Radikale Gegenwart. II

Erfahrungen und Reflexionen zu den aktuellen Konstellationen der Theologie nach vielen Jahren professioneller theologischer Existenz, Teil II. Von Rainer Bucher

Hilft der Theologie, dass sie, weit mehr als die meisten anderen Wissenschaften, konstitutiv Teil eines spezifischen Sozialraums ist, aus dem sie stammt, für den sie zuallererst arbeitet und der ja immer noch einigermaßen stattlich, ressourcenreich und gesellschaftlich gut vernetzt und rechtlich abgesichert ist? Hilft ihr nicht, dass sie auch kirchliche Wissenschaft ist? Leider weit weniger als möglich. Nicht dass in der Pastoralgemeinschaft Kirche nicht diskutiert, geglaubt, geliebt, gesorgt, gefeiert und Gott gelobt wird, nicht dass in ihr nicht Menschen sich einsetzen für Barmherzigkeit und Gerechtigkeit und somit getan wird, was das Evangelium will und ist.

Kirche hat, was wir bräuchten in Zeiten des Kapitalismus

Nicht dass in ihr nicht viel, sehr viel gespeichert wäre von dem, was wir heute in Zeiten eines kulturell hegemonial gewordenen Kapitalismus[1] bräuchten, gespeichert in ihren spirituellen und weisheitlichen Traditionen, in ihrer Volksfrömmigkeit, in ihren diakonischen und liturgischen Traditionen und Institutionen und, natürlich, auch in ihrer großen, alten und würdigen Theologie. All dies ist voller Schätze und ich hätte mein Leben als professioneller Theologe weder gewagt noch durchgehalten, hätte es nicht immer wieder die Erfahrung des intellektuellen wie lebensweltlichen Reichtums dieses thesaurus ecclesiae gegeben.

Aber da sind halt dann auch diese Verdunkelungen und Verdüsterungen. Sie lassen sich in zwei Kategorien einteilen. Da gibt es die ärgerlichen Bremsen, diese völlig unnötigen Blockaden, die verhindern, dass die kirchliche Tradition Dynamik entwickelt. Es sind dies allesamt Versuche, an katholischen Identitätsmarkern festzuhalten, die genau dazu nicht taugen: katholische Identität zu markieren. Das allein schon deshalb, weil sie es so demonstrativ wollen. Man merkt die Absicht und ist verstimmt: intellektuell wie spirituell. Schlimmer noch: Über diese demonstrativen Identitätsmarker verrutschen die christlichen Relevanz­hierarchien.

Verdunkelungen und Verdüsterungen

Das gilt für eine Sexual­moral, die niemandem mehr hilft und an die daher niemand mehr glaubt und sich hält, das gilt für ein asymmetrisches Geschlechter­verhältnis, das seine Legitimität nicht nur vor ge­sellschaftlichen, sondern auch vor christlichen Plausibilitäten längst verloren hat, das gilt für eine klerikale Herrschaftsordnung, die außerhalb klerikaler Kreise schlicht nicht mehr anerkannt wird und selbst in ihnen nur noch bei jenen, die sie als Identitäts­korsett brauchen.

Ganz dunkel aber wird es, wenn man dem Blick auf die „dark side of the moon“ der Kirche nicht mehr ausweicht, ausweichen kann. Das passierte mir früh. Vom Würzburger „Modernisten“ Herman Schell, der bis übers Grab von Rom verfolgt wurde, über Friedrich Nietzsches „Es gab nur Einen Christen, und der starb am Kreuz“, zu Jahren in der Kirchen­geschichte, die eben, schaut man nur näher hin, tatsächlich zumindest auch eine Kriminalgeschichte ist, über die Erkenntnis schließlich, dass die kirchliche Pastoral­macht so oft nicht autorisierte und befreite, sondern unterdrückte und beschädigte, bis zur jüngsten, der schrecklichsten Erkenntnis, dass geistliche und sexualisierte Gewalt verbreitet war und ist in der katholischen Kirche: Das kirchliche Dunkelfeld warf seine Schatten, wo immer ich auf meinem theologischen Weg auch war, und die Schatten wurden immer länger.

