Manchmal wird aus Spiel spielerischer Ernst. Vera Lochmann öffnet die Schatzkiste der kleinen, bunten Steine – mit einem theologischen Seitenblick auf Synodalität.
Bunte Lego® Steine kennen viele Menschen als Spielzeug und Zeitvertreib aus Kindertagen oder vom Bauen mit den eigenen Kindern, Enkel- und Patenkindern. Auf zahlreichen Wunschzetteln ans Christkind findet sich das ein oder andere Set, das Kinderaugen leuchten lässt. Dass es eine eigenen Methode mit Lego® Steinen gibt – genannt Lego® Serious Play® – die in verschiedenen Innovations- und Strategieprozessen sowie als Teambuilding-Tool und darüber hinaus verwendet werden kann, ist weit weniger bekannt.
Mut zum Spielerischen
Dass diese Methode auch den ein oder anderen theologischen reizvollen Aspekt liefern kann, darüber handelt dieser Artikel und will – in aller Ernsthaftigkeit – Inspiration sein für mehr Mut zum Spielerischen. Vielleicht macht der Text auch Lust, das bunte Spielzeug vom Dachboden zu holen, um selbst das Denken mit Lego® Steinen zu probieren.
Der Mensch ist nicht nur ein homo faber, ein arbeitender Mensch, sondern auch ein homo ludens, ein spielendes Wesen. Kreativität, Perspektivenwechsel, Rollenwechsel und Träumen werden im Spiel oft leichter möglich als in den täglichen Routinen.
Vom Spaß zur Methode
Als Doktorandin der Theologie beschäftigt mich das Thema „Kirche als Arbeitgeberin. Nachhaltiges Personalmanagement und Praktische Theologie im Dialog“ Ich tauche ein in Themen der Praktischen Theologie sowie der Organisations- und Personalentwicklung, dem Anspruch von Kirche als Arbeitgeberin, nach innen und nach außen sowie den Möglichkeiten und Grenzen in diesem Feld. Dabei finde ich neben zahlreichen Interviews, Gesprächen und viel Literaturarbeit auch immer wieder Anleihen und Ideen im Sichtbarmachen der Komplexität des Themas durch LEGO® Steine.
Vom Spaß beim Lego® bauen als Kind, kam ich als Erwachsene zur Methode und setze sie inzwischen nicht nur in Gruppenprozessen und Einzelgesprächen sein, sondern versuche damit auch immer wieder mein Denken greifbarer zu machen. Denn Bauen was ist, zeigt manchmal auch, was fehlt, was nicht passt und was schon gut miteinander verbunden ist.
Denk-Material
Mein eigener Einstieg ins Denken und Darstellen mit LEGO® erfolgte über das Thema der Synodalität. Es ging um das Abbilden der eigenen Erfahrungen und Wahrnehmungen eines Studienaufenthaltes im Rahmen meines Studiums im Oktober 2024 in Rom, zur Zeit der Synode. Als Denk-Material dienten mir die Figuren des Harry Potter Adventskalenders, andere Steine hatte ich keine zur Verfügung. Sie wurden zu Akteurinnen und Akteuren der Synodalität. Von Hogwarts über Rom nach Münster. Orte, die unterschiedlicher nicht sein könnten und auf einem LEGO® Brett zusammenfanden.
Bauen – teilen – reflektieren
Die Methode Lego® Serious Play® entstand in den 1990er Jahren, einer sehr schwierigen und existenzbedrohenden Zeit für Lego® als Unternehmen. Traditionelle Geschäfts- und Führungsmodelle funktionierten immer weniger, um den komplexen Anforderungen der Realität zu begegnen. Es wurden falsche Entscheidungen getroffen, zu viel und zu Verschiedenes angeboten. Finanzielle Schwierigkeiten waren die Konsequenz. Man suchte nach Lösungen.
Zusammen mit den beiden Wissenschaftlern Johan Roos und Bart Victor, beide Professoren am International Institute for Management Development in Lausanne, begann man zu experimentieren und es wurde schnell klar, dass das sichtbar machen der eigenen Gedanken mit Lego® Steinen großes Potenzial hat.
