Maria Magdalena: Eine der Zwölf?

Ein samstägliches Feinschwarz-Spezial von Andrew Doole zum Fest der heiligen Maria Magdalena an diesem Sonntag (22. Juli)

Maria Magdalena ist „in“. Der neue Film Maria Magdalena (2018) zeigt eine enge Beziehung zwischen Maria und Jesus. Neulich war auch eine Dokumentation des englischen Senders Channel 4 über die weiblichen Jüngerinnen Jesu zu sehen, in der Joan Taylor und Helen Bond vor allem die Frauen aus Lk 8,1–3 untersuchten: Maria Magdalena, Johanna (die Frau des Chuza) und Susanna. Beide gehen jedoch davon aus, dass solche Frauen außerhalb des Zwölferkreises standen. Muss das so sein?

Maria Magdalena ist „in“

Joan Taylor hat schon 2014 die These vertreten, „Magdalena“ wäre ein Beiname: es gibt keine Stadt namens Magdala, was auf Aramäisch einfach „Turm“ heißt. Verschiedene Dörfer hießen Turm X oder Turm Y, so wie viele Städte heutzutage mit „-burg“ enden. Jesus hat sie „Magdalena“ (aram. Magdalaitha) genannt, weil sie eine von seinen Schülern war und deswegen einen Beinamen erhielt, so wie Simon „der Fels“, Jakobus und Johannes „die Söhne des Donners“ und „der Zwilling“ (griech. Didymus; aram. Thoma[s]). Taylor deutet mit Recht darauf hin, dass Maria ohne Beziehung zu irgendeinem Mann erwähnt wird.

Es gibt keine Stadt namens Magdala

Ich frage mich aber, ob der Beiname „der Turm“ unbedingt einen Hinweis auf ihren Herkunftsort sein muss; denn wer würde ähnlicher Weise behaupten, Simon wohnte auf einem Felsen? Darüber hinaus frage ich mich, ob das Schema „die Zwölf mit ihm und einige Frauen“ unbedingt historisch sein muss. In anderen Worten: kann es sein, dass es Frauen unter den Zwölf gegeben hat? Taylor und Bond verweisen auf die Aussendung der Jünger „zwei und zwei“ (griech. duo duo) in Mk 6,7 und schlagen eine Verbindung mit Gen 6,19 vor, wo Noah ein Männchen und ein Weibchen von jeder Tierart mitnehmen soll. Sie argumentieren, dass eine solche m-w Partnerschaft das Missionieren erleichtert hätte, und zwar vor allem was Taufe und Handauflegung betrifft.

Frauen unter den Zwölf?

Das könnte in den Hinweisen widergespiegelt sein, die Paulus auf Apostelpaare macht (1 Kor 9,5 und 16,19; Röm 16,3 und 16,7). In den Legenden der „Taten des Paulus“ hat auch er einen weiblichen „Fan“: Thekla, die mit ihm missionieren möchte. Aber keiner behauptet, der Zwölferkreis um Jesus bestünde aus 6 Männern und 6 Frauen. Vielleicht hatten die Zwölf auch zwölf Gattinnen? In der Kirchengeschichte und in der Kunstgeschichte jedenfalls ist die Männergruppe der Jünger Jesu fest verankert. Ist es also überhaupt möglich, dass einer eine Frau war?!

Kennen sie die Namen der Zwölf?

Eine Aufgabe, die ich meinen Studierenden gebe, ist völlig unvorbereitet die Namen der zwölf Jünger Jesu aufzulisten. Sie tun sich schwer! Normalerweise nennen alle Petrus; manchmal werden Paulus, Timotheus oder Lukas fälschlicherweise dazu gezählt; selten aber doch wird Judas vergessen! Im Durchschnitt erinnern sich die meisten an folgende Namen: Simon Petrus, Johannes, Jakobus, Thomas, Matthäus, Judas. Dann vielleicht Andreas und Philippus. Jemand merkt sich die komischen Namen Bartholomäus und Thaddäus oder sogar, dass es einen zweiten Jakobus oder Simon gibt. Die Aufgabe wird nicht benotet, dient aber dazu, folgendes aufzuzeigen: Wenn man in den Evangelien nachschaut, kommen auch verschiedene Namen vor! Das heißt, wer sich nicht an die Namen der Zwölf erinnern kann, möge sich dadurch trösten, dass auch die Evangelisten im ersten Jahrhundert darüber unsicher waren!

Die Evangelien sind nicht eindeutig

Die Namen, die ich gerade erwähnt habe, finden sich im Markusevangelium (Mk 3,13–19). Ein gewisser Levi wird berufen (Mk 2,13–15), schafft es aber nicht in die Zwölferliste. Im Matthäusevangelium (das das Markusevangelium höchstwahrscheinlich als Quelle verwendet) ist es ähnlich, nur Thaddäus bekommt in manchen Handschriften den Beinamen „Lebbäus“ (Mt 10,1–4). Dieser Thaddäus fehlt komplett im Lukasevangelium; stattdessen gibt es dort einen zweiten Judas, „Sohn des Jakobus“ (Lk 6,12–16). Im zweiten Band seines Werkes erwähnt Lukas zwei „von den Männern, die mit uns gegangen sind in all der Zeit, in welcher der Herr Jesus bei uns ein- und ausging, angefangen von der Taufe des Johannes bis zu dem Tag, an dem er von uns hinweg aufgenommen wurde“: Josef, genannt Barsabbas, mit dem Beinamen Justus, und Matthias (Apg 1,21–23); von diesen beiden findet sich sonst nirgends eine Erwähnung.

