Nachdenken nicht vergessen: Remenz statt Demenz

Grace Winter; pixelio.de

In den vielen Gesprächen, die ich als Seelsorger führe, bin ich immer wieder erstaunt, wie schwer es fällt und wie schnell es überfordert, existentielle Erfahrungen zu thematisieren, sagt der Heimleiter Stephan Maria Abt aus Hersbruck.

Die jahrelange Erfahrung mit Gruppenvalidation belehrt mich allerdings, dass es auch eine andere Wirklichkeit gibt, in der Menschen aus dem Erzählen gar nicht mehr herauskommen, es sie förmlich drängt fragile Themen anzusprechen: Verlust eines Angehörigen, Verlust des Zuhauses, Verlust des Jobs; Vermissen von Partner, Sex, tiefer Liebe; Angst vor Einsamkeit, Angst alles zu verlieren; Langeweile, Verlust der Identität; Bedürfnis, nützlich zu sein, dazuzugehören; Suche nach einem Sinn des Lebens; Ärger über Nichtgebrauchtwerden; Ärger über Ablehnung von Eltern, Kindern, Autoritätspersonen; Liebe füreinander; Kinderstreiche; Bestrafungen; Probleme mit Geschwistern; Freundschaft; wie man glücklich wird; was einen böse, traurig, glücklich macht; wie man mit „verrückten“ Menschen auskommt; was jemanden „verrückt“ macht; was im hohen Alter passiert; wie man sich auf den Tod vorbereitet; wie man einander helfen kann. 1

Aber sicher gab es auch was Schönes, nicht wahr?

Die Erfahrung aus Gruppenveranstaltungen nicht-dementer, alter Menschen unter dem Motto „Lebensrückblick“ zeigt, dass unabhängig von vorgegebenen Themen die düsteren Erlebnisse zur Sprache kommen: Armut in der Kindheit, Missbrauch, Bombennacht, Scheidung, Unfall des Kindes, Betrügen und Verlassenwerden, Trauer, Schuld, Verzweiflung, Angst. Je positiver die Bemühungen („aber sicher gab es auch was Schönes, nicht wahr?“), desto heftiger wurden die bedrückenden Erinnerungen! 2

Was für die Alterspsychotherapie gilt, ist auch bei demenzkranken Menschen zu bedenken: „Die alten Menschen sind vor überschwemmenden, die Ich-Funktionen potentiell überfordernden […] Erinnerungen bzw. Affekten zu schützen (Gefahr der Retraumatisierung durch Überforderung des Ich. Es gilt aber ebenso: Gerade bei Älteren kann jedoch von eher stabilen Ich-Funktionen ausgegangen werden, so dass ein ausschließlich zudeckendes (als stabilisierend verstandenes) Vorgehen den Alternden mit seinen Erinnerungen (erneut) alleine lassen würde.“ 3

Diesen kategorialen Erfahrungen und Wirklichkeiten liegt als Bedingung der Möglichkeit transzendental zugrunde, dass der Mensch Lebenserfahrungen in ihrer Vereinzelung zu einem Sinnganzen zusammenknüpfen will und kann. Es gehört zum Reifungsprozess des Älterwerdens, dass die kategorialen Erfahrungen immer mehr nach dieser Verknüpfung rufen.

In der neueren Forschung spricht man deshalb nicht mehr nur von Demenz, da dies eine rein defizitorientierte Sichtweise wäre; sondern von Remenz; das will sagen, dass die Rückbesinnung auf die Lebenserfahrungen nicht nur ein Blick in die Vergangenheit als solche ist, sondern nach Integration und Bewertung strebt, und insofern Heilung ins Lebensganze nach vorne hin ist.

„Demenz“ bezieht sich nur auf den Verstand, „Remenz“ beinhaltet Herz und Hand. „De“ steht ungerichtet für Nachlassen und Abnehmen des Verstandes, „re“ steht kognitiv für Reminiszenz als biographischer Erinnerung (engl. remember, remind); und zusätzlich auf affektiver wie handlungsbezogener Ebene für Regression als seelischem Bewältigungsversuch einer Überforderungssituation.

