Seit vier Jahren tobt Russlands Angriffskrieg gegen die Ukraine. Regina Elsner über das Ende der Hoffnung und die Verantwortung für Gerechtigkeit.
„Der Priester, Vater Wassyl, spricht über Gerechtigkeit… Ich lache in mich hinein. In den letzten Tagen habe ich oft gehört, dass es sicher Gerechtigkeit geben wird. Vater Wassyl macht es uns leicht. Vielleicht hätten wir uns gar nicht die Mühe machen sollen, all diese Kriegsverbrechen zu dokumentieren, die wie ein Puzzleteil in das Schema für “Verbrechen gegen die Menschlichkeit” und die Definition von “Völkermord” passen. Gott kümmert sich ohnehin um uns, glaubt zumindest Vater Wassyl.”
Victoria Amelina, Blick auf Frauen den Krieg im Blick.
Was schreibt man an einem Tag, zu einem Ereignis, zu dem alles bis zur Verzweiflung gesagt, geschrieben, geschrien ist?
Der Jahrestag des vollumfänglichen Angriffs Russlands auf sein souveränes Nachbarland Ukraine fällt – kein Zufall – immer in die Nähe der Münchener Sicherheitskonferenz. 2022 prägte der Vorgeschmack des Angriffs die Gespräche in München, seitdem fallen Analysen der veränderten Weltlage mit Analysen von Russlands Krieg, der Verteidigung der Ukraine und Vermittlungsoptionen zusammen. Eine unendliche Flut an Erklärungen, Erinnerungen, Einordnungen … Solidaritätsaufrufe und Friedensgebete begleiten die Jahrestage an allen Orten.
Etwas fehlt jedoch in diesem Jahr im Unterschied zu den vergangenen Jahren: Hoffnung. Es scheint, dass das vierte Kriegsjahr mit seiner Verhandlungs- und “Friedensplan”-Achterbahn eine so tiefgreifende Ernüchterung nach Europa gebracht hat, wie es all die Bilder der Gräueltaten der russischen Armee in den Jahren zuvor nicht vermochten. Das Hoffen auf Hoffnung hat sich in diesem Jahr verflüchtigt.
Das Hoffen auf Hoffnung hat sich in diesem Jahr verflüchtigt.
Das gilt auch für die Kirchen. Die Friedensdenkschrift der EKD vollzieht einen viel diskutierten Paradigmenwechsel. Die Kirchen in Deutschland sind mit der Erstellung eines Rahmenkonzepts der kirchlichen Handlungen im Kriegs- und Bündnisfall befasst. Und selbst der Vatikan unterstreicht: “Es herrscht erheblicher Pessimismus.(…) mir scheint, dass es nicht viel Hoffnung und nicht viele Erwartungen gibt.“
Die zunehmend panischen Diskussionen um die Vorbereitung der Kirchen in Deutschland auf den Kriegsfall machen die zentrale Angst sehr deutlich: “dass Krieg als etwas angesehen wird, was normal ist.” Es ist die Angst von zwei bis drei Generationen in Westeuropa, die keinen Krieg erleben mussten – eine Erfahrung, die man der kriegerischen Welt ins Gesicht schreien möchte: Seht, es geht doch, man muss nicht mitmachen beim Krieg!
Die Friedensethik der deutschen Kirchen baut auf einer Friedenserfahrung auf, die durch die europäische Friedensordnung nach dem Zweiten Weltkrieg ermöglicht wurde. Dazu gehört die Wahrheit, dass sich diese Friedenserfahrung nichts anderem als der Kriegstüchtigkeit anderer verdankt. Deutschland beendete den Krieg nicht aus Einsicht in die Friedenslogik. Die Hoffnung, dass Russland dies tun wird, ignoriert Geschichte und Gegenwart, und der Gewalt Russlands mit dieser Hoffnung zu begegnen, vergrößert das Leiden und die Schutzlosigkeit, seit vier Jahren.