Wer waren „die Zwölf“?

Im Johannesevangelium gibt es „die Zwölf“, aber keine Liste. Da wird einen gewissen „Nathanael“ genannt (Joh 1,43–51), den die christliche Tradition als Lösung mit Bartholomäus identifiziert hat (was sich dadurch eignet, dass Bar-Tholomäus kein Vorname ist, sondern „Sohn des Tholmai“ bedeutet). Im Johannesevangelium gibt es auch neben den zwei Schwestern aus Bethanien (Maria und Martha) ihren Bruder Lazarus. Und der wichtigste Jünger ab Joh 13 ist ohne Frage „der Jünger, den Jesus liebte“, der aber im Text namenlos bleibt.

Das zeigt, wie ich die Studierenden trösten möchte, dass man im frühen Christentum wusste, dass Jesus zwölf Personen um sich hatte, aber abgesehen von ein paar Hauptfiguren und ein paar Nebenfiguren die Identität der Hälfte dieser Gruppe im Dunkeln blieb. Sie wird normalerweise auf die Zwölf Stämme Israels hingedeutet, also ein durchaus männliches Vorbild. Ferner verspricht ihnen Jesus zwölf Throne (Mt 19,27–29 / Lk 22,28–30), was vielleicht auch eher auf Männer als Frauen hinweist (nur Lukas, nicht aber Matthäus löst das Problem, wer den Thron des Judas bekommen könnte!).

Auferstehungszeugin

Was ist also mit Maria Magdalena? Alle Evangelien verraten, dass Jesus Frauen in seinem Gefolge hat (z.B. Mt 27,55–56; Mk 15,40–41; Lk 8,2–3; Joh 11,28). Und es ist inzwischen auch allgemein bekannt, dass Maria Magdalena keine Prostituierte war: sie wurde erst posthum zur Hure erklärt, indem Papst Gregor I (590-604) sie mit Maria aus Bethanien (Joh 12,3) und der „sündigen“ Frau im Haus eines Pharisäers (Lk 7,37–38) vermischt und aus den drei ein Hybrid macht.

In den vier kanonischen Evangelien wird Maria Magdalena erst bei der Auferstehung „wichtig“. Sie gilt als Hauptzeugin des leeren Grabes. Das ist ein klarer Fall, in dem die „Frauen“ von den „Jüngern“ unterschieden werden; Lukas macht es sogar explizit: die Frauen berichten es „den Elf“. Maria spricht Jesus dennoch mit dem Wort „Lehrer“ an (Joh 20,19). Sie ist aber bei den weiteren Erscheinungen an die Jünger nicht mehr da (Joh 20,19–23; 20,26–29; 21,1–14).

Maria Madgalena: eine der Zwölf?

Wie kann ich also behaupten, Maria Magdalena wäre eine der Zwölf? Ich finde es interessant – wobei keineswegs historisch evident – dass Maria in apokryphen Texten (d.h. in frühchristlicher Literatur, die im Endeffekt keine allgemeine Anerkennung gefunden hat) oftmals eine Rolle im Jüngerkreis spielt. Das gilt nicht nur für das „Marienevangelium“, sondern auch für das Philippus- und das Thomasevangelium. Für diese – erst später verfassten – Evangelien ist Marias Anwesenheit höchst selbstverständlich. Aber auch ohne sich auf solche Texte zu berufen, findet man einige Hinweise auch in den biblischen Schriften: (i) Maria wird nie als „aus Magdala“ sondern „(genannt) Magdalena“ bezeichnet, ein Spitzname, der auf eine enge Beziehung zum Lehrer hinweist. (ii) Keiner scheint genau gewusst zu haben, wer zum Zwölferkreis gehört. (iii) Maria spielt eine wichtige Rolle am leeren Grab, und nennt Jesus „Lehrer!“.

… das wäre tatsächlich möglich!

Paulus schreibt über die Erscheinungen des auferstandenen Jesus, „dass er Petrus erschienen ist, dann den Zwölfen. Danach erschien er mehr als fünfhundert Brüdern auf einmal […]. Danach erschien er Jakobus, dann den Aposteln allen; zuletzt aber […] erschien er auch mir.“ (1 Kor 15,5–8). Aber wo ist Maria?

Maria der Turm – so wie Simon der Fels – spielt auf jeden Fall eine wichtigere Rolle, als Thaddäus, Bartholomäus, ein anderer Simon oder ein anderer Judas! Daher würde ich mich freuen, wenn Studierende bei der Übung auch den Namen Maria schreiben würden. Denn Maria Magdalena könnte tatsächlich eine der Zwölf gewesen sein.

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Andrew Doole lehrt Neutestamentliche Exegese in Innsbruck.

Bild: www.upimedia.com

 

 

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