Psalm für einen Kardinal: Wie Papst Franziskus dem Rücktrittsangebot von Kardinal Marx einen eigenen Schluss anhängt

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Paul Kreiner hat den Brief von Papst Franziskus an Kardinal Marx gelesen – und er musste an Psalm 51 denken. Eine Lektüre gegen den Strich.

Es ist „Tag eins“ nach dem aufsehenerregenden, so weltöffentlich-intimen
Brief, mit dem Papst Franziskus den Rücktritt des Münchner Erzbischofs,
Reinhard Kardinal Marx, ablehnt.

Es ist außerdem Freitag, und deswegen kommt mir Psalm 51 in den Sinn,
der tragende, Woche für Woche gebetete Bestandteil der Laudes.
Franziskus erwähnt den Text an keiner Stelle, mir ist aber, als hätte er
seinen Brief nach diesem Muster gestrickt*, bis hin – und darauf will
ich hier hinaus – zu dessen doppeltem, in sich widersprüchlichen Schluss.

Psalm 51 ist durchgängig ein  Schuldbekenntnis und ein Anrufen der Gnade
Gottes gleichzeitig. Er fängt an: „Gott, sei mir gnädig nach deiner
Huld, tilge meine Frevel nach deinem reichen Erbarmen“; er geht weiter
mit Sätzen wie: „Verbirg dein Gesicht vor meinen Sünden“, und sogar:
„Befrei mich von Blutschuld…“

Schlachtopfer willst du nicht

Und dann geht’s auf jenes Ende zu, in dem der so sündig Betende seine
schiere Unwürdigkeit vor Gott betont: „Schlachtopfer willst du nicht;
ich würde sie dir geben. An Brandopfern hast du kein Gefallen. Das Opfer
vor Gott ist ein zerknirschter Geist; ein zerbrochenes und zerschlagenes
Herz wirst du, o Gott, nicht verschmähen.“

Hier könnte der Psalm enden: jeder Betende schleicht davon, geht in
sich, sein Gewissen erforschend, und schweigt erst mal. Mit einer solche
Stelle – in unausgesprochener literarischer Parallele jedenfalls – hat
auch Kardinal Marx sein Rücktrittsangebot an den Papst beendet. Und
beide Texte lassen offen, was danach geschehen wird.

Hand einer verfassten Priesterschaft

Der Psalm geht aber weiter, und mir kommt immer vor, als hätte da die
redaktionelle Hand einer verfassten Priesterschaft – unzufrieden mit
einem individualistischen, letztlich dem organisierten Kult feindlichen
Schuldeingeständnis – einen Zusatz angehängt, um die eigene Institution
zu retten: „In deiner Huld [o Gott] tu Gutes an Zion, bau die Mauern
Jerusalems wieder auf. Dann hast du Freude an rechten Opfern, an
Brandopfern und Ganzopfern; dann opfert man Stiere auf deinem Altar.“

An dieser Stelle verschwindet jedes Reden von eigener Schuld; da geht’s
nur mehr darum, dass die Mauern und Bastionen des Heiligtums wieder
hochgezogen werden, damit „der Betrieb“ wieder auf gewohnte Weise
funktioniert und jede Störung außen vor bleibt.

Damit ist die Institution wieder mal gerettet

Genauso lässt es Franziskus nicht bewenden bei Marx‘ Schuldbekenntnis,
das dieser ja auch noch – wie der berühmte „kollektive Beter“ der
Psalmen – nicht für sich allein ausgesprochen hat, sondern in wiederum
weltöffentlich-intimer Inszenierung stellvertretend für alle seine
Amtsbrüder. Franziskus sagt (in meiner Umschreibung): Querido hermano,
lieber Bruder, du hast bei dir begonnen, und jede Erneuerung beginnt bei
einem selbst; du hast mutig, zerknirscht und verantwortungsvoll deine
Schuld und die der Kirche eingestanden. Aber du kannst, du darfst dich
jetzt nicht im Schweigen davonschleichen. Vielmehr, lieber Bruder, mach
weiter. Nicht als Büßer in einem abgelegenen Kloster, sondern an jener
Stelle in der Hierarchie, an der du jetzt stehst: als Leiter einer
Teilkirche, als Erzbischof, mitten in der Kirche, in vorderster Linie.

Damit ist am Ende, wie in Psalm 51, wieder einmal die Institution
gerettet. Die Mauern ums Heiligtum werden restauriert, neu aufgebaut,
neu geweißelt, dann hat ER wieder Freude an unseren Opfern, die so
beruhigend-gewohnt ausfallen können wie vorher. Störungen bleiben
draußen, „Soziologismen und Psychologismen“ ebenso.  Strukturreformen
braucht es nicht, sie führen ja nur zu tendenziell hoffnungslosen
Konflikten, und „ein synodaler Weg“, wie Marx ihn – selber schon halb
distanziert von dem „Synodalen Weg“ in Deutschland“ – als „Wendepunkt
aus der Krise“ noch anrät, taucht bei Franziskus schon gar nicht mehr auf.

Es herrscht wieder Ruhe im Land. Und das ist beunruhigend.

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Paul Kreiner ist Journalist.

Bildquelle: Pixabay

 

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