Damit kein Missverständnis bleibt: Ohne das Bewusstsein der permanenten Bedrängung durch diese Dunkelseite unserer Geschichte und Existenz hätte ich letztlich nicht Theologe bleiben können. Denn dann hätte ich ja die Augen verschlossen vor dem, was doch so offenkundig ist: dass wir in der gefallenen Natur leben, dass wir gefallene Natur sind, dass auch Kirche und Theologie Teil dieser gefallenen Natur sind. Paulus nennt sich selbst Apostel, aber eben auch „verworfen“, Petrus wird Fels, aber eben auch Satan genannt. „Was ist es, das in uns lügt, hurt, stiehlt und mordet“[2], fragt Danton bei Büchner, was es genau ist, das wissen wir immer noch nicht wirklich, auch wenn die Angst ein erster Antwortanwärter sein dürfte. Dass der zivilisatorische Boden dünn, hauchdünn ist, auf dem wir stehen, individuell wie kollektiv, das ist eine empirisch belegte Tatsache. Die „Güte ist“ aktuell, wie es bei Brecht heißt, ja tatsächlich „wieder einmal schwächlich und die Bosheit“ nimmt „an Kräften wieder einmal zu.“[3]

Ob die Kirche, ob die Theologie, ob der Glaube der Frage Dantons standhalten? Nicht erst der Missbrauchsskandal macht das zu einer wirklich offenen Frage. Die Empathie­losigkeit gegenüber dem Leiden der Betroffenen ist ein beschämendes Dementi der eigenen Existenz und entspricht der Verleugnung Jesu durch Petrus. Denn sie schlug die Opfer ans Kreuz. Auch die Theologie hat lange nichts bemerkt oder bemerken wollen und mein Fach, die Pastoraltheologie, muss sich dessen noch ein wenig mehr schämen als andere Disziplinen.

Kernaufgabe der Pastoraltheologie ist die Selbstaufklärung der Kirche über sich.

Diese Kirche mit ihren Schätzen, ihren Blockaden und ihren dark sides ist Thema, Ort und Perspektive meines Faches. Die Kernaufgabe der Pastoraltheologie ist die Selbstaufklärung der Kirche über sich an einem spezifischen Ort, zu einer spezifischen Zeit. Das zieht mein Fach, ein Krisenfach von Anbeginn, hinein in die Konfliktzonen der Gegenwart und diese Konflikte werden zunehmen, werden schärfer werden, werden härter werden. Denn die Entbettung des Religiösen aus seiner kulturellen Selbst­verständlichkeit führt zu kulturkämpferischen Polarisie­rungs­effekten mit enormen politischen Folgen – sie sind denn auch auf allen Ebenen zu beobachten. All die progressiven wie konservativen Harmoniekonzepte, welche die katholische Kirche so lange, vor-, aber auch nachkonziliar, geprägt haben, sie fallen gegenwärtig in sich zusammen wie ein Kartenhaus. Besitzt die Kirche die geistlichen, intellektuellen, strukturellen und institutionellen Ressourcen, diese radikal prekäre Gegenwart zu bestehen?

Viele strukturelle Ressourcen dafür fehlen uns, weil die katholische Kirche gemeint hat, entsprechende Regelungs­mechanismen, die der moderne Staat und seine Zivilgesellschaften auf Grund dramatischer eigener Abstürze entwickelt haben, nicht zu benötigen. Das rächt sich, wie noch jede Rechthaberei. Wir gehen mit einer weitgehend dysfunktionalen Sozialgestalt von Kirche in die nach-konstantinische Epoche religiöser Selbstbestimmung. Und dass die geistlichen und spirituellen Ressourcen der Jesus-Botschaft die dark sides nicht verhindert haben, das ist fast noch erschütternder. Denn was sagt das über ihre Geltung in der real existierenden Kirche?

Der Niedergang der konstantinischen Formation der Kirche ist nicht aufzuhalten und man kann ihn nur begrüßen.

