Kirche als exzessiv-überflüssiger Fremdkörper in universitärem Umfeld?

Fremdkörper

In Aachen wurde ein neues Katholisches Hochschulzentrum an einem naturwissenschaftlich ausgerichteten Hochschulcampus eröffnet. Was ein kirchliches Angebot in diesem universitären Umfeld überhaupt leisten könnte, fragt Wolfgang Beck.

Er misst und sammelt, er skizziert und katalogisiert, was ihm nur zwischen die Finger kommt. Und das ist nicht wenig bei einem, der mit viel Energie und größtem Aufwand durch bislang unerforschte Winkel entlegenster Regionen Lateinamerikas reist. Er ist ein Forscher und will alles entdecken, was noch unbekannt ist. Wie in einem Rausch verfolgt er sein wissenschaftliches Vorhaben: Es ist Alexander von Humboldt, dem der Schriftsteller Daniel Kehlmann zusammen mit seinem Mathematiker-Kollegen Karl Friedrich Gauß aus Braunschweig mit seinem Roman „Die Vermessung der Welt“ ein Denkmal der besonderen Art gesetzt hat.

Entdecken, was noch unbekannt ist

Mit Alexander von Humboldt wird vor allem ein Wissenschaftsverständnis symbolisiert, das dem Unbekannten und Neuen nicht mit Ressentiment begegnet, sondern dadurch im neugieren Weiterfragen angespornt wird. Er steht für einen wissenschaftlichen Aufbruch, wie auch für eine Emanzipation insbesondere der naturwissenschaftlichen Forschung im Raum der Universität und ihres städtischen Umfelds.

In der Verbindung der Universität mit der Stadt als ihrem gesellschaftlichen Umfeld ist in der Neuzeit ein erster gesellschaftlicher Teilbereich entstanden, der sich von der kirchlichen Hegemonie separiert und ihr gegenüber emanzipiert hat. Der Auszug von Wissenschaft und Forschung aus den Klosterbibliotheken in die Universitäten stellt auch einen massiven Verlust an Kontrollmöglichkeiten dar – und einen Freiheitsgewinn.

Der Auszug der Wissenschaft aus den Klosterbibliotheken in die Universitäten stellte einen Verlust an Kontrollmöglichkeiten dar – und einen Freiheitsgewinn.

Er gehört zu den grundlegenden kulturgeschichtlichen Elementen der Neuzeit und bildet ein wichtiges Fundament für die Moderne. Dass davon wiederum auch Kirche und Theologie sehr profitiert haben, wird in den theologischen Fakultäten und Instituten ansichtig und in der Entwicklung eines historisch-kritischen Instrumentariums für den Umgang mit ihren Heiligen Schriften, in der Integration soziologischer und empirischer Methoden in die wissenschaftliche Theologie und insgesamt in ihrer interdisziplinären Dialogfähigkeit.

Eine Kirche ohne Kontrollmacht steigert die Chancen auf eine lernende Identität

Dass die Kirche ihre Kontrollmöglichkeiten über Fragen von Wissenschaft und Bildung verloren hat, gehört zu den wichtigsten gesellschaftlichen Errungenschaften – nicht gegen, sondern gerade auch für die Kirche! Ist dieser Verlust auch nie freiwillig gesucht, so ist er doch gerade darin ein Gewinn, dass er die Kirche ihrem eigenen Auftrag und der Gestaltung einer evangeliumsgemäßen Positionierung in einer modernen Gesellschaft umso näherbringt. Der Kirche wird darin das Ernstnehmen ihrer eigenen Botschaft und ein „pastoralgemeinschaftliches“ Konstituieren (Hans-Joachim Sander[1]) zugemutet, was nie schlecht sein kann. Es gibt also für die Kirche gar keinen besseren Weg als den, in den Entmachtungsprozessen der Neuzeit, wie auch der Säkularisierungsprozesse (Detlef Pollack, Gergely Rosta[2]) der Moderne die Chance zur Findung ihrer eigenen Identität auszumachen.

