Muttertag: Zuckerguss, Abschied vom autonomen Subjekt und ein theologisches Gedankenexperiment

Theresia Heimerl nimmt den Muttertag in die Zange zwischen Idyll-Analyse und postmoderner Gottesrede.

Der zweite Sonntag im Mai verursacht traditionell einen emotionalen und oft auch physiologischen Zuckerschock in toxischem Ausmaß. Kleine Kinder mit Blumenstrauß sind ebenso obligatorisch wie sich lächelnd zu ihnen hinabbeugende Mütter in Weichzeichnerpastell, wie es sonst nur in der Waschmittel- und Tiefkühltortenwerbung überlebt hat, eben dort, wo die Muttertagsmutter ganzjährig ihr Unwesen treibt. Als Gegengift helfen nur noch Anti-Muttertagsfilme: „Psycho“ und „Ich seh ich seh“ sind besonders empfehlenswert.

Weichzeichnerpastell, Waschmittel- und Tiefkühltortenwerbung

Der Muttertag ist zweifelsohne ein Argument gegen die Mutterschaft und wer diesen oft genug als Kind feiern musste, überlegt sich eigenen Nachwuchs und damit die Auseinandersetzung mit der Zumutung der Waschmittelweichzeichnerbilder mehr als einmal.

Im Muttertag verdichtet sich die Problem- und Kampfzone Mutterschaft in liturgischer Regelmäßigkeit zum kategorischen Imperativ des Imaginariums „Mutter“, unter dessen rosa Zuckerguss die eiserne Kuchenform durchblitzt.

Ist die katholische Theologie daran schuld? Eine erste historische Gewissenserforschung ergibt ein klares Jein. Nein, wenn man in frühe Texte des Christentums, angefangen mit den Evangelien, blickt: Jesus ist kein Vorzeigesohn und bringt weder am Muttertag noch sonst Blumen für die Mama, dafür aber Ärger – im Angesicht des anbrechenden Reiches Gottes zählen familiäre Beziehungen herzlich wenig. Diese Botschaft haben gerade die Frauen in den ersten christlichen Jahrhunderten sehr gut gehört und verweigern daher, durchaus von heiligen Männern bestärkt, die Mutterschaft entweder überhaupt, oder sie nehmen das Kind von der noch tropfenden Mutterbrust, übergeben es, trotz von der jungen Mutterschaft gerührter und konzilianter Heiden, den männlichen Angehörigen und gehen in die Arena und Märtyrergeschichte wie die Hl. Perpetua. Es soll wohl LeserInnen wie meine ob so viel Unmütterlichkeit geschockten Studierenden trösten, wenn der Verfasser der Vita hinzufügt, das Kind hätte durch ein Wunder plötzlich auch das Fläschchen (bzw. dessen antikes Äquivalent) angenommen und folglich überlebt.

Ist die katholische Theologie schuld? Jein

Als erbaulicher Text für die Muttertagspredigt gänzlich ungeeignet. Wie übrigens die meisten Hagiographien von Frauen bis weit über das Mittelalter hinaus: Sie sind froh, wenn die Kinder sterben (Angela von Foligno), oder überlassen diese einfach ihrem Schicksal (Margerita von Cortona), idealerweise sind sie der Mutterschaft aber schon durch frühzeitigen Eintritt in ein Gott geweihtes Leben entkommen.

Idealerweise der Mutterschaft entkommen – ein Ideal bis weit über das Mittelalter hinaus

Dass bei uns heute das Mutterkreuz auch stark katholische Assoziationen hervorruft, liegt am Protestanten Martin Luther – der Hausvater braucht schließlich eine Hausmutter und wohin sonst mit Frauen, wenn es kein Kloster mehr gibt. Von dort ist nur noch ein vergleichsweise kleiner Schritt zum bürgerlichen Frauenbild, das die Mutter mit dem Kind am Schoß in die guten Stube phantasiert und das dann, lange vor jeder sonstigen Ökumene und trotz Ablehnung anderer Ideale des aufgeklärten Bürgertums, in die katholische Lehre übernommen wird. Und sich dort, in den Meditationen zölibatärer Kleriker, recht speziell zu entfalten beginnt (vgl. Mulieris dignitatem, 1988).

