Jagen und Sammeln

Abschreiben Handschriftliche Notizen der Autorin

Silvia Strahm Bernet schildert hier lustvoll und klug, wonach sie unermüdlich jagt und was sie sammelt.

Ich jage. Ich sammle. Tagtäglich. Nicht Wild, nicht Beeren und Wurzeln, aber nahrhaft soll es sein und aufregend.

Ich jage und sammle Bücher. Besser: Klugheit, Wahrheit, Intelligenz, Witz, Schönheit, Vielfalt, Sichtweisen – mein Fleisch, meine Vitamine, das Zähe zum Kauen, das Süsse zum Entzücken. Natürlich bin ich ein wenig verrückt. Nicht wegen der Bücher. Auch da kann man natürlich Fragezeichen machen. Sondern wegen der schieren Menge.

Hungerperioden sind nicht vorgesehen.

Intervallfasten ist für mich keine Option. Die Jäger:innen und Sammler:innen mögen sich die Bäuche vollgeschlagen haben, wenn sich die Gelegenheit bot, und um die Hungerperioden zu überstehen.

Hungerperioden sind bei meiner Jagd- und Sammelleidenschaft nicht vorgesehen. Vorratshaltung ist mein Credo. Unmengen von Vorrat staple ich, zu Türmen, in der ganzen Wohnung. Die Büchergestelle sind ja alle voll und die Wohnung ist nicht aus Trikot. Und sie sind unverderblich, meine Nahrungsreserven! Ha! Food waste? Gibt’s bei mir nicht. Obwohl, na ja, ab und zu … da muss dann halt doch etwas wieder weg. Irgendwie. Aber sei’s drum − ein bisschen Widerspruch, ein bisschen Inkonsequenz, Leben eben. Abgesehen davon: Buchhandlungserhalt ist das eine, der Besuch von Bibliotheken das andere. Letztere sind doch eigentlich mein Hauptjagdrevier. Unerschöpflich, was die mit der Artenvielfalt einhergehende Fresslust angeht, der pure Wahnsinn für Leute wie mich.

Ich schreibe ganze Passagen daraus ab.

Stichwort Wahnsinn. Ich sammle nicht nur Bücher. Ich lese sie auch. Meistens. Und, noch verrückter, ich schreibe ganze Passagen daraus ab. Ein Beispiel?

„’Schaut her’, rief er Passanten zu und öffnete seine Plastiktüte. ‚Schaut her. Das ist doch Wahnsinn, oder? …
‚Die habe ich alle heute Abend gekauft’, schrie Felix Bartholdy. ‚Ich habe sie da drin gekauft.’ Er deutete über die  Schulter. ‚Aber kann mir jemand sagen, wo zum Teufel ich die Zeit hernehmen soll, das alles zu lesen?… Ich besitze schon über zehntausend Bände. Circa viertausend davon habe ich noch gar nicht gelesen. Gewöhnlich lese ich zwei Bücher pro Woche. Zwei Bücher in der Woche, das macht 104 pro Jahr. Um viertausend Bände durchzuackern, brauche ich ca. 40 Jahre. Ich bin 43 Jahre alt. Wenn ich mit allen Büchern, die ich bereits gekauft habe, fertig bin, werde ich 83 Jahre alt sein. Und nicht genug damit … ihm wurde schwarz vor Augen, und er musste sich an die Hauswand lehnen. ‚Und nicht genug damit’, flüsterte Felix Bartholdy dem Mauerputz zu. ‚Ich kaufe neue Bücher. Ich hamstere. Ich raffe zusammen, was mir unter die Augen kommt. Ich bin krank. Ich kaufe mindestens fünfmal so viele Bücher, wie ich lese. Meine Regale stehen voller Bücher, die ich niemals öffnen werde. Sie vermehren sich unaufhörlich. Ich kann an keinem Buchladen vorbeigehen. … Und ich kann nicht aufhören. Ich kann nicht aufhören … Bald werde ich gezwungen sein, 100 Jahre zu werden, dachte Felix. Und nicht lange, und ich muss 200 werden.“
Tor Age Bringsvaerd, Das Frühstück der Langschläferin

Lebensmittel

Süsse Beeren – pures Entzücken! Mit solchen Sätzen habe ich Hefte um Hefte gefüllt. Auch sie sind mein Fleisch, meine Wurzeln und Beeren aller Art. Und: Das wird nicht nur durch den Magen gejagt und als Energiezufuhr verbraucht. Das wird aufbewahrt. Man kann es horten nennen. Das hat einen etwas üblen Beigeschmack. Also nenn ich es nicht so. Es ist auch nicht Ausbeute – zu funktional. Es ist im Wortsinn Lebensmittel. Mit all seinen vergnüglichen und notwendigen Facetten. Über Jahrzehnte habe ich solche Nahrung gesammelt. Als einzelne Sätze und ganze Buchpassagen. Vor vielen Jahren habe ich sie abgetippt, alle. Auch verrückt irgendwie. Denn es interessiert niemanden. Ausgenommen mich. Manchmal stöbere ich einfach neugierig darin herum. Selten, zugegeben. Meistens suche ich nach einem Satz, an den ich mich erinnere, und den ich gut gebrauchen kann, gebe Stichworte ein für einen Text, für eine Karte.