Entmachtungsprozesse der Neuzeit – Chance für die Kirche

Eine tief verunsicherte Kirche, von der sich Wissenschaft und Forschung, Bildung und Kultur sehr weit gelöst und gegenüber der sie sich emanzipiert haben, erhält die Chance, ihre Identität als lernende Kirche zu kultivieren. Auch diesen Anspruch haben bereits die Konzilsväter des Zweiten Vatikanischen Konzils mit dem 44. Kapitel von Gaudium et spes formuliert und damit als nie völlig einholbaren Auftrag markiert. Doch welche Elemente kennzeichnen die Kirche als lernende Organisation?

Kein Lernen ohne Irritation und Sprachlosigkeit

Zu wirklichen Lernprozessen des Neuen gehören für den Erkenntnistheoretiker Charles Sanders Peirce (1839-1914) in seinem Ansatz des „Pragmatizismus“ Irritationen. In ihnen wird als „abduktive Erfahrung“ sichtbar, dass bereits bestehende Denkmuster und Erklärungen nicht ausreichen. Sie erzeugen Sprachlosigkeit als ein aktives Ringen („Musing“). Irritationen und die von ihnen ausgelöste Sprachlosigkeit wirken wie eine Bremse gegenüber einem vorschnellen Erklären, sie ermöglichen das Staunen.

Die Erinnerung an die Kunst des Staunens dürfte einer der Impulse sein, der von einer kirchlichen Präsenz an der Universität an Forscher*innen und Wissenschaftlicher*innen gehen kann. So hat der derzeitige DFG-Präsident Peter Strohschneider am 04. Juli 2017 gerade in der Auseinandersetzung mit Wissenschaftsfeindlichkeit und Populismus bei Wissenschaftler*innen die Fähigkeit zu „Selbstbegrenzung und Selbstdistanz“[3] eingefordert. Es ist die Fähigkeit, Irritationen überhaupt zuzulassen und Unterbrechungen auch im Wissenschaftsbetrieb wertzuschätzen, um das Staunen zu ermöglichen.

Es geht um die Fähigkeit, Irritationen zuzulassen und Unterbrechungen wertzuschätzen, um das Staunen zu ermöglichen.

Nun ist nicht alles, womit ihrerseits die Kirche gesellschaftliche Irritationen erzeugt, mit einem positiven Staunen gleichzusetzen. Am ehesten würde sie wohl damit irritieren, selbst zu staunen und sich selbst durch Irritationen aus dem Tritt bringen zu lassen. Damit kommt die doppelte Ausrichtung einer kirchlichen Präsenz in der Universität zum Ausdruck: Hier entstehen vor allem auch kirchliche Effekte.

Kirche auf unsicherem Terrain

Aus kirchlicher Perspektive ist das Feld universitärer Wissenschaft und Forschung ein unsicheres Terrain. Denn hier kann Kirche nicht auf die erprobten Mechanismen ihrer immer noch dominierenden gemeindlichen Sozialformen zurückgreifen. Im Kontakt mit Menschen, die nur begrenzte Zeit für Studium und Forschung vor Ort sind, lässt sich keine gemeindliche Sozialromantik der 1970er-Jahre plausibel kommunizieren. Hier erübrigen sich Versuche, in vormoderne Mechanismen der Disziplinierung ihrer Mitglieder zurückzugreifen. Denn, dass Zwang und persönliche Religiosität in einer modernen Gesellschaft unvereinbar sind und vor allem zur Deformation der eigenen Botschaft, des Evangeliums Jesu, beitragen, ist ungeachtet mancher Reste dieser Strategie in anderen Bereichen kirchlichen Lebens unübersehbar. Hier braucht sie auch nicht in ihrer religiösen Kommunikation auf die Muster instruktiver und indoktrinärer Glaubensverkündigung oder anachronistischer Missionsverständnisse zurückzugreifen. Denn darin drücken sich doch meist nur Ressentiments gegenüber dialogisch-demokratischen Grundstrukturen moderner Gesellschaften aus und das Verständnis einer selbstsicheren Kirche, die dazu neigt, sich selbst zu wichtig zu nehmen.

