Leserinnenbrief zu „Zur Relevanz der Diskussion um die Ost-Quote für die evangelischen Kirchen“

veritatis Gaudium

Angelica Hilsebein findet ihre Erfahrungen im Beitrag von Kerstin Menzel wieder. Persönliche und ökumenische Erfahrungen im Kontext der Minderheitensituation werden im westdeutschen Kontext kaum als relevant wahrgenommen. Die aktuelle Studie zu „Ostmigrantischen Analogien“ spiegelt die von ihr beruflich erlebte Beziehung zwischen eigenen Erfahrungen und denen von Migrant*innen.

Ich bin 1965 in Leipzig geboren, durfte als Katholikin, die sich der FDJ und Jugendweihe verweigerte, in der DDR nicht studieren und auch keinen pädagogischen Beruf erlernen. So habe ich mich an der medizinischen Fachschule zur Krippenerzieherin ausbilden lassen. Nach einer Anpassungsweiterbildung zur Anerkennung als Erzieherin nach der Wende habe ich bis 1999 als Erzieherin gearbeitet. 1999 ergab sich dann für mich die Möglichkeit, ohne Abitur an der Universität Potsdam zu studieren (Geschichte und Jüdische Studien). Seit 2007 lebe ich aus beruflichen Gründen in Westdeutschland, zunächst in Konstanz und seit 2010 in Münster.

Was können Ostdeutsche für die Gesamtgesellschaft einbringen?

Meine Erfahrungen hier im Westen decken sich mit Ihren Schilderungen insofern, dass kaum Interesse an meinen Erfahrungen im Osten besteht, mir in Diskussionen über die gesellschaftlich-politische Situation Vorurteile über „Ossis“ begegnen und es für keinen aus meiner Umgebung vorstellbar ist, dass Ostdeutsche etwas Positives für die Gesamtgesellschaft einbringen könnten. Dabei empfinde ich mich selbst gar nicht (mehr?) unbedingt als Ostdeutsche. Letztlich geht es mir wie der gesamten Gesellschaft: Erst seitdem in Ostdeutschland das Problem des Rechtsextremismus  in den Fokus geraten ist, werde ich damit konfrontiert, beschäftige ich mich selbst mit der Frage nach den Gründen und Ursachen. Insofern kommt meine Herkunft hauptsächlich in den Diskussionen über Ostdeutschland und die Ostdeutschen zum Tragen, in denen ich dann die Perspektive der Ostdeutschen einnehme, um für eine differenzierte Sicht zu werben.

Sie schrieben aus der Perspektive der Evangelischen Kirche. Ich weiß aus Gesprächen, dass auch unter den westdeutschen katholischen Bischöfen die Erfahrungen ihrer ostdeutschen Kollegen mit der Minderheitenkirche kaum eine Rolle spielen.

Zurückhaltung in der ökumenischen Zusammenarbeit

Auch die ökumenische Zusammenarbeit erlebe ich hier als zurückhaltender. So sehen sich beispielsweise hier in Münster evangelische Christ*innen oft noch einer als übermächtig empfundenen katholischen Kirche gegenübergestellt, so dass sie es als ihre Aufgabe ansehen, ihr Profil zu schärfen. Das ist für mich unvorstellbar, da es in der DDR wichtig war, sich gegenüber dem atheistischen und religionsfeindlichen Staat zu verbünden.

Ostmigrantische Analogien?

Vergleiche der Situation Ostdeutscher mit denen von Migrant*innen bzw. people of colour sind für mich jedenfalls nicht abwegig, wenngleich es nicht darum geht, Ostdeutsche zu Opfern zu stilisieren oder die eine Gruppe gegen die andere auszuspielen. (vgl. die Studie des DeZIM-Instituts „Ostmigrantische Analogien I. Konkurrenz um Anerkennung“ unter der Leitung von Frau Prof. Foroutan). Vielmehr geht es meiner Meinung nach um die Wahrnehmung des/der anderen, aber auch um die Reflektion über das eigene Verhalten gegenüber anderen. Jedenfalls haben mich meine Erfahrungen gegenüber der Situation von Migrant*innen sensibilisiert und helfen mir ganz besonders in der Begegnung mit Muslim*innen im Rahmen meiner Tätigkeit.

Angelica Hilsebein ist wissenschaftliche Mitarbeiterin für die Fachstelle Franziskanische Forschung und Referentin für den christlich-islamischen Dialog im Bistum Münster.

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