Kirchen in Bewegung: Christliche Migrationsgemeinden

Christliche Migrationsgemeinden in der Schweiz erleben einen Boom, sagt Arnd Bünker. Über 100 Gemeinden wurden in den letzten Jahren gegründet. Neben spirituellen und sozialen Tätigkeiten zeigen sie ein grosses missionarisches Selbstbewusstsein. Das ist eine Herausforderung für die einheimischen Kirchen.

Christliche Migrationsgemeinden in der Schweiz

Die Kirchenlandschaft der Schweiz verändert sich rasant. Migrantinnen und Migranten geben den Kirchen neue Gesichter, Blickweisen, Sprachen und spirituelle Ausdrucksformen. Die „einheimischen“ Kirchen sind durch diese Situation stark herausgefordert. Aber sie sehen auch neue Chancen. Alle Kirchen sind durch die Einwanderung von Christinnen und Christen in Bewegung geraten.

Das Schweizerische Pastoralsoziologische Institut (SPI) hat über 370 christliche Migrationsgemeinden, katholisch, orthodox und evangelisch, in der Schweiz befragt. Ihre Antworten erlauben neue Einblicke in die Vielfalt des migrantischen Christentums in der Schweiz.

Lange Geschichte und ein aktueller Gründungsboom

Ein Blick auf die Gründungsjahre der christlichen Migrationsgemeinden lässt die alte Migrationsgeschichte der Schweiz erkennen: Protestanten aus Deutschland, Hugenotten aus Frankreich und Waldenser aus Italien gründeten ihre Gemeinden bereits vor Jahrhunderten. Sie erinnern an die Verfolgungen religiöser Minderheiten in Europa. Die Industrialisierung der Schweiz findet ihren Widerhall in der Gründung katholischer italienischsprachiger Gemeinden. Der Boom der Nachkriegszeit führt zu einer grossen Zahl weiterer katholischer Missionen spanischer, portugiesischer und kroatischer Sprache. Dem Aufstand der Ungarn gegen die Sowjets folgen Gründungen evangelischer Gemeinden ungarischer Sprache. Der Fall des Eisernen Vorhangs mehrt die innereuropäische Migration. Die Zahl orthodoxer Gemeinden nimmt zu. Mit der Globalisierung der Migrationsströme, wie sie sich in den letzten Jahrzehnten entwickelten, ist die Zahl evangelischer Kirchen mit afrikanischen, asiatischen und lateinamerikanischen Wurzeln und pfingstkirchlich-charismatischer Prägung stark angestiegen. Dazu kommen katholische und orthodoxe Gemeinden mit Wurzeln in der ganzen Welt.

Seit dem Jahr 2000 wurden mehr als 100 Migrationsgemeinden gegründet.

Nie gab es in der Schweiz mehr Gründungen christlicher Migrationsgemeinden als in den letzten Jahrzehnten. Seit dem Jahr 2000 wurden mehr als 100 Gemeinden gegründet. Man kann von einem christlichen Gemeindegründungsboom sprechen – gegen den Trend der einheimischen Grosskirchen.

Vielfalt der Formen christlicher Migrationsgemeinden und Migrationskirchen

Mit der Vielzahl der Migrationsgemeinden geht eine grosse Vielfalt ihrer Unterschiede einher. Viele Gemeinden sind sehr klein. Sie leben vom persönlichen Kontakt und werden durch gemeinsame Erfahrungen und Lebenssituationen zusammengehalten. Hier handelt es sich meist um reine „Freiwilligenkirchen“ evangelischer Prägung ohne bezahltes Personal – aber mit viel Energie und oft hohem Selbstbewusstsein. Die Spiritualität ist in diesen Gemeinden durch Bibeltreue und charismatische Erfahrungen geprägt.

Es gibt aber auch grosse evangelisch geprägte Migrationskirchen mit bis zum mehreren tausend Mitgliedern. Diese Gemeinden sind oft Teil eines globalen Kirchennetzwerkes mit aussereuropäischen Wurzeln. Sie werden fast wie globale Wirtschaftsunternehmen geführt, haben eine straffe und in der Regel sehr effektive Organisation und finanzieren sich durch die Spenden ihrer Mitglieder. Die Kraft und Dynamik dieser Kirchen ist erstaunlich, wenn man bedenkt, dass viele ihrer Mitglieder zu den ärmeren sowie rechtlich und sozial benachteiligten Bevölkerungsgruppen in der Schweiz gehören.

Freiwilligenkirchen, Wirtschaftsunternehmen, Pfarreimentalität

Die katholischen Missionen erreichen ebenfalls in der Regel mehrere tausend Personen. Bei ihnen wirkt sich ein anderes Selbstverständnis aus. Ähnlich wie bei den Pfarreien gelten nämlich alle Menschen im Einzugsgebiet als Mitglieder. Aufgrund der häufig grossen territorialen Reichweite wirken die Missionen meist an mehreren Gottesdienstorten und repräsentieren schlussendlich mehrere lokale Gemeinden. Diese besonderen Merkmale im Selbstverständnis und in der Organisationsform erklären die hohen Mitgliederzahlen einiger Missionen, die bis zu 50’000 Mitglieder angeben.

