Wolfgang Pauly erinnert an wichtige Stationen von Leben und Werk des kürzlich verstorbenen Jürgen Habermas und skizziert seine Bedeutung für Theologie und religiöse Rede unter den Bedingungen der Nachmetaphysik.
„Du hinterlässt eine große Leere, weil Du viel Raum eingenommen hast. Aber Du hast diesen Raum nicht besetzt, um ihn anderen zu nehmen, sondern um ein Universum zu gestalten. Bewegung war der Modus Deiner Existenz“[1]. Jürgen Habermas schrieb diese Zeilen für seinen verstorbenen Verleger und langjährigen Freund Siegfried Unseld. Für Habermas, der am 14.März 2026 im Alter von 96. Jahren verstarb, gelten seine eigenen Worte auch selbst.
Leben und Werk
Am 18.6 1929 in Düsseldorf geboren und in Gummersbach aufgewachsen, erlebte Habermas den Nationalsozialismus und dessen Folgen hautnah. Sein Vater war 1933 in die NSDAP eingetreten, er selbst konnte sich als Fünfzehnjähriger der Einberufung zur Wehrmacht entziehen.1953 wendet sich Habermas gegen Martin Heidegger, der seine Nazi-Begeisterung nicht nur nicht bereut, sondern seine damaligen Schriften ungebrochen publiziert. Den eigenen Großvater, den Theologen Friedrich Habermas (1860-1911), konnte er nicht mehr kennenlernen. 1954 promovierte er in Bonn: „Das Absolute und die Geschichte. Von der Zwiespältigkeit in Schellings Denken“. Geht Absolutheitsanspruch und Geschichte zusammen? Zeigt sich nicht bereits bei Schelling der Umschlag einer kritischen Aufklärung in religiöse und staatstragende Romantik?
Mitarbeiter von Adorno
Habermas wechselt 1956 als Mitarbeiter von Theodor W. Adorno an das Frankfurter ´Institut für Sozialforschung´. Als er 1964 auf den Lehrstuhl von Adornos Kollegen Max Horkheimer berufen wird, hat Horkheimer Bedenken: der junge Habermas ist dem Mitbegründer der „kritischen Theorie“ zu kritisch. Gegen die Stilisierung einer der Gesellschaft und Politik enthobenen wertfreien Wissenschaft, betont Habermas in seiner Antrittsvorlesung 1965 den Zusammenhang von „Erkenntnis und Interesse“. Mit welchem „erkenntnisleitenden Interesse“ wird geforscht und mit welchem Ziel? Wer gibt den Auftrag zu einem scheinbar rein sachlichen Forschungsprojekt und wer bezahlt dies?
Wissenschaft wie jede Form menschlichen Lebens sind gesellschaftlich geprägt. Deswegen gilt das Interesse von Habermas den Formen gesellschaftlichen Zusammenlebens. „Strukturwandel der Öffentlichkeit“ (1961) und „Legitimationsprobleme im Spätkapitalismus“ (1973) geben darüber Rechenschaft. Seit 1971 forscht er mit Carl-Friedrich von Weizsäcker am Starnberger ´Max-Plank-Institut´ über die Lebensbedingungen in einer wissenschaftlich-technischen Welt.
Theorie des kommunikativen Handelns
Den nach 1970 in der Philosophie weltweit vollzogenen ´linguistic turn´ greift Habermas dankbar auf. Wobei Sprache gerade nicht reduziert werden kann auf ein Zeichensystem, das mit einer vorliegenden Sache korrespondiert. Sprache ist zentral Gespräch, somit Medium sozialer Interaktion. In den zwei Bänden „Theorie des kommunikativen Handelns“ (1981) beschreibt Habermas die Entwicklung sprachlich vermittelten Handelns und deren Auswirkungen auf Wissenschaft und gesellschaftliche Struktur. Dem funktional-instrumentellen Handeln stellt er das kommunikative, auf Verständigung ausgerichtete Handeln gegenüber. Von 1983 bis zu seiner Emeritierung 1994 lehrte Habermas wieder in Frankfurt. Mit 90 Jahren veröffentlicht er sein umfangreiches Alterswerk „Auch eine Geschichte der Philosophie“ (2019). Ab 1994 wohnte er mit seiner Frau Ute Wesselhoeft im von Christoph Sattler entworfenen Haus in Starnberg. Sattler ist der Patensohn des Religionsphilosophen Romano Guardini.
Realistischer Optimist
Habermas lebte als realistischer Optimist. Er glaubte an das aufklärende Potential einer kritischen Vernunft und an die sprachlich vermittelte Möglichkeit, soziale, gesellschaftliche und politische Konflikte human zu bewältigen. Gerade der aktuelle Krieg in Nahost, die Abwicklung demokratischer Strukturen in den USA und die Auflösung regelbasierter internationaler Beziehungen nahm er bis zu seinem Tod wahr und litt darunter. Tief getroffen hat ihn der Tod von Rebekka (1959-2023), eines ihrer drei Kinder. Auch Rebekka Habermas war als Historikerin an gesellschaftspolitischen und religiösen Themen interessiert. 1991 wurde sie promoviert mit der Arbeit „Wallfahrt und Aufruhr. Zur Geschichte des Wunderglaubens in der frühen Neuzeit“. Im Dezember 2025 verstarb Ute Wesselhoeft, mit der Jürgen Habermas seit 1955 verheiratet war. Beide verband mehr als ´kommunikatives Handeln´, sie waren in Liebe vereint.
