Leserinbrief zu: Die Theologie: ein kulturelles Laboratorium

Annette Edenhofer bedankt sich für Annette Schavans Beitrag: Das Stichwort vom „Versöhnungsdienst und des Lösungsbeitrags angesichts epochaler Probleme“ scheint ihr deutlich mehr die zukunftsfähige Rechtfertigung für den Erhalt theologischer Fakultäten zu sein als der Verweis auf die Tradition.

Das Traditionsargument ist vielen Liberalen nicht ganz zu Unrecht ein Dorn im Auge – insbesonder mit Blick auf die deutsche Kirchensteuerregelung durch das Konkordat als Kompensation der Enteignung während der Säkularisierung. Deshalb gehen ja auch Parteien wie Die Linke und Die Grünen nicht daran, dieses Privileg zu demontieren, obwohl diese Bervorzugung nicht zu einem fair organisierten religionspluralen Staat passt (vgl. Martha Nussbaum: Die neue religöse Intoleranz, Darmstadt, 2/2014).

Folgendes scheint mir deshalb wichtig zu benennen: Religionen haben selbst ihre Gewaltgeschichte und haben m.E. nur dann normative Kraft, wenn sie zeigen, dass sie ihr eigenes Fehlverhalten selbstkritisch in der Lage sind aufzuarbeiten. Hier kann sich sogar eine gesellschaftliche Vorbildfunktion ergeben (Klaus Mertes, in: Stimmen der Zeit 2/2021). Noch ist diese kirchliche Dienstleistung gesellschaftlich und auch binnenkirchlich nicht (ganz) lesbar. Deshalb aber halten Religionen Narrative vor und Einüberäume, wie man/frau im ethischen Scheitern nicht lügt und vertuscht und trotz Scheiterns weiter Talente fördert. Religiöse Erzählungen und Feiern fördern also im besten Falle Persönlichkeitsentwicklung imperfekter Menschen. Die theoretische Ethik muss qua Fach streng sein. Die Praktische Ethik orientiert Möglichkeiten menschenfreundlichen Handelns. Die ethische Praxis ist ein Promotor der Mitmenschlichkeit und bleibt dennoch immer auch fragil.

Religionen halten Narrative vor und Einüberäume, wie man/frau im ethischen Scheitern nicht lügt und vertuscht.

Deshalb spiegeln ethische und rechtliche Normen selbst die Absicht, kollektiv barmherzig sein zu wollen, z.B. in Beteiligungsgesetzgebung und der Humansierung der Strafvollzugs. Religionen mit ihrer Lichtseite können der menschlichen Grundfragilität nochmals anders Raum geben – zum Neuversuchen, zur Bekehrung. Damit lässt sich das „spirituelle Rückgrat“ stärken: Problemen gewaltfrei die Stirn bieten zu können. Die spirituellen Kernbotschaften aller Religionen kommen mit der Care Ethik darin überein, dass es die Menschheitsaufgabe ist, erfahrene Gewalt nicht mit Gewalt zurückzuzahlen. Jesus stirbt deshalb am Kreuz, um Gewalt zu unterbrechen. Religionen beteiligen sich m.E. also am sozialethischen Auftrag, an einer friedfertigen Gesellschaft mitzubauen, und rechnen, wie gesagt, mit der Schwäche der Bauleute auf wohlwollend fordernde Weise.

Das ’spirituelle Rückgrat‘ stärken: Problemen gewaltfrei die Stirn bieten zu können.

Spezifisch religiös ist dieses Angebot in Form von Resonanzräumen (in Schule, Gemeinde, Universität, sozialethischen Diskursen, Konfliktmediation und Leadershipausbildung aus spiritueller Wurzel). Resonanz bekommen Lebenserzählungen von Gelingen und Misslingen. Die verschiedenen spirituellen Diskursräume sollten einladend sein – für alle Welt, anschlussfähig eingeräumt, und damit auch wissenschaftlich refektiert und forschend. So wird der Entwicklungsdauer des Gut-Seins-Wollens- und -Werdens Zeit gegeben. Religiös darf normative Langsamkeit erwünscht sein, um nachhaltige Sozialsensibilität zu fördern. Deshalb können Religionen auch manchmal schnell sein und positiv sozialauffällig werden: „Seht, wie sie sich lieben“ (Apg 4:32), spiegelt sich in der antiken Geschichtsschreibung. Bis heute finden sich erstaunlich lebendige Kommunikationsgemeinschaften innerhalb des Großsystems Kirche, Kommunen unkitschig geteilten Wohlwollens, des Nicht-Wegschauens – z.B. in der Flüchtlingsarbeit, der Gefängniseelsorge oder mit den Online-Universitäten der Jesuiten in Krisenregionen der Welt.

M.E. sollte dieser Fokus des Narrativraums für Gewaltverzicht als Begründung für universitäre Theologie stark gemacht werden. So macht es z.B. die theologische Fakultät der Universität Princeton in ihrem Imagefilm. Oder das „Innsbrucker Forschungsprogramm der katholischen Fakultät“ behauptet, dass gesellschaftlicher Frieden über Normsetzung allein nicht zu erreichen sei. Es bedürfe, so die Hypothse des Programms, eines spirituellen Wissens um den Mehrwert des eigenen Freiwerdens, wenn man auf Bestechung und Erpressung verzichten können will. Mit vertrauenvollem Engagement, unter Stress ohne Übergiff und Durchdrücken, entstehe jene Angstbereitschaft, die die Theologie Gnade nennt, vgl.: https://www.uibk.ac.at/theol/leseraum/texte/65.html. Das, scheint mir, ist der Glaube an das Evangelium, an die Frohe Botschaft angesichts mitunter horrenden Unrechts.

Fokus des Narrativraums für Gewaltverzicht als Begründung für universitäre Theologie stark machen.

Spirituell gelesen ist nicht jede Krise eine Chance, sondern ein Drama, aber mit Berufungspotential. Mit diesem Vertrauensvorschuss entsteht – nicht zuletzt durch wissenschaftliche Begleitung – die Friedenskompetenz gewollter Hingabefähigkeit. So lässt sich Gewaltverzicht durchhalten, wenn soziale Nachteile entstehen. Zugleich nämlich kann ein sozialsensibles Persönlichkeitswachstum und gesellschaftliche Gestaltungsfähigkeit erlebt werden, hoffentlich auch jetzt auf dem Synodalen Weg. Damit kann auch die interkulturelle und interreligiöse Vernetzung mit allen Menschen gutens Willens kraftvoller werden, derer, „die die Liebe tun“ (vgl. Mt 7: 21-23), vgl. den gewaltfreien Widerstand von Gandhi, King und vieler sozialer Bewegungen.

Aus der Gedankenwerkstatt, herzlich

Annette Edenhofer

Die Theologie: ein kulturelles Laboratorium

 

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