Demenz als theologischer Appell; Remenz als theologische Ressource

Die Theologie weiß um einen Vorgang, der heilsgeschichtlich sehr deutlich die Demenz beschreibt; zugleich aber auch um deren „Überwindung“. Demnach gibt es im Volk des Alten Bundes eine „Demenz“ als existentielles (nicht kognitives) Vergessen der Herkünftigkeit, ja sogar als Verlust des „Paradieses“, der Mitte. Und auch im Neuen Bund wird vor dieser existentiellen Demenz gewarnt: Der Mensch (sc. der Gottes Wort hört und nicht danach handelt) ist wie einer, der sein Gesicht im Spiegel betrachtet und weggeht; und schon hat er vergessen, wie er aussah (Jak 1,24).

An unzähligen Stellen der Bibel ließe sich aufzeigen, wie mit diesem existentiell-religiösen Vergessen im Menschen als Reflex die Erfahrung der Ängstlichkeit, des drohendes Selbstverlustes und damit auch des Selbstwertverlustes einhergeht. Aber nicht nur dies: Die biblische Erfahrung weiß etwas von einem heilvollen Umgang mit dieser Art von Demenz; dieser heißt: „Re-menz“ als Leben mit der Krankheit und als Weg aus der Krankheit.

Reminiscere

Ein Sonntag des Kirchenjahres trägt sogar eigens einen Namen hierfür: Reminiscere; „Denk an dein Erbarmen, Herr, und an die Taten deiner Huld, denn sie bestehen seit Ewigkeit. Denk nicht an meine Jugendsünden“ (Ps 25,6). Der Mensch ist grundsätzlich – theologisch gesehen – potentiell dement, und wird deshalb aufgerufen: „Vergiß nicht, was er dir Gutes getan“ (Ps 103). „Du sollst es deinen Kindern erzählen, damit sie nicht vergessen“; reminiscere! Reminiszenz ist im biblischen Vollzug ein oft wechselseitiges aneinander appellieren der beiden Bundespartner (Gott und Volk), sich des Bundes und des gemeinsamen Weges zu erinnern.

Im Psalmwort vom Sonntag „Reminiscere“ geschieht dies in einem Anthropomorphismus; darin macht sich der Beter in seiner Seelennot die ihm zugewandten Eigenschaften Gottes – wie sein (sc. Gottes) Gedenken, seine Gutheit, seinen barmherzigen Blick, sein Schauen auf das Elend des Menschen – erinnerlich, indem er Gott an dessen Eigenschaften erinnert. Formal erinnert der Beter Gott an seine Eigenschaften; existentiell aber erinnert er sich hierbei an die Eigenschaften Gottes, die dieser ihm in seiner Not zuwendet. So führt diese Re-menz zu Ent-ängstigung („fürchte dich nicht“) und Stabilisierung des Personseins („Ich bin mit dir“).

Die Erfahrung der religiös-existentiellen Demenz des Gottesvolkes und ihrer Überwindung in einer ebenso existentiellen Remenz, die gar nichts mit kognitiven Einschränkungen und mit  Plaquebildungen im neuronalen Raum zu tun hat, ist sicher nicht unbesehen übertragbar auf  Menschen mit Demenz. Und doch hat die Theologie aus der Erfahrung mit der „Demenz des Gottesvolkes“ und deren Überwindung etwas für unsere Fragestellung beizutragen.

Ich vergesse Dich nicht.

Die entscheidenden Remenz-Ressourcen in der Geschichte des Gottesvolkes waren und sind die Präsenzaussagen Gottes: „Ich vergesse dich nicht“ (Jes 49,15); Gott vergisst nicht einen von ihnen (sc. den Spatzen). Fürchtet euch nicht! Ihr seid mehr wert als viele Spatzen!“ (Lk 12,6). Im Wissen um die existentielle Vergesslichkeit heißt es dann auf Seiten des Beters: „Siebenmal spreche ich am Tag dein Lob“ (Ps 119,164). Wenn dieses Gotteslob (siebenfach am Tag) aber stets auch der Selbstvergewisserung, des Findens der eigenen Mitte und zugleich gerade darin der Realisierung des eigenen Selbstwertes dient, dann ist dies eine erstaunliche Analogie zu der Empfehlung von Naomi Feil, bei Dementen im schwersten vierten Grad (dem Stadium des Vegetierens) ca. siebenmal am Tag je eine Minute der Einzelvalidation durchzuführen, um so ein Minimum an Personstabilisierung und Wertschätzung zu praktizieren.