Religion unter den Bedingungen der Nachmetaphysik
Die frühen Theologen stellten sich die Aufgabe, die jesuanische Botschaft auch gegenüber den Philosophen ihrer Zeit als vernünftig darzustellen. Dazu übernahmen sie deren „Begriffe für die dogmatische Durcharbeitung der Glaubensinhalte“ (2019 II, S.193). Das philosophische Modell war die auf Platon und Aristoteles zurückgehende Metaphysik. Hinter Vielfalt und Unübersichtlichkeit zielt demnach „wahre Erkenntnis auf das schlechthin Allgemeine, Unveränderliche und Notwendige“ (1988, S. 21). Erkenntnisziel ist das der äußeren Wirklichkeit vorausliegende „Eine“, das wieder zugleich „Grundsatz und Wesensgrund, Prinzip und Ursprung“ ist (1988, S. 37). Christliche Theologie identifizierte dieses „Eine“ mit dem Gott der biblischen Schriften und übernahm zugleich den Universalitätsanspruch des metaphysischen Denkens.
Von der Bewusstseins- zur Sprachphilosophie
Habermas stellt sich in seinem Alterswerk „Auch eine Geschichte der Philosophie“ die Aufgabe, einerseits die kognitiven Leistungen der metaphysisch fundierten Theologie zu würdigen und gleichzeitig deren Zeitbedingtheit aufzuzeigen: Er benennt drei Faktoren, die das Einheitsdenken zunehmend in Frage stellen. Erstens: „Durch den Einbruch des Geschichtsbewusstseins gewinnen die Dimensionen der Endlichkeit gegenüber einer idealistisch verhimmelten, nicht situativen Vernunft an Überzeugungskraft“ (1988, S. 41). In den empirischen Naturwissenschaften der Neuzeit wird zweitens „das totalisierende, auf das Eine und Ganze gerichtete Denken durch den neuen Typus der Verfahrensrationalität in Frage gestellt“ (1988, S. 41) Drittens sieht Habermas einen „Paradigmenwechsel von der Bewusstseins- zur Sprachphilosophie“ (1988, S. 41). Die Wahrheit einer Aussage resultiert nicht dadurch, dass Aussagen mit einer vorausliegenden Sache übereinstimmen. „Wahr“ ist vielmehr eine Aussage über Phänomene, die Menschen in ihrer Lebenswelt erfahren haben. Da Menschen immer plural existieren und insofern unterschiedliche Wahrheitsansprüche stellen, bedarf es einer sprachlich vermittelten diskursiven Einlösung dieser Ansprüche: Wahrheit und Konsens bedingen sich gegenseitig. Die Einlösung kann nur unter den Rahmenbedingungen einer gleichberechtigten und herrschaftsfreien Kommunikation erfolgen (vgl. Pauly 1989).
eigentümliche Dialektik
Was aber bleibt von Religion und der theologischen Rede von Gott übrig? Bleibt nur eine „Neue Unübersichtlichkeit“ (1985) oder auch „Ein Bewusstsein von dem, was fehlt“? (Habermas 2008). In seiner Trauerrede für Max Frisch beklagt er die „Melancholie über ein unwiederbringlich Verlorenes“ (2008, S. 26). Gleichzeitig erkennt er eine „eigentümliche Dialektik zwischen dem philosophisch aufgeklärten Selbstverständnis der Moderne und dem theologischen Selbstverständnis der großen Weltreligionen, die als das sperrigste Element aus der Vergangenheit in die Moderne hineinragen“ (2008, S. 27).
Habermas sieht eine Funktion der Religion in der Moderne in ihrem Beitrag zu einer politischen Gesellschaftsordnung. Da diese für alle Bürger gilt, muss einerseits das System „Staat“ weltanschaulich neutral sein. Eine machtpolitische Durchsetzung einer aus religiöser Tradition entstandenen politischen Position ist demokratisch nicht zu verantworten. Andererseits sieht Habermas auch im demokratischen Verfassungsstaat einen „Legitimationsbedarf“. Worauf gründet die für das gesellschaftliche Leben unbedingt notwendige Solidarität, wenn es keine staatlich oder juristisch „verordnete Solidarität“ geben kann (2025, S. 22)? Antwort: auch der weltanschaulich neutrale Staat lebt aus „vorpolitischen Quellen“ (2005 S.23). Er redet im Plural von Quellen, um jeden Monopolanspruch auszuschließen.
