Die Nacht ist vorgedrungen

Nacht

Novembergrau. Dunkle Zeiten in mehrfacher Hinsicht. Und nun – Advent. Ausschau halten nach dem Morgen. Von Kerstin Menzel.

Die Nacht ist vorgedrungen, der Tag ist nicht mehr fern.

Meine Seele schaut aus nach Ihm, wie der Wächter hält Ausschau nach dem Morgen,

Ach, dass doch Morgen würde. In Zimmer 43 geht die Klingel. Welcher Schmerz, welche Angst, welche Not hinter der Tür? Erschöpft vom Wachen. Das Krankenhaus schläft nicht. Die Schmerzen und Ängste und Nöte schlafen nicht. Im Dunkeln finden sie Nahrung.

Ach, dass doch Morgen würde

Aus der Tiefe rufe ich dich, höre meine Stimme, du. Öffne deine Ohren, du!

Ach, dass doch Morgen würde. Stehend am Fenster, das Baby im Arm, das Nähe und Bewegung braucht um schlafen zu können. Das Weinen noch im Ohr. Erschöpft vom Wachen. Alle anderen Fenster dunkel. Die Verletzlichkeit des Lebens im Arm. Die Ängste weben sich ums Herz. Was wäre, wenn einmal etwas passiert. Wenn es keinen Trost gibt für das Weinen.

Ich warte auf ihn und hoffe, meine Seele wartet auf Ihn und harrt aus.

Ach, dass doch Morgen würde. Die Gedanken kommen nicht zur Ruhe, an Schlaf ist nicht zu denken. Erschöpft vom Wachen, von den einsamen Fragen. Hätte es anders gehen können? Wäre es anders geworden? Wie wird es nun weitergehen? Dunkler Schmerz, schweres Gewissen, Hadern mit dem, was gewesen ist.

Aber bei dir ist Vergebung, so willst du gekannt sein. Lausche meiner Stimme, die um Gnade fleht.

Ach, dass doch Morgen würde. Nach dem Black Friday und mitten im Klimanotstand. Im Dunklen und Schweren. Wer hält Nachtwache? Steht im Dunkeln, hält Ausschau?

Meine Seele schaut aus nach Ihm, wie der Wächter hält Ausschau nach dem Morgen,

Die Nacht ist vorgedrungen, der Tag ist nicht mehr fern.

Mitten in der Nacht – der Morgenstern am Himmel.

… in den Morgen hinein

Wachet, denn ihr wisst weder Tag noch Stunde.

Die dritte Nachtwache, in den Morgen hinein.

Ach, dass doch Morgen würde.

Kraft, um zu befreien, ist bei Ihm, viel Kraft.

Die Dunkelheit leuchtet.

Noch manche Nacht wird fallen
auf Menschenleid und -schuld.
Doch wandert nun mit allen
der Stern der Gotteshuld.
Beglänzt von seinem Lichte,
hält euch kein Dunkel mehr,
von Gottes Angesichte
kam euch die Rettung her.

Meine Seele schaut aus nach Ihm, wie der Wächter hält Ausschau nach dem Morgen.

Psalm 130 in der Übersetzung von Huub Oosterhuis
Die Nacht ist vorgedrungen, Text: Jochen Klepper 1938

Dr. Kerstin Menzel ist Pfarrerin und wissenschaftliche Mitarbeiterin im Seminar für Praktische Theologie an der Theologischen Fakultät der Humboldt Universität zu Berlin sowie Mitglied der feinschwarz-Redaktion.

Bild: Benjamin Cole / unsplash.com

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