„Nichts ist, wie es scheint“: Studie über Verschwörungstheorien

Chemtrails ?

Verschwörungstheorien sind mal harmlos und wirken skurril, mal legitimieren sie populistische und demokratiefeindliche Strömungen. Simon Harrich stellt „Nichts ist wie es scheint“ von Michael Butter vor, eine lesenswerte Einführung ins Thema.

Die breite Masse sieht die Zeichen nicht, obwohl sie doch so klar zu sein scheinen: Wir werden kontrolliert, und zwar durch die Neue Weltordnung, die schon lange die Fäden der Geschichte in der Hand hält. Nicht nur ist sie für politische Großereignisse wie den 11. September oder das Attentat auf Kennedy verantwortlich. Auch arbeitet sie effizient, weil sie aus einem Netzwerk von Illuminaten besteht und weil ihre Mitglieder der außerirdischen Rasse der Reptiloiden angehören. Da sie uns durch regelmäßige Impfungen und Chemtrails gefügig macht, bleibt ihre Existenz den meisten Menschen verborgen.1

Wenn Sie auf feinschwarz.net diese kurze Buchbesprechung lesen, ist die Wahrscheinlichkeit eher gering, dass Sie sich sonst in den Teilen des Internets bewegen, in denen Verschwörungstheorien wie diese entwickelt, weitergeführt oder vermarktet werden. Vielleicht haben Sie von der einen oder anderen Behauptung schon einmal etwas gehört, vielleicht irritieren oder amüsieren sie Sie. Aber wahrscheinlich werden Sie die obigen Behauptungen ausnahmslos als illegitim zurückweisen.

Studie zu Verschwörungstheorien: wie sie funktionieren und was sie ausmacht.

Dabei gibt es durchaus Menschen und Gruppen, die solche Verschwörungstheorien zur Erklärung der Welt heranziehen. Wie dies funktioniert und was diese Theorien ausmacht, erklärt der Tübinger Amerikanist Michael Butter in „‚Nichts ist wie es scheint.‘ Über Verschwörungstheorien“ (erschienen bei Suhrkamp 2018). In seiner qualitativen Studie führt Butter ins Thema ein, greift dabei auf verschiedene Beispiele und Fallstudien zurück und erklärt Hintergründe mit bestehender und entstehender Forschung.

Was sind Verschwörungstheorien?

Verschwörungstheorien wie die Obengenannten haben gemeinsam, dass sie hinter zufälligen Ereignissen und komplexen Entwicklungen Zusammenhänge vermuten: „Wo andere Zufall und Chaos sehen, entdecken Verschwörungstheoretiker einen perfiden Plan“ (15). Diesen Plan decken sie vermeintlich auf und entwickeln Deutungen für gesellschaftliche Phänomene, in denen alles im Verborgenen miteinander zusammenhängt.

»Wo andere Zufall und Chaos sehen, entdecken Verschwörungstheoretiker einen perfiden Plan«

Dieser Zusammenhang ergibt sich daraus, dass hinter Ereignissen und Entwicklungen eine Gruppe von Verschwörer*innen steckt, die auf ein ganz konkretes Ziel hinarbeitet. Die Anhänger*innen einer Verschwörungstheorie sind in der Lage, diesen Plan zu durchschauen und die Zeichen zu lesen. Neue Ereignisse können sie so als Teil dieses Plans verstehen und in ihre Theorien integrieren. Sie erkennen und identifizieren die Widersacher, können auf diese Weise zwischen Gut und Böse unterscheiden und verstehen so Zusammenhänge, die der breiten Masse verschlossen bleiben.2 Butter bringt diesen, den Verschwörungstheorien eigenen Zusammenhang auf die drei Stichworte „Intentionalismus, Heimlichkeit und de[n] Dualismus von Gut und Böse“ (22f).

Dabei können die Verschwörer*innen aus unterschiedlichen Richtungen agieren (vgl. 29–31): Entweder von oben, wenn sich Eliten zusammentun, oder von unten, wenn die Gesellschaft unterwandert werden soll. Verschwörungen können dann von innen, also aus der Gesellschaft selbst, kommen oder sie von außen bedrohen, wenn fremde Mächte ihre Zersetzung vorantreiben wollen.