Der Niedergang der konstantinischen, sanktionsbewährten Formation der Kirche ist nicht aufzuhalten und man kann ihn nur begrüßen. Er ist die Voraussetzung für die Zukunft von Kirche und Glauben und Präsenz des Evangeliums. Aber haben wir eine Vorstellung vom Danach? Und wie wir zu ihm kommen? Kann der Glaube der Einzelnen die Kirche retten? Oder ihre radikale institutionelle Reform? Oder wenn nur beides zusammen: Wie käme es zusammen? So viele argumentative Oppositionen jedenfalls, die heute im kirchlichen Raum immer noch herumschwirren, stimmen ob ihrer Falschheit nur traurig: Evangelisierung gegen Kirchenreform, Frömmigkeit gegen Autonomie, Glaubenstreue gegen Geschlechter­gerechtigkeit.

Lassen Sie mich hier an eine beeindruckende Frau erinnern: an Frau Dr. Dr. Ingeborg Janssen. Mehrere Semester besuchte sie als ältere Dame meine Vorlesungen. Sie hatte 1953 in Philosophie promoviert, 1961 wurde sie als erste Frau an unserer Fakultät in Theologie promoviert. Worüber? Über das Diakonat der Frau und mit dem Ergebnis, dass nichts gegen die Weihe von Frauen zu Diakoninnen spricht. 1961, vor über 60 Jahren war das – und nichts, nichts hat sich seither geändert. Wie lange soll das eigentlich noch so weitergehen?

Die Zeiten sind wahrhaft nicht dazu angetan, dass Theologie brav wird. Denn dann wird es weitergehen wie bisher.

Die akademische Theologie jenseits früherer Erhabenheit und Selbstherrlichkeit

Die Theologie steht jedenfalls nicht unschuldig beobachtend am Wegesrand. Auch sie kennt die Versuchungen der Macht und hat eine Geschichte mit diesen Versuchungen. Schon seit längerem erlebt sie aber die Erfahrung der gerechten Erniedrigung und spätestens in meiner Generation hat sie sich dieser Erfahrung auch gestellt. Dies ist eine große Chance. Nicht nur, dass darin die Möglichkeit liegt, wieder zur Avantgarde der Kirche zu werden. Wichtiger noch: Die akademische Theologie kam so weg von aller früherer Erhabenheit und Selbstherrlichkeit. Sie wurde hineingezwungen in den Habitus demütigen Selbst­bewusst­seins, der entdecken hilft, was unter den Gesteinsschichten des akademischen Stolzes, der gelehrten Rechthaberei und der feinziselierten Spitzfindigkeit so oft verschüttet wurde: die Würde, die Faszination, die Fremdheit und die Schönheit der Botschaft Jesu.

Theologie jenseits ihrer klassischen Konstellationen und Settings

Vielleicht bräuchte es ja in Zukunft eine Theologie, die sich nicht so sehr an den klassischen Fachtraditionen, nicht an den klassischen Fragestellungen und Traktaten orientiert, sondern an den tatsächlich revolutionär neuen Konstellationen, in denen sie heute betrieben wird[4], vielleicht bräuchte es ganz neue Settings, bräuchte es andere Orte, in denen und an denen akademische Theologie getrieben wird, damit sie – als akademische – deutlich mehr nach „Volk und Straße“ und damit Gegenwart riecht, wie Papst Franziskus gefordert hat [5], und der „Dienst am Außen korreliert“ mit der „Hinwendung zum eigenen Innen“,[6] wie Maria Elisabeth Aigner postuliert. Und ganz sicher bräuchte es eine Theologie, welche diversity nicht als Bedrohung, sondern als Notwendigkeit begreift, weil nur mit ihr und in ihr die Würde, die Faszination, die Fremdheit und die Schönheit der Botschaft Jesu zur Geltung gebracht werden kann.

Die Würde, die Faszination, diese Fremdheit, Einzigartigkeit und Schönheit der Botschaft Jesu

Womit ich der entscheidenden Frage meiner Jahrzehnte als Theologe und meiner theologischen Existenz nicht länger ausweichen kann und will: Worin besteht die Würde, die Faszination, diese Fremdheit, Einzigartigkeit und Schönheit der Botschaft Jesu – für mich?

