Offen zugängliche Chatbots haben künstliche Intelligenz schlagartig in das öffentliche Bewusstsein befördert. In kürzester Zeit zeigten sich breite Anwendungsmöglichkeiten: Mithilfe von KI-Anwendungen werden heute Songtexte geschrieben, Bilder kreiert und Konzepte entworfen. Doch was wäre, wenn künstliche Intelligenz selbstständig wird, wenn sie, in den Worten des Verhaltensforschers Michal Kosinski, erwacht? Von Patrick Becker
Was unter ‚Selbstständigkeit‘ zu verstehen ist, visionierte Max Tegmark in einem Bestseller von 2017 unter dem Schlagwort vom „Leben 3.0“. Die verschiedenen Zukunftsvarianten, die er darin entwickelt, haben gemein, dass der Mensch nicht mehr das intelligenteste Wesen auf der Erde sein wird. Künstliche Intelligenz wird in seinen Szenarien zu einer eigenen, dem Menschen überlegenen Spezies, die die Welt und den Menschen darin mehr oder weniger beherrscht.
Einige Aspekte von diesen Szenarien werden bereits von der Realität eingeholt. Im Juli 2023 publizierte ein Team um Taylor Webb eine Studie, in der es das Sprachmodell GPT-3 in direkte Konkurrenz zu Menschen setzte. Beide sollten Analogieschlüsse ziehen und sich damit einer intellektuellen Herausforderung stellen, die man bisher nur Menschen zutraute. Die Aufgabe, aus einer Abfolge von Ziffern, Buchstaben oder Worten die Regel zu erkennen, wurde von der künstlichen Intelligenz im Schnitt genauso gut oder sogar besser gemeistert als von den Testpersonen.
Wenn künstliche Intelligenz Analogieaufgaben lösen kann, für die sie nicht eigens trainiert wurde, besitzt sie eine neue emergente Eigenschaft, behaupten die Autoren. Indem KI ‚Neues‘ kann, löst sie sich vom Vorgegebenen, es liegt also ein erster, aber grundlegender Schritt zur Eigenständigkeit vor. Mit ‚Emergenz‘ werden in philosophischen Debatten mentale Eigenschaften des Menschen ausgewiesen, die Studie interpretiert den Befund also in Analogie zum menschlichen Geist. Daher spricht das Autorenteam Chat-GPT sogar zu, ‚vernünftig‘ zu sein.
Kann Künstliche Intelligenz kreativ sein?
Doch ist dieser Schluss und damit die Behauptung, künstliche Intelligenz entwickle ein Äquivalent zum menschlichen Geist, zulässig? Die Philosophin Simone Mahrenholz legte vor einigen Jahren Analysen zur menschlichen Kreativität vor, mit denen für einen grundlegenden Unterschied zwischen menschlichem Geist und heutiger KI argumentiert werden kann.
Mahrenholz versteht Kreativität als ein Ineinander von Aktivität und Passivität, von Erfinden und Entdecken, von Schaffen und Zufallen, das daher eine Art ‚Black Box‘ markiert, in der ein Bruch mit Bekanntem stattfindet. Sie teilt unser Denken in zwei Typen ein, in ‚analog‘ und ‚digital‘. Analoges Denken sieht sie dann, wenn der Mensch versucht, der Vielfalt gerecht zu werden, wenn Details zählen und wir dadurch Gesamtheiten wahrnehmen. Digitales Denken sei dagegen auf Abstraktion aus, versuche, Begriffe, Theorien und Formeln zu erstellen. Im Gegensatz zum analogen Denken werde hier gerade durch Detailverminderung Erkenntnis gewonnen.
Beide Denkrichtungen sind konträr ausgerichtet, sie werden von uns Menschen gleichwohl kontinuierlich geleistet und können daher in der Lebenspraxis nicht getrennt werden. Der Mensch denkt also immer zugleich ‚analog‘ und ‚digital‘: Er benützt präzise Begriffe, die zugleich den Horizont für die Vielfalt öffnen, oder umgekehrt malt er detailreiche Bilder, die zugleich konkrete Botschaften transportieren.
Mahrenholz argumentiert, dass diese Leistung des Menschen, das Changieren zwischen begrifflicher Präzision und wahrgenommener Vielfalt, in keine Algorithmen gepackt werden könne. Kreativität entstehe, wenn die zwei divergierenden logischen Ebenen ‚regelwidrig‘ zusammengebracht oder aufeinander bezogen würden, wenn die Grenze zwischen ihnen kollabiere.
