„Man soll die Zukunft nicht durch einen Mangel an Phantasie beleidigen“

Verena Wodtke-Werner liest die Reformanliegen des Synodalen Wegs zum Thema Macht mit Hannah Arendt.

Das Zitat[1] von Theo Sommer gibt treffend meine momentane Stimmungslage wieder, wenn ich an den Synodalen Weg denke. Gebremste Euphorie, so etwa könnte ich es beschreiben. Man hat aus der Erfolglosigkeit der Würzburger Synode und einer Ahnung von Projektmanagement immerhin gelernt, dass es Handlungstexte braucht, damit ganz klar ist, was von wem, bis wann und wie umgesetzt werden muss. Diese Texte sind gut, sie sind konkret und helfen damit auch der Phantasie ein Stück in Richtung Realisierbarkeit zu kommen.

Jedes der vier Foren wäre es wert, in einem Beitrag gewürdigt zu werden, aber ich will auch angesichts der geopolitischen Lage den Versuch wagen, ein paar Überlegungen zum Grundlagendokument des Synodalen Weges zusammenzutragen: „Macht und Gewaltenteilung in der Kirche. Gemeinsame Teilhabe und Teilnahme am Sendungsauftrag“ lautet sein Titel, das mit über 70% verabschiedet wurde. Im „Zentrum des Problems“ so der Text, gehe es darum wie „Handlungsmacht, Deutungsmacht und Urteilsmacht in der Kirche verstanden, begründet und ausgeübt werden“[2].

Der Unterschied von Macht und Gewalt

Wie gesagt, angesichts der geopolitischen Lage habe ich eine Lektüre hervorgeholt, die mich seit über 20 Jahren regelmäßig begleitet und fasziniert: Macht und Gewalt von Hannah Arendt, geschrieben 1970 in den USA im Angesicht des Vietnamkrieges und unter dem Eindruck weltweiter Student*innenunruhen. Dieses geniale Essay, das man gerne dem Despoten und Kriegstreiber im Kreml zur Lektüre anempfehlen würde, analysiert haarscharf die politischen Schlüsselbegriffe von Macht und Gewalt und zeigt ihre Unvereinbarkeit; ja ihre Gegensätzlichkeit.

„Über Macht verfügt“ nach Arendt „niemals ein Einzelner…. Macht ist immer im Besitz einer Gruppe“ und sie bleibt nur solange erhalten, wie diese Gruppe auch zusammenhält. „Wenn wir von jemandem sagen, er habe die Macht, heißt das in Wirklichkeit, daß er von einer bestimmten Anzahl von Menschen ermächtigt ist, in ihrem Namen zu handeln.“[3] „Alle politischen Institutionen“, und dazu gehört auch die kirchliche Institution, „sind Manifestationen oder Materialisationen von Macht; sie erstarren und verfallen, sobald die lebendige Macht des Volkes nicht mehr hinter ihnen steht und sie stützt.“[4] Für ein funktionales Gemeinwesen bedarf es durchaus definierte und vom Volk gebilligte Instanzen, die Regeln oder Gesetze so festlegen, dass die Bürger*innen ihnen folgen. Aber solche Unterstützung ist nie bedingungslos und nie auf ewig, sondern bedarf immer wieder der Zusage durch die Bestätigenden gegenüber den Machtinhaber*innen. „Auch die größte Macht kann durch Gewalt vernichtet werden, denn aus den Gewehrläufen kommt immer der wirksamste Befehl, der auf unverzüglichen, fraglosen Gehorsam rechnen kann. Was niemals aus Gewehrläufen kommt, ist Macht.“[5] „Man kann Macht durch Gewalt ersetzen und dies kann zum Siege führen, aber der Preis solcher Siege ist sehr hoch; denn hier zahlen nicht nur die Besiegten, der Sieger zahlt mit dem Verlust der eigenen Macht.“[6] Ja es ist in Wirklichkeit so, dass Gewalt dann Raum gewinnt, wenn die Macht bereits verloren ist und sich in Ohnmacht gewandelt hat.

Handlungsmacht, Deutungsmacht und Urteilsmacht in der Kirche

Wie werden nun auf diesem Hintergrund Handlungsmacht, Deutungsmacht und Urteilsmacht in der Kirche ausgeübt und kontrolliert? Deutungsmacht wurde und wird in der Kirche in weiten Teilen immer noch vom ordentlichen oder außerordentlichen Lehramt ausgeübt. Das ist nicht ohne Gefahr, weil sich die Handlungs- und Urteilsmacht wesentlich von dieser Deutungsmacht ableitet. Problematischer ist die Tatsache, dass diese Deutungsmacht von lehramtlichen Entscheidungen im Extremfall nicht mehr hinterfragt, geschweige denn kontrolliert werden kann, Lehrstuhlinhaber*innen sogar mit Diskursverboten und im Extremfall mit Berufsverboten belegt wurden. Es ist wohl nicht notwendig darauf zu verweisen, dass sich in solchen`ein-für-alle-Mal-Papieren‘ bereits ein Machtverlust des Lehramtes markiert, weil die Gläubigen diesem Diskursverbot offenbar nicht nachkommen. Es folgt die Anordnung und fraglose Befolgung, welche die Bischöfe kontrollieren und entsprechend sanktionieren müssen. Also ein fortlaufendes System aus Machtverlust in Folge von Ohnmacht.