Friedensethik bewährt sich nicht auf einer von anderen geschützten Insel des Friedens
Im Frieden erarbeitete Konzepte und Prinzipien müssen sich nicht auf einer von anderen geschützten Insel des Friedens bewähren, sondern in der Realität von Angriffsstrategien, Spaltungsplänen und hybrider Kriegsführung. Wir sind längst Ziel dieses Krieges. Und sie müssen ihre Glaubwürdigkeit beweisen in einem ganz realen terroristischen Krieg, der seit vier Jahren unsere europäischen Nachbarn ums Leben bringt. Christliche Friedensethik muss sich messen lassen an der Erfahrung der Christen in der Ukraine, die von ihren Glaubensgeschwistern bombardiert, gefoltert und vergewaltigt werden. Das Ende der Hoffnung nach vier Jahren ist die überfällige Anerkennung, dass Russland den Krieg nicht aus Einsicht in die Stärke der Friedenslogik beenden wird.
Der Schmerz über die Anerkennung, dass Krieg die Normalität des Alltags ist, ist zwölf, nicht vier, Jahre alt für Menschen, die in und mit der Ukraine leben. Kinder in der Ukraine kennen nichts anderes, und werden in den kommenden Jahren nichts anderes erleben, als Krieg. Studierende haben ihr gesamtes Studium im Rhythmus der Luftangriffswarnungen im Handy oder in Luftschutzkellern absolviert. Jeder und jede kennt jemanden, der durch Raketen, Drohnen, Artillerie, unmenschliche Folter oder nun, im vierten Kriegswinter, durch den Frost in der eigenen Wohnung ums Leben kam. Menschen in den besetzten Gebieten leben seit vier Jahren in der ständigen Gefahr der Verfolgung, brutaler Gewalt, des Verbots ihrer Identität. Viele leben nicht mehr.
Niemand von ihnen hat sich diesen Krieg ausgesucht.
Kolleg*innen führen seit vier Jahren pausenlos Interviews mit Opfern russischer Kriegsverbrechen und dokumentieren die Zerstörung ukrainischer Kultur. Tausende Ukrainer*innen leben seit vier Jahren nicht in ihrer Heimat, in ihren sorgsam gebauten und eingerichteten Wohnungen, mit ihren Verwandten und Freunden. Sie können weder ihr Lieblingscafé noch ihre Heimatgemeinde noch die Gräber ihrer Toten besuchen. Niemand von ihnen hat sich diesen Krieg ausgesucht. Aber: die meisten von ihnen wären nicht mehr am Leben, wenn die ukrainische Armee nicht kriegstüchtig wäre. Die Normalität des Krieges ist die Anerkennung seiner Realität – weil sonst kein Umgang damit möglich ist, der Leben, die Nächsten, die Schwächsten, verteidigt.
Der ukrainische Schriftsteller Serhii Zhadan hat vor wenigen Tagen in München zehn Thesen zur Zukunft vorgetragen. Die fünfte These lautet:
“Die Zukunft wird sicherlich nicht der Vergangenheit ähneln. Darin liegt eine gewisse Falle. Einige von uns – sowohl diejenigen innerhalb der Ukraine als auch diejenigen, die von außen mit uns sympathisieren – sprechen bewusst oder unbewusst über die Zukunft in Begriffen der Vergangenheit. Das ist ein schwerwiegender Fehler. Was war, wird nicht mehr sein. Es wird anders sein.
Das bedeutet keineswegs, dass die Zukunft nicht gut sein kann. Sie kann gut sein. Sie kann glücklich sein. Sie sollte nur nicht mit dem verglichen werden, was war. Unsere Vergangenheit wurde durch diesen Krieg unwiderruflich und kategorisch zerstört. Sie wurde bereits zerstört und wird, wie ich Sie erinnere, weiterhin zerstört, denn während wir hier über die Zukunft sprechen, dauert der Krieg an. Was die Beziehungen zwischen Staaten (und vor allem zwischen Völkern) angeht, so werden viele Dinge nach einem bedingten (oder bedingungslosen) Waffenstillstand nicht automatisch wiederhergestellt werden.
