„Zwei Saiten hast du in der Kehle“. Zum 85. Geburtstag von Reiner Kunze

Eine Hommage von Erich Garhammer.

Kunze hat Philosophie und Journalistik studiert. Er war wissenschaftlicher Assistent mit Lehrauftrag an der Fakultät für Journalistik an der Universität Leipzig. Kurz vor Promotionsabschluss gab er die Stelle auf: „Ich hatte begriffen, dass es nur darum geht, das Prinzip durchzusetzen, auch über den Menschen hinweg.“ Er hielt sich als Hilfsschlosser über Wasser und blieb auf dem Posten: „Bleibe auf deinem Posten und hilf durch deinen Zuruf; und wenn man dir die Kehle zudrückt, bleibe auf deinem Posten und hilf durch dein Schweigen.“ Dieses Seneca-Zitat hat Kunze als Motto seinem Gedichtband „zimmerlautstärke“ vorangestellt. Er hat in seinem Leben nie die Wahrheit ermäßigt zu einem bequemen Sich-Durchmogeln.

1968 trat er nach dem Einmarsch der Truppen des Warschauer Paktes in die Tschechoslowakei aus der SED aus. Am 20. November 1976 wurde er aus dem Schriftstellerverband der DDR ausgeschlossen. Und am 7. April 1977 stellte er den Antrag auf Entlassung aus der DDR-Staatsbürgerschaft, der am 10. April genehmigt wurde. Im selben Jahr bekam er den Georg-Trakl-Preis in Salzburg verliehen. In seinem Gedicht „In Salzburg, auf dem Mönchsberg stehend“ hält er fest: „Heimat haben und welt,/ und nie mehr der lüge/ den ring küssen müssen.“ (gedichte, 232f.)

Wahrheit bleibt für Kunze ein Lebensthema. Die Wahrheitsfrage ist in seiner Lyrik unhintergehbar, denn Gedicht und Lüge schließen einander aus, nicht weil der Dichter ein besonders ehrlicher Mensch ist, sondern weil Poesie und Kalkül einander widersprechen. Reiner Kunze hat seinem mährischen Dichterfreund Jan Skácel das Gedicht „Dichter sein“ gewidmet. Es formuliert seine Poetik eindrucksvoll: es geht ihm in seiner Poesie vor allem um das Staunen und um die Wahrheit:

DICHTER SEIN

Entlang dem staunen
siedelt das gedicht, da
gehn wir hin

Von niemandem gezwungen sein, im brot
anderes zu loben
als das brot

(gedichte, 206f.)

Eine nichtpossessive Sprache für Gott

Reiner Kunze sagt von sich selbst, ihm sei keine Gotteserfahrung zuteil geworden. „Ich achte den Glauben anderer, mir selbst aber ist Gotteserfahrung bis heute nicht zuteil geworden. Sollten Sie allerdings darin, daß ich für jedes Erwachen dankbar bin, auch wenn ich nicht weiß, wem, ein religiöses Empfinden erblicken, so habe ich dagegen nichts einzuwenden.“– so in einem Gespräch mit der Herder-Korrespondenz.

Sein Gewährsmann in diesen Fragen ist Albert Camus. Dieser hatte im Dominikanerkloster von Latour-Maubourg 1948 einen Vortrag gehalten, in dem er fast mit den gleichen Worten auf die Gottesfrage reagierte. Er fühle sich nicht im Besitz irgendeiner absoluten Wahrheit oder einer Botschaft, werde aber deshalb niemals vom Grundsatz ausgehen, die christliche Wahrheit sei eine Illusion, sondern nur von der Tatsache, dass er ihrer nicht teilhaftig zu werden vermocht. „Ich werde also nicht versuchen, mich vor Ihnen als Christ zu gebärden.“

Berührung mit der Religion gab es durchaus in der Kindheit Kunzes: „Mein Großvater, ein Steinkohlebergmann, der über vierzig Jahre unter Tag gearbeitet hat, war ein gläubiger Mensch, und ich habe ihn geliebt. Ich habe ihn nie in die Kirche gehen sehen, aber ich sehe ihn noch heute am Fenster sitzen und pfeiferauchend die Bibel lesen. Der Himmel war für ihn ein Geheimnis, das ihn überwältigte und dem er sich demütig zu nähern suchte.“ Ein Sonnenstrahl auf seinem Brot – er arbeitete als Bergmann unter Tag – konnte ihn mit Dankbarkeit erfüllen. Und als der Enkel einmal eine Kuh mit einem Stock schlug, sagte der Großvater nur: „Du musst mit ihr reden“, als spräche der heilige Franziskus aus ihm. Eines Tages aber habe ihm eine Frau ein Buch mit Höllendarstellungen gezeigt und er habe entsetzt ausgerufen, das könne es nicht geben. „Vielleicht verließen mich an diesem Tag mit dem Teufel auch die Engel.“

