Land ohne Wahl

Genauer hinsehen Steven Wright, unsplash.com

Kenneth Anders kommentiert die Wahl in Brandenburg exklusiv für feinschwarz.net. Landschaftskommunikation ist sein Geschäft. Im Ordnen seiner Gedanken erklärt er viel mehr als nur ein Wahlergebnis und plädiert dafür, vom hohen Ross zu steigen.

 

Kenneth Anders

Also doch: jeder Dritte – und das Direktmandat meines Wahlkreises. Das ist viel. Ist es schlimm? Ich empfinde einen leichten Schreck und möchte meine Gedanken ordnen:

Zunächst sind für mich weniger die Parteipräferenzen, als vielmehr die Wählerwanderungen überhaupt beunruhigend. Ich habe in den letzten Jahren gelernt, wie langsam und langfristig die Politik arbeiten muss, um gute Ergebnisse zu bringen. Bei dem starken Auf und Ab in unseren Wahlen wird das schwerer. Ich sorge mich also ein bisschen um die Stabilität unserer Gesellschaft.

Und warum wird nun ausgerechnet die AfD so erfolgreich? Ich lebe seit Jahren auf dem Land, das man gern als abgehängt bezeichnet. Man erzählt von schließenden Bäckereien, schlechter medizinischer Versorgung und mangelnder Mobilität. Aber liegt es daran? Daran habe ich Zweifel.

Auf dem Land leben weniger Menschen, also ist auch die Angebotsdichte geringer. Die Menschen wissen das, sie machen sich nichts vor. Sie kennen die Vor- und Nachteile des Landlebens, sie wissen auch, dass ihr eigenes Konsumverhalten dazu beiträgt, dass die Kneipen schließen. Und sie haben auch eine Vorstellung davon, dass sie, gemessen an anderen Regionen in der Welt, vergleichsweise privilegierte Räume bewohnen, in denen es rechtssichere Verwaltungen gibt und in denen auch die Beschäftigtenzahlen für die verbleibenden Leute gar nicht so schlecht sind. Also, an der angeblichen Tristesse liegt es nicht.

Es liegt an der Kommunikation. Denn das bestimmende Lebensgefühl der Bevölkerung in der Provinz ist, dass es auf sie nicht ankommt. Sie sind kein aktiver Teil der gesellschaftlichen Diskurse. An der Wissensproduktion wirken sie nicht mit und auch das moralische Empfinden der Gesellschaft wird nicht von ihnen mitgestaltet. Sie sitzen nicht mit am Tisch, wenn sortiert wird, was als wahr, gut oder schlecht zu gelten hat.

Erst hat man ihnen im Demografiediskurs erklärt, dass ihre Dörfer aufgegeben werden müssen und es nicht lohne, ihre Siedlungsräume zu erhalten. Eine beispiellose Oberflächlichkeit herrscht bis heute in diesem Diskurs. Dann erklärte man ihnen, dass ihre Ernährungsgewohnheiten und Mobilitätsweisen die Erde und das Klima kaputtmachen, wobei sich niemand wirklich mit ihren Möglichkeiten und ihrer täglichen Praxis beschäftigt hat. In der Stadt gelten urban gardener als Revolutionäre, Selbstversorger auf dem Land dagegen erscheinen als Auslaufmodell. Aber unterdessen ging es monatelang um Feinstaub in der Stuttgarter Innenstadt, versehen mit der Ankündigung, auch die ländlichen Hausöfen kämen bald auf die Agenda. Dann sagte man ihnen, dass das Wort „Flüchtling“ eine abwertende Haltung zum Ausdruck bringt und dass in Zukunft Gendersternchen verwendet werden sollten.

Das bekenntnishafte Sprechen bemächtigt sich unserer gesellschaftlichen Kommunikation in einer Weise, sodass es den Leuten in der Provinz einfach die Sprache verschlägt. Oder genauer: Es verschlägt jenen die Sprache, die sich bisher erfolgreich in diesen sozialen Gruppen für Mäßigung, Offenheit und Abwägung eingesetzt haben. (Zu bekenntnishafter Sprache lohnt sich die Lektüre von Andersens Kolumne Oderbruchpavillon.) Denn wem gegenüber sollen sie etwas bekennen, was haben sie denn falsch gemacht? Und da, wo sie den Städtern gegenüber noch einen gewissen Erfahrungsfortschritt haben, in der Land- und Forstwirtschaft, zeigte man ihnen, dass es auf ihre Erfahrung nicht ankommt, weil bislang alles schlecht und in Zukunft ganz anders gemacht werden müsse. In den Diskursen fühlen sich die Menschen auf dem Land täglich belehrt und moralisch herabgewürdigt.

