Religiöse Identität in der Ukraine – Spaltkeil oder Friedensinstrument?

Fast schon hat sich die Öffentlichkeit an die politisch instabile Lage in der Ukraine gewöhnt – die religiöse Situation vor Ort ist womöglich weniger präsent. Johannes Ludwig hat sich mit Land, Leuten, Politik und Religion bei einem Studienseminar in Kiew befasst. Ein Bericht über die Lage der Ukraine.

Nach Jahren des Krieges in der Ukraine ist kein Ende des Konflikts in Sicht. Neben politischen, sprachlichen und kulturellen Konfliktursachen hat sich der Krieg spätestens mit der Eigenständigkeit der Orthodoxen Kirche der Ukraine auch um eine religiöse Dimension erweitert. Die Kriegsparteien instrumentalisieren die tiefgreifende Spaltung der Orthodoxie und betreiben eine folgenreiche Identitätspolitik.

Armee, Sprache, Glaube

Gezielte Identitätspolitik

Die Annexion der Krim durch Russland und die auf den Euromaidan folgenden bewaffneten Auseinandersetzungen in der Ostukraine führten zu einer erheblichen Kriegspropaganda auf beiden Seiten. Der vom damaligen ukrainischen Präsidenten Poroschenko verwendete Wahlslogan „Armee, Sprache, Glaube“ versinnbildlicht die enge Verflechtung von Politik, Kultur und Religion und zeigt innerukrainische Trennlinien auf. Während des Krieges hat die Identitätspolitik ungekannte Ausmaße angenommen. Sowohl die russische als auch die ukrainische Regierung überspitzen bestehende Unterschiede zu unüberbrückbaren Gegensätzen und instrumentalisieren diese zur Verfestigung des jeweiligen Feindbildes. Während man in der Ukraine in Abgrenzung zur russischen Sprache und Kultur ein eigenes Nationalethos aufzubauen sucht, geriert sich die russische Regierung unter Wladimir Putin als Hüterin wahrhaft christlicher Werte und als Schutzmacht marginalisierter russischsprachiger Minderheiten im Ausland.

Politisierung der Orthodoxie

So ist es denn auch nicht verwunderlich, dass in der Folge des Konflikts Unabhängigkeitsbestrebungen der Ukrainisch-Orthodoxen Kirche aufflammten. Im Oktober 2018 vereinigten sich die Ukrainisch-Orthodoxe Kirche Kiewer Patriarchats und die Ukrainisch Autokephale Kirche zur Orthodoxen Kirche der Ukraine. Dieser wurde im Januar 2019 durch den Ökumenischen Patriarchen von Konstantinopel, Bartholomäus I., die Eigenständigkeit (Autokephalie) verliehen. Damit koexistieren in der Ukraine nun die Orthodoxe Kirche der Ukraine und die Ukrainisch-Orthodoxe Kirche Moskauer Patriarchats. Die Spaltung geht allerdings über die Orthodoxie in die Ukraine hinaus. Der russisch-orthodoxe Patriarch, Kyrill I., brach infolge der Autokephalie der Orthodoxen Kirche der Ukraine und der de-facto-Abspaltung vom Moskauer Patriarchat die Beziehungen zum Ökumenischen Patriarchen von Konstantinopel, der in der Orthodoxie als primus inter pares gilt, ab. Bislang wurde die Eigenständigkeit der Orthodoxen Kirche der Ukraine nur von dreien der insgesamt 15 orthodoxen Patriarchate und autokephalen Kirchen anerkannt. Damit ziehen sich innerukrainische Konfliktlinien in der Orthodoxie fort.