Poesie von sanfter Transzendenz

Dass seine Poesie durchaus von sanfter Transzendenz geprägt ist, zeigen seine Gedichte auf Schritt und Tritt. Poesie ist nämlich die gestaltete Leerstelle für eine Wirklichkeit jenseits aller sichtbaren Wirklichkeit. Für Kunze hat Poesie auch etwas mit Meditation zu tun: sie ist absolut absichtslos, lebt aus der Versenkung. So beginnt der Gedichtband „zimmerlautstärke“ mit einem Gedicht über das Meditieren.

MEDITIEREN

Was das sei, tochter?
Gegen morgen
noch am schreibtisch sitzen, am Hosenbein
einen nachtfalter der
schläft
Und keiner weiß vom anderen 

(gedichte, 101)

Wie die Meditation ist die Poesie absichtslos. Sie hat die Kraft, in einer nichtpossessiven Sprache über das Unverfügbare zu sprechen. Indem sie das tut, schenkt sie dem Lesenden neue Augen und macht ihn sehend. In seinem vorletzten Gedichtband „lindennacht“ bringt Kunze in einem kühnen Gedanken sein Leben doch mit Gott in Verbindung:

KÜHNER GEDANKE IN EHRFURCHT
VOR DEM GLAUBEN

Einer – an gott zu glauben war ihm nicht
gegeben – steht
vor gott,
und gott, gewichtend
tat und leben,
spricht:
Ich bin mit dir zufrieden

(lindennacht, 25)

Vielleicht wird gerade an diesem Gedicht deutlich, dass das Schreiben Kunzes Resonanzen auf Transzendentes aufweist. Allerdings verbirgt sich dahinter kein ausformulierter Glaube, sondern eher ein Staunen, ein Gefühl der Dankbarkeit und der Kongruenz von Glaube und Leben. Michel de Certeau hat einen solchen Glauben als „Glaubensschwachheit“ umschrieben. Das ist kein defizitärer Glaube, sondern eine starke Resonanz auf alles, was größer ist als ich selber. Kunzes Poesie ist eine Poesie mit offenem Himmel.

Welt verwandeln mit Poesie

Im jüngsten Gedichtband „die stunde mit dir selbst“ (Frankfurt 2018) umschreibt er sein Selbstverständnis so:

Wer bist du, dichter, daß du wähnst,
die welt sei geschaffen
als deiner stimme hallraum?
Zwei saiten hast du in der kehle,
weniger als eine geige

Hast du der welt
An welt hinzugetan?
Und was an welt?
Die antwort ist´s, die einst das urteil
Über deiner stimme nachhall fällt

(35)

Aufgabe des Dichters ist es, die Stimme zu erheben, die Welt mit Welt anzureichern, sie neu sehen zu lernen und sie durch Poesie zu verwandeln. Besser kann man das Anliegen der Poesie von Reiner Kunze nicht umschreiben.

_______

Literatur:
Reiner Kunze, gedichte, Frankfurt a. M. 2001.
Reiner Kunze, lindennacht. Gedichte, Frankfurt a.M. 2007.
Reiner Kunze, die stunde mit dir selbst. Gedichte, Frankfurt a. M. 2018
Zu Reiner Kunze:
Erich Garhammer, Erzähl mir Gott. Theologie und Literatur auf Augenhöhe, Würzburg 2018, 55-71.

Prof. em. Dr. Erich Garhammer war von 2000 bis 2017 Lehrstuhlinhaber für Pastoraltheologie an der Universität Würzburg, davor von 1991 bis 2000 in Paderborn.

Photo: Erich Garhammer

Von Erich Garhammer u.a. auf feinschwarz bisher erschienen:

„Das Alter: ein Massaker“. Zum Tod des Schriftstellers Philip Roth

Sehnsucht nach Stille. Thomas Hürlimann zum 65. Geburtstag

Print Friendly, PDF & Email