Seit mehr als zehn Jahren gibt es das Angebot der Islamberatung in Deutschland. Dabei vermitteln Expert:innen situationsbezogen zwischen muslimischen Akteur:innen und kommunalen Einrichtungen. Simone Trägner ist eine von ihnen und gibt einen Einblick in die Arbeit der Islamberatung in Bayern.
Warum gibt es die Islamberatung?
Wie kann eine Kommune islamische Gräberfelder einrichten oder die sarglose Bestattung vor Ort etablieren? An wen müssen sich Muslim:innen wenden, wenn sie eine Moschee bauen wollen? Wie können muslimische Organisationen stärker in die Stadtgesellschaft eingebunden werden? Was braucht es, um ehrenamtliches Engagement von Muslim:innen sichtbarer zu machen? Mit all diesen und weiteren Fragen beschäftigt sich die Islamberatung in Bayern seit mehr als sieben Jahren. Dabei ist das Anliegen des Teams der Islamberatung, mit ihrer Arbeit zu einem guten und gelingenden Miteinander in den Kommunen und in Bayern beizutragen.
In Bayern leben ca. 600.000 Muslim:innen[1], in vielen Gemeinden gibt es mittlerweile Moscheen und muslimische Gräberfelder, Muslim:innen engagieren sich ehrenamtlich und betrachten Bayern als ihre Heimat, ihren Lebensmittelpunkt. Ihre Teilhabe und Sichtbarkeit in den Kommunen ist jedoch noch längst keine Normalität. Sowohl kommunale Einrichtungen als auch muslimische Organisationen sehen sich vor diverse Herausforderungen gestellt, wenn es darum geht, wie das Zusammenleben gemeinsam gestaltet werden kann. Für ein gelingendes Miteinander in einer mittlerweile superdiversen Gesellschaft ist das gegenseitige Verständnis füreinander und das Wissen voneinander unerlässlich. Genau hier setzt die Islamberatung mit ihrer Arbeit an.
Wie ist die Islamberatung entstanden?
Am Anfang stand der beschriebene Bedarf, es gab Fragen und Untersicherheiten, vor allem in den kommunalen Verwaltungen. 2015 entstand dann in Baden-Württemberg an der Akademie der Diözese Rottenburg-Stuttgart in Kooperation mit der Robert Bosch Stiftung und der Hochschule für öffentliche Verwaltung Kehl das Projekt Muslime als Partner in Baden-Württemberg – Information, Beratung, Dialog. Gesellschaft gemeinsam gestalten (Islamberatung). Dem folgte 2018 eine Bedarfsanalyse der Eugen-Biser-Stiftung, die den Bedarf einer unabhängigen, wissenschaftlich fundierten und authentischen Anlaufstelle, die Wissen vermittelt, Begegnungen initiiert und im Konfliktfall vermittelt, für Bayern feststellte.[2] Gleichzeitig forderte die Studie Islam in Bayern[3] des Erlanger Zentrums für Islam und Recht in Europa (EZIRE) die Einrichtung einer Informations- und Beratungsstelle. Deshalb hat im Jahr 2019 die Eugen-Biser-Stiftung in Kooperation mit dem Erlanger Zentrum für Islam und Recht in Europa (EZIRE) der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg und der Robert Bosch Stiftung (auch als Förderer) das Projekt Islamberatung in Bayern – Brückenbauer zwischen muslimisch geprägten Lebenswelten und Kommunen initiiert.
Was macht das Team der Islamberatung konkret?
Die Islamberatung versteht sich als Brückenbauerin zwischen muslimischen Lebenswelten und diversen gesellschaftlichen Akteur:innen sowie Institutionen in Bayern. Sie berät Kommunen, muslimische Akteur:innen und Landesbehörden zu islambezogenen Themen, initiiert Sprech- und Begegnungsanlässe, organisiert kommunalen Fachaustausch und Fachtage. Ziel ist es, gegenseitige Vorbehalte und Hemmschwellen im Umgang miteinander abzubauen, gemeinsame Handlungsfelder zu eruieren und Impulse für die praktische Umsetzung im kommunalen Kontext, aber auch auf Landesebene zu setzen. Gleichzeitig geht es darum, nachhaltige Netzwerke aufzubauen, um muslimisches Leben sichtbarer zu machen, Teilhabe zu fördern und das gesellschaftliche Miteinander zu stärken.
Die Arbeit der Islamberatung in Bayern orientiert sich dabei an drei Kernaufgaben: (1) Wissen fördern – Kompetenzen stärken, (2) Kooperationen ermöglichen – Zusammenarbeit verbessern und (3) Lösungen finden – Konflikte klären. Diese Kernaufgaben werden in Beratungen, Fortbildungen, Fachtagen, Netzwerkgesprächen und an Runden Tischen angegangen. Themenfelder sind dabei u. a. muslimisches Leben in Deutschland und Bayern, Muslimfeindlichkeit, Glaubensgrundlagen und innermuslimische Pluralität, Ehrenamt und Engagement, muslimische Gräberfelder sowie Sterben, Tod und Trauer.