Wenn Mahrenholz Recht hat, ist die Frage um die Kreativität von heutigen KIs beantwortet, die auf Algorithmen und Maschinenlernen beruhen. Tatsächlich verdient die Studie, die Chat-GPT Formen von ‚Vernunft‘ zuspricht, einen kritischen Blick: Die Analogieaufgaben, bei denen das Sprachmodell brillierte, besaßen eine gewisse Stupidität und waren zudem seit Jahrzehnten verbreitet – wahrscheinlich waren sie doch auch im Trainingsmaterial der KI und besitzen für diese daher keine Neuartigkeit.
Aktuelle KIs sind also nicht kreativ und auch nicht für ihre Entscheidungen verantwortlich, da sie unhinterfragt ihrem ursprünglich gesetzten Auftrag Folge leisten und daher nur funktional hinsichtlich dieses Auftrags sind. Moral ist bisheriger künstlicher Intelligenz von außen antrainiert und wird also nur reproduziert. So stellt sich für Chatbots nicht die Wahrheitsfrage, Quellen und Angaben werden schon mal frei halluziniert, was für die Gesellschaft inzwischen eine nicht unerhebliche Problemlage erzeugt.
Funktionales Rationalitätsverständnis
Auf dem fehlenden Moralbewusstsein basierende kritische Anfragen sind in der Gesellschaft durchaus präsent. Doch der extreme wirtschaftliche Erfolg der Tech-Unternehmen zeigt, dass sich die Masse der Menschen nicht von nachdenklichen Worten einbremsen lässt, wenn neue Technik spezifische Vorteile zu bieten verspricht und auch tatsächlich bietet.
Die Vorteile beziehen sich nicht nur auf Smartphone-Funktionen und eine zunehmende Leistungsfähigkeit der Sprachmodule. Bemerkenswert ist beispielsweise auch die Entwicklung von Gehirn-Computer-Schnittstellen wie ein von Elon Musks Firma Neuralink entwickeltes Implantat, das Menschen mit Querschnittlähmung bei ihrer Kommunikation helfen kann.
Nicht nur die Maschinen, mit denen der Mensch sich das Leben angenehmer macht, werden sich also verändern, sondern der Mensch selbst auch: Cyborgs sind, wie der Google-Direktor Ray Kurzweil enthusiastisch ausführt, eine nahe Zukunftsvision. Die Vorzüge scheinen so offensichtlich, dass die so ermöglichte Optimierung des Menschen viel wahrscheinlicher erscheint, als dass der Mensch eine erwachende KI erschafft. Indem Mensch und KI mit ihren Stärken zusammengeführt werden, werde gar ein neuer evolutiver Schritt erreicht, schwärmt Kurzweil.
Die Vision ist zwar eine andere als die von Max Tegmark, aber auch hier wird eine Art „Leben 3.0“ angestrebt, also eine technische Weiterentwicklung des bestehenden menschlichen Lebens. Die dahinter stehende Ideologie wird mit schillernden Namen betitelt, am meisten Verbreitung dürfte die Bezeichnung des Transhumanismus gefunden haben.
Hierzu gibt es eine längere Begriffsgeschichte, die mit Dantes „Göttlicher Komödie“ ihren Anfang genommen haben dürfte: Doch während es bei Dante um einen religiösen Aufstieg in das jenseitige Paradies geht, ist heute innerweltliche Perfektionierung angestrebt. Damit ist eine positive, moralisch aufgeladene Vision verknüpft. Zu ihr gehört das Loblied auf eine bestimmte Form von Rationalität, die als Grundlage des Fortschritts gesehen wird.
Die Besinnung auf diesen Typus von Rationalität führe, so die Vision, langfristig zu einem besseren Leben. Daher ist sie mit einem hohen moralischen und politischen Impetus verknüpft. So veröffentlichte der Tech-Milliardär Marc Andreessen am 16. Oktober 2023 ein „Techno-Optimistisches Manifest“, das als Loblied auf den Fortschritt, auf den freien Markt und den Individualismus startet. Es stellt die Vorzüge der jüngsten technischen Errungenschaften in ein ausschließlich günstiges Licht: Das Internet wird dort als Lösung gegen Vereinsamung propagiert, technischer Fortschritt als Weg aus Armut dargestellt, künstliche Intelligenz gar als universelle Problemlösestrategie angesehen. Dagegen stünden Feinde, nämlich alle Ansätze, die Nachhaltigkeit, soziale Verantwortung und Technikethik inkludieren.