Klosterladen, Installation 2012, Handgegossene Glycerinseifen, eingefärbt mit Rosenduft; die Künstlerin, Marlies Pekarek, St. Gallen, thematisiert mit ihren seriellen Seifenmadonnen gängige Geschlechterstereotype. Mehr: www.pekarek.ch
Marlies Pekarek, Klosterladen, Installation 2012, Handgegossene Glycerinseifen, eingefärbt mit Rosenduft

Was uns zum Ja bringt: Ja, die katholische Theologie ist in den letzten 150 Jahren wesentlich mit verantwortlich dafür, dass Mutterschaft heute zum Kampfschauplatz hinter blütenweiß gewaschenen Vorhängen geworden ist.

Luther … und dann die katholische Theologie der letzten 150 Jahre: Mutterschaft als Kampfschauplatz hinter Blütenweiß gewaschenen Vorhängen

Mutterschaft in der Postmoderne: Das ist keine unvermeidliche Begleiterscheinung des Ehelebens (oder, Gott verhüte, der Unzucht) mehr. Mutterschaft ist seit der Möglichkeit hormoneller Kontrazeption ein planbarer Lebensabschnitt. Und wer planen kann, muss auch planen: Nicht während des Studiums, nicht in den ersten Jahren am Arbeitsplatz, nicht ohne entsprechende Wohnung und Partner, nicht vor grundlegender Ernährungsumstellung … Am besten plant frau so, dass das Kind zum ersten Muttertag bereits die Blümchen halten kann. Und dann plant sie die nächsten 18 Jahre weiter: Arztbesuche, Elternabende, Kindergeburtstage – vor allem aber sollte der Abschied vom anthropologischen Grundkonzept der (Post)Moderne frühzeitig eingeplant werden: vom autonomen Subjekt.

Mutterschaft in der Postmoderne: wer planen kann, muss planen

Der Muttertag ist eine unheimliche Erinnerung an die Abhängigkeit und den Autonomieverlust als sonst weitgehend überwundenen Teil der conditio humana. Kein Wunder, dass Männer, vor allem aber kinderlose Frauen gereizt reagieren, wenn die Mutter zum wiederholten Mal zum Telefonat mit dem Kind die Sitzung verlassen muss. Mütter sind eine unliebsame Mahnung daran, wie brüchig der Status des autonomen Subjekts ist. Kein Wunder auch, dass die Mutterschaft zum Streitthema Nr. 1 innerhalb des Feminismus avanciert ist: Die Forderungen der ersten und zweiten Frauenbewegung sind verwirklicht, Frauen haben dieselben Rechte und Chancen wie Männer. Frauen, nicht Mütter. Mütter sind relationale Wesen, keine autonomen Subjekte, wie sie in der Arbeits- und Lebenswelt der Postmoderne vorausgesetzt werden. Die freie Entscheidung zur Mutterschaft inkludiert immer das Ende der freien Entscheidungen, alle weiteren Schritte sind sub specie maternitatis, unter Berücksichtigung des Kindes zu treffen, in einer Kompromisslosigkeit, wie wir es sonst längst verlernt haben.

Mütter sind eine unliebsame Mahnung daran, wie brüchig der Status des autonomen Subjekts ist.

Wie alle Idyllen ist jene des weichgezeichneten, mit Zuckerguss versüßten Muttertags eine Verlustanzeige. Verloren ist längst das historisch betrachtet ohnehin kurzfristige mütterliche Leben zwischen Kochtopf, Waschmaschine und Kinderzimmer. Verloren ist aber auch der optimistische Anspruch auf ein neues Mutterideal ohne Risiken und Nebenwirkungen. Egal ob additiv (Mutterschaft plus Job), reduktiv (Mutterschaft minus Job) oder kontradiktorisch (Mutterschaft vs. Job) – die Idylle geht sich nicht aus, sie wird zum Zerrbild der Helicoptermoms, die das unrealistische Ideal bis zur exzessiven Kenntlichkeit entstellen, oder aber zur rituellen Beschwörung am zweiten Sonntag im Mai, ein Familienausflug in den potemkinschen Themenpark, der sich spätestens, wenn es zu dämmern beginnt, in eine Geisterbahn verwandelt.

Muttertag: ein Idyll als Verlustanzeige

Mutterschaft postmodern: Das ist ein fortwährendes Scheitern an allen Ansprüchen der schönen neuen Welt, und die bange Frage, ob es wohl ausreicht, irgendwie wenigstens.

Mutterschaft theologisch: Das war noch in meiner Studienzeit, den 1990er-Jahren, eine bemühte Enttabuisierung der Biologie, eine Aufwertung der körperlichen Freuden des Mutter-Werdens und -Seins gegen eine sexualfeindliche Männertheologie. Die Rede von Gott als Mutter wurde in biblischen und historischen Texten entdeckt und gefeiert. Jenseits aller mittlerweile bekannten essentialistischen Sackgassen dieser Theologie bleibt die provokante Frage: Was bedeutet die Rede von Gott als Mutter unter den soeben geschilderten Bedingungen der Postmoderne?