Ist die Wahl einer Partei darauf die passende Antwort? Hier scheint mir ein beinahe tragisches Missverständnis zu herrschen. Denn die Politik hat an dieser kommunikativen Phalanx den geringsten Anteil. Ich habe in den letzten Jahren immer wieder erfahren, wie durchlässig unser politisches System in der Vertikale ist. Man findet, wenn man etwas tun will, Ansprechpartner in der Kommune, im Kreis, im Land, im Bund. Die Politiker sind nicht korrupt. Die Abgeordneten unterhalten Büros in ihren Wahlkreisen, sie interessieren sich in der Regel ernsthaft für die Entwicklung ihrer Regionen. Es stimmt einfach nicht, dass sie nicht zuhören. Insofern trifft sie der Wählerzorn zu Unrecht. Wie kann das sein?

Ich meine, es liegt an den Systemen, in denen die Kommunikation organisiert wird. Wer einen Krimi sieht, der in der brandenburgischen Provinz spielt, merkt sofort, dass die Drehbuchschreiber keine Ahnung haben. Es ist eine unernste Verballhornung des hier geführten Lebens. Es gibt keine wissenschaftlichen Einrichtungen mehr und keine universitären Lehrstühle, die im dauerhaften Dialog mit den Regionen arbeiten. Ganz zu schweigen von den meisten Künsten, für die das Leben in der Provinz kein ernsthafter Gegenstand ist.

Nicht zuletzt die besorgten Gesichter der Hauptstadtjournalisten, die sich im Vorfeld der Wahl auf das Land gewagt und gefragt hatten, warum um alles in der Welt man hier AFD wähle, wirkten auf die Leute wie ein ausgestreckter Zeigefinger: Du, du, jetzt sei aber mal artig! Und was macht ein Kind, dem man mit dem Zeigefinger droht? Es wird unartig. Als man den Leuten nun vor den Wahlen auch noch erklärte, dass sie als Ostdeutsche leider große Defizite in der Demokratie haben, da werden sie sich gedacht habe: Na, dann zeigen wir euch doch mal, wie Demokratie geht – man geht zur geheimen Wahl und gibt seine Stimme für eine Partei und einen Kandidaten ab, so geht Demokratie.

Meint jemand, die US-Amerikaner, die Donald Trump gewählt haben, mögen alle Donald Trump, seine Reden über Frauen und Minderheiten und andere Länder seien wirklich nach dem Geschmack der Hälfte der US-amerikanischen Bevölkerung? Ich glaube das nicht. Ja, es gibt Verrückte, Hassende, Verblendete.  Aber die meisten Trump-Wähler haben meiner Überzeugung nach mit ihrer Wahl nur ein Ziel verfolgt: Sie haben den gewählt, über den sich die anderen, die städtischen, moralisch überlegenen und alles wissenden und schöneren Menschen, deren Lebensstil im Verhältnis zu ihrer Sprache ihnen als Heuchelei erscheint, am meisten ärgern würden. Sie haben den gewählt, der denen richtig die gute Laune verdirbt. Und das, so scheint es mir, ist auch hier in der Provinz der Fall. Und es klappt ja auch.

Das macht es nicht besser, es kann sogar gefährlich werden. Aber an diesem Muster wird sich nichts ändern, wenn die anderen nicht endlich von ihrem hohen Ross herunterkommen.

Übrigens gibt es nun in den kommunalen oder Landesparlamenten AFD-Abgeordnete, die vorher nie ein politisches Mandat ausgeübt und überhaupt keine Berührung mit praktischer Politik hatten. Sie haben sich aufgemacht und wollen jetzt was tun. Ein Landrat erzählte mir, er sei von einem neuen AFD-Abgeordneten im Kreistag gefragt worden, was es denn so an Ausschüssen gäbe, er würde sich da gern beteiligen. Der Mann kam in Jogginghose, aber was bedeutet das?

Autor: Dr. Kenneth Anders, geboren 1969 in Naumburg/Saale, aufgewachsen bei Tharandt sowie in Eberswalde, Studium der Kulturwissenschaften, Soziologie und Philosophie in Leipzig und Berlin, 2004 gründete er mit Lars Fischer das Büro für Landschaftskommunikation. Kenneth Anders ist außerdem als Autor und Sprecher tätig.

Bild: Steven Wright / unsplash.com

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