Im Manifest wird die technikgetriebene Weiterentwicklung gepredigt. Nicht Ressourcen stellen eine Grenze dar, sondern menschenverantworteter Stillstand wird als Problem markiert. Menschen und Maschinen würden in der Zukunft zu einem transhumanistischen Idealgebilde verschmelzen. Im Manifest wird betont, dass es sich weder um eine religiöse Hoffnung noch eine Utopie handle, sondern die schlichte Wahrheit und unausweichliche Zukunft.
Doch je mehr das Manifest die Abgrenzung betont, desto mehr fällt der quasi-religiöse Anspruch des Manifests auf: Es geht um eine Heilsvision, die auf dem Glauben an den technischen Fortschritt und das dadurch auf Erden herstellbare Paradies basiert.
Der Glaube an den (technischen) Fortschritt
Der Glaube an den Fortschritt hat sich parallel zu den großen revolutionären Umbrüchen im Europa des 18. Jahrhunderts durchgesetzt. Zentral war hier der Traum einer radikal veränderten guten Zukunft. So entstand eine Heilsvorstellung, die durch den naturwissenschaftlich-technologischen Fortschritt verkörpert und plausibilisiert wurde. Technik erhielt einen sinnstiftenden Zug, der bis zum heutigen Tag kulturübergreifend feststellbar ist. Axel Siegemund spricht in einem Buch von 2022 von Transzendenzen, die unter Berufung auf Fortschritt, Modernisierung und Entwicklung aufgerufen werden.
Wir ‚glauben‘ demnach an Technik und den technischen Fortschritt. So wurde die religiöse Hoffnung auf ein Weiterleben der Seele im Jenseits ersetzt. Wenn von „Leben 3.0“ die Rede ist, darf das daher auch als eine Art neuer ‚Schöpfung‘ verstanden werden, nur nun als eine Schöpfung, mit der der Mensch sich selbst perfektioniert. An die Stelle Gottes tritt in diesem Bild daher auch nicht der Schöpfer, sondern das Geschöpf: je nach Vision die erwachte KI oder der perfektionierte Cyborg, Claudia Paganini bezeichnet Künstliche Intelligenz in einem kürzlich erschienenen Buch daher unverblümt als „neuen Gott“.
KI und damit Technik ganz allgemein sind nun zu mehr als einem nüchternen Werkzeug geworden, sie stehen für Hoffnungen und Ängste, die in Utopien und Dystopien ausgestaltet werden. Diese sind weltanschaulich hoch aufgeladen, daher darf auch nicht überraschen, wenn Debatten um den Einsatz von KI emotionalisiert sind und persönliche Überzeugungen betreffen.
Das Manifest und das Auftreten einiger Tech-Milliardäre sind entsprechend politisiert. Mit den laufenden und bevorstehenden Entwicklungen von künstlicher Intelligenz verbinden sie ein Gesellschaftsmodell, das die Freiheit des Individuums in den Vordergrund rückt und zugleich moralische Prinzipien wie ökologische Verantwortung oder zwischenmenschliche Solidarität zurückstellt. Zentral sind hier Leistungsorientierung, ein funktionales Modell von Rationalität und die Hoffnung auf den ungebremsten technischen Fortschritt. Doch das sollte hinterfragt werden: dringend nötig sind Diskurse, in denen einerseits die technischen Möglichkeiten realistisch ein- sowie wertgeschätzt werden und andererseits auf ihnen basierende gesellschaftliche Vorstellungen sowie Auswirkungen in den Blick kommen.
___
Patrick Becker, Professor für Fundamentaltheologie und Religionswissenschaft an der Universität Erfurt. Sein Forschungsschwerpunkt liegt auf der Reflexion von Transformationsprozessen im Weltbild moderner Gesellschaften. Zuletzt erschien von ihm der zusammen mit dem Physiker Winfried Schmidt verfasste Band: Zwischen Algorithmus und Seele. Ein neues Denken für Mensch, Kultur und Gesellschaft, Freiburg: Herder 2025.
Bild: privat
Bild: pixabay / CCO