Kreativität und Problemlösung
Die Grundüberlegungen der Wissenschaftler waren eng mit einem Verständnis davon verbunden, dass das Benutzen von Händen und Material das Denken fördert und vertieft. Menschen lernen demnach am besten, in dem sie etwas Konkretes erschaffen – daher die Idee, mit dem Bauen von Modellen aus Lego® Steinen die Kreativität und die Problemlösung zu verbessern.
Im Jahr 1999 wurde Lego® Serious Play® offiziell als Methode eingeführt und seither verfeinert und weiterentwickelt. Sie wurde zu einem interdisziplinären Werkzeug, das in verschiedensten Anwendungskontexten und mit verschiedenen Teilnehmendengruppen (vom Lehrling bis zur Führungskraft, von der Technikerin bis zum Bundeswehrsoldaten) Verwendung findet. Lego® Serious Play® ist damit weitaus mehr als eine spielerische Methode. Es ist ein Instrument, das menschliches Potential greifbar macht, alle Beteiligten miteinbezieht und die Fähigkeit ins Tun zu kommen stärkt.
Moderierter Prozess
Lego® Serious Play® ist ein moderierter Prozess, der nach einem bestimmen Ablauf passiert. Unterschiedliche Modelltypen ermöglichen das Denken mit den Steinen: Das Einzelmodell, das Gruppenmodell, das Systemmodell. Jedes Modell folgt dabei der Logik von drei Phasen: Bauen – Teilen – Reflektieren. Das ist der Kern von Lego® Serious Play®.
Am Anfang steht immer ein Bauauftrag (z.B. „Baue einen Turm aus möglichst vielen verschiedenen Steinen.“ oder „Baue einen besonderen Moment in deiner Ausbildungszeit.“).
Innere Welt wird sichtbar
Im Einzelmodell geht es darum, die eigenen Ideen und Gedanken zum Bauauftrag, mit Steinen sichtbar zu machen. Für sich und für andere. Welcher Stein dabei welche Bedeutung hat, legt jede und jeder selbst fest. Nach der Bauphase wird das Modell mit den anderen geteilt, es wird erzählt, was man sieht. Die anderen hören zu, bewerten nicht, kommentieren nicht. Nach dem Hand-Hirn-Prinzip wird die innere Welt der Gedanken sichtbar.
Im Gruppenmodell wird in einem nächsten Schritt ein Gemeinsames geschaffen, je nach Bauauftrag (z.B. „Baut ein Modell davon, was euch im Team wichtig ist“). Es kann auf die Einzelmodelle der anderen zugegriffen werden, Steine werden (nach Rücksprache und gemeinsamer Übereinkunft) versetzt. Man kommt ins Gespräch über das, was entstehen soll. Was darf mit, was kann weg.
Im Systemmodell wird in einem abschließenden noch der Blick auf Einflüsse auf das Gruppenmodell geworfen. Was beeinflusst positiv, was negativ, was kann hilfreich sein, was hemmt, …?
… et lege
Der Leitgedanke Ora et labora et lege aus der Regel des Heiligen Benedikt ist seit langer Zeit fixer Bestandteil der christlichen Spiritualität. Die Idee, aus dem lege (dem Lesen), Schritte mit Lego® zu entwickeln, ermöglicht es, in sich selbst und anderen zu lesen und über den spielerischen Charakter hinaus, in Form von Kinderspielwaren Inspiration für theologische Ideen zu finden. Es entsteht ein Prozess, in dem erzeugt, erzählt und gestaltet wird oder wie es im Dreischritt der Methode wäre, gebaut, geteilt und reflektiert.
Das Bauen aktiviert dabei die eigenen Erfahrungen. Es geht dabei ums ICH.
Das Teilen aktiviert das Zuhören, was hat mein Gegenüber zu erzählen. Was haben wir gemeinsam, was unterscheidet uns. Es macht den Schritt zum DU.