vorreflexive Lebenswelt
Der Betrachtung der Gesellschaft als System stellt Habermas das Modell einer vorreflexiven Lebenswelt voran, in der grundlegende Werte wie Autonomie und Verantwortungsbewusstsein kommunikativ eingeübt werden. Hier zeigen sich Phänomene, die nicht kausal erklärbar und auch nicht juristisch verhandelbar sind. Gerechtigkeit kann zwar per Gesetz durchgesetzt werden, Verzeihung ist aber nicht einklagbar (vgl. 2003, S. 258). Warum soll sich einer für andere engagieren, obwohl er selbst keinen Nutzen davon hat? Der „Entschluss zum solidarischen Handeln“ ist „nicht nur eine Frage der Einsicht“ (2008, S. 30). Religiös motivierte kommunikative Praxis kann ein Ort ganzheitlich erfahrener Solidarität sein. Dazu gehört auch die Praxis des nicht zweckgerichteten liturgischen Handelns (vgl. 2019, Bd. I, S. 200). Eindringlich stellt Habermas im Dialog mit Johann Baptist Metz auch nachmetaphysischem Denken die Aufgabe, ein „Bewusstsein für die verletzte Solidarität, ein Bewusstsein, von dem was fehlt, von dem, was zum Himmel schreit, zu wecken und wachzuhalten“ (2008, S.30f). Dies gilt insbesondere für die Opfer der Geschichte und der „Irreversibilität vergangenen Leidens“ (2003, S. 258, vgl. auch 1997, S. 104).
rettende Übersetzung
Damit religiöse Praxis und eine diese reflektierende Theologie dies leisten kann, bedarf es der Übersetzung ihrer Inhalte in die nachmetaphysische Welt. Damit ist nicht nur eine sprachliche Modernisierung gemeint, sondern eine grundsätzlich neue Basis von religiösem Vollzug und theologischer Reflexion. Beispiel: „Die Übersetzung der Gottebenbildlichkeit des Menschen in die gleiche und unbedingt zu achtende Würde aller Menschen ist eine solche rettende Übersetzung“ (2005, S. 32). Diese Übersetzungsaufgabe muss auch in Bezug auf das Wort „Gott“ geleistet werden (vgl. Pauly 2024). Sein Fazit: auch die „ungläubigen Söhne und Töchter der Moderne“ scheinen diese „semantischen Potentiale“ religiöser Rede „noch nicht ausgeschöpft“ zu haben (2003, S. 258). Sein Bekenntnis, „religiös unmusikalisch“ zu sein, hat allerdings seine Berechtigung gegenüber metaphysisch abgeleiteten und in Katechismen aufgelisteten Glaubensformeln. Kommunikative Vollzüge wie glauben, hoffen und lieben transzendieren rationale Fest-Stellungen. Die Deutung dieser Erfahrungen im Licht theologischer Traditionen kann nur gelingen, wenn die Mitglieder von Glaubensgemeinschaften als mündige Glaubenssubjekte agieren und daher auch als gleichberechtigte Teilnehmer am theologischen Diskurs über ihre religiös gedeuteten Lebenserfahrungen angesehen werden.
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Prof. Dr. Wolfgang Pauly lehrte von 1989 bis 2020 am Institut für Katholische Theologie an der Universität Koblenz Landau, Abt. Landau, Fundamentaltheologie, Dogmatik und Religionswissenschaft.
Erwähnte und zitierte Literatur
- Habermas, Jürgen: Theorie des kommunikativen Handelns, 2 Bände, Frankfurt 1981
- Habermas, Jürgen: Nachmetaphysisches Denken, Frankfurt 1988
- Habermas, Jürgen: Israel oder Athen: Wem gehört die anamnetische Vernunft? In: ders.: Vom sinnlichen Eindruck zum symbolischen Ausdruck, Frankfurt 1997, S.98-111
- Habermas, Jürgen: Glauben und Wissen, in ders. Zeitgenossen, S.249-262, Frankfurt 2003
- Habermas, Jürgen / Ratzinger, Josef: Dialektik der Säkularisierung. Über Vernunft und Religion, Freiburg 2005
- Habermas, Jürgen: Ein Bewußtsein von dem, was fehlt, in: Reder Michael / Schmidt, Josef (Hg.): Ein Bewusstsein von dem was fehlt. Eine Diskussion mit Jürgen Habermas, Frankfurt 2008, S.26-36
- Habermas, Jürgen: Auch eine Geschichte der Philosophie, 2 Bände, Frankfurt 2019
- Pauly, Wolfgang: Wahrheit und Konsens. Die Erkenntnistheorie von Jürgen Habermas und ihre theologische Relevanz, Frankfurt u.a. 1989
- Pauly, Wolfgang: Der über-flüssige Gott. Die Lebenstauglichkeit eines fragwürdigen Wortes, Freiburg 2024
[1]Süddeutsche Zeitung vom 28.10.2002.
Beitragsbild: von Wolfgang Huke