Das Gefühl der Offenheit wird nicht wiederhergestellt werden, das Gefühl des Vertrauens wird nicht wiederhergestellt werden. Die Autorität vieler Institutionen und Führungskräfte, Initiativen und Projekte wird nicht wiederhergestellt werden. Und vor allem wird das Gefühl der Sicherheit nicht wiederhergestellt werden. Es wird anders sein.”
Zhadan formuliert ein Ende der Hoffnung auf Hoffnung. Er tut dies nicht auf fatalistische Weise und vor allem nicht als Absage an Handlungsoptionen. Aber der Krieg dauert zu lange als das es jemals “so wie vorher” werden könne, sowohl materiell, vor allem jedoch im menschlichen Miteinander. Vertrauen, Offenheit, Glauben sind sowohl durch die russischen erbarmungslosen Angriffe zutiefst erschüttert, aber auch durch die Un-Sicherheit der internationalen Ordnung. Durch die Erfahrung, dem ungebremsten Vernichtungswillen ausgeliefert zu sein, weil die Unterstützer mehr auf die Rationalität des Angreifers hoffen als der Erfahrung der Angegriffenen zu glauben.
Die geteilte Verantwortung für die Hoffnung auf Gerechtigkeit
Was Zhadan formuliert ist die Erwartung eines grundanderen Umgangs mit der Realität. Auch der radikal kontra-faktische Ansatz der Hoffnungstheologie darf die Faktizität der Erfahrung der Überlebenden und der um ihr Leben Kämpfenden in der Ukraine nicht überspringen. Zhadan spricht nicht über die Zukunft der Ukraine, sondern über unsere gemeinsame Zukunft. Wer meint, der Krieg sei nicht unser Krieg, teilt die „die Unwirksamkeit (und sogar Unmoral) der Aufteilung der Welt in Einflusssphären und Interessengebiete.“ (Achte These)
Für die Ukraine ist die Hoffnung auf eine andere Zukunft die Hoffnung auf Gerechtigkeit. Victoria Amelina formulierte es am Grab ihres Kollegen Wolodymyr Wakulenko, ein Kinderbuchautor, der wie sie durch den Krieg zum Chronisten der russischen Verbrechen wurde. Es ist eine Hoffnung, die wortwörtlich nicht vom Himmel fällt – auch wenn Vater Wassyl mit diesem Gedanken am Grab tröstet – sondern in vielen kleinen, mühsamen und gefährlichen Schritten vorbereitet werden muss: durch Dokumentation, Gespräche, Schreiben, Reden, Hinschauen, Zeigen. Durch Puzzleteile, die die Normalität des Krieges zusammensetzen. Wakulenko hatte sein Tagebuch der russischen Einnahme seines Dorfes im Garten vergraben, bevor er durch russische Soldaten gefoltert, ermordet und in einem Massengrab verscharrt wurde. Amelina sicherte es, bevor sie selbst beim Angriff auf Kramatorsk getötet wurde: „Er schrieb es unter der Besatzung in der Hoffnung, dass Sie, die Welt, ihn hören würde.“
Leseempfehlung: Victoria Amelina: Blick auf Frauen den Krieg im Blick. Aus dem Englischen von Steffen Beilich und Andreas Rostek. Berlin: edition.fotoTAPETA, 2025.
Titelbild: Das vom russischen Krieg zerstörte Vovchansk. Wiki Commons CC BY 4.0
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Regina Elsner ist Professorin für Ostkirchenkunde und Ökumenik an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Münster, affiliierte Wissenschaftlerin am Zentrum für Osteuropa- und internationale Studien (ZOiS) in Berlin und Redaktionsmitglied von feinschwarz.net