Globale Prägungen der christlichen Religion in der Schweiz

Ein Blick auf die Herkunftsländer der Mitglieder in Migrationsgemeinden zeigt: die ganze christliche Welt ist in ihrer ganzen Vielfalt in der Schweiz zuhause. Für die Ökumene und die innerchristlichen Beziehungen gibt es hier Herausforderungen aber auch Lernchancen. Gerade die einheimischen Kirchen haben in dieser Situation noch einen grossen Anpassungsbedarf. Ein Mentalitätswechsel ist angesagt, da alte Selbstverständlichkeiten in Frage gestellt werden und neue Formen, Perspektiven und Erwartungen sich aufdrängen.

Alte Selbstverständlichkeiten hiesiger Kirchenkultur stehen in Frage.

Aber auch die Migrationsgemeinden sind nicht bloss die Verlängerung ihrer Herkunftskirchen. Die meisten Migrationsgemeinden in der Schweiz sind bei genauem Hinsehen selbst „multikulti“. Einerseits lassen sich viele MigrantInnen mit der Zeit in die Schweiz einbürgern, bleiben aber in religiösen Dingen ihrer Migrationsgemeinde treu. Andererseits ist die globale Migration so stark ausgeprägt, dass selbst ehemals mononational geprägte katholische Missionen, z.B. die spanisch- oder portugiesischsprachigen Missionen, zum internationalen Sammelbecken für Menschen aus unterschiedlichen Kontinenten werden – ein spätes Echo aus der Kolonial- und Missionsgeschichte.

Vielsprachiges Christentum in der Schweiz

Gerade bei den evangelischen Migrationskirchen mit aussereuropäischen Wurzeln zeigt sich eine hohe Bereitschaft zur Gewinnung neuer Mitglieder auch aus der Schweiz. Hier wird in den Gottesdiensten oft selbstverständlich übersetzt, damit Menschen unterschiedlicher Sprache teilnehmen und Mitglieder der Kirche werden können. Gerade in dieser Strategie des Übersetzens unterscheiden sich katholische Migrationsgemeinden sehr stark von den missionarisch-aktiven Migrationsgemeinden evangelischer Prägung.

Religiöse Netzwerke christlicher Migrationsgemeinden und Herausforderungen für die Ökumene

Die Untersuchung des SPI erkundete auch die Vernetzungen, die christliche Migrationsgemeinden in der Schweiz pflegen. Das Bild ist eindeutig. Fast alle Migrationsgemeinden pflegen vorrangig Netzwerke im religiösen Bereich – genauer: Netzwerke innerhalb der eigenen Konfession oder mit Kirchen einer ähnlichen Ausrichtung und Tradition. In diesem Vernetzungsspektrum zeigt sich jeweils ein dichtes und vielfältiges Geflecht an Kooperationen und Vereinigungen. Die Netzwerke geben den Migrationsgemeinden Halt und Unterstützung in der Schweiz und darüber hinaus.

Zivilgesellschaftliches Potenzial christlicher Migrationsgemeinden

Trotz ihrer oft prekären Situation leisten christliche Migrationsgemeinden viel für ihre Mitglieder. Neben der spirituellen Begleitung und Beheimatung bieten sie alltagspraktische Unterstützungen für ihre Gläubigen: Übersetzungsdienste und Unterstützung bei Behördengängen, im Gesundheitsbereich, bei der Wohnungs- und Arbeitssuche sind typische Leistungen. Mit ihrem Einsatz für Migrantinnen und Migranten leisten die Migrationsgemeinden viel für die ganze Gesellschaft in der Schweiz. Sie sind dynamische zivilgesellschaftliche Akteure, deren Potenziale noch kaum anerkannt und bislang wenig gefördert werden.

Kritische Sichtweisen christlicher Migrationsgemeinden auf die Schweiz

Konfliktpotenzial bleibt nicht aus. Das zeigen die Antworten aus den Migrationsgemeinden, wenn es um ihre Sicht auf die Schweiz und die Schweizer Kirchen geht. Aus den meisten Migrationsgemeinden heisst es, dass der Glaube in der Schweiz in der Krise sei. Dementsprechend gelten die Grosskirchen kaum als Vorbild. Sie werden eher für die Misere des Glaubens in der Schweiz mitverantwortlich gemacht. Der Vorwurf an die einheimischen Kirchen lautet, dass sie sich der Gesellschaft der Schweiz zu sehr angepasst hätten.

Vorwurf an einheimische Kirchen: zu grosse Anpassung!

