„Nichts soll meine Schritte fesseln“. Der Aufbruch von Dichterinnen der Romantik

Nicht nur die Öffentlichkeit, sondern auch das empfindsame Ich war ein Sehnsuchtsort der Dichterinnen und Komponistinnen der Romantik, wie Lisa Strassberger im zweiten Teil ihres Beitrags zu diesem Thema darstellt.

Das empfindsame Ich, das sich in Liedern, Briefen und Gedichten ausspricht, ist ein zweiter Sehnsuchtsort der Romantik. Ein Vorreiter bei dieser Identitätssuche ist der Philosoph Johann Gottlieb Fichte: „Kant sei, lehrt Fichte, von dem ‚Ich denke‘ als von etwas gegebenem ausgegangen; das dürfe man aber nicht, sondern man müsse einmal beobachten, was in uns vorgeht, wenn wir das ‚Ich denke‘ denken. (…) Es bringt sich selbst hervor in der Reflexion, die ihrerseits eine Tätigkeit ist; es setzt sich. Das heißt: Dieses Ich ist keine Tatsache, kein Ding, sondern ein Ereignis. Das Ich ist in Bewegung, es lebt, wir spüren es in uns.“[1]

Ein Ich! Und Jetzt! Und Ich!

Für die Schriftstellerin Bettine von Arnim, schreibt der Herausgeber Dieter Kühn, „war der Brief das ideale Medium: keine weiten Erzählbögen, keine Handlungskonstruktionen, ein Ich! Und Jetzt! Und Jetzt! Und Ich! So dominiert sie in ihren Briefbüchern. Momente, Augenblicke, Situationen, oft mit Situationskomik.“[2] Die Sozialethikerin Hille Haker benennt als Grundlage für die sozialpolitischen Schriften Bettine von Arnims „ihre Auseinandersetzung mit Individualität und mit der eigenen – fiktionalisierten – Subjektwerdung. Für die Anerkennung individueller Subjektivität ist Bettine von Arnim eine überaus wichtige Schriftstellerin, denn sie arbeitet sich an einer Selbstkonstruktion ab, welche je neu zu entwerfen ist (…) Diese Auseinandersetzung vollzieht Bettine vor allem in Form literarischer Dialoge“.[3] Anders als Hegels „Kampf um Anerkennung“ auf Leben und Tod in der „Phänomenologie des Geistes“ sucht Bettine von Arnim „die dialogische Erfindung des Selbst (…), die ethisch als Akt der literarischen Freiheitssuche zu beschreiben ist.“[4]

Das lyrische Ich bringt sich im Gedicht zum Ausdruck, beobachtet sich und erschafft sich Trost und Erlösung: „In Tränen geh ich nun allein“ beginnt zum Beispiel ein Gedicht von Sophie Mereau und endet: „Und aus dem frischen Wasserreich steigt hell der Trost zu mir.“[5]

