Zweifeln, um zu glauben?

Glauben und zweifeln gehören zusammen – wird gesagt. Aber ist es wirklich so einfach? Wie müssen wir vom Zweifeln sprechen und wo hat er im Glauben seinen Platz? Klärungen von Veronika Hoffmann. 

Muss man zweifeln, um zu glauben? Ja, natürlich, sagen die einen, alles andere wäre ja naiv. Leute, die sich allzu sicher sind, was sie glauben, sind mindestens unsympathisch, möglicherweise sogar intolerant. Nein, sagen die anderen, auf die ganz fundamentalen Dinge meines Lebens muss ich mich verlassen können. Diese modische Attitüde „Ich-bin-ein-kritischer-Zeitgenosse-der-immer-eine-Frage-mehr-hat“ geht mir auf die Nerven. Damit kann man sich auch davor drücken, sich wirklich auf etwas einzulassen…

Dass die Frage überhaupt gestellt wird und dass viele sie positiv beantworten, ist im Blick auf den christlichen Glauben ziemlich neu. Lange Zeit galt weithin als ausgemacht, dass Glaube idealerweise gewiss sei. Zweifel stellte hingegen ein erhebliches Problem dar, unter Umständen war er sogar Sünde.

‚Zweifel‘ kann Vieles bedeuten – man muss genau hinschauen.

Ist es also höchste Zeit, den Zweifel endlich aus der Schmuddelecke herauszuholen und seine positive Bedeutung für den Glauben zu würdigen? Nicht wenige würden das heute enthusiastisch bejahen, und mit guten Gründen. Die Zeiten, in denen Zweifelnde moralisch diskreditiert wurden, sollten jedenfalls vorbei sein. Aber es lohnt sich vielleicht, nicht bei einer pauschalen Antwort zu bleiben, sondern noch etwas genauer hinzuschauen. Denn man kann mit „Zweifel“ durchaus Verschiedenes meinen.

1. Zweifel als intellektuelle Auseinandersetzung

In der wohl üblichsten Verwendung des Wortes bezieht sich der Zweifel als kritische Rückfrage auf einen bestimmten Sachverhalt: Ich zweifle an etwas. Dabei kann es um eine religiöse Aussage gehen – „Gibt es wirklich ein Leben nach dem Tod?“ Aber in diesem Sinn zweifeln wir auch in anderen Bereichen: „Ist Zucker wirklich schädlich für die Gesundheit?“.

Ein solcher Zweifel kann von erheblichem existenziellem Gewicht sein – ob ich auf ein Leben nach dem Tod hoffen kann, ob ich meine Ernährung komplett umstellen muss …-, er muss es aber nicht. (Möglicherweise esse ich ohnehin sehr wenig Zucker und frage aus reiner intellektueller Neugierde.) Jedenfalls lässt ein solcher Zweifel mich nicht einfach alles glauben, was gesagt wird – sei es von meinem Pfarrer oder von meinem Arzt. Ich frage nach, ich hinterfrage. Diese Form des Zweifels ist häufig gemeint, wenn betont wird, dass der Zweifel im Glauben etwas Gutes sei: Es geht darum, nicht blind irgend welchen Traditionen oder Autoritäten zu folgen, sondern selbst verantworten zu können, was ich glaube.

2. Zweifel als Anerkenntnis der Begrenztheit des Erkennens

Eine zweite Form des Zweifels stellt weniger eine fragende Bewegung dar als eine Grundhaltung. Zweifel bedeutet hier zu akzeptieren, dass meinem Erkennen Grenzen gezogen sind, so dass ich manche Fragen nicht oder nicht mit Bestimmtheit entscheiden kann. Ich frage nicht „Ist das so?“ und versuche, eine Antwort auf meine Frage zu finden. Sondern ich sage: „Möglicherweise ist das so, aber ich kann es nicht sicher wissen.“ Ich hoffe darauf, dass es ein Leben nach dem Tod gibt, und ich kann vielleicht auch Gründe für diese Hoffnung angeben. Aber ich gestehe zugleich zu, dass man mit guten Gründen anderer Meinung sein kann.

3. Zweifel als Misstrauen

Von diesen ersten beiden Formen unterscheidet sich deutlich eine dritte, bei der sich der Zweifel vorrangig nicht auf Sachverhalte oder Überzeugungen, sondern auf Personen und die Beziehung zu ihnen richtet. Ich zweifle an jemandem, beispielsweise an seiner Vertrauenswürdigkeit: „Du hast mich jetzt schon mehrmals angelogen, ich kann dir nicht mehr glauben“, oder an der Tragfähigkeit einer Beziehung: „Ich frage mich, ob er es wirklich gut mit mir meint oder ob er mich nur ausnutzt“. Die Beispiele zeigen, dass es auch diesen Zweifel nicht nur im religiösen Kontext gibt. Aber dort spielt er eine zentrale Rolle: Ich zweifle an Gott weniger in dem Sinn, dass ich einzelne Aussagen über ihn ihn Frage stelle („Ist er wirklich allwissend?“), als dass ich ihn oder mein Verhältnis zu ihm grundsätzlich in Frage stelle („Wenn es Gott gibt, wie konnte er zulassen, was mir passiert ist?“).