In der Kirche können die Menschen allerdings im Unterschied zu totalitären Staatsapparaten im 21. Jhd. formal austreten und so den Machtverlust und den Unmut über Vorkommnisse von Vertuschung, Machtmissbrauch und Willkür deutlich zeigen. Ganz sicher muss hier in Deutschland niemand um seine körperliche Unversehrtheit fürchten, was in anderen Ländern und zu anderen Zeiten der katholischen Kirche nachweislich nicht garantiert war. Aber es gab und gibt eben auch Versehrtheiten an der Seele und einen Verlust der christlichen Substanz in der Gesellschaft.

Der Synodale Weg, auf den sich die Bischöfe glücklicherweise immer stärker einlassen, gibt uns die hoffnungsvolle Phantasie, dass sich das Volk Gottes zusammen mit seinen Amtsträgern wieder ermächtigt.

Die Verantwortung der Theologie bei der Deutungsmacht

Auch Theologie und Bischöfe haben sich im Prozess wieder angenähert. „Bischöfe lassen sich von Theologen wieder beraten, theologische Expertise fließt in die Texte ein, die dann von der Vollversammlung mit großer Mehrheit angenommen werden.“ Wichtig erscheint, dass auch dieser Synodale Weg an kein Endziel kommen kann und darf. Gerade den hier angesprochenen Text „der weltweit auf Beachtung stoßen wird, weil er die auf einzelnen Feldern anstehenden Kirchenreformen mit Argumenten für die grundsätzliche Möglichkeit einer Weiterentwicklung der Lehrmeinung stützt“ gilt es in der Theologie zu beachten.[7]

Der Text über Macht und Gewaltenteilung impliziert, dass eine ganz andere Theologie des Lehramtes dringend neu zu formulieren ist. Theologie hat im Feld der Definitionsmacht Verantwortung, der sie zu wenig nachgekommen ist!  Sie hat die Verantwortung, toxische Themenfelder und Ideen in der Theologie zu identifizieren, nicht mehr unkritisch zu rezipieren, vielleicht zu eliminieren oder umzuschreiben. Also jene Ideen und deren Vertreter*innen deutlich zu benennen, die zu einem System von Willkür, Machtmissbrauch und Vertuschung seit Jahrhunderten beigetragen haben.

Es gibt neben einer Theologie, die sich der Wahrheit verpflichtet weiß, natürlich ganz einfache Instrumente für eine machtvolle Institution im guten Sinn: effektive Kontrolle von Macht durch standardisierte Abläufe sowie durch transparente Prozesse und Regeln, die für wirklich alle gelten und von allen in Kraft gesetzt werden. Dazu gehört beispielsweise auch die schon jetzt gestattete Beteiligung an der Auswahl der Amtsinhaber sowie auch bei der Wahl der Bischöfe, ermöglicht durch eine Selbstverpflichtung des Domkapitels, das auf seine ungeteilte Macht verzichtet.

Alles gut?!

Ist dann alles gut, kommen dann alle wieder in den Schoß der Kirche zurück? Dieser Illusion hat sich bereits Paul VI. in seiner Antrittsenzyklika Ecclesiam suam von 1964 und in der Enzyklika Evangelii nuntiandi entledigt. In Ecclesiam suam diagnostiziert der Papst, „dass der Bruch zwischen Evangelium und Kultur… ohne Zweifel das Drama unserer Zeitepoche“[8] sei.  Der Vorsitzende der DBK, Bischof Bätzing, geht in einer Ansprache im September 2021 in Berlin noch einen deutlichen Schritt in der Diagnose weiter, indem er für unseren Kulturkreis sogar eine „fundamentale Disruption“[9] konstatiert. Es geht nach Bätzing ja um weit mehr, als den Abbruch von Kirchlichkeit; es geht um den Verlust von Gottesglauben, der nicht mehr als solcher schmerzt und jede Prophetie einer angeblich neuen Spiritualität verhöhnt, die nur etappenhaft, aber nicht mehr existenziell zu tragen vermag. Strukturanpassungen, Strategieprozesse, Controlling usw., all das erscheint zu spät oder nicht ausreichend.