Verschärfung des Ukraine-Konflikts

Doch wie wirkt sich die religiöse Spaltung auf den Konflikt in der Ukraine aus? Infolge der Eigenständigkeit der Orthodoxen Kirche der Ukraine verliert Moskau zunächst an Einfluss in der Region. Allerdings spielt die religiöse Dimension des Konflikts der russischen Führung in die Hände. Einerseits fügt sie sich in das russische Narrativ, nach dem in der Ukraine nicht mehr nur politische, sprachliche und kulturelle Minderheiten, sondern auch religiöse Interessen zu schützen sind. Andererseits zementiert die religiöse Spaltung den Status quo in der Ostukraine. Bereits heute hat die innerukrainische, sogenannte Kontaktlinie zwischen der Westukraine und den nach Autonomie strebenden, ostukrainischen Oblasten Donezk und Lugansk im Donbass grenzähnlichen Charakter. Das ehemalige industrielle Zentrum der Ukraine liegt heute weitestgehend in der Hand von Separatisten; das Überqueren der Kontaktlinie ist nur an wenigen Übergängen möglich und mit hohem Sicherheitsrisiko und bürokratischem Aufwand verbunden.

religiöse Spaltung zementriert Status Quo in der Ostukraine

Während die innerukrainischen Wirtschafts- und Handelsbeziehungen zur Donbass-Region weitgehend zum Erliegen gekommen sind, hat sich Verflechtung des Donbass mit der russischen Wirtschaft deutlich intensiviert. Die russische Regierung profitiert demnach vom Status quo und spielt auf Zeit. Statt auf eine schnelle Lösung des Ukraine-Konflikts zu setzen, hofft Putin darauf, dass durch russische Propaganda angefachte innerukrainische Dynamiken zur Unumkehrbarkeit territorialer Realitäten führen werden. Die religiöse Spaltung ist insofern ein weiterer Mosaikstein in Russlands Großmachtbestrebungen.

Hybride Identitäten

Die Orthodoxie in der Ukraine gerät im Zuge des Konflikts zunehmend in den Sog der Identitätspolitik und droht, die politische und kulturelle Spaltung des Landes weiter voranzutreiben. Sowohl die ukrainische als auch die russische Strategie, politische Ziele durch die Polarisierung und Instrumentalisierung von Identitäten durchzusetzen, sind letztlich zum Scheitern verurteilt. Die Ukraine ist ein Land politischer, sprachlicher, kultureller und religiöser Vielfalt. Die Reduzierung auf Gegensätze wie Ost/West, Demokratie/Oligarchie, Russisch/Ukrainisch oder Moskauer Patriarchat/Kiewer Patriarchat werden der Komplexität der Realität nicht gerecht.

transformatives Potential der Gemeinden

Politische, kulturelle und religiöse Trennlinien verlaufen über Regionen und Individuen hinweg, sodass die ukrainische Identität als hybrid bezeichnet werden muss. Wenngleich die jüngst entstandenen innerorthodoxen Trennlinien bisweilen unüberbrückbar erscheinen, ist zu konstatieren, dass diese im Alltag der Gläubigen eine untergeordnete Rolle spielen und auf das ukrainische Gemeindeleben nur einen begrenzten Einfluss nehmen.

Infolgedessen liegt gerade in den Gemeinden ein transformatives Potential, das es zur Konfliktlösung zu nutzen gilt. Wenn die Zusammenarbeit über konfessionelle Grenzen hinweg fortgeführt wird und die ukrainische Orthodoxie damit zu einer im Sinne der christlichen Friedensbotschaft politischen Kirche wird, können kirchenpolitische Gegensätze überwunden werden. Die Instrumentalisierung und extern beeinflusste Dynamiken haben die Orthodoxie im Ukraine-Konflikt zunehmend zum Spaltkeil werden lassen. Zu einem Friedensinstrument kann sie nur dann werden, wenn die Gläubigen statt auf die politisierte Dimension der Religion auf die politische Dimension des Glaubens setzen.


Text: Johannes Ludwig, B.A., ist Student des Doppelmasterstudiengangs International Affairs (SciencesPo, Paris/LSE, London) und promoviert am Institut für Katholische Theologie der TU Dresden im Fach Systematische Theologie zum Thema „Die Geltung der Menschenrechte auf Grundlage der Theologie des Zweiten Vatikanischen Konzils. Eine systematisch-theologische Untersuchung unter Berücksichtigung der menschenrechtlichen Praxis des Hl. Stuhls.“

Bild: Gauthier Gibert, Sophienkathedrale, Kiew

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