Was bedeutet die Rede von Gott als Mutter unter den soeben geschilderten Bedingungen der Postmoderne?

Mama Gott ist ganztags arbeitend außer Haus und ignoriert zumindest die ersten beiden Anrufe der Kinder auf dem stumm geschalteten Smartphone. Sie weiß auch nicht, ob sich der Besuch in der Sprechstunde des Mathelehrers ausgehen wird und leider muss auch das Schlichtungsgespräch wegen der schlimmen Dinge, die ihre Kinder via facebook über andere Kinder verbreiten, auf einen anderen Termin verschoben werden. Und die Kinder müssen selbst wissen, ob sie mittels illegal geänderter VPN-Adresse eine bestimmte gar nicht jugendfreie TV-Serie ansehen – Mama könnte es zwar post festum kontrollieren, aber das kostet Zeit, die sie für anderes braucht. Und ja, entweder die Kinder nutzen die Mikrowelle oder warten, bis sie heimkommt. Schockierend? Blasphemisch?

Warum eigentlich? Wir haben doch längst das traditionelle Gottesbild vom strengen, strafenden Vater entsorgt, aber das nicht minder veraltete Bild von Gott als mütterlicher Glucke (= Helicoptermom?), die zuhause sitzt und auf die Kinder wartet, um sie an ihren Busen zu drücken, verstehen wir noch immer als feministisch innovativ?

Gott als Helicoptermom?

Zugegeben: Die Rede von Gott als Mutter unter den Bedingungen der Postmoderne ist eine Zumutung für all jene, die das Christentum als mollig-warmen Rückzugsraum vor der bösen Welt verstehen, eben als die Waschmittelidylle, in der alles so bleiben soll, wie es nie war. Es ist aber auch eine Zumutung für die Theologie, die sich Gott (noch immer) als Ideal des autonomen, absoluten Subjekts in den Himmel projiziert und damit die infantilen Wunschvorstellungen seiner Gläubigen bedient. Gott im Bild der Mutter heute, das wäre ein Gott, der aus freier Entscheidung in unauflöslicher Bindung an den Menschen existiert, und diese Entscheidung bei sich mehr als einmal in Frage gestellt hat. Es wäre ein Gott, der sich von seinen Kindern nicht nur herausgefordert, sondern auch oft überfordert fühlt in ihren Ansprüchen, sich doch um alle ihre Wünsche und Probleme zu kümmern. Ein Gott, der von seinen Kindern vor allem eines erwartet: Dass sie selbstständig sind, wo sie es sein können. Dass sie selbst entscheiden, ob sie jugendverbotene Serien ansehen und wann es sich lohnt, Mama anzurufen, wissend, dass das Smartphone stumm geschaltet sein kann.

Theologisch undenkbar? Dann bleibt nur noch die Torte mit dem rosa Zuckerguss einmal im Jahr, solange, bis die Kinder genug haben und gar nicht mehr kommen.

Gott im Bild der Mutter heute, das wäre ein Gott, der aus freier Entscheidung in unauflöslicher Bindung an den Menschen existiert, und diese Entscheidung bei sich mehr als einmal in Frage gestellt hat.

Der Muttertag ist auch eine Frage der Perspektive. Dieser Beitrag ist aus Perspektive einer Mutter geschrieben, ob und was ein Kind (und nicht ein erwachsenes, das selbst schon Mutter oder Vater ist) schreiben würde, bleibt für feinschwarz.net in einem Jahr offen.

Mein Sohn ruft nach wie vor in Sitzungen an, kann die Mikrowelle bedienen, weiß, wie man die VPN-Adresse ändert und hat wohl schon einige gar nicht jugendfreie TV-Serien überlebt – offenbar hat es gereicht, irgendwie wenigstens. Und er hätte nichts dagegen, sich mit mir am Muttertag „Psycho“ anzuschauen, Torten mit rosa Zuckerguss mag er nicht.

Bild:
Klosterladen, Installation 2012, Handgegossene Glycerinseifen, eingefärbt mit Rosenduft.
Die Künstlerin, Marlies Pekarek, St. Gallen, thematisiert mit ihren seriellen Seifenmadonnen gängige Geschlechterstereotype. Mehr: www.pekarek.ch

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