des Zweiten Vatikanischen Konzils akzeptiert hat“. Damit meint er jene Grundwerte des Konzils wie Dialog, Offenheit, Vergebung, die Autonomie weltlicher Angelegenheiten und die Anerkennung des Wertes der Anderen..
Gleichzeitig ist es der Kontext der Depolarisierung.
Ich bin auch der Meinung, dass die vorkonziliare und die konzilorientierte Denkweise in der katholischen Kirche in Kroatien gleichzeitig wirken. Sie bilden die Konstellation eines (chronischen) Konflikts, der oft verschwiegen wird. Die Gleichzeitigkeit ist der Kontext, in dem wir uns der Polarisierung widersetzen. Das Alte, das aus der Sicht emanzipatorischer Tendenzen überwunden werden soll, steht dem Neuen gegenüber, das uns in eine depolarisierte Zukunft führt.
Zwei Botschaften von Bischöfen, die als Anlass denselben Tag, den 8. März, hatten, illustrieren, was ich mit der Gleichzeitigkeit meine. Inhaltlich sind sie schwer vereinbar. Sie berufen sich dabei auf denselben biblischen Text, das Gespräch zwischen Jesus und der Samariterin am Brunnen.
Die eine Botschaft wiederholte aus meiner Sicht typische (wohlwollende) Stereotype über Frauen und entspricht daher einer vorkonziliaren Denkweise. In der Kombination der Idealisierung bei gleichzeitiger Begrenzung der Frau auf ihre Mutter- und Familienrolle waren vorherrschend Motive, mit denen die Frau assoziiert wird: Herz, Schönheit, Zärtlichkeit und Liebe. Bezogen auf Frauenstereotype tragen diese Motive die Konnotation der Schwäche. Die Würde, die aus der Gleichberechtigung der beiden Gesprächspartner im Text m. E. hervorgeht, ging in der Bischofspredigt verloren. Das Hauptproblem der Predigt liegt aus meiner Sicht in der Idealisierung sowohl des Frauenbildes als auch des Jesusbildes.
Etwas anderes lesen wir in der auf Facebook veröffentlichten Botschaft von Bischof Uzinić aus Rijeka anlässlich des Internationalen Frauentages: „Jesus lehrt uns, dass wir Frauen als gleichberechtigte Gesprächspartnerinnen und Mitarbeiterinnen brauchen. Nicht nur als jene, die stillschweigend die Last tragen, die ohne Rechte bleiben und ohne frei entscheiden zu dürfen.“ Es reicht aber nicht, das anzuerkennen, meint er, sondern man solle sich bewusst sein, „wie sehr ihr Frauen noch immer entbehrt und ungerecht behandelt werdet, nur weil ihr Frauen seid. Der Internationale Frauentag erinnert uns daran, dass es eine dauerhafte Aufgabe uns aller ist, sich für die Würde und die Rechte der Frauen in der Gesellschaft und in der Kirche einzusetzen.“
Gewaltfrei Konflikte austragen
Es ist zu erwarten, dass die Bemühung um den Brückenbau Konflikte mit sich trägt. Diese entstehen durch die unvereinbaren Positionen innerhalb der Kirche: vorkonziliar vs. konziltreu, apologetisch vs. dialogbereit, fundamentalistisch-konservativ vs. ökumenisch/interreligiös neugierig.
Das bedeutet meiner Meinung nach, dass eine neue Konfliktkultur in der Kirche entwickelt werden soll. Davon schreibt Mardešić nicht, ich beziehe mich auf unsere Erfahrung aus der Friedensarbeit. Wir wissen, dass eine Kultur des Friedens Konflikte einkalkuliert. Sie werden weiterhin Teil unseres Lebens und Alltags sein. Sie müssen jedoch nicht auf gewalttätige Weise ausgetragen werden. Wir können unsere Konflikte gewaltfrei transformieren. Und das können wir lernen. Die gewaltfreie Konflikttransformation verlangt von uns, die Gleichzeitigkeit zu ertragen, wenn wir um die Grundwerte des Konzils ringen. Wir sind gefragt, nicht nur auf die Richtigkeit unserer Aussagen bzw. unseres Tuns zu achten, sondern uns bewusst und wenn möglich laut der Polarisierung zu widersetzen und zu erkennen, wen wir unterstützen sollen, mit wem wir solidarisch sein wollen, und wem wir uns anschließen sollen. Konflikte können wir mit einer gewaltfreien Haltung austragen, d. h., wenn wir den Respekt gegenüber dem Gegner bewahren.
Wenn ich die katholische Kirche in Kroatien nicht nur als eine bescheidene Gruppe von Klerikern verstehe, dann nehme ich schon jetzt viele Chancen für den Brückenbau wahr. Sobald man sich ein wenig von der hierarchischen Denkweise befreit, nimmt man die potenziellen Trägerinnen und Träger der Reform bzw. des Brückenbaus im Volk Gottes wahr. Es sind nicht wenige, sie sind in der Kirche und in der Gesellschaft Ressourcen, die noch zu wenig genutzt werden, weil sie nicht ernst genug genommen werden. Sie leben ihrer Taufe bewusst, in der sie das prophetische, priesterliche und königliche Taufvermächtnis in ihrem Leben und Wirken umzusetzen versuchen.
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Ana Marija Raffai ist eine kroatische katholische Theologin, Frauenrechtlerin und Friedensaktivistin. Gemeinsam mit ihrem Mann gründete sie die Organisation RAND (Regionale Adresse für gewaltfreies Handeln), die Fachkräfte für Friedensarbeit ausbildet.
* Der Beitrag dokumentiert den Impuls von Ana Raffai im Rahmen der Online-Veranstaltung „Zwischen Brückenbau und Brandbeschleunigung: Zur Rolle der Kirchen in Europa in Zeiten der Polarisierung am 14.4.2026
Titelbild: Wolfgang Pehlemann, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=78252977