Freilich gilt solches nicht nur für die „Kranken“, sondern nicht weniger für die „Gesunden“; denn biblisch ist ebenso klar: die sich für gesund halten, sind besonders gefährdet, existentiell krank zu sein; deshalb: Erinnert euch an die früheren Tage (Hebr 10,32); Ich will euch immer an das alles erinnern, obwohl ihr es schon wisst (2 Petr 1,12).

Die physiologische Sicht der Demenz bedarf der Ergänzung.

In dem Maß, in dem der Mensch als Persönlichkeit erfasst wird, wächst er über das bloß Biologische hinaus. Auch aus diesem Grunde kann eine rein und ausschließlich biologisch-anatomische Sicht der Demenz nicht genügen. Der Mensch ist mehr als ein Bündel biologischer Bedürfnisse. In der Entwicklung und Ausprägung der Demenz bleibt der Mensch in seinem Personsein ansprechbar; in diesem Ansprechbarsein wird das relative Höchstmaß an (Körper-)Präsenz realisiert bzw. aktuiert; das weist gerade dieses Personsein als Bedingung der Möglichkeit – Demenz als Remenz zu  verstehen – auf. Das Alter ist ein stufenweises Zurücktreten aus der Erscheinung: Sich-zurücknehmen aus dem Leben und langsames Verlieren seiner Gestalt. Das Leben manifestiert sich ja in Gestalten; und das Alter ist so eine Abschwächung der Erscheinung, eine Reduktion von Lebensgestaltungen.

Die Lebensreise endet in der Heimat, und man ist immer dort zu Hause, wo liebe Menschen sind. Nach C.G. Jung geht der Reifungsprozess der Seele hin zum Selbst, welches – wie das Göttliche – Gegensätze integriert und aufhebt. Das Bewusstsein „spaltet“, weil es Unterscheidung vornimmt und Gegensätze herausstellt. Beim Unbewussten ist es anders. Es hebt Gegensätze auf. Wenn dies das „Ziel“ ist, könnte Remenz die Einheitsbemühung befördern. Dahin darf auch die Erfahrung assoziiert werden, dass demente Menschen Personen, die ihnen begegnen, „verkennen“ und in die eigene Biographie einbauen: „Du bist doch meine Tochter“, sagen sie dann zur Altenpflegerin. Hier ist aber nun schon eine Ahnung dessen: „Wer ist mir Bruder und Schwester?“, die in der Bibel in verschiedenen Zusammenhangen gestellt wird und auf diese Weise Antwort findet: Nicht mehr Blutsverwandtschaft beantwortet diese Frage, sondern Nähe und Beziehungsgemeinschaft. Unter dem Einheitsbemühen der Seele kann jede und jeder zur Schwester und zum Bruder werden.

Die physiologische Betrachtung der Demenz ist wichtig, da die Demenz – wie jede Krankheit – nicht nur zu heilen, sondern präventiv zu vermeiden ist. Aber der rein physiologische Blick ist zu ergänzen; sonst wären wir auf dem kulturgeschichtlichen Neandertalerstand, der erklärt, welche hormonellen Prozesse bei einem Kuss vor sich gehen, und damit nicht mehr über den Kuss zu sagen weiß.

„Es kommt zu einer Schrumpfung des Lernapparats im Gehirn, wenn Menschen zu wenig Zeit haben zum Nachdenken.“

Die Überbetonung des Bewusstseins lässt uns im Westen die Einheitsbemühung (Remenz) des Unbewussten und des Selbst zu wenig als Reflex eben dieser Überbetonung sehen. Und möglicherweise sind die neurologisch-physiologischen Vorgänge gar das Vehikel einer metaphysischen Zielsetzung, die auf anderem Weg ihr Ziel nicht erreicht? Sicher: eine gewagte, vielleicht gefährliche Frage. Dennoch: Die Forschung von Christian Sorg und KollegInnen im Münchner Zentrum für kognitive Störungen zeigt: Es kommt zu einer Schrumpfung des Lernapparats im Gehirn, wenn Menschen zu wenig Zeit haben zum Nachdenken, weil sie zu viel Zeit damit verbrauchen, die alltäglichen Informationen aufzunehmen (= Streß)! Affirmativ gewendet: Der Mensch braucht Zeit zum Nachdenken, sonst schrumpft der Lernapparat im Gehirn. Insofern machen uns Krankheiten aufmerksam und insofern gilt: „Ich glaube, dass die Krankheiten Schlüssel sind, die uns gewisse Tore öffnen. Ich glaube, es gibt gewisse Tore, die einzig die Krankheit öffnen kann.“ 4

