„Italienische Verhältnisse“? Eine Klarstellung

In Deutschland wird zurzeit häufig von sogenannten „italienischen Verhältnissen“ gesprochen. Marcello Neri lebt und lehrt in Italien. Er wirft ein: Die Rede von „italienischen Verhältnissen“ ist indifferent und irrenführend. Nicht nur in Italien ist die westliche Zivilisierung an ihre Grenzen gekommen.

Die Redeweise „italienischen Verhältnissen“ begegnet nicht nur in den deutschen Medien, sondern auch in wissenschaftlichen Publikationen. Es geht dabei um die Kapazitäten des Gesundheitssystems, mit denen sich die Krise bewältigen lässt, die von Covid-19 verursacht worden ist. Keine Frage: Covid-19 hat das Land massiv betroffen. Italienische Hausärzte und Krankenhäuser sind von der Covid-19 Infizierung völlig überrascht worden. Niemand war darauf wirklich vorbereitet.

Erster Fehler: je nach Region ist das Gesundheitswesen in Italien unterschiedlich.

Aber die deutsche Art, die Redewendung von den „italienischen Verhältnissen“ ständig zu wiederholen, lässt zwischen den Zeilen die Behauptung wahrnehmen, dass das italienische (Gesundheits-)System letztendlich unter Covid-19 kollabiert sei. Und sie tut dies ohne irgendwelche Differenzierung zwischen den italienischen Regionen. Damit begeht man einen ersten Fehler, weil das Gesundheitswesen in Italien je nach Regionen unterschiedlich ist.

Auf nationaler Ebene gab es in der Vergangenheit sicher politische Entscheidungen, die zur aktuellen Lage in manchen Regionen Italiens beigetragen haben. Vor allem jene Entscheidungen der italienischen Regierung sind zu nennen, die zwischen 1979 und 1980 getroffen wurden. Sie ermöglichten eine totale Entbindung der Krankenhäuser von den territorialen Instanzen der Stadtgemeinden, die sich infolgedessen zu selbständigen Unternehmensgeschäften entwickelt haben.

Die Rede von „italienischen Verhältnissen“ ist irrenführend, manchmal sogar ganz und gar falsch.

Solch eine politisch-nationale Entscheidung erfolgte damals auch wegen des Druckes derjenigen Regionen Italiens, welche das System „Gesundheit“ für sich selbst lukrativ (ökonomisch und politisch) machen wollten. Unter der Führung der Lega-Partei wurde diese Richtung in der Lombardei und im Veneto bremsenlos und spekulativ vorangetrieben.

Es ist kein Zufall, wenn heute eben Lombardei und Veneto die italienischen Regionen sind, die an die Grenzen ihrer Gesundheitskapazitäten gekommen sind. Anders sieht die Situation in Emilia-Romagna aus: die zweite italienische Region mit Covid-19 Fällen. Sicher erlebt man auch hier einen kritischen Zustand. Im Vergleich mit Lombardei und Veneto sind die Verhältnisse aber ganz andere. So ist die Rede von „italienischen Verhältnissen“ schon aus diesen Gründen irrenführend, manchmal sogar ganz und gar falsch.

Mich stört die Rede von „italienischen Verhältnissen“, weil ihre Quelle vor allem die mediale Berichterstattung ist.

Diese Redeweise stört mich – nicht, weil ich Italiener bin. Die „Grenzen“ meines Landes kenne ich sehr gut. Ich stehe ihnen kritisch gegenüber. Mich stört die Rede von „italienischen Verhältnissen“, weil ihre Quelle vor allem die mediale Berichterstattung ist.

Auch die offiziellen Zahlen durch die „Protezione Civile“ müssen mit Sorgfalt gelesen und interpretiert werden, da diese nur jene Fälle berücksichtigen, die getestet worden sind. Nicht nur in Italien, sondern überall weiß man überhaupt nicht Bescheid, wie viele Menschen mit Covid-19 wirklich infiziert worden sind. Wie kann man „Verhältnisse“ in einem Fall herausarbeiten, in dem es keinen sicheren Referenzpunkt gibt?

Transformation des Gesundheitssystems und der Krankenhäuser zu lukrative Unternehmen – vermutlich nicht nur ein italienisches Problem.

Die eigentliche Schwachstelle, die Covid-19 nur bloßgelegt hat, ist die Transformation des italienischen Gesundheitssystems und der Krankenhäuser von sozial-gesellschaftlichen Einrichtungen zu lukrative Unternehmen, die nach einem ökonomisch-finanziellen Modell organisiert sind. Ich vermute, dass es sich dabei nicht nur um ein italienisches Problem handelt.

Schon in den 70er-Jahre des XX. Jahrhunderts hatte Ivan Illich auf die verhängnisvollen Folgen hingewiesen, die mit dieser unternehmerischen Verwandlung des Gesundheitssystems einhergehen, und alternative Modelle für eine Rehumanisierung der Medizin vorgeschlagen.

Die gesamte Form der westlichen Zivilisierung ist nicht nur in Italien an ihre Grenzen gekommen.

Illich wurde von kaum jemandem ernst genommen. Er wurde einfach als antikapitalistischer, traumhafter Visionär abgestempelt. Die Kommodität unserer westlichen Lebensweise radikal in Frage zu stellen, konnte damals als irrelevant und naiv heruntergespielt werden. Heute erscheinen seine kritischen Fragenstellungen in einem ganz anderen Licht.

Nicht die „italienischen Verhältnisse“ sollten das Thema einer dringenden Überlegung des europäischen Denkens im Umgang mit dem vom Covid-19 angezündeten Brand sein. Die gesamte Form der westlichen Zivilisierung ist nicht nur in Italien an ihre Grenzen gekommen. Eine Re-Lektüre der Schriften von Ivan Illich ist heute nicht nur zu empfehlen, sondern sie ist eine dringende Aufgabe geworden – auch für die Theologie.

___

Marcello Neri ist Professor für Ethik an der pädagogischen Fachhochschule „G. Toniolo“ von Modena, und Redakteur der katholischen Online-Zeitschrift SettimanaNews.

Bild: pixabay.com


Vom Autor ebenfalls bei feinschwarz.net erschienen:

Der Theologie Zukunft geben…

Wohin mit der Theologie? Zur Neu-Verortung der Theologie

Print Friendly, PDF & Email