Ich fasse es mit einem Autor, der das Christentum von außen betrachtet, ihm wahrlich nicht verpflichtet und dessen intellektuelles Zeugnis daher höchst glaubhaft ist: Slavoj Žižek.[7] Ihn faszinieren drei Elemente an Jesus und ich teile diese Faszination: die von Jesus postulierte Möglichkeit des radikalen Neuanfangs, Jesu Fähigkeit, die Logik der Rache zu durchbrechen, und schließlich die im Christentum festgehaltene Einsicht in die unübersteigbare Rätselhaftigkeit des Menschen, die durch das Sich-Einreihen Gottes in die Menschheit symbolisch festgehalten sei.

Zusammen mit der im Christentum immer eingeräumten Möglichkeit, Gott auch noch in seinem Entzogensein nicht zu verlieren, sind das auch für mich die großen und schönen und geradezu unglaublichen Versprechen des christlichen Glaubens: die Notwendigkeit, aber auch Möglichkeit des radikalen Neuanfangs, das Durchbrechen der Logik der Rache und des Ressentiments, und der Abstieg Gottes in seine Schöpfung bis hinab in deren dark sides, in deren Totenreiche. Denn das bedeutet: Nicht erst im Sieg über das Leiden wartet Gott auf uns, sondern im Grab unserer Ängste und Verzweiflungen.

Die Entdeckung einer anderen Welt

Wo man daran glaubt, entdeckt man eine andere Welt. In ihr stehen die Armen vor den Reichen, die Ohnmächtigen vor den Mächtigen, die Kleinen vor den Großen, in ihr geht die Person vor der Institution, in ihr gibt es ein Recht auf Schwäche, auf Andersartigkeit, auf Verrücktheit, auf Eigen­brötlertum, in ihr herrscht die Anti-Ökonomie der Verschwendung (Bataille) eher als die Ökonomie der Verzweckung, in ihr herrscht eher die Subversion der Wunder als die Logik der ökonomischen oder gar religiösen Verwaltung der Welt, in ihr sind die Horizonte offen und wird die Freiheit geliebt und in ihr ist der Blick Gottes und seiner Gläubigen liebevoll gerichtet auf jene, die der Gnade, der Gerechtigkeit und der Sorge am meisten bedürfen.

Damit bin ich an einem Punkt, wo jede professionelle Theologie an ihr mehr oder weniger hilfloses Ende kommt – und also auch diese Vorlesung. Dass ich ein wissenschaftliches Fach vertreten durfte, das bis an diesen Punkt führt, dafür bin ich zutiefst dankbar.
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Rainer Bucher ist Professor für Pastoraltheologie an der Universität Graz. Der Text dokumentiert den 2. Teil seiner Abschiedsvorlesung am 1. Juli 2022. Der I. Teil erschien am 11. Juli auf feinschwarz.

Photo: Renate Zmuck

Der Dank, den Rainer Bucher, zum Abschied aus Graz aussprach, findet sich hier.

 

1] Vgl. dazu: Rainer Bucher, Christentum im Kapitalismus, Würzburg 2019.
[2] Georg Büchner, Dantons Tod, II. Akt, 5. Szene.
[3] Bertolt Brecht, Legende von der Entstehung des Buches Taoteking auf dem Weg des Laotse in die Emigration, in: Ders., Die Gedichte in einem Band, Frankfurt/Main 1981, 660-663, 660.
[4] Für die Pastoraltheologie fordert und konzipiert dies: Christian Bauer, Konstellative Pastoraltheologie. Erkundungen zwischen Diskursarchiven und Praxisfeldern. Stuttgart 2017.
[5] Brief von Papst Franziskus an den Großkanzler der „PONTIFICIA UNIVERSIDAD CATÓLICA ARGENTINA“ vom 3. März. 2015.
[6] Maria Elisabeth Aigner, Hilflose Theolog*innen. Wegmarken zu einer diakonisch orientierten wissenschaftlichen Theologie, in: Diakonia 53(2022), 91-98, 95.
[7] Vgl.: Slavoj Žižek, Das fragile Absolute. Warum es sich lohnt, das christliche Erbe zu verteidigen, Berlin 2000; Ders., Die Puppe und der Zwerg. Das Christentum zwischen Perversion und Subversion, Frankfurt/M. 2003.

Photo: Renate Zmuck; Pianistin: Sr. Joanna Jimin Lee

Titelbild: Steve Johnson/unsplash.com (Ausschnitt)

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