Seit vielen Monaten fallen aus den Büchern, die ich lese, nur noch kleine Krümel ab, wenn überhaupt. Keine langen Passagen mehr, die sich abzuschreiben lohnen, kaum mehr ein Satz, der für sich genommen und über das Buch hinaus, Bestand hat. Dass es an den Büchern liegt, wage ich nicht zu sagen. Vielleicht lese ich die falschen? Was immer hier falsch heisst. Glück ist es allemal, wenn einem das „richtige“ Buch zufällt, im richtigen Moment, mit dem Thema, das in der offenen Wunde stochert, die Neugier füttert, die Hoffnungen, wenn nicht am Leben erhält, so doch vorübergehend ein wenig mit Nährstoffen versorgt.

Klugheit verliert ihren Glanz nicht und nicht ihre klaren Konturen.

Mag ja auch sein, die Jägerin und Sammlerin ist müde geworden. Und satt. Hat zu viel Fleisch bereits verzehrt und die Beeren haben ihre Süsse für sie verloren. Also blättere ich durch meine Sammlung wie durch ein uraltes Fotoalbum. Der Unterschied? Nichts ist vergilbt, nichts ist fremd, absonderlich, unvertraut oder „es war einmal“. Klugheit verliert ihren Glanz nicht und nicht ihre klaren Konturen. Was mich milde stimmt angesichts des Ausbleibens neuer, sattmachender Worte. Und sie bleiben ja auch nicht einfach aus. Das ist nun doch etwas übertrieben. Aber angesichts des ewigen Übermasses an Beschränktheit, Ignoranz und Zynismus wären mir ein paar dickere Schutzhäute, also mehr kluge Einsichten, in neuem Gewand, schon sehr dienlich.

So schlage ich mich denn nun halt täglich neben dem Jagen und Sammeln nach Buch und Wort, das stützt, mit der Abwehr all der Unzumutbarkeiten, genannt: so sind halt die Leut, herum. Ich raufe mir die Haare bei jeder Zeitungslektüre, schüttle den Kopf, was nichts zurechtrückt, zucke zusammen, wenn ich Leute im Vorbeigehen reden höre … und dann, o Wunder, beruhigt, tröstet, begnadigt mich immer wieder der eine oder andere meiner gesammelten Sätze und ich frage mich: wie schaffen es bloss all jene, die kein „Sesam öffne dich“ flüstern können, auf dass sich eine Schatzkammer auftut?

„Menschlichkeit: den Abstand wahren können.“

„ …wenn der Polyp Mensch seinen Fangarm einzieht, nicht mehr den Nächsten verschlingt … Menschlichkeit: den Abstand wahren können.“ Auch so ein Satz. Von Ingeborg Bachmann. Unvergesslich. Da brauche ich gar nicht nachzublättern. Glaubte ich an Zauber und Magie, dann stelle ich sie mir vor, meine Sätze, wie sie sich untereinander austauschen, sich zu neuen Einsichten formen, sich widersprechen, streiten, wetteifern.

Aber „ernüchtert bis auf die Knochen“, danke Ingeborg Bachmann!, glaube ich nicht an diese Art Magie. Aber an Sätze, wie Brot.
Und manchmal, da kehrt sich alles um. Da filtere ich nicht Sätze aus Büchern, die zu mir passen oder mich stechen und umwerfen, sondern die Sätze sind der Filter, die meine Weltsicht überstehen muss, Sätze wie jener von Franz Kafka: „Wut hat ein Kind, wenn sein Kartenhaus einstürzt, weil ein Erwachsener den Tisch rückt. Aber das Kartenhaus ist doch nicht eingestürzt, weil der Tisch gerückt wurde, sondern weil es ein Kartenhaus war.“ Da gibt es nichts mehr zu sagen.

Ausser vielleicht: „Selig sind, die nichts zu sagen haben und trotzdem schweigen.“ (Alfred Polgar)

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Text und Bild: Silvia Strahm Bernet

Von der Autorin u.a. auf feinschwarz.net erschienen:

Ich war einmal ein denkender Mensch ….

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