4. Zweifel zu Prüfung und Wachstum des Glaubens

Eine spezifisch religiöse Form des Zweifels stellt sich ein, wenn mein Gottesbild ins Wanken gerät. Die Glaubenskrise kann mich dazu zwingen, noch allzu kindliche Vorstellungen von Gott zu revidieren, die mit meinem erwachsenen Verständnis der Welt kollidieren. Oder sie macht mich darauf aufmerksam, dass Gott immer noch größer ist als alle Bilder, die wir uns von ihm machen können. Im Kontext von Spiritualität und geistlicher Begleitung spielt der Zweifel in Form einer solchen Krise eine große Rolle und wird regelmäßig als eine Wachstumschance des Glaubens gedeutet.

5. Zweifel im Konflikt der Weltdeutungen

Eine letzte Gestalt des Zweifels sieht zunächst der zweiten ähnlich. Auch sie nimmt ihren Ausgangspunkt bei der Einsicht, dass ich zwar bestimmte Grundüberzeugungen habe: So ist die Welt, so sind Menschen, das denke ich über Gott, etc. Aber diese Grundüberzeugungen fallen nicht in den Bereich des eindeutig Beweisbaren. Andere, die etwas anderes denken als ich, sind nicht einfach dumm oder verblendet, sondern sie haben Gründe für ihre Position. Aber das führt diesmal nicht zu einem schiedlich-friedlichen „Lassen wir einander unsere verschiedenen Überzeugungen, schließlich weiß es keiner genau“, sondern zum Streit. Eine religionskritische Perspektive beispielsweise, die bestreitet, dass man angesichts des Zustands der Welt und angesichts seiner notorischen Verborgenheit wirklich redlich an einen gütigen Gott glauben kann, stellt meinen Glauben grundlegend in Frage. Dieser Konflikt muss nicht immer „akut“ sein, so dass man ununterbrochen zweifelte. Aber er kann im Prinzip immer wieder aufbrechen, weil der Streit nicht ein für allemal entscheidbar ist. Und wenn er auf meine tiefsten Überzeugungen zielt, dann geht es dabei nicht „nur“ um Sachfragen, sondern kann die Gestalt einer umfassenden „Gottes- und Weltvertrauenskrise“ annehmen.

Muss man also zweifeln, um zu glauben?

Die Unterscheidung verschiedener Gestalten des Zweifels (weitere ließen sich hinzufügen) hat gezeigt: Die Antwort fällt möglicherweise verschieden aus, je nachdem, wovon man spricht. Der Streit um die Bewertung des Zweifels wird durch eine solche Differenzierung natürlich nicht einfach beigelegt. Aber sie hilft genauer zu klären, was und warum man für gut oder schlecht, notwendig, hilfreich oder gefährlich hält. Und sie rückt mögliche Ambivalenzen des Zweifels selbst in den Blick. So kann zum Beispiel die fünfte Gestalt des Zweifels als notwendige kritische Selbstreflexion auftreten. Aber die Unabschließbarkeit des Konflikts kann mich auch lähmen, so dass es mir nicht gelingt, mich auf eine Weltperspektive definitiv einzulassen.

Die Überlegungen haben zudem einen Hinweis auf einen Grund gegeben, warum die Frage nach dem Zweifel heute neu gestellt wird: Für die meisten von uns ist eine radikale Pluralität von Weltdeutungen nicht nur ein theoretisches Phänomen, sondern erfahrbare Realität. Dass, was und warum ich glaube, ist nicht mehr eine in meinem Umfeld allgemein geteilte und damit selbstverständlich scheinende Perspektive. Es muss vielmehr vor dem Hintergrund von alternativen Möglichkeiten von mir selbst angeeignet und vertreten werden. Wie auch immer man also den Zweifel bewertet: Er ist unser Zeitgenosse.

Veronika Hoffmann ist Professorin für Dogmatik an der Universität Fribourg/Schweiz. Ihre Überlegungen zum Thema hat sie kürzlich als Buch vorgelegt: https://www.bibelwerk.shop/produkte/zweifeln-und-glauben-157074/

Bild: leica / pixelio.de

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