Zugleich werden in Publikationen und in den Sozialen Medien[4] fachliche Informationen zur Verfügung gestellt und Einblicke in die Arbeit der Islamberatung gegeben. In Themenblättern für Kommunen und muslimische Akteur:innen geht es um Fragen wie religionssensiblen Sprachgebrauch oder muslimisches Ehrenamt. Außerdem hat die Islamberatung in Bayern mit der Ende 2025 erschienen „Handreichung zur Erstellung einer Patientenverfügung für Musliminnen und Muslime in Deutschland“[5] Pionierarbeit geleistet. Die Handreichung beschäftigt sich mit Themen wie Palliativmedizin, Organspende und Schmerztherapie und soll sowohl Fachpersonen als auch Betroffenen und ihren Angehörigen eine Entscheidungshilfe bei Fragen am Ende des Lebens sein.
Wie hat sich die Islamberatung entwickelt?
Die Islamberatung ist 2019 mit einem Beratungsangebot für Kommunen, Wohlfahrtsverbände, zivilgesellschaftliche Einrichtungen sowie muslimische Verbände und Organisationen in Bayern gestartet. In Einzelfallberatungen und Prozessbegleitungen werden bayerische Kommunen individuell beraten, Wissen vermittelt, Handlungsoptionen erarbeitet und in Konfliktfällen vermittelt. Im Laufe der Jahre hat sie sich zu einem vielfältigen Angebot weiterentwickelt.
Seit Mai 2020 werden im Rahmen des Projekts Wissen fördern – Kompetenzen stärken Mitarbeiter:innen von Kommunen, Verwaltungsbehörden und Wohlfahrtsverbänden in Bayern kostenlos in bedarfsorientierten Fortbildungen zu islambezogenen Themen geschult. Dabei werden den Teilnehmenden Wissen und Handlungskompetenzen vermittelt, um für religiöse und kulturelle Vielfalt zu sensibilisieren und ein wertschätzendes Miteinander zu erarbeiten. Das Projekt wird aus Mitteln des Bayerischen Staatsministeriums des Innern, für Sport und Integration gefördert.
Im Oktober 2023 kam das von der Robert Bosch Stiftung geförderte transalpine Projekt Brückenbauen in der Kommune – Muslimische Teilhabe und gesellschaftliches Zusammenleben im DACH-Raum hinzu. Die Idee der Islamberatung wird damit erstmals grenzüberschreitend in Österreich und der Schweiz, als Islamberatung im DACH-Raum, ausprobiert und ein interkommunales Netzwerk zu islambezogenen Fragen etabliert, um voneinander zu lernen, wie muslimische Teilhabe und gesellschaftliches Zusammenleben bestmöglich gelingen kann.
Darüber hinaus hat es sich die Islamberatung zur Aufgabe gemacht, ihre langjährige Erfahrung und Expertise insbesondere auf Landesebene in Bayern, aber auch auf Bundesebene einzubringen, um einen nachhaltigen Strukturaufbau voranzubringen. Dafür steht das Team in engem Austausch mit verschiedenen Akteur:innen wie u. a. dem Integrationsbeauftragten der Bayerischen Staatsregierung, dem Beauftragten gegen Hasskriminalität des Bayerischen Landeskriminalamtes und der Beauftragten für Interreligiösen Dialog der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern sowie muslimischen Organisationen und Verbänden. Austausch und Kooperation sind die Grundlagen für gesellschaftlichen Zusammenhalt und ein gelingendes Miteinander, bei dem die Bedarfe aller Bürger:innen Berücksichtigung finden und Teilhabe dadurch ermöglicht wird.
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[1] Rohe, Mathias/Jaraba, Mahmoud (2018). Islam in Bayern. Policy Paper für die Bayerische Staatsregierung im Auftrag der Bayerischen Akademie der Wissenschaften. Erlangen: EZIRE. S. 8.
[2] Karakaya, Erdogan/Zinsmeister, Stefan (2018). Brückenbauer in Bayern. Bedarfsfeststellung zu einer kommunalen Beratung zu islambezogenen Themen. München: Eugen-Biser-Stiftung.
[3] Rohe, Mathias/Jaraba, Mahmoud (2018). Islam in Bayern. Policy Paper für die Bayerische Staatsregierung im Auftrag der Bayerischen Akademie der Wissenschaften. Erlangen: EZIRE. S. 35.
[4] Instagram-Kanal: @islamberatungbayern
[5] Kellner, Martin/Nowar, Nina/Coşkun, Ayşe (2025). Handreichung zur Erstellung einer Patientenverfügung für Musliminnen und Muslime in Deutschland. Islamberatung in Bayern. München: Eugen-Biser-Stiftung.
Beitragsbild: Islamberatung in Bayern
Simone Trägner ist Programmleiterin der Islamberatung in Bayern bei der Eugen-Biser-Stiftung. Sie hat Islam- und Religionswissenschaften, Ethnologie und Islamische Theologie studiert und am Zentrum für Islamische Theologie in Tübingen promoviert. Sie ist Beraterin der Islamberatung Baden-Württemberg und als freiberufliche Referentin in den Themenfeldern muslimische Lebenswelten, Teilhabe, Geschlechterfragen und interkulturelle Kompetenz tätig.


