Hast du dich darüber gefreut, dass du am Leben bist? Erste Einblicke in die österreichweite Jugendstudie

Bild: Timothy Choy (unsplash)

2011 und 2017 wurden im westlichsten Bundesland Österreichs zwei Studien zu „Lebenswelten. Werthaltungen junger Menschen in Vorarlberg“ veröffentlicht. Vor kurzem erschien diese Jugendstudie der österreichischen Pädagogischen Hochschulen erstmals für ganz Österreich. Helga Kohler-Spiegel zu ersten Ergebnissen.

Im Zeitraum von März bis Juni 2020 wurden in einer repräsentativen Erhebung knapp über 23.000 Jugendliche über ein standardisiertes internetbasiertes Rückmeldeinstrument befragt, nach Bereinigung des Datensatzes konnten die Rückmeldungen von 14.432 Schülerinnen und Schülern aus ganz Österreich zur Auswertung herangezogen werden. Der Befragungszeitraum fiel in die Zeit des ersten Covid-19-bedingten Lockdowns.

Diese große Anzahl an Jugendlichen im Alter von 14 bis 16 Jahren wurden über Lebensziele, Einstellungen und Lebensbedingungen befragt, z.B. Wie sehen die Jugendlichen ihre Zukunft? Welche Ziele haben sie? Was ist ihnen wichtig? Was erwarten sie von einer Partnerschaft? Wie wichtig ist ihnen ihre schulische Ausbildung? Was tun sie in ihrer Freizeit und welche Erwartungen haben sie an ihren künftigen Beruf? Wie denken sie über Demokratie und über Integration? Ausgewertet wurden die Fragebögen für Österreich und für einzelne Bundesländer im Blick auf Geschlecht, Schultyp, Bildungshintergrund, sozioökonomischer Hintergrund, Herkunftsland, Familiensprache und Wohnregion.

Zukunftserwartungen

Insgesamt zeigen die Ergebnisse, dass Jugendliche durchaus positiv in die Zukunft blicken und mehrheitlich daran glauben, dass sie ihre Ziele erreichen können. Je höher der sozioökonomische Status der Familie ist, desto positiver sehen die Jugendlichen ihre Zukunft. Besorgniserregend sind jene 14- bis 16-Jährigen, die ihrer Zukunft offenbar eher wenig bis sehr wenig Positives abgewinnen können.

Zugleich aber tragen die Jugendlichen Sorgen mit sich, die offensichtlich nicht den grundsätzlich positiven Blick in die Zukunft verhindern. Hauptsorge sind Umwelt und Klima, gefolgt vom Auseinanderbrechen der Familien und der Angst, eine schwere Krankheit zu bekommen. Jugendliche aus finanziell weniger privilegierten Familien sorgen sich stärker um ihre zukünftige Arbeitsmarktintegration und befürchten häufiger, dass ihre Familie zerbricht oder auch verarmt. Dies gilt insbesondere für Jugendliche, deren familiäres Herkunftsland Syrien, Türkei oder Bosnien und Herzegowina ist.

 

Werthaltungen und Wertorientierungen

Die bedeutendsten Werte für Jugendliche sind gute Beziehungen zu den für sie wichtigen Menschen (sehr wichtig: 87%), sich für Freundinnen und Freunde einzusetzen (sehr wichtig: 72%) sowie eine gute Ausbildung zu absolvieren (sehr wichtig: 75%). Zudem wollen viele von ihnen das Leben in vollen Zügen genießen (sehr wichtig: 68%).

Es lassen sich vier Wertetypen unterscheiden: Materialisten (25%) legen verstärkt Wert auf einen hohen Lebensstandard sowie darauf, Macht und Einfluss zu haben. Erfolgsorientierten (29%) geht es um beruflichen Aufstieg, dabei sind Schule und Leistung für sie sehr wichtig. Idealisten (29%) vertreten eine tolerante Einstellung und sorgen sich um Umwelt und Klima. Zögerliche (18%) haben wenig Ziele und beurteilen ihre Gesundheit und Zukunft selten positiv.

 

Lebensgefühl und Gesundheit

Es ist ein gesellschaftliches Anliegen, dass es Kindern und Jugendlichen gut gehen soll, zudem gilt die Lebensphase Jugend als weichenstellend für die Gesundheit in späteren Lebensphasen. Aus diesem Grund lag ein Fokus der Lebensweltenstudie auf der Frage nach dem Lebensgefühl und dem körperlichen und psychischen Wohlbefinden sowie dem Vorhandensein von Beschwerden.