Um ja nicht missverstanden zu werden: das soll nun Krankheiten nicht „verklären“; Krankheiten sind zu überwinden, zu vermeiden. Und doch gilt, was manch Kranke/r sagt: Ich kann nicht nur gegen meine Krankheit kämpfen, sondern muss mit ihr leben. Und das heißt: ich muss sie – in gewisser Weise – auch annehmen und mir von ihr etwas sagen lassen.

Noch einmal darüber sprechen.

Ein aus der Psychotraumatologie bekanntes Phänomen zeigt sich in anderer Form auch bei Dementen – nämlich das „last-chance-Syndrom“ (Heuft, Gereon u.a., Lehrbuch der Gerontopsychosomatik und Alterspsychotherapie, München, 2. Aufl. 2006; Fischer, Gottfried, Riedesser, Peter (Hrsg.), Lehrbuch der Psychotraumatologie, München, 3. Aufl. 2003): „noch einmal darüber sprechen“, die (letzte) Gelegenheit nutzen, sich etwas von der Seele zu reden. Das hat bei Dementen andere Formen als bei traumatisierten Menschen; dennoch: Situationen, die nicht „verdaut“ werden können, kommen immer wieder „hoch“ und werden noch einmal durchgespielt – vermutlich so oft, bis sie erlebt, verspürt, verstanden und verdaut werden können.

Die Seele braucht Nahrung; und die Nahrung der Seele ist Wahrheit . Wenn Eltern alt werden, bekommen auf einmal die Kinder die Funktion der Eltern. Besonders wenn Menschen an Demenz erkranken, wirken sie wie Kinder (cave: es sind keine Kinder!), die alle Gefühle erleben, aber noch nicht (bzw. nicht mehr) „verständig“ oder „vernünftig“ sind. Dann kann es zur „Entwertung“ kommen („Omisierung“) – „wie geht es uns denn heute, Omi“. Viele unbewältigte seelische Konflikte und ungelöste Lebensprobleme tauchen wieder auf. Trauer, die nie getrauert wurde. Aus dieser Einsicht entstand die Biographie-Arbeit. Was man nicht verdauen kann, muss man wiederholen, bis man jemanden findet, der einem hilft, es seelisch zu verdauen. Grundlegend geht es um Resonanzerfahrungen.

Ich bin wirklich, weil ich noch eine Wirklichkeit ausübe auf jemanden.

In der Seelsorge spielen sie eine große Rolle, besonders, wenn Menschen in Situationen geraten, in denen sie Angst haben, abhängig sind wie ein Säugling und um ihr seelisches Überleben kämpfen. Dann brauchen sie Resonanz, z.B. das Erlebnis: „Ich bin wirklich, weil ich noch eine Wirklichkeit ausübe auf jemanden. Wenn ich lache, lacht er; wenn ich mich vor Schmerz winde, dann verzieht er sein Gesicht, als hätte er selbst Schmerzen. Er merkt, wie es mir geht und wie mir zumute ist“. Dieses Spiegeln braucht das Erlebnis von „Resonanz“. Die alltäglichste Spiegel-Erfahrung ist grüßen und gegrüßt werden. Menschen mögen es, beim Namen genannt und beglückwünscht zu werden. Das ist Seelenbrot: ist Anerkennung und Selbstwertbestätigung, Wahrheit und Resonanz, Redundanz und Wahrhaftigkeit.

Text: Stephan M. Abt; Bild: Grace Winter, pixelio.de

  1. Feil, Naomi, Validation, München, 6. Aufl. 2000, 92.
  2. Wiedemann, Wolfgang, Keine Angst vor der Seelsorge, Göttingen 2009, 41.
  3. Heuft, Gereon, u.a., Lehrbuch der Gerontopsychosomatik und Alterspsychotherapie, München, 2. Aufl. 2006, 107.
  4. Naomi Feil in Anlehnung an Erik H. Erikson, Childhood and society, New York 1963.
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