Das Vorwort zu jener Bewegung der Selbst-Ermächtigung

Romantik lässt sich als Epochenabschnitt, aber auch als Haltung begreifen, die quer zu den Epochen sich in einer Wechselbewegung nachvollziehen lässt: Neben dem Ebenmaß der in der Klassik rezipierten Antike drängt die Erfahrung des Unermesslichen ins Bewusstsein. Zur Gemessenheit der Vernunft tritt der Versuch Grenzen zu überschreiten und das Ganze zu umfassen, eine „Mythologie der Vernunft“[6] zu erfinden und der effizenzorientierten Sachlichkeit entgegenzuhalten. Neben Beobachtung und Betrachtung ist soziales Engagement, sind Taten gefordert aus dem Wunsch, die Welt zu verbessern. Als 1831 in Berlin die Cholera ausbricht, setzt sich Bettine von Arnim für die Armen in den Elendsvierteln Berlins ein und wird ihr Sprachrohr – im Armenbuch oder im Königsbuch. „Die alten Weiber sind euch ein Greuel (…) Es sind die, deren Söhne, deren Männer im Krieg Kanonenfutter wurden, oder als Krüppel heimkamen! Sie sind Raubgesindel geworden, die ihrigen zu ernähren, das war ihrer erregten Rache, Bosheit und Tücke willkommne Genugtuung! Es war ihnen Ersatz dafür, daß man sie völlig im Staat ignorierte (…) sie behandelte wie die Hunde.“[7] Sie kämpft leidenschaftlich und erfolglos 1848 für politische Freiheit und sozialen Ausgleich. Den Besitzenden rät sie: „so mach er statt Luxus-Anlagen von Tempel und Grotte und tanzenden Wassern, – Anlagen für Heimatlose, und sein Sommerplaisir die inglish cottage mach er zur deutschen Hütte worin deutsche Armut sich erholt; den englischen Rasen teil er aus zu Feldern für Kartoffel und Brot und er ist Edelmann, wer wird widersprechen.“[8] Bettine von Arnim ist zusammen mit anderen Schriftstellern wie Heinrich Heine und Georg Büchner den christlichen Kirchen in dieser Gesellschaftsanalyse voraus. Die Katholische Kirche, merkt Hille Haker an, greift die Verelendung der Arbeiterschaft in den Ländern Europas erst gegen Ende des 19. Jahrhunderts auf. Bettine von Arnims Schriften „lesen sich wie das Vorwort zu dieser Bewegung der Selbst-Ermächtigung derjenigen Schicht, die durch Armut und Unterdrückung ‚von sich nichts weiß, weil sie nie einen sorglosen Augenblick hatte wo sie sich selbst konnte gewahr werden, sondern ewig am Strang der Bedürfnisse zog.’“[9]

Der Dichter Novalis formuliert das Leitmotiv seiner Epoche: „Die Welt muss romantisiert werden“. Die Tendenz zur Überforderung liegt nahe. Auch deshalb passt in eine solche Weltsicht eine neu angeeignete, christlich geprägte Religion. Im Glauben an die Menschwerdung kann sich das Ich in seinen Grenzen erhoben und geborgen, mit dem großen Ganzen vereint und zu Besserem berufen fühlen. Aber auch Scheitern, individuelles Leid, persönliche Krisen, Liebesenttäuschungen, Schwermut und Desillusion werden im Wissen um die Exil- und Passionserfahrungen der Bibel reflektiert und bearbeitet.

Die Reflexion der Glaubensproblematik des modernen Menschen

Bereits 1819 hatte Annette von Droste-Hülshoff begonnen, einen Zyklus von geistlichen Liedern auf die Sonn- und Festtage des Kirchenjahres[10] zu verfassen. „Die Lieder trugen, wie die Droste festhielt, die Spuren eines vielfach gepreßten und getheilten Gemüthes. Nicht frommer Andachtston und religiöse Erbauung bestimmen Inhalt und Aussage, sondern die Reflexion der Glaubensproblematik des modernen Menschen. Die so als Erbauungspoesie völlig ungeeigneten geistlichen Gedichte bezeugen das Ende der alten Frömmigkeit. Es spricht kein getröstetes Ich, das seinen Halt in Gott findet, sondern ein zutiefst irritiertes, verzweifelt darüber, dass das Wissen den Glauben zerstört hat; ein Ich, das auch in der Natur kein antwortendes Gegenbild, sondern überall Unheimliches, Abgründiges, Dunkles entdeckt. Nur mit äußerster Anstrengung finden ihre Texte zur Hoffnung auf Erlösung zurück. In der ersten Phase gelang es Droste, den Zyklus bis zum Gedicht auf das Osterfest voranzubringen, dann brach sie die Arbeit ab. Erst zwanzig Jahre später, ab 1839, konnte sie die Arbeit wieder aufnehmen und das Geistliche Jahr weitgehend vollenden.“[11] Der Zyklus zählt heute zu den herausragenden Beispielen geistlicher Lyrik.