Als Heilmittel wird eine neue Evangelisierung der Schweiz betrachtet. Insbesondere die Stimmen aus den katholischen Missionen und den jüngeren evangelischen Migrationskirchen sind in ihren Einschätzungen sehr ähnlich. Sie sehen ihre Aufgabe in der Evangelisierung der Schweiz und keinesfalls als (Zaun-)Gäste in der Schweizer Kirchenlandschaft. Insbesondere die jüngeren evangelischen Migrationskirchen weisen – oft in erstaunlichem Kontrast zu ihrer prekären Lage – ein hohes missionarisches Selbstbewusstsein auf und präsentieren sich als Vorbilder für die Kirchen in der Schweiz.

Strategien christlicher Migrationsgemeinden in der Schweiz

Analysiert man die Strategien, mit denen christliche Migrationsgemeinden agieren, so lassen sich drei Haupttypen identifizieren: Eher defensiv erscheinen Migrationsgemeinden des „Betreuungstypus“, die ihre Aufgabe vor allem in der Betreuung und Versorgung von MigrantInnen ihrer Sprache verstehen. Hier stehen soziale Leistungen innerhalb der migrantischen Community im Zentrum. Diese Migrationsgemeinden gelten als Übergangsgemeinden – bis zum Wegfall des spezifischen Betreuungsbedarfes für die eigene Zielgruppe.

Ein zweiter Typus von Migrationsgemeinden sticht durch das Merkmal der Abgrenzung hervor. Hier geht es vor allem um binnenreligiöse Abgrenzungen, bei der kulturelle, kirchliche oder liturgische Unterschiede stark betont werden – teilweise mit abwertendem Blick auf andere christliche Gemeinschaften. Je nach Begründung der Abgrenzung sind die Möglichkeiten zu einer Zusammenarbeit mit den Gemeinden des „Abgrenzungstypus“ unterschiedlich ausgeprägt.

Drei Typen: Betreuung, Abgrenzung, Mission

Zunehmend tritt ein dritter Typus von Migrationsgemeinden auf, Gemeinden des „Missionstypus“. Hier steht ein auf die Schweiz (oder auf die ganze Welt) gerichtetes missionarisches Selbstbewusstsein im Vordergrund. Diese Migrationsgemeinden sehen sich weder als Gäste noch als Sonderfälle von Kirchen mit migrationsspezifischen Eigenheiten. Sie sehen sich vielmehr als aktive und selbstbewusste Player in der hiesigen Religionslandschaft. Sie haben die ganze Schweiz im Blick und streben ihre Evangelisierung an. Die Bezeichnung „Migrationsgemeinden“ entspricht ihnen kaum, da der Begriff den Kern ihrer Existenz und ihres Selbstverständnisses verfehlt. Zwar haben sie einen „Migrationshintergrund“. Allerdings interpretieren sie diesen als „Missionsvordergrund“, der ihrer Präsenz und Tätigkeit die Richtung und die Zukunftsperspektive gibt.

Kirchen vor grossen Aufgaben

In diesem breiten Spektrum zeigen sich die „Kirchen in Bewegung“ keinesfalls geschlossen bezüglich der Aussichten für den weiteren Weg. Die beobachteten Dynamiken sind stark, aber auch spannungsreich. Gerade zwischen einheimischen und migrantischen Kirchen entwickeln sich komplexe Gemische aus Vorurteilen, Erwartungen, Interessen, Ansprüchen und Perspektiven.

Katholischerseits wird vor allem um die Kooperation innerhalb der Konfession gerungen. Beide Seiten, einheimische Pfarreien wie Missionen brauchen sich gegenseitig. Aber die Annäherungen sind nicht frei von Misstrauen, vom Nachhall bisheriger Erfahrungen und Enttäuschungen sowie von den Problemen, die sich aus gegenseitigen Vorurteilen und Klischees ergeben.

Vorsichtig optimistisch

Auf Seiten der evangelischen Kirchen ergibt sich ein ähnliches Bild. Der Hoffnung auf eine gemeinsame „evangelische“ Zukunft der Kirchen in der Schweiz stehen die Eigeninteressen der Kirchen, die keiner übergreifenden Konfession und Kirchenordnung angehören, gegenüber.

Wohin die Wege der Kirchen führen werden, ist noch nicht ausgemacht. Der Prozess einer gründlichen Neuorientierung ist in vollem Gang. Dass die Beteiligung daran ein hohes Interesse von vielen Seiten zeigt, darf vorsichtig optimistisch stimmen.


Arnd Bünker ist Leiter des Schweizerischen Pastoralsoziologischen Instituts (SPI) in St. Gallen.

Buchhinweis:
Albisser, Judith / Bünker, Arnd (Hg.): Kirchen in Bewegung. Christliche Migrationsgemeinden in der Schweiz, St. Gallen (Edition SPI) 2016, 250 Seiten. ISBN: 978-3-906018-14-0.

Bild: dan carlson, unsplash.com

 

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