Verschwörungstheorien als heterodoxes Wissen

Verschwörungstheorien sind heute heterodoxes und illegitimes Wissen, das nur abseits des Mainstreams zur Erklärung der Welt zugelassen wird. Dass Verschwörungstheorien diesen Status haben, war allerdings nicht immer so. Butter zeigt, dass solche Theorien seit der frühen Neuzeit durchaus in allen Gesellschaftsschichten verbreitet waren und Erklärungsmuster für eine sich verändernde Wirklichkeit boten. Erst nach 1945 kam es zu einer Kritik und zu einer Verschiebung von „orthodoxem zu heterodoxem Wissen“ (152).

Durch das Internet sind Verschwörungstheorien schneller zugänglich, in Echokammern werden sie weiterentwickelt.

Die modernen Sozialwissenschaften begannen, Verschwörungstheorien mit ihrem methodischen Repertoire zu problematisieren und so die einfachen Ursache-Wirkungszusammenhänge der Theorien zu hinterfragen. In diese Zeit fällt auch die Entstehung des Begriffs der Verschwörungstheorie. Karl Popper, der diesen Begriff einführt, deckt mit einem epistemologischen Blick die Widersprüche der Theorien auf. So betonen Verschwörungstheorien die enorme Macht der Verschwörer*innen bei der Umsetzung ihrer Pläne und lassen dabei gesellschaftliche Zwänge und Zufälle weitgehend außer Acht. Verschwörungstheorien bieten damit, so die sozialwissenschaftliche Kritik, keine hinreichende Möglichkeit zur Erklärung der Welt.3

Im Nachgang dieser Kritik werden solche Theorien aus dem öffentlichen Diskurs meist ausgeschlossen und Verschwörungstheoretiker*innen müssen sich im kleinen Kreis austauschen, was die Reichweite reduziert. Heute wandelt sich dies: Durch das Internet sind Verschwörungstheorien schneller zugänglich, in Echokammern und fragmentierten Teilöffentlichkeiten werden sie weiterentwickelt und neue „Beweise“ präsentiert.

Verschwörungstheorien und Populismus

Manche Verschwörungstheorien können unproblematisch und harmlos sein, wieder andere können eine ideologische Basis für Populismen bieten. Butter macht auf Parallelen zwischen beidem aufmerksam:4 Populismen und Verschwörungstheorien teilen eine Elitenkritik miteinander, bei der der Antagonismus zwischen „Elite“ und „Volk“ moralisch aufgeladen wird. Beide erklären diesen Gegensatz mit einem radikal vereinfachten Wirklichkeitsverständnis. Und schließlich zielen beide auf eine idealisierte Wirklichkeit ab, die es zu bewahren gelte, die es jedoch tatsächlich nie gegeben hat.

Verschwörungstheorien werden dann problematisch, wenn sie zur Legitimation demokratiefeindlicher Strömungen beitragen.

Nicht jeder Populismus wird allerdings verschwörungstheoretisch begründet. Vielmehr sieht Butter Verschwörungstheorien als ein „nicht-notwendiges Element des populistischen Diskurses“ (175). Das heißt, Anhänger*innen einer populistischen Strömung können Verschwörungstheorien vertreten, müssen dies aber nicht. Da die strukturellen Ähnlichkeiten zwischen Populismen und Verschwörungstheorien groß sind, fällt es nicht weiter ins Gewicht, ob ein/e Anhänger*in nun eine Verschwörungstheorie zur Legitimierung ihrer populistischen Position heranzieht oder nicht.

Verschwörungstheorien werden dann problematisch, wenn sie zur Legitimation pluralitäts- und demokratiefeindlicher Strömungen beitragen. Deutlich wird dies z. B. an der Verschwörungstheorie des großen Austauschs, die Butter zu Beginn seines Buches in den Blick nimmt und die in rechtspopulistischen Kreisen immer wieder bemüht wird. Die Theorie behauptet, dass Flüchtlingsströme von Eliten geplant nach Europa gelenkt werden, um eine europäische Kultur durch eine islamische Kultur zu unterwandern. Nicht nur ist eine solche Theorie in ihrer Politikkritik durch den Dualismus „Elite“ – „Volk“ demokratiefeindlich, auch schürt sie durch die antiplurale Unterscheidung zwischen „europäisch“ – „islamisch“ Fremdenfeindlichkeit.