Gut, wenn Kirche an der Uni überflüssig ist – im besten Sinn!

Manche Kritiker*innen werden ein kirchliches Angebot im universitären Kontext, insbesondere dem natur- und ingenieurwissenschaftlichen, als überflüssig betrachten. Und sie treffen damit vielleicht – ungewollt – das Entscheidende.

Kirche ist überflüssig-luxuriös in der Art, dass sie sich den dominierenden Logiken der Effektivität, der Wachstumssteigerungen und der Ausrichtung auf die Leistungsstärksten getrost entziehen kann. Es ist der Luxus einer besonderen Zeit, der Luxus eines Orts mit ungewohnter Ästhetik (wie sie in Aachen in den Werken des Künstlers Klaus Simon vorgestellt wird) oder der Luxus irritierender, sonst nicht ausgesprochener Fragestellungen. In diesen Elementen gelingender hochschulpastoraler Angebote realisiert Kirche die Grundmelodie ihres eigenen Selbstverständnisses, exzessiv-verschwenderisch mit ihrem Eigenen umzugehen. Diese Grundmelodie des Exzessiven[4] ist es, in der Kirche das sichere Terrain institutioneller Eigenlogiken, ihren autopoietischen Selbsterhalt und ihr oberflächliches Rekrutierungs- und Marketingdenken zu übersteigen und sich selbst zu verschwenden lernt.

Kirche ist überflüssig-luxuriös in der Art, dass sie sich den dominierenden Logiken der Effektivität, der Wachstumssteigerungen und der Ausrichtung auf die Leistungsstärksten getrost entziehen kann.

Von solch einer Präsenz an der Hochschule „hat“ die Kirche nichts. Sie muss stattdessen der kenotischen Struktur (Ansgar Kreuzer: Kenopraxis, 2011) der Menschwerdung Gottes folgen und ihren Dienst an den Menschen ausrichten, ohne die Signatur des Handels, der Ökonomie der Gegenleistung, in diese Hinwendung einzutragen.

Kirchliche Lernorte für einen „Tutiorismus des Wagnisses“

Allerdings: Eines könnte die Kirche mit einer Präsenz zwischen Naturwissenschaftler*innen und Skeptiker*innen dann doch für sich verbuchen. Wo es ein kirchliches Angebot im modernen universitären Umfeld gibt, da können Christ*innen und kirchliche Entscheidungsträger*innen ihrerseits viel lernen. Sie bekommen mit dieser Präsenz im universitären Umfeld also einen wichtigen Lernort. Hier können sie lernen, was die französischen Bischöfe einmal mit dem schon legendär gewordenen Wort des „Proposer la foi“ benannt haben und womit das kirchliche Agieren als reines Angebot, als Vorschlag, gemeint ist. Hier kann Kirche lernen, womit sich Forscher*innen beschäftigen und worin sie zentrale Aufgaben für eine künftige Gesellschaft identifizieren. Zugleich lässt sich hier von eigenen, kirchlichen Mitarbeiter*innen lernen, was es bedeutet, Zurückweisungen oder ganz einfaches Desinteresse auszuhalten.

Lernorte

Solche Orte werden zu Lernorten, wenn Verantwortliche auch aus der Kirchenleitung zu einem entspannten, wohlwollenden und interessierten Kontakt zu den kirchlichen Akteur*innen in der Hochschulpastoral finden, der so weit wie möglich ohne die Allüren der klerikalen Hierarchie auskommt und nicht durch das häufig dominierende Spiel der Autoritäten vor den Kopf stößt. Das ist ein kleines Wagnis. Der Jesuit und Theologe Karl Rahner hat solche Wagnisse für die Kirche als unverzichtbar gekennzeichnet und mit dem Begriff des „Tutiorismus des Wagnisses“ umschrieben.