 

 

Körperliches Wohlbefinden

Den meisten Jugendlichen geht es gesundheitlich gut. 21% der Mädchen beschreiben ihre Gesundheit als „ausgezeichnet“, weitere 43% als „sehr gut“, bei den Buben sind es deutlich mehr (30% und 43%), die sich gesund, fit, wohl und voller Energie fühlen. Dies darf aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass Schülerinnen und noch stärker Jugendliche mit diverser Geschlechtsidentität Beschwerden und ein niedrigeres Wohlbefinden benennen. Auch gibt es einen Zusammenhang zwischen dem sozioökonomischen Hintergrund der Jugendlichen und ihrem gesundheitlichen Befinden: Sozioökonomisch benachteiligte Jugendliche berichten häufiger ein weniger positives Befinden.

Psychisches Wohlbefinden

Lebensfreude und Lebenszufriedenheit sind bei 26% der weiblichen und 41% der männlichen Jugendlichen sehr hoch. Bei etwa 5% aber ist das psychische Wohlbefinden erheblich eingeschränkt. Mädchen und Jugendliche mit niedrigem sozioökonomischem Status sind hiervon verstärkt betroffen.

Beschwerden

Ein Drittel der weiblichen und fast 60% der männlichen Jugendlichen geben an, (nahezu) beschwerdefrei zu sein. Am häufigsten werden Einschlafprobleme genannt, gefolgt von Kopf-, Rücken- oder Bauchschmerzen. Eindrücklich, dass 17% der weiblichen Jugendlichen, 9% der männlichen und 19% der divers von „dauernden Einschlafproblemen“ berichten. Auch hier sind wieder weibliche und diverse Jugendliche sowie junge Menschen mit niedrigem sozioökonomischem Hintergrund besonders betroffen. In diesem ersten Covid-19-Lockdown wurde im Befragungsverlauf eine leichte Verbesserung des Wohlbefindens, sowohl körperlich wie psychisch, sichtbar.

Schule und Gesundheit

Geringe Schulleistungen, Stress und Mobbing stellen ein erhebliches Risiko für die Gesundheit junger Menschen dar. Schule ist somit eine wichtige Quelle von Gesundheitsbeeinträchtigungen. Vor allem Jugendliche, die durch geringe Schulleistungen, Stress und Mobbing mehrfach belastet sind, haben hier ein erhebliches Gesundheitsrisiko. Auffallend ist, dass Schülerinnen und Schüler mit schlechten Schulleistungen signifikant stärker unter den genannten Beschwerden leiden.

Die Datenmenge in der Studie „Lebenswelten 2020 – Werthaltungen junger Menschen in Österreich“ ist immens. Umso mehr gilt die Einladung, diese Aussagen und Einschätzungen der Jugendlichen selbst wahrzunehmen und zu verstehen lernen, wie sich die Jugendlichen selbst sehen, was ihnen wertvoll und wichtig ist, worunter sie leiden und was sie für ihre Zukunft wollen – um die Belastungsfaktoren der jungen Menschen zu reduzieren und ihre Entwicklung zu unterstützen.
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Zu den Studien mit allen Daten:

JUGENDFORSCHUNG PÄDAGOGISCHE HOCHSCHULEN ÖSTERREICHS (Hg.): Lebenswelten 2020. Werthaltungen junger Menschen in Österreich, Innsbruck: Studienverlag 2021 (=FokusBildungSchule, Band 10).
QUENZEL, Gudrun / BÖHEIM-GALEHR, Gabriele (Hg.): Lebenswelten 2021. Werthaltungen junger Menschen in Vorarlberg, Innsbruck: Studienverlag 2021 (=FokusBildungSchule, Band 11).
BÖHEIM-GALEHR, Gabriele / KOHLER-SPIEGEL, Helga: Lebenswelten – Werthaltungen junger Menschen in Vorarlberg 2016, Innsbruck: Studienverlag 2017 (=FokusBildungSchule, Band 9).
BÖHEIM-GALEHR, Gabriele / KOHLER-SPIEGEL, Helga: Lebenswelten – Werthaltungen junger Menschen in Vorarlberg, Innsbruck: Studienverlag 2011 (=FokusBildungSchule, Band 1).

Dr. Helga Kohler-Spiegel ist Professorin für Human- und Bildungswissenschaften an der Pädagogischen Hochschule Vorarlberg und Redakteurin von feinschwarz.net.

Siehe von ihr auch:

Eltern sind sehr wichtig. Und gute Manieren auch

 

 

 

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