Was tun?

Insbesondere bei solchen antidemokratischen Verschwörungstheorien stellt sich die Frage „Was tun?“. Zwar nennt Butter einige Ansätze zur Kritik von Verschwörungstheorien oder für die Auseinandersetzung mit denjenigen, die sie vertreten. Dass es dadurch jedoch zu einem Perspektivwechsel kommt, ist auch wegen der identitätsstiftenden Funktion der Theorien unwahrscheinlich.

Sozialwissenschaftliche Bildung soll Menschen dagegen wappnen,  vereinfachende Perspektiven vorbehaltlos einzunehmen.

Den Schwerpunkt setzt Butter vielmehr auf Prävention: Verschwörungstheorien vereinfachen gesellschaftliche Prozesse radikal. Darum ist es notwendig, darüber aufzuklären, wie komplexe moderne Gesellschaften funktionieren. Dann wird in der Spur Poppers deutlich, warum Verschwörungstheorien als Erklärungen unzureichend sind. Butter fordert deswegen eine notwendige sozialwissenschaftliche Bildung, die er social literacy (229) nennt, und die Menschen dagegen wappnen soll, diese vereinfachenden Perspektiven vorbehaltlos einzunehmen. Butters Einführung selbst kann als ein theoretischer Baustein dieser social literacy verstanden werden.

Die Lektüre von Butters Buch lohnt: Erstens bietet er eine strukturierte Einführung in Verschwörungstheorien und hilft, diese einzuordnen, wenn man ihnen im Alltag begegnet. Zweitens finden sich aus theologischer Perspektive Anknüpfungspunkte. So wird Poppers Kritik auch theologisch rezipiert, z. B. bei Franziskus, der sie mit einem jesuitischen Wirklichkeitsverständnis verbindet.5 Gleichzeitig bleibt Butter hier Differenzierungen schuldig, wenn er nebenbei bemerkt, Verschwörungstheorien wie auch „Religionen“ stehen einem „adäquaten Verständnis der Wirklichkeit im Wege“ (221f). Drittens schließlich ist das Buch mit zahlreichen Beispielen ein Genuss für diejenigen Leser*innen, die neugierig darauf sind, wie und warum in unterschiedlichen Teilöffentlichkeiten, die sich wahrscheinlich von der eigenen unterscheiden, die Welt erklärt wird.

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Simon Harrich ist Pastoraltheologe und wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität Münster.

Bild: Wikimedia Commons; John Melekidis


  1. Die Beispiele stammen aus Butter, Michael: „Nichts ist, wie es scheint“. Über Verschwörungstheorien, Frankfurt a.M. 2018, 11. Auf das Werk von Michael Butter verweisen auch sämtliche Seitenzahlen im Text.
  2. In diesem Sinne identifiziert auch Michael Blume die Gnosis als antiken Verschwörungsglauben. Vgl. Blume, Michael: Angstgetrieben. Warum Verschwörungstheorien heute so populär sind, in: HerrKorr 70 (2016), Heft 7, 26–29, hier 26.
  3. Vgl. Butter, 154–155 sowie Blume, 27. Eine kurze Einführung von Popper selbst findet man in Popper, Karl: Wie ich die Philosophie sehe (gestohlen von Fritz Waismann und von einem der ersten Mondfahrer), in: ders.: Auf der Suche nach einer besseren Welt. Vorträge und Aufsätze aus dreißig Jahren, München 2009, 193–211.
  4. Vgl. den Abschnitt bei Butter, 170–178. Eine notwendige Differenzierung unterschiedlicher populistischer Ansätze nimmt Butter vor. Im Fokus liegen gesellschaftlich aktuelle rechten Populismen.
  5. Franziskus: Über die Selbstanklage. Eine Meditation über das Gewissen, Freiburg i.Br., 44.
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