Missbrauch im System – Missbrauch als System? Ein reflektierter Erfahrungsbericht über Zustände in der Römisch-katholischen Kirche

Starker Tobak aus dem Innersten der kirchlichen Hierarchie. Hermann Häring kommentiert ein Buch, das tiefe Einblicke in ein klerikalistisches Machtsystem erlaubt: „Missbrauchte Kirche“ von Wolfgang Rothe.

Den Namen wird man sich merken müssen. Wolfgang Rothe ist katholischer Priester. Ab 1987 studierte er an verschiedenen Fakultäten katholische Theologie und suchte Verbindungen mit entschlossen konservativen Kreisen. 1995/96 ließ er sich in St. Pölten zum Diakon und Priester ordinieren. Damals war er Schützling des berüchtigten St. Pöltener Bischofs (1991-2004) Kurt Krenn. Nach seiner Kirchenrechtspromotion an der römischen Opus-Dei-Universität Santa Croce (2002) wurde er Krenns Sekretär, der ihm voll vertraute. Als Subregens wurde er 2003 im Priesterseminar unmittelbarer Zeuge des Skandals um kinderpornographische Fotos. Unvermeidlich war in der Folgezeit seine nachhaltige Konfrontation mit Krenns Nachfolger Klaus Küng, die letztendlich zum unheilbaren Bruch führte.

Worum es geht

Rothe stellt die Vorgeschichte dieses Bruchs in ihrer hohen Komplexität dar, meist erstaunlich nüchtern, mit umso schärferem Blick für die strukturellen Hintergründe. Sie begann zunächst ohne sein Wissen und entfaltete sich später gegen alle Vermutungen und Hoffnungen, die er hegte. Sein Vertrauen in die Integrität der betroffenen Hierarchen und in ein funktionierendes Rechtssystem war zunächst ungebrochen, bis es ihn grenzenlos enttäuschte. Geduldig bündelt das Buch die Ereignisse auf einen äußeren und einen inneren Brennpunkt hin, den institutionell-biographischen und den inneren Bruch mit einem autoritären und machtgeleiteten System.

Wie ein Kriminalroman, bis einem die Leselust im Halse stecken bleibt

Die sechs Kapitel zu Zeiten und Orten des Geschehens werden konsequent begleitet von prinzipiellen Exkursen zur rechtlichen, strukturellen und ideologischen Problematik katholischer Kirchenstrukturen. Zur Debatte stehen die bekannten Konfliktpunkte: kirchliche Sexualmoral, klerikales Elitebewusstsein, Stellung der Frauen, Unauflöslichkeit der Ehe, Zölibatspflicht, Homosexualität sowie Missbrauch und Vertuschung. Die Kapitel selbst, flüssig, bisweilen gar süffig geschrieben, lesen sich wie ein Kriminalroman bis zu dem Punkt, an dem einem die Leselust im Halse stecken bleibt. Hier kommen keine Fiktionen, sondern bittere existentielle Erfahrungen zur Darstellung; ausformuliert wird keine überanstrengte Phantasie, sondern die Wirkung einer real existierenden Vernichtungsmaschine, die die Psyche des Betroffenen durchaus vernichten könnte: „Dies Buch zu schreiben war eine Qual. Es gibt Erlebnisse und Erfahrungen, die so bitter und belastend sind, dass man sie am liebsten vergessen möchte.“Der Autor kann m.E. überzeugend darauf hinweisen: Nie hat er sich aktiv beteiligt an demütigenden innerkirchlichen Machtspielen, nicht an offenen Verurteilungen von Homosexuellen, Geschiedenen oder ehemaligen Priestern, auch nicht an der faktischen Diskriminierung von Frauen, doch wiederholt bittet er um Entschuldigung dafür, dass er schweigend die kirchlichen Missstände und Fehlhandlungen akzeptierte. Auch unternimmt er keine Versuche, Dritte über das Gebotene hinaus moralisch zu diskreditieren, obwohl er über Krenn und andere wohl vieles zu sagen hätte. Auch jetzt hält es sich strikt an die Gebote der Loyalität. Umso schärfere Schlagschatten wirft seine eigene Geschichte, die Rothe bisweilen detailreich erzählt. Für mich schälen sich folgende Schwerpunkte heraus:

(1) Das juristisch hochkomplizierte, autoritär organisierte und gelenkte Machtsystem des Kirchenapparats, dessen Regelungen je nach Bedürfnis unbarmherzig angewendet oder souverän missachtet werden. Im Regelfall wächst man hinein und wird dessen Nutznießer, bevor man die Tücken des Systems erkennt.

Karrierebewusste Nutznießer

(2) Die dichte, kaum zu durchdringende Verflechtung von immer funktionierenden Abhängigkeiten und konkurrierenden Machtsträngen (Personen, Aktionen, Institutionen). Sie sind von außen kaum durchschaubar, weil ideologisch verbrämt und nur von wenigen umfassend beherrscht. Viele karrierebewusste Nutznießer werden zu Vorteilsnehmern, ohne je die moralische Perversion des Netzwerks zu erkennen. Nach Rothes Urteil fehlen dazu oft der Durchblick und der Wille.