Der Sendungsauftrag der Kirche – von uns allen

An was wir uns erinnern müssen ist der Kern des christlichen Glaubens: Tod und Auferstehung, wie Tomas Halic sagt, aber keine Auferstehung als „eine sachliche Rückkehr in eine Vergangenheit zu einem vorherigen Zustand.“[10] Etwas muss wirklich sterben, es muss eine wirkliche Umkehr in Form einer Erschütterung folgen und eine Form der Auferstehung geben, die etwas wirklich Neues wagt und die Vergangenheit ganz hinter sich lässt. „Es ist eine Illusion zu glauben, dass wir zu den alten Zeiten zurück könnten. Restaurationsversuche führen uns immer in eine Sackgasse.“[11]

Die Kirche ist weit mehr als eine angeschlagene Institution. Sie ist theologisch betrachtet eine Gemeinschaft der Gläubigen, die sich auf dem Weg befindet und die man auch durch einen Austritt eigentlich nicht wirklich verlassen kann.

Wir müssen von der spezifischen Hoffnung, die uns trägt, Zeugnis geben; vielleicht mehr als früher, zumindest anders als früher. In der erwähnten Antrittsenzyklika von Paul VI. formuliert er es so, dass wir das Evangelium nur zum Klingen bringen können, wenn „wir uns mit den Lebensformen derjenigen solidarisieren, denen man die Botschaft Christi bringen möchte“.[12] Davon sind wir weiter weg denn je: Diese Lebensformen haben uns lange nicht gekümmert oder wurden als falsch oder sündig abgeurteilt. Das spüren die Menschen.

Zeugnis geben von der unbedingten Liebe Gottes in Jesus Christus zu allen Menschen

Es geht darum, den Sendungsauftrag der Kirche wirklich ernst zu nehmen. Ich musste in den letzten Tagen im Kontext der überreifen Entscheidung, endlich das kirchliche Arbeitsrecht zu reformieren, einen kurzen Text darüber verfassen, was eine Dienstgemeinschaft in der Kirche von ihren Mitarbeitenden erwartet. Schwierig, weil man gezwungen wird, die theologische Essenz auf den Punkt zu bringen und zwar so, dass man weder Menschen exkludiert, noch jemanden vereinnahmt und dennoch so formuliert, dass unser christliches Profil eindeutig ist. Im Kern geht es darum, dass wir alle den Sendungsauftrag der Kirche und die daraus erwachsende Werthaltung implizit oder explizit leben, indem wir wiederum explizit oder implizit Zeugnis geben von der unbedingten Liebe Gottes in Jesus Christus zu allen Menschen, gleich welcher Religion, Konfession, Lebenshaltung oder Lebensform sie angehören.

Auch wenn uns diese innere Haltung keine steigenden Zahlen einbringt, müssen wir immer wieder zu einer essenziell christlichen Selbstvergewisserung kommen, denn alles andere ist austauschbar und hat kein geistliches Feuer mehr. Wer aber ausgebrannt ist, kann auch niemanden mehr entzünden.

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Text: Verena Wodtke-Werner, Dr. theol, Studium der kath. Theologie, Germanistik und Kulturmanagement, seit 2009 Direktorin der Akademie der Diözese Rottenburg-Stuttgart.

Bild: ViJakob auf Pixabay.

[1] Zitiert Theo Sommer in einem Beitrag von 1989 in der ZEIT, in: Fritsch v. Rüdiger, Russlands Weg, Berlin 2020, 32.

[2] SV-III-Synodalforum-I-Grundtext-Lesung2.pdf (synodalerweg.de), 2.

[3] Arendt, Hannah, Macht und Gewalt, München 1996, 12. Aufl., 45.

[4] ebd. 43.

[5] ebd. 54.

[6] ebd.

[7] Orth, Stefan, Feuerprobe bestanden, in: HK 3, 2022,4-5, 5.

[8] in: Verlautbarungen des Apostolischen Stuhls, Neuauflage, Bonn 2012, 23.

[9] Der Vorsitzende der DBK, Nr. 35, September 2021, 15.

[10] HK 73, 8, 2019, 22-26; 26.

[11] Papst Franziskus, Wage zu träumen. Mit Zuversicht aus der Krise. Im Gespräch mit Austen Ivereigh, München 2020, 73.

[12] zit. Auer Alfons, Was heißt Dialog der Kirche mit der Welt. Überlegungen zur Enzyklika Ecclesia Suam Pauls VI., in: Scheffzyk, Leo, Wahrheit und Verkündigung, Michael Schmaus zum 70. Geburtstag, München 1967, 1507-1531, 1512, Anm.13.

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