Er formuliert: „Der einzige heute im praktischen Leben der Kirche erlaubte Tutiorismus ist der Tutiorismus des Wagnisses. Wir dürfen heute eigentlich nicht bei der Lösung von echten Problemen fragen: Wie weit muss ich gehen, weil es einfach von der Situation erzwungen wird, wenigstens so weit zu gehen, sondern wir müssten fragen: Wie weit darf man unter Ausnützung aller theologischen und pastoralen Möglichkeiten gehen, weil die Lage des Reiches Gottes sicher so ist, daß wir das Äußerste wagen müssen, um so zu bestehen, wie Gott es von uns verlangt.“[5]

„Der einzige heute im praktischen Leben der Kirche erlaubte Tutiorismus ist der Tutiorismus des Wagnisses.“ (Karl Rahner)

Das große Wagnis, das Kirche mit den Lernorten in universitären Kontexten eingeht, liegt nicht in der Investition finanzieller und personeller Ressourcen. Es liegt viel stärker in dem Wagnis, sich selbst auf sprachloses Staunen einzulassen und sich auf einen Weg des Lernens und Entdeckens zu begeben. Die Präsenz eines katholischen Hochschulzentrums ist also erst der Beginn des Abenteuers, des unerlässlichen Wagnisses kirchlicher Verunsicherung.

Es ist ein wenig wie bei der abenteuerlichen Forschung eines Alexander von Humboldt, der sich wagemutig auf Reisen begab. Problematisch wird seine Art des Forschens als Vermessen, Ordnen und Katalogisieren, wenn sie mit der Suggestion einhergeht, damit lasse sich Sicherheit erzeugen. Alles in eine Ordnung, in eine Erklärung und übergreifende Gesellschaftstheorie zu bringen und Verunsicherung zu meiden, erzeugt Selbstbetrug – für die Wissenschaft genauso, wie für die religiöse Kommunikation. In dieser Versuchung sind sich religiöse Kommunikation und universitäre Wissenschaft wohl näher, als ihnen bewusst ist. Deshalb ist es gut, wenn sie sich gegenseitig durch Fremdheitserfahrungen irritieren und zu neuen Entdeckungen anregen.

Wolfgang Beck ist Juniorprofessor für Pastoraltheologie und Homiletik in St. Georgen.

Der Text ist die gekürzte Fassung eines Referates, das vom Autor am 22.01.2018 zur Eröffnung des Katholischen Hochschulzentrums „QuellPunkt“ am Campus Melaten der RWTH Aachen gehalten wurde.

Foto: Wolfgang Beck, 2018 (Skulptur von Klaus Simon im Raum der Stille des „QuellPunkt“).

[1] Sander, Hans-Joachim, nicht ausweichen. Die prekäre Lage der Kirche, Würzburg 2002.

[2] Pollack, Detlef / Rosta, Gergely, Religion in der Moderne. Ein internationaler Vergleich, Frankfurt a.M. 2015.

[3] Strohschneider, Peter, Ansprache am 07.07.2017 in Halle.

[4] Zugmann, Michael, Ausschweifung und Maßlosigkeit. Eine neutestamentliche Bildergalerie, in: Koller, Edeltraud / Schrödl, Barbara / Schwantner, Anita (Hg.), Exzess. Vom Überschuss in Religion, Kunst und Philosophie, Bielefeld 2009, 105-122, 116: „Blicken die ersten Christen auf Jesus zurück, auf seine exzessive Verkündigung der Gottesherrschaft und auf die Konsequenz, mit der Jesus dieser Botschaft treu blieb, deuten sie sein Leben, einschließlich seines Sterbens, als einen ‚Exzess‘ Gottes, als sein ‚Herausgehen‘ aus seiner Göttlichkeit und sein ‚Hineingehen‘ in die Welt in maßloser – unermesslicher – Liebe.

[5] Rahner, Karl, Die grundlegenden Imperative für den Selbstvollzug der Kirche in der gegenwärtigen Situation, in: Sämtliche Werke Bd. 19 (Selbstvollzug der Kirche. Ekklesiologische Grundlegung praktischer Theologie), Freiburg i.B. 2005, 297-316, 314.

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