(3) Das ständige Spiel mit Konkurrenz und Angst, mit unmerklichen und groß angelegten Erpressungen, deshalb die unabwendbare Gefahr, unversehens vom erfolgreichen Handlanger oder Täter auch intern zum gnadenlos abgestraften Opfer zu werden.

(4) Die meist verdrängte, geradezu toxische Allgegenwart des Themas Sexualität, insbesondere von hetero- oder homosexuellen Beziehungen, sowie die destruktive Verwandtschaft von Homophilie und Homophobie innerhalb des (höheren?) Klerus. Offensichtlich wird gnadenlos abgestraft, wer die homosexuellen Angebote von Dritten abweist oder zum möglichen Verräter wird.

(5) Der grassierende Respektmangel vor der Würde abhängiger Personen, der dem geistlichen und sexuellen Missbrauch ebenso Tür und Tor öffnet wie dem Bruch der Privatsphäre sowie der Missachtung zivilisierter Umgangsregeln.

Kulminationspunkt und Folgen

Es war ein Schlüsselereignis, das Rothe endgültig vor die Alternative stellte, sich selbst aufzugeben oder umzudenken. Ausgerechnet dies wird nicht berichtet; Rothe muss sich auf Beweisbares, unabhängig Dokumentiertes beschränken. Nach einem Schwächeanfall verabreichte ihm Bischof Küng ein Psychopharmakon aus der Gruppe der Benzodiazepine. Dann wurde die Tür verschlossen, der Bischof war mit seinem Opfer allein. Laut späterem Gerichtbeschluss darf vom „Verdacht der versuchten Vergewaltigung“ die Rede sein; ein notwendiger Klinikaufenthalt verschärft die Situation. Jetzt setzt ge-gen ihn eine jahrelange Prozedur der Vertuschung ein. Man versucht, ihn kaltzustellen, unbegründete Vorwürfe und Verdächtigungen, eine „Klosterhaft“ und ein obskurer „Schwulentest“ eingeschlossen.

In Rothes Anklage steckt eine erstaunliche Kraft. Einige Gründe dafür seien genannt:

(1) Zunächst erstaunt die Hartnäckigkeit, mit der Rothe nach wie vor an seinen Funktionen als Priester festhält. Offensichtlich unterscheidet er scharf zwischen seinem seelsorgerlichen bzw. theologischen Engagement und den gravierenden Missständen des Kirchenapparats. Dafür müsste ihm die Hierarchie dankbar sein.

Kampf um eine partizipative Kirche

(2) Damit hängt die außerordentliche Selbstdisziplin zusammen, mit der er den Streit um seine Person führt. An keiner Stelle schlägt er wild zu, sondern wahrt – über das Gebotene hinaus – die prinzipielle Loyalität zu den kirchlichen Ämtern; so gesehen bleibt er im besten Wortsinn konservativ. Bei ihm überschreitet der Kampf um eine partizipative Kirche die traditionellen Grenzziehungen zwischen Reformern und Reaktionären.

(3) Inhaltlich stark wird das Buch schließlich durch seine unbedingte Korrektheit und hohe Fachkompetenz, zunächst in der Darstellung kirchenrechtlicher und struktureller Zusammenhänge, aber auch im Bericht über historische und dogmatische Hintergründe.

(4) Schließlich erweist sich der Autor als ein belesener Schreiber. Wiederholt vernetzt er seine Überlegungen mit einschlägigen Autorinnen und Autoren wie David Berger, Christiane Florin, Matthias Katsch, Frédéric Martel, Doris Reisinger bzw. Doris Wagner sowie mit Hans Zollner. So wird Rothes Publikation zu einem konstitutiven Teil einer ganz neuen Diskurslinie, deren unterschiedliche Facetten noch lange nicht ausbuchstabiert sind. Sie hat erst begonnen und muss wohl bis zu den autoritären Anteilen des klassischen christlichen Gottesbildes weitergeführt werden; das wird noch ein weiter Weg sein.

(5) Rothe kann mit dafür sorgen, dass dieser Diskurs seine unbestechliche Schärfe behält, ohne disziplinlos aus dem Ruder zu laufen. Aber verstummen darf er nicht, denn wie der Talmud sagt: „Die Erinnerung ist das Geheimnis der Erlösung.“ Diesen Satz müssten sich alle diejenigen hinter die Ohren schreiben, die noch immer meinen, mit der kommentarlosen Verdrängung einer unseligen Tradition wäre Erneuerung möglich.


Hermann Häring ist emeritierter Professor für Systematische Theologie.

Wolfgang F. Rothe, Missbrauchte Kirche. Eine Abrechnung mit der katholischen Sexualmoral und ihren Verfechtern, Droemer Verlag, München 2021.

Bildquelle: Pixabay

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