Neben der vergewissernden Auseinandersetzung mit dem Christentum gibt es die Hinwendung zu Sonderformen des Katholizismus wie beim späten konvertierten Clemens Brentano[12], aber auch Tendenzen zur Verabsolutierung der Kunst, der Schönheit, der Natur, der menschlichen Schöpferkraft mit der Gefahr der Ideologisierung. Dagegen wird mit den Stilmitteln der Arabeske und Ironie das ersehnte Erhabene durch die vielfältige Verzweigung oder durch die Brechung hindurch angezielt und bewahrt. Oder die Musik tritt als romantischste der Künste auf den Plan wie bei E. T. A. Hoffmann. Dieser romantische Dichter und Komponist hielt die Instrumentalmusik von Haydn, Mozart und vor allem die von Beethoven für die Verkörperung der „romantischen Musik“: „Die Musik schließt dem Menschen ein unbekanntes Reich auf; eine Welt, die nichts gemein hat mit der äußern Sinnenwelt und in der er alle durch Begriffe bestimmbaren Gefühle zurückläßt, um sich dem Unaussprechlichen hinzugeben.“[13]

[1] Safranski, Rüdiger: Romantik. Eine deutsche Affäre, München 2007, S. 75.

[2] Kühn, Dieter: Vorwort, in: Bettina von Arnim. Aus meinem Leben, hg. von Dieter Kühn, Frankfurt am Main 1982, S. 44.

[3] Haker, Hille: Zur Bedeutung der Schriften Bettine von Arnims, in : Bunzel, Wolfgang u.a (Hg): Mit List und Tücke Widerstand leisten, Berlin 2010, 125-138, S.125f.

[4] Haker, Bedeutung, 126.

[5] Mereau, Sophie: In Tränen geh ich nun allein, http://www.wortblume.de/dichterinnen/intrageh.htm, aufgerufen am 26.2.2016.

[6] Safranski, Romantik, S.261.

[7] Keul, Hildegund: Brot teilen nach Recht und Gerechtigkeit. Bettine von Arnims „Schwebe-Religion“ und ihre sozial-politische Bedeutung, in: Bunzel, Wolfgang u.a (Hg): Mit List und Tücke Widerstand leisten, Berlin 2010, 77-90, S.85.

[8] Keul, Brot teilen, 86.

[9] Haker, Bedeutung, S. 128, zitiert aus einem Brief Bettine von Arnims an Friedrich Wilhelm IV vom 18.7.1845.

[10] Vgl. das Droste-Portal der » Literaturkommission für Westfalen beim Landschaftsverband Westfalen-Lippe, https://www.lwl.org/droste-download/bilder-download/Biographie-Zeitleiste-geistlichesjahr-1143619457_0.jpg, aufgerufen am 4.3.2016.

[11] http://www.lwl.org/LWL/Kultur/Droste/Werk/Lyrik/GeistlicheGedichte#jahr, aufgerufen am 4.3.2016.

[12] Auf der Suche nach einer seiner neuen Religionsauffassung entsprechenden Aufgabe zeichnet Brentano ab 1818 die Visionen der stigmatisierten Nonne Anna Katharina Emmerick in Düren auf, die er nach deren Tod zu einer Trilogie gestaltet.

[13] Kerstin Windisch: Integration von Elementen der Bildenden Kunst und der Musik dargestellt an E.T.A. Hoffmanns  „Die Fermate“ – Die Musik-Text-Relationen der „Fermate“. 29.01.2003, http://www.goethezeitportal.de/wissen/projektepool/intermedialitaet/autoren/eta-hoffmann/die-fermate/musik-text-relation.html, aufgerufen am 4.3.2016.

Lisa Strassberger / Bild: Wilhelmine Wulff/pixelio.de

(Zweiter Teil des Beitrags vom 31. März 2016)

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