Das Reflektieren ermöglicht es, Bewährtes zu gestalten und Neues zu schaffen. Gemeinsam. Als WIR. Als Volk Gottes.
Der Synodale Prozess
Mein Einstieg ins Denken mit Lego® erfolgte gemeinsam mit dem Nachdenken über Synodalität. Dabei wurde mir bewusst, dass Synodalität und Lego® Serious Play® einiges gemeinsam haben. Es wird versucht, auf einem partizipativen Weg Lösungen zu finden. Jede und jeder ist Teil des Prozesses, jede und jeder erzählt und wird gehört. Man sitzt bzw. steht an Tischen. Bei Lego® Serious Play® geht es darum, einander zuzuhören und eine gemeinsame Sprache zu finden. Die Modelle sind dabei visueller Anker. Aus dem Greifen wird ein Begreifen, von sich selbst und von anderen.
Schweigen hörbar
Der Synodale Prozess stellt auch einen Weg dar, eine gemeinsame Sprache und gemeinsames Tun zu finden. Auch wenn es viele verschiedene Sprachen (und Kulturen) sind, die in den Prozessen aufeinandertreffen, es ist doch ein gemeinsamer Glaube, der die Teilnehmenden verbinden soll. Doch erscheinen die Themen oft zu komplex und das Schweigen zu bestimmten Themen zu hörbar. Manche Themen kommen gar nicht vor.
Lego® Serious Play® arbeitet mit dem Prinzip der radikalen Simplifizierung. Komplexität muss greifbar und damit benennbar gemacht werden. Die Bedeutung der Steine wird von den Bauenden festgelegt, ein gemeinsamen Verstehen ist dafür zentral. Im spielerischen Bauen geht das oft leichter als im Reden. Ins Tun kommen, losbauen bzw. losgehen, ist ein wichtiger Schritt. Für Lego® Serious Play® – und für den synodalen Prozess.
Vom Modell zur Realität
Das spannende an der Arbeit mit Gruppen mit dem Lego® Ansatz ist, dass nur die Teilnehmenden und die Moderation das gebaute Modell verstehen. Kommt jemand von außen dazu, ist nicht gleich nachvollziehbar, was da auf dem Lego® Brett vor einem liegt. Deshalb ist ein zentraler Schritt des Prozesses die Dokumentation und der Transfers. Ohne Weg ins tägliche Leben der Menschen, bei Lego® Serious Play® sind das oft die Mitarbeitenden im Unternehmen, bleibt die Methode einfach ein netter Teamtag, ein spielerischer Zeitvertreib und nicht mehr.
Doch das wird dem, was da begonnen hat, nicht gerecht. Genauso ist es beim Synodalen Weg. Ohne (rechtliche) Verbindlichkeiten und Transfers in die Gemeinden vor Ort, bleibt der Synodale Weg ein netter Austausch von vielen Menschen, die sich zugehört haben und ein gemeinsames Dokument erstellt haben. Aber eben nicht mehr. Und das wird dem Prozess nicht gerecht.
Vera Lochmann ist Theologin sowie Betriebswirtin mit Schwerpunkt Personal und Certified Facilitator of LEGO® Serious Play®. Sie hat langjährige Erfahrung in der kirchlichen Bildungs- und Jugendarbeit sowie in der Beratung von Lehrlingen und Lehrbetrieben und ist Doktorandin an der Universität Münster zum Thema „Kirche als Arbeitgeberin – Nachhaltiges Personalmanagement und Praktische Theologie im Dialog“.
Literaturhinweise:
Rasmussen, Gunnar L.: Bausteine des Erfolgs. Lego® Serious Play®: Ein Leitfaden für innovative und kollaborative Prozesse, 2024.
Hillmer, David: PLAY! Der unverzichtbare Lego® Serious Play® Praxis-Guide für Workshops, Coachings und Moderation, 2025.
Bildquellen